Nr. 19/2010 vom 13.05.2010

Junge, Alte, Rapper, Rocker

In der Zürcher Bäckeranlage treffen sich Randständige, Lebenskünstlerinnen und andere Quartierbewohner täglich zum Tischtennis. Für ihre Pingpongecke legen sie sich auch mal mit der Polizei an.

Von Alice Kohli

Es ist Frühling in Zürich. Die Kugelgrills werden auf die Wiesen gekarrt, in den Restaurants bestellt man wieder Eistee. Und neben dem Vogelgezwitscher mischt sich ein weiterer Frühlingston in die Geräuschkulisse: das leise Trommeln von Zelluloidbällchen auf Betontischen. Denn mit dem Frühling ist auch die Pingpongsaison eingeläutet.

An diesem Samstag trommelt es in der Bäckeranlage von acht Tischen gleichzeitig, denn hier findet heute das Ping Open statt. Das Tischtennisturnier feiert Premiere – es ist der erstmalige Zusammenschluss mehrerer Hobbyvereine. Gastgeber ist der ortsansässige TT Ghettoclub. Seit zehn Uhr vormittags bauen die Ghettoclub-Zeremonienmeister Genaro, Marcel und Lobi Tische auf, schaffen Bierkästen her und versuchen, Kabelrollen für die Musikanlage aufzutreiben. Alles ohne Eile. Die drei machen den Anschein, als sei die Nacht zuvor lang gewesen.

Ein lustiger Haufen

Genaro, der Schriftsteller und Poet, der erzählt, wie er vor einigen Jahren von Calvados zu Bier wechselte; Marcel, dem zum Piratenlook einzig noch ein grüner Papagei auf der Schulter fehlt; Lobi, der komplett mit Baseballmütze und Sonnenbrille einem New Yorker Vorort entsprungen zu sein scheint – kein Filmdrehbuch würde die drei in einer gemeinsamen Szene auftreten lassen.

Aber der Ghettoclub ist auch nicht Hollywood – sondern «einfach ein lustiger Haufen», wie Genaro sagt, ein Verbund von Pingpongfans, der sich um keinen Szenendünkel schert. Und ein Klub, der gewissenhaft die Infrastruktur auf die Beine stellt. Die Teilnehmerlisten übernimmt heute ein anderer Verein, das Züri Open. Erika, Dominik und Andy haben sich zu diesem Zweck büromässig auf einer Festbank eingerichtet. Sie sind fast ausschliesslich damit beschäftigt, Pingpongschläger auf die Listen zu legen, damit diese nicht vom Wind weggeblasen werden.

Richtig – Wind. Wind ist nicht bekannt als der beste Freund eines Tischtennisspielers. Aus diesem Grund finden Profiturniere auch in Hallen statt. «Profis würden nie draussen spielen», muss Genaro eingestehen. Aber es stört ihn nicht weiter. Denn auch unter den Amateuren haben sich schon Talente gefunden. Und Genaro hat es sich zum Hobby gemacht, immer gegen die Besten zu spielen. «Wenn dich etwas gepackt hat, musst du einfach immer weitermachen.» Fast jeden Abend trainiert der Ghettoclub an den Betontischen; seine Spieler mischen in den oberen Rängen der inoffiziellen Hobbyliga mit.

Schwere Jungs in Aussersihl

Am frühen Nachmittag trudeln die anderen Teilnehmer auf dem Gelände ein. Jeder kann mitmachen, der sich zuvor online angemeldet hat – ein gewisses Niveau haben sich die meisten aber schon angeeignet, besonders wenn sie nicht in der ersten Runde vom Platz gefegt werden wollen. Sie haben via Newsletter vom Turnier gehört, von Freunden, am Quartierpingpongtisch. Oder von einem der rund zwanzig Organisatoren. Aus allen Stadtteilen sind sie heute in den «Chreis Cheib» gekommen. Für manche ein ungewohntes Terrain, denn die klassischen Züri-Open-Turniere fanden bislang an einer etablierteren Örtlichkeit statt: im Festsaal des Kaufleuten, wo an anderen Tagen nach Bürozeiten über Börsenkurse und Steuersätze diskutiert wird.

