Nr. 36/2009 vom 03.09.2009

«Vielleicht tue ich nur so»

Torhüter Jörg Stiel gilt in St. Gallen bis heute als Kultfigur. Im Gespräch mit der WOZ outet sich der 41-Jährige als typischer Fussballer, Prolet und Mensch, der gerne redet.

Von Etrit Hasler

WOZ: Jörg Stiel, Sie haben sich im Vorfeld dieses Interviews zu unserer Überraschung als ehemaliger WOZ-Leser geoutet ...

Jörg Stiel: Ich bin ja der Prolet in meiner Familie. Meine Brüder haben im Unterschied zu mir beide die Matura gemacht und versuchten immer wieder, mir da etwas mitzugeben. Mein ältester Bruder hat mir vor Urzeiten einmal ein WOZ-Abo auf den Geburtstag geschenkt. Das war sehr viel sinnvoller als die Ausgabe von Goethes «Faust», die ich vom jüngeren Bruder bekommen habe – die musste ich nach den ersten paar Seiten wieder weglegen.

Aber Sie sind kein Linker?

Ich bin kein politischer Mensch. Ich schätzte die WOZ als Zeitung, die aus einer ganz anderen Richtung kommt. Als Menschen nehmen wir häufig Meinungen einfach auf, die wir irgendwo gehört haben, weil wir gar nicht genug Zeit haben, alles auf seine Richtigkeit zu überprüfen. Da bin ich froh darum, dass es Medien gibt, welche die Dinge anders angehen als der Mainstream.

Sie moderieren inzwischen eine Talksendung im Schweizer Sportfernsehen – das ist selten; die meisten Fussballer sind eher überfordert im Umgang mit den Medien ...

Das ist doch ein Klischee: die blöden Fussballer, die keinen Satz herauskriegen. Wissen Sie, das ist keine tolle Situation, wenn du gerade vierzehn Kilometer im Spurt gerannt bist, und dann kommt da einer und hält dir ein Mikrofon unter die Nase – das ist nicht gerade ein faires Kräfteverhältnis. Ich habe mir immer schon auf dem Spielfeld überlegt, was die Frage sein wird, die mir gestellt wird, und konnte mich so vorbereiten.

Gleich noch ein Klischee: Sie hatten dafür als Torhüter auch Zeit ...

Da ist etwas dran, ja. Und es stimmt natürlich auch, dass die Ansprüche an Fussballer nicht sehr hoch sind. Wer zwei, drei Sätze gerade aneinander reihen kann, gilt schon als mediengewandt.

Also stimmt das Klischee doch? Sind Fussballer meist langweilige Menschen, die Fussball spielen, Fussball schauen und auf grosse Autos, schöne Frauen und Playstation stehen?

Ist das so?

So waren die meisten Fussballer, denen ich begegnet bin ...

Vielleicht treffen Sie immer die falschen Fussballer.

Nun, Sie sind anders.

Vielleicht tue ich nur so.

Also sind Ihre Hobbys Fussball schauen, grosse Autos, schöne Frauen und Playstation?

Ich spiele nicht Playstation (lacht). Ich fahre tatsächlich ein grosses, viel Benzin schluckendes Auto, das hat mit meinem Sicherheitsgefühl zu tun. Ich hatte einen ziemlich schlimmen Autounfall, seither bekommt man mich nicht mehr in ein kleines Auto. Und schöne Frauen gefallen mir auch. Und wenn wir das Interview hier beenden würden, dann hätten wir damit das Klischee bestätigt. Der Journalist, der sich die Zeit nimmt, sich mit einem Sportler wirklich eine Stunde hinzusetzen, der erhält etwas anderes als Klischees – nicht immer, denn es gibt tatsächlich langweilige Menschen. Im Fussball und anderswo.

Machen Sie etwas grundsätzlich anders, wenn Sie in Ihrer Sendung im Schweizer Sportfernsehen mit Sportlern sprechen?

Ich bin noch in einer Entwicklungszeit. Fernsehen ist super anstrengend. Ich habe die Regie im Ohr, die mir Anweisungen gibt, ich muss mit meiner Moderationspartnerin harmonieren, und gleichzeitig versuche ich noch, mit den Gästen ein anständiges Gespräch zu führen. Und dann gibt es noch einen Zeitplan, den ich einhalten muss. Einfach ist das nicht.

Waren Sie nervös vor der ersten Sendung?

Ich war fix und fertig. Aber das gibt sich mit jeder Sendung ein bisschen mehr. Und ich schätze das Format – wir nehmen uns die Zeit, wirklich 45 Minuten mit unseren Gästen zu reden. Da kommt dann eben auch mehr dabei heraus, und die Gäste fühlen sich wohler.

Sie arbeiten derzeit wieder in der deutschen Bundesliga – als Spanischübersetzer für Borussia Mönchengladbach –, leben im Kanton St.  Gallen und kommen ursprünglich aus dem Aargau. Wo fühlen Sie sich eigentlich zu Hause?

Ich bin in Baden zur Welt gekommen und habe da die Schule gemacht, aber meine Eltern kommen aus dem Ruhrgebiet, