Nr. 22/2009 vom 28.05.2009

Bomben auf Rotterdam

Gasgeräusche aus den Fanblocks, Hooligans mit Davidstern und die Angst vor der Signalwirkung: In der niederländischen Ehrendivision dienen Klischees von JüdInnen als Projektionsfläche für den Hass.

Von Tobias Müller, Amsterdam

«Jodenbestuur!» schallt es drohend aus Dutzenden Kehlen in die Nacht - «Judenvorstand!» Gegenstände fliegen in Richtung des Klubhauses von Feyenoord Rotterdam. Die Menge schüttelt die Fäuste, spuckt eine weitere Salve auf die vermeintlichen Juden, die sich drinnen vor den eigenen Fans verschanzen. Noch ein Schwung Flaschen und Bierdosen, dann prescht die Einsatzpolizei auf Pferden vor. Solche Szenen sind kein Einzelfall, sondern gehören zur finsteren Folklore rund um das Stadion De Kuip, wenn Feyenoord Rotterdam mal wieder ein Heimspiel verloren hat.

Nicht, dass in der Klubleitung tatsächlich Juden oder Jüdinnen sässen. Ebenso wenig ist irgendeine Affinität des Schiedsrichters zum Judentum bekannt, dem die Kurve zuvor mehrmals ein «Judenfreund» entgegenschleuderte. Doch «Jude» ist nun einmal die schlimmste Beleidigung, die einem einfällt, wenn man ein echtes Mitglied der «Legioen» ist, wie sich die Feyenoord-anhängerInnen nennen. Und es ist das Letzte, was bleibt, wenn sonst alles zerfällt, so wie in dieser just zu Ende gegangenen Saison, in der der Traditionsklub gefährlich lange in der Nähe der Abstiegszone festhing. Die alten Zeiten beschwört man dann, die vergangenen Erfolge, und die Feindschaft mit den «Juden» - dem verhassten Erzrivalen Ajax Amsterdam. Auch wenn dieser gar nicht auf dem Feld steht.

«Adolf, hier laufen noch elf»

Geht es tatsächlich gegen den früheren Serienmeister aus der Hauptstadt, entlädt sich in so manchen Fanblöcken ein wahres Horrorkabinett von Holocaustreferenzen: Zischgeräusche, die Gasduschen imitieren sollen. Hitlergrüsse. Gesänge wie «Wir gehen auf Judenjagd» oder «Adolf, hier laufen noch elf. Wenn du sie nicht vergast, tun wir es selbst.» Vor allem in den letzten Jahren brachte es auch ein Chor zu einiger Berühmtheit, der zumindest verbal einen Schulterschluss propagiert, über dessen Aussage sich andernorts linke Szenen auf ewig zerstritten haben: «Hamas, Hamas, Juden ins Gas!» Doch es wäre ungerecht, nur den AnhängerInnen von Feyenoord zu unterstellen, sich so zu produzieren. Ähnliche Traditionen halten sich beim FC Utrecht und bei ADO Den Haag genauso seit Jahrzehnten. Gerade Utrechter Fans wurden dafür vor Auswärtsspielen in Amsterdam schon mehrmals aus der Stadt verwiesen. Und die Zischgeräusche finden sich auch bei diversen anderen Klubs.

