Film: Grosser Träumer am kleinen Tisch

Nr. 9 –

War er jemals so gut wie hier? Als grossspuriger Tischtennisspieler gaunert sich Timothée Chalamet in «Marty Supreme» durch halb New York.

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Filmstill aus «Marty Supreme»: Tischtennis-Match mit Publikum
Herrlich überkandidelte Ballwechsel: Marty (Timothée Chalamet, links) denkt nicht mal daran, dass sein Traum von der Tischtenniskarriere scheitern könnte. Still: © 2025 Ascot Elite Entertainment

Sie waren als Duo immer die Spezialisten für ein hyperkinetisches Kino der Antihelden: die Brüder Benny und Josh Safdie. In «Good Time» (2017) manövrierte sich Robert Pattinson als völlig überforderter Kleingangster in eine Abwärtsspirale, in ihrem letzten gemeinsamen Film, «Uncut Gems» (2019), hetzte Adam Sandler in einer Paraderolle als wettsüchtiger Juwelenhändler durch die zwielichtigen Gegenden New Yorks. Jetzt gehen die Brüder getrennte Wege, ihren getriebenen Figuren aber sind sie treu geblieben – und witzigerweise erzählen die ersten Filme, die sie nicht zu zweit realisiert haben, beide von Sportlern.

Benny Safdie legte im vergangenen Jahr mit «The Smashing Machine» ein unkonventionelles, dabei alles andere als nervöses Biopic über einen Mixed-Martial-Arts-Kämpfer vor, mit Dwayne «The Rock» Johnson in der Rolle seines Lebens. Sein Bruder Josh erzählt nun in «Marty Supreme» von einem Tischtennisspieler, wobei er gefühlt dort weitermacht, wo «Uncut Gems» aufgehört hat. Der Film ist eine hochenergetische, stets unterhaltsame, manchmal zur Weissglut treibende Odyssee. Bei den Oscars geht er mit neun Nominierungen ins Rennen.

«Marty Supreme» setzt 1952 in einem jüdischen Schuhgeschäft in Lower Manhattan ein. Im Laden seines Onkels kümmert sich Marty Mauser (Timothée Chalamet) um eine Kundin, es geht um Schuhgrössen und vergessene Schuhe, wenig später können er und seine Jugendliebe Rachel (toll: Odessa A’zion) im Lager zwischen den Regalen nicht die Finger voneinander lassen. Alphavilles «Forever Young» dröhnt verheissungsvoll, während zur Titeleinblendung Spermien über die Leinwand schwimmen.

Schelm mit Charme

Dass Marty ein talentierter Verkäufer ist, zeigt bereits die kleine Exposition. Nur will der eigentlich gar keine Schuhe verkaufen, sondern sich und sein Können als Tischtennisspieler. Der Überlebenskünstler hat nichts weniger im Sinn, als der beste Spieler der Welt und das amerikanische Gesicht des Tischtennissports zu werden, der nicht nur in seinem Heimatland eher belächelt wird. Marty ist ein typischer Safdie-Protagonist: narzisstisch, gehetzt, auf den persönlichen und ökonomischen Traum aus und doch nie gänzlich unsympathisch. Inspiration holten sich der Regisseur und sein Ko-Autor Ronald Bronstein beim schillernden US-Tischtennisspieler Marty Reisman (1930–2012), wobei «Marty Supreme» nur lose auf dessen Leben basiert.

Mit Chalamet haben sie einen Star an Bord, der diesen Typen so schelmisch und gewitzt zwischen Ekel und Charmebolzen spielt, dass man sich wirklich fragen muss: War er jemals so gut wie hier, mit dünner Stahlbrille und schmalem Oberlippenbart? Auch das Marketing zum Film lebt stark von seinem Hauptdarsteller. Überall war zu lesen, dass Chalamet seine Tischtennisskills während der Dreharbeiten zu anderen Filmen geschult habe.

Darüber sorgte er in sozialen Medien für Aufmerksamkeit, indem er sein Method Acting zum Method Marketing verlängerte. Chalamet verschmolz so weit mit seiner Figur, dass er auch Promoauftritte in seiner Rolle absolvierte, wenn er etwa in orangefarbenen Overalls dahertänzelte, weil seine Figur im Film einen orangefarbenen Tischtennisball erfindet. Bei einer fingierten Telefonkonferenz mit Managern der Produktionsfirma A24 präsentierte der Schauspieler immer absurdere Werbeideen für «Marty Supreme»: So könne man Tischtennisbälle auf Passant:innen herabregnen lassen oder die Freiheitsstatue orange färben.

Über die Platte gezogen

Bis auf den seltsam konservativ-versöhnlichen Schlussakkord überzeugt der Film aber auch ohne solche PR-Stunts. «Marty Supreme» entwirft das flirrende Porträt einer Zeit, in der der Zweite Weltkrieg immer noch präsent ist, einer Zeit auch des grassierenden Antisemitismus. Der Sport wird mit herrlich überkandidelten Ballwechseln gefeiert, und das Drama ist bis in die Nebenrollen grandios besetzt: Gwyneth Paltrow ist dabei als Ex-Hollywoodstar und Industriellengattin, mit der Marty anbandelt, Fran Drescher als seine Mutter, die von seinen Karriereplänen als Sportler alles andere als begeistert ist, und Abel Ferrara als krimineller Hundebesitzer, den Marty zu betrügen versucht.

Fast durchgehend unterlegt von der Filmmusik von Daniel Lopatin, die das liebevoll gezeichnete 1960er-Jahre-Setting elektronisch konterkariert, mäandert «Marty Supreme» ziemlich unvorhersehbar auf den Höhepunkt zu. «Ich spiele echtes Tischtennis!», brüllt Marty, als er in London gegen Koto Endo (Koto Kawaguchi) verliert, der zu seinem Erzrivalen wird. Um das Geld für die Weltmeisterschaft in Tokio zusammenzubekommen, gaunert er sich durch halb New York, zieht mit einem Kumpel eine Horde Zocker beim Tischtennis über die Platte – ein Betrug mit ungeahnten Folgen. Oder er tritt in einer verrückten Sequenz in der Halbzeitshow der Harlem Globetrotters auf, in der er auf Miniplatten oder gegen ein Walross spielt.

Dass sein Traum scheitern kann, daran denkt Marty gar nicht. Das sagt er genau so im Film, und man glaubt es ihm aufs Wort, diesem dreisten, hyperselbstbewussten Typen, der seinen Ambitionen alles unterordnet. Oder fast alles.

«Marty Supreme». Regie: Josh Safdie. USA 2025. Jetzt im Kino.