Der Ghettoclub hingegen organisiert seine Turniere jeweils hier – im Ghetto. Sicher, Ghetto ist ein etwas plakativer Begriff für den beschaulichen Park im Herzen von Aussersihl. Denn auch das Langstrassenquartier vermag seit einigen Jahren Bessergestellte anzuziehen. In den meisten Strassen hat sich der ehemalige soziale Brennpunkt in ein trendiges Quartier verwandelt, wo es sich angenehm wohnen und allenthalben auch anständig feiern lässt.

Das zeigt sich besonders in der Bäckeranlage. Dem ehemaligen kleinen Seitenstück zum Needlepark am Letten ist seine harte Vergangenheit kaum anzusehen. Rund um das Quartierzentrum tollen Kinder im Kies, auf der Wiese liegen junge Menschen. Je weiter sie von Sandkasten und Schaukelpferdchen entfernt sind, desto verkaterter fläzen sie im Gras. Ganz auf der gegenüberliegenden Seite, hinter einem kleinen Hügelchen, stehen schliesslich auch die zwei Pingpongtische des Ghettoclubs. Und um sie herum sitzen ein paar Leute mit schiefen Zähnen und speckigem Haar: die Randständigen. Neben alteingesessenen Quartierbewohnerinnen und ehemaligen Quartierbewohnern, die immer wieder in ihre angestammten Gefilde zurückkehren, um die schwarz-roten Schläger zu schwingen: Junge, Alte, Rapper, Rocker.

Pingpong ist ein niederschwelliger Sport. Und einer, der Menschen offenbar vereinen kann. Einzig Frauen gibt es nicht so viele. «Am Anfang waren noch mehr da, aber vermutlich hat sie der rüde Umgangston der Spieler abgeschreckt», schätzt Klubpräsidentin Nadia. Obwohl – wenn sie jemand als Präsidentin betitelt, muss Nadia lachen. «Wir sind ja auch kein richtiger Verein», stellt sie klar. Entstanden ist der TT Ghettoclub vor rund sechs Jahren unter dem Namen Pingpongverein Bäckeranlage. Unfreiwillig sogar, aus der Not heraus.

Damals entfernte die Stadt die zwei Betontische, um für das einjährige Provisorium des Restaurants «B» Platz zu schaffen, während gegenüber ein modernes Gemeinschaftszentrum erstellt wurde. Ein herber Verlust. Mobile Tische mussten her. Doch um einen solchen Anspruch erheben zu können, müsse man sich als Verein ausweisen können, hiess es vonseiten des Gemeinschaftszentrums. So entstand der Pingpongverein Bäckeranlage.

Die Lokalmatadoren

Lobi nannte sein erstes Turnier den «Tischtennis Ghetto-Cup» – oder TT Ghetto-Cup. Inspiriert haben ihn zum Namen die Alkis, die Kiffer, die Ex-Knackis von der Bäckeranlage. «Es ist ja schon ein bisschen Ghetto hier.» Der Name etablierte sich und so wurde er zum Vereinsnamen umfunktioniert.

Die Quartierturniere brachten die ersten Lokalmatadoren des Pingpongs hervor. Michi, der für seinen Anschlag gefürchtet ist. Pascal, der stärkste Defensivspieler des Vereins. Dejan, der seine Gegner immer wieder mit seiner starken Rückhand überrascht. Und nicht zu vergessen: Thomas, der in Hongkong Schläger für rund zwanzig Franken das Stück bestellt. «Er ist der Schlägerausrüster der Bäckeranlage», sagt Lobi.