Während das Israel-Informations- und -Dokumentationszentrum CIDI oder die Anne-Frank-Stiftung solche Entgleisungen als antisemitische Äusserungen protokollieren, wiegeln die Fans meist ab. Im Anhang von Feyenoord stösst man immer wieder auf Ausflüchte, man habe nichts gegen Juden, nur eben gegen den Klub, dessen Fans sich selbst so bezeichneten. Unlängst enthüllte Ronald Buijt, Stadtrat der rechten Protestpartei Leefbaar Rotterdam (Lebenswertes Rotterdam), er habe seine Jugend in der Feyenoordszene verbracht und dabei auch die Juden ins Gas geschrien. «Du bist jung und fanatisch und rufst diese Dinge, ohne nachzudenken», sagte er. Den Vergleich mit fundamentalistischen Muslimen wies er weit von sich. «Das ist etwas ganz anderes. Sie meinen es ernst, aus einem tiefen Hass auf Israel heraus. Bei uns hatte es dagegen nichts mit dem jüdischen Volk zu tun. Ajaxfans waren ‹Scheissjuden›, genau wie wir ‹Scheissbauern› waren.» Als «Bauern» gilt den Hauptstädtern der gesamte Rest des Landes, und so singen Ajaxfans denn auch davon, auf Bauernjagd zu gehen. Oder dass die Gegner «kein Mensch, kein Tier, sondern Scheiss-Den-Haager» seien. Diese Beschimpfungen dienen traditionell als Rechtfertigung für die antisemitischen Eskapaden. Bauern gegen Juden, heisst es in selbstverständlicher Naivität, das seien nur Namen, semantische Stellvertreter, nichts als Rhetorik und Fanfolklore, die umso tiefer wurzelt, je grösser die Städte sind. «Wer nicht hüpft, der ist (k)ein Jude», heisst es dann, je nach Perspektive. Wie versicherte Ronald Buijt treuherzig? «Meine Freunde und ich standen geschlossen hinter Israel.»

Ajax Amsterdam und Feyenoord Rotterdam, das ist nicht nur auf dem Spielfeld die Antithese schlechthin. Dahinter steckt auch die im Fussball verbreitete Rivalität zwischen den Metropolen eines Landes. In Lissabon und Porto pflegt man beispielsweise einen ähnlich aufgeladenen Konflikt. Die überhebliche, verschwenderische Hauptstadt gegen die schwitzende und chrampfende Arbeiterklasse. Sonntagsreden gegen Ärmelaufkrempeln. Diese Klischees und der Hass, den sie schüren, werden sorgfältig gepflegt wie ein Vorgarten an der Gracht. Beleidigende Chöre, so heisst es auf beiden Seiten, gehören nun einmal zum Männersport Fussball. Und besingen die selbst ernannten «Juden» nicht selbst die deutsche Bombardierung Rotterdams im Mai 1940 mit Texten wie diesem: «Wenn der Frühling kommt, dann werfen wir Bomben auf Rotterdam»?

Henne oder Ei?

In der Tat eine groteske Konstellation, wenn dieselben Fans israelische Flaggen schwenken, sich als «Superjuden» feiern und in ihren Graffiti in der Hauptstadt den Schriftzug AFC Ajax mit einem obligatorischen Davidstern versehen. Die Frequenz, mit der das geschieht, steigt proportional zu ihrer Radikalität. Gerade die hooliganlastigen Fangruppierungen F-Side und der Block 410 machen immer wieder von sich reden. Wer versucht, der Sache auf den Grund zu gehen, landet schnell bei der Frage nach Henne oder Ei. In Ajaxkreisen wird behauptet, die als Beleidigung gemeinten «Juden»-Rufe seien in den gegnerischen Blocks entstanden. Ähnlich der Aneignung des rassistischen Schimpfworts «Nigger» durch AfroamerikanerInnen seien diese später als Kampfname und Selbstbezeichnung adaptiert worden. Ausserhalb Amsterdams hält man es eher mit der Version, Ajaxanhänger hätten sich in erster Linie selber als Juden bezeichnet - und müssten sich daher über Beschimpfungen nicht wundern.

