Nr. 18/2008 vom 01.05.2008

Wo bleibt die Debatte?

Noch immer leisten Frauen mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Und künftig wird noch mehr unbezahlte Arbeit zu erbringen sein. Rück- und Ausblick einer Feministin.

Von Mascha Madörin

Ich arbeite seit bald vier Jahrzehnten als Wirtschaftswissenschafterin und zähle mich fast ebenso lange zu den linken Feministinnen. Als ich mich vor einem Vierteljahrhundert erstmals mit dem Zeitaufwand für bezahlte und unbezahlte Arbeit befasste, realisierte ich, dass meine Vorstellungen ziemlich genau den Arbeitsverhältnissen der Männer entsprachen: Danach verteilte sich die gesamte Arbeitszeit auf ein Drittel unbezahlte und zwei Drittel bezahlte Arbeit. Dies ist zwar bis heute so - für Männer, nicht aber für Frauen. Bei ihnen ist es umgekehrt: Sie arbeiten weit häufiger unbezahlt. Weshalb, so begann ich mich zu fragen, kam ich bloss auf diese im wahrsten Sinn des Wortes ver-rückte Vorstellung über die Arbeit in der Gesellschaft? Ich hatte doch als Kind, als junge Frau täglich etwas anderes sehen können und war als Mutter eines Kindes im Primarschulalter mit ganz andern Grössenverhältnissen der bezahlten und unbezahlten Arbeit konfrontiert, als wie ich sie mir als Ökonomin dachte. Das war für mich der Anfang, mich intensiv mit der Geschlechtergeschichte des politökonomischen - auch des linken - Denkens zu befassen.

Ebenfalls in den achtziger Jahren schrieb ich anlässlich einer 1.-Mai-Ausgabe der «Poch-Zeitung» einen Text zur unbezahlten Arbeit der Frauen. Eine Genossin erkundigte sich erbost, was unbezahlte Arbeit mit dem 1. Mai zu tun habe. Ich habe die Frage damals ziemlich blöd gefunden und nicht beantwortet. Auch heute hätte ich nur eine widersprüchliche Antwort bereit: Wenn ich mir die Debatte innerhalb der Organisationen ansehe, die den 1. Mai feiern, muss ich zugeben, dass unbezahlte Arbeit wirklich fast gar nichts mit dem Tag der Arbeit zu tun hat. Als Ökonomin ist für mich jedoch klar: Es hat - hätte! - sehr viel miteinander zu tun.

So weit meine eigenartig schizophrene Situation, die für mich als Linke, Feministin und Ökonomin seit gut einem Vierteljahrhundert andauert und für mich bis heute nicht weniger irritierend, nur anders geworden ist, und die Debatte darüber wirkt inzwischen ziemlich abgedroschen - ein permanentes Unvereinbarkeitsgefühl. Vor allem linke Theoretiker gähnen, wenn sie davon hören, und geben sich zufrieden, das Elend der Welt in den fast gleichen Kategorien zu analysieren wie damals, als wir noch in Grüppchen «Das Kapital» und Ernest Mandel lasen und uns mit der ersten Ölkrise und der sich scheinbar anbahnenden neuen Weltordnung befassten, es keine Statistiken zur unbezahlten Arbeit gab und der Begriff Beziehungsarbeit noch nicht erfunden war.

Warten auf die Krise

Aber ich habe aufgrund meiner und anderer ökonomischer Analysen etliche Gründe anzunehmen, dass die gegenwärtige (kapitalistische) Entwicklung auf eine grosse Krise der bezahlten und unbezahlten Care-Ökonomie (vgl. Kasten) zusteuert, auf eine Krise, die uns auf neue Art und Weise mit alten Fragestellungen der feministischen Ökonomie konfrontiert. Es betrifft den Tätigkeitsbereich der Frauen par excellence: die bezahlten und unbezahlten persönlichen Dienstleistungen, den damit verbundenen Lebensstandard und neue Formen der Entfremdung und der standardisierten Steuerung des Arbeitens, des Alltagslebens und der Verelendung. Ich kann mich auf die Tendenzen kapitalistischer Entwicklung verlassen: Sie werden für die Wiederkehr vergangener feministischer Ökonomiedebatten sorgen.

Trotzdem finde ich die Situation ziemlich beunruhigend, weil diese Debatte trotz rasanter Entwicklungen nur sehr langsam anläuft. Ich bin immer davon ausgegangen, kritische Analysen seien auch dazu da, neue Entwicklungen besser zu verstehen und Denkhilfen zu leisten, damit wir politisch handlungsfähiger werden. Aber dann müssten die entsprechenden Analysen auch rechtzeitig gemacht und öffentlich diskutiert werden.