Heute messen sich die Mitglieder des TT Ghettoclubs mit ganz Zürich: 96 SpielerInnen haben sich zum Ping Open angemeldet, die Listen sind voll. Schade für die Spaziergänger, die sich gerne noch eingeklinkt hätten, um den Plastikball um die Wette hüpfen zu lassen. Leute abwimmeln, vom Wind weggewehte Teilnehmerlisten aufsammeln – das OK-Team kämpft an vielen Fronten.

Irgendwann wirft Dominik – als einziger der Organisatoren im roten Organisator-T-Shirt erschienen – den Bettel hin und ergreift stattdessen das Mikrofon: «Wir sind so sehr im Verzug, den Zeitplan können wir ohnehin nicht mehr einhalten. Spielt einfach die Gruppenspiele durch.» Das Stakkato der kleinen Bällchen schwillt wieder an. «Wo ist Nummer 91?» – «Wer heisst hier Ernst?» – «Ist das der Spielplan?» – Irgendwie organisiert sich das Turnier von allein, die Spieler finden ihre Gegner und spielen über zwei Gewinnsätze jeweils den Sieger aus. Währenddessen haben sich auch Schaulustige angesammelt. AusflüglerInnen parkieren ihre Kinderwagen nebenan. Drei Polizisten im Frühlingstenü schlendern in einem weiten Bogen um die Tische.

Kastenwagen vor dem Klohäuschen

Die fehlende Bewilligung für das Turnier ist den Polizisten heute aber egal. Dass die Teilnahme eine Zehnernote kostet, dass Bier und Würste verkauft werden, dass eine Musikanlage den Quartierpark beschallt – macht nichts. Die Stadtpolizei verfolgt auf der Bäckeranlage gerade eine andere Mission: eine Alkoholikerszene zu verhindern.

Seit vor wenigen Wochen ein Alkoholikertreff beim nahe gelegenen Kasernenareal aufgelöst wurde, vermutet die Polizei, dass sich die Szene hierher verlagern könnte. Und markiert deshalb Präsenz. «Die Bäckeranlage wird zwar zweimal am Tag von zivilen Drogenfahndern kontrolliert», sagt Marco Cortesi von der Stadtpolizei Zürich. «Aber es braucht mindestens einen mobilen Polizeiposten, um die Leute abzuschrecken, die auf dem Kasernenareal nicht mehr toleriert werden.»

Deshalb stehen täglich zwei weisse Kastenwagen mit leuchtend orangen Streifen neben den Pingpongtischen. «Die wissen überhaupt nicht, wie das Spiel funktioniert», regt sich Genaro auf. «Sie parkieren so nah, dass man nicht mal richtig zu einem Smash ausholen kann.»

Heute stehen die zwei Kastenwagen aber brav hinter dem Gebüsch und verstellen höchstens den Eingang zum Klohäuschen. Lobi und Genaro hatten die Beamten am Vortag darum gebeten. Und deshalb haben sie auch so früh angefangen, die Tische aufzustellen: Sie wollten sicher sein, dass ihnen die Kastenwagen nicht zuvorkommen.

Die Bällchen trommeln weiter auf Beton und Kunststoff, bis die Sonne in tiefem Abendrot hinter den Hausdächern versinkt. Die Verkaterten ziehen sich in wärmere Gemächer zurück, die Eltern sammeln ihre Kinder vom Spielplatz ein und transportieren sie zum Znacht nach Hause.

Und wer hat das Turnier gewonnen? Niemand. Als es zu dunkel zum Spielen wird, finden gerade die letzten Viertelfinals statt. Werden die übrigen Spiele noch nachgeholt, der Sieger erkoren? Lobi winkt ab. Es gibt heute sieben Sieger. Dominik wird also gleich sieben neue Schläger bestellen müssen: die Siegertrophäen.

In der Dämmerung werden die Tische aufgeräumt, die Fussmatten zusammengerollt, die Getränkedosen aufgehoben. Die Bäckeranlage ist blitzblank. Irgendwann im Juni soll das nächste Turnier auf der Bäckeranlage stattfinden.

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