Unklar ist auch, wann diese Rhetorik aufkam. Schon Berichte aus den dreissiger Jahren sprechen in Anlehnung an physiognomische Klischees von Ajax als «Nasen». Der Bezug auf JüdInnen stieg allerdings ab den siebziger Jahren sprunghaft an, als die Hooligankultur aus England herüberschwappte. Dabei war die jüdische Identität des Klubs immer nur ein Konstrukt (vgl. Text «Die Legende vom Judenklub» weiter unten). Die Legende basiert auf der simplen Tatsache, dass sich vor allem ab dem 17. Jahrhundert viele JüdInnen im toleranten Amsterdam niederliessen. Die offizielle Geschichtsschreibung fasst zusammen: «Als echter Amsterdamer Klub hat Ajax natürlich historische Bande mit der jüdischen Gemeinschaft. Wie viele andere Klubs kennen und kannten wir jüdische Spieler, Funktionäre, Helfer und Zuschauer.» Mit «Stolz» bekennt man sich zu dieser Tradition, macht aber wohlweislich keinen Unterschied zu Aficionados aus anderen Gemeinschaften, auf die man ebenso stolz sei.

Aus dem Stadion in den Alltag

Dass der Vorstand seit einigen Jahren sogar versucht, den Philosemitismus der eigenen Fans einzudämmen, sorgt regelmässig für Diskussionen. Die Klubleitung will weg vom Widerspruch, dass JüdInnen die Spiele des vermeintlichen Judenklubs wegen antisemitischer Sprechchöre nicht besuchen könnten. Diese würden durch die Ajaxfans provoziert, da «Juden» eben andere Assoziationen als «Bauern» weckten - «zumal in einer Gesellschaft mit den heutigen Spannungen», sagt der aktuelle Präsident von Ajax, Uri Coronel, selbst Jude. Coronel stört sich noch immer an antisemitischen Gesängen. An die eigenen Fans hat er sich allerdings inzwischen gewöhnt. Für Coronel ist das Problem vor allem eines der Symbolik. Im philosemitischen Gehabe der Ajaxfans kann er keine wirkliche Unterstützung der JüdInnen erkennen. Ebenso akzeptiert er aber die Beteuerung von Feyenoordfans, keine Judenfeinde zu sein. «Sie haben nur einen krankhaften, abnormalen Hass auf Ajax und Amsterdam», lautet seine Diagnose.

Eines jedoch räumt Coronel ein: Die gesellschaftliche Resonanz des Stadionantisemitismus wächst. «Immer öfter», so Ronny Naftaniël, Direktor des CIDI, «werden verletzende Parolen auch in der Alltagssprache verwendet.» Gerade auf den zahlreichen antiisraelischen Demonstrationen zu Jahresbeginn waren regelmässig Parolen aus den Fanblocks zu hören, allen voran die bereits erwähnte «Hamas, Hamas, Juden ins Gas». Nicht zuletzt diese Konstellation war es, die das Problem verstärkt in den Blickpunkt rückte. Der niederländische Fussballverband KNVB bemüht sich inzwischen um ein härteres Durchgreifen und ordnete nach dem Ajax-Auswärtsmatch beim FC Utrecht Anfang März, wo ebenfalls der Hamas-Ruf ertönte, eine Untersuchung an.

Elise Friedmann, Leiterin der CIDI-Abteilung über Antisemitismusforschung, forderte unterdessen nicht nur die Strafverfolgung der Schreihälse. In einem offenen Brief rief sie auch den Amsterdamer Anhang auf, von seiner projüdischen Symbolik Abstand zu nehmen. Diese, nuancierte Friedmann zwar, dürften keine Rechtfertigung für Antisemitismus sein. «Aber wenn Ajaxfans unter einer Israelfahne die Gegner als Kakerlaken beschimpfen, ist das etwas anderes.» Nur wenige Wochen zuvor war der Match zwischen Ajax und Feyenoord von Ausfällen und Gewalt überschattet worden. Die Vorstände beider Klubs kamen daher mit dem KNVB und den Bürgermeistern beider Städte überein, zu dieser Begegnung fünf Jahre lang keine Auswärtsfans zuzulassen. Eine drastische Massnahme, die von den Rotterdamer Fans entsprechend quittiert wurde. Sie zogen durch die Innenstadt und beschimpften ihren Bürgermeister Aboutaleb, einen praktizierenden Muslim, als «dreckigen Juden».

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