Politisch grosse Sorgen bereitet mir gegenwärtig die feminismusfreie öffentliche Debatte über einen wichtigen Aspekt der Care-Ökonomie, nämlich die Kranken- und insbesondere die Pflegeversicherungen sowie die Kosten des Gesundheitswesens. Diskussionen werden so geführt, als ob es feministische Fragestellungen nie gegeben hätte. Ebenso vergrault mich die Plattheit der öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Gesellschaftskritische Fragen werden kaum gestellt. Man geht einzig von der zwar richtigen Annahme aus, dass die Frauen wegen der unbezahlten Arbeit auf dem Erwerbsarbeitsmarkt und gegenüber den Männern ewig finanziell benachteiligt sein werden, wenn nicht schnellstens Kinderkrippen und -tagesstätten gebaut werden. Das haben wir schon vor vierzig Jahren begriffen. Aber ist diese Vereinbarkeitsfrage wirklich das Einzige, worüber wir nachdenken sollten, wenn das Verhältnis zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit zum Thema wird? Mehr und besser bezahlte Erwerbsarbeit, weniger Diskriminierung und echte Karrierechancen in den Banken, in der Pharma-, Nano-, Informatikindustrie, in der katholischen Kirche, im Fussball und in Kulturbetrieben und weniger Streit bei Paaren, wenn es ums Putzen und Kinderhüten geht? Hier überkommt mich jeweils das Gähnen. Wir wollten doch einmal über mehr nachdenken und politisieren: über andere Arbeitsverhältnisse sowohl im Betrieb als auch zu Hause. Im Übrigen bin ich aus Altersgründen von dieser Vereinbarkeitsfrage nicht mehr selbst betroffen.

Kürzlich hat mir ein Artikel in der Zeitschrift «Emma» das Gähnen vertrieben. Er hat mich wieder neugierig gemacht auf diese heute für junge Frauen unbestreitbar wichtige Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Es ging um eine geschlechterspezifische Analyse der Wahlen von Hessen und der überraschenden erfolgreichen Wahl der SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti. In der Altersgruppe der unter dreissigjährigen Wählerinnen verlor die CDU 25 Prozent der Wählerinnen, und die SPD gewann 23 Prozent dazu. Gesamthaft im Vergleich zu den letzten Wahlen legte die SPD aber nur 7 Prozentpunkte zu. «Emma» formuliert es so: «Die 49-jährige Ypsilanti war - unabhängig von ihrem Programm - selber Programm.» Ypsilanti teilt mit ihrem Partner die unbezahlte Arbeit und lebt in einer «Zweifamilien-Wohngemeinschaft, in der vier Berufstätige drei Kinder erziehen». Vielleicht lassen sich junge Frauen doch von mehr inspirieren - von anderen Lebens- und Arbeitsentwürfen - als von den konventionellen Gleichstellungsprogrammen allein. Jede zweite Jungwählerin zwischen 18 und 29 Jahren wählte Ypsilanti respektive SPD. Vor vier Jahren war dies anders, als ein Mann für die SPD kandidierte. Hingegen gab nur jeder dritte Jungwähler Ypsilanti die Stimme. Fast doppelt so viele Männer als Frauen stimmten für die Linke.

Netze und Nischen

In der Gruppe der 45- bis 59-Jährigen haben die Frauen und Männer in Hessen fast gleich gewählt. Es ist diese Altersgruppe, die sich im Prominenzalter befindet, politische, wissenschaftliche und mediale Definitionsmacht hat und ehrlich meint, Feminismus sei passé, weil sie dessen Abtauchen in den 1990er Jahre miterlebt hat, aber nicht mehr die neueren, aktuellen Entwicklungen wahrnimmt. Sie täuschen sich. Darauf würde ich ziemlich viel wetten: Die kommende respektive bereits vorhandene Krise wird uns zu erneuten Debatten alter feministischer Fragen zwingen.

Ich habe den Eindruck, dass gegenwärtig nicht nur die Care-Krise im Anzug ist, sondern auch eine neue feministische, internationale Debatte zur unbezahlten Arbeit und zur bezahlten und unbezahlten Care-Arbeit im Besonderen. Bereits existiert eine vernetzte Diskussion, in kleinen Nischen zwar, aber es gibt sie, und sie wird grösser.

Seit ein paar Jahren häufen sich die Publikationen zur bezahlten und unbezahlten Arbeit: Führend dabei sind ForscherInnen aus den USA, Australien, Britannien und Südafrika. Für die Vernetzung und die Forschung spielen Uno-Institutionen wie Unifem eine zentrale Rolle. Und gegenwärtig gibt es beim Uno-Forschungsinstitut für soziale Entwicklung (Unrisd) erstmals ein dreijähriges Projekt zur Care-Ökonomie, in dem je zwei Länder aus Asien, Afrika und Lateinamerika, die Schweiz und Japan miteinander verglichen werden und an dem ich mitarbeite.

So erfreulich und faszinierend für mich diese neue Situation ist, so beunruhigt mich trotzdem die marginale Bedeutung feministischer Ökonomiedebatten in der aktuellen politischen Diskussion. Falls sie in linken Zusammenhängen stattfindet, werden deren Inhalte meistens so abgebogen, dass sie wieder ins alte Denkschema passen und das Neue an den Fragestellungen postwendend wieder abhanden kommt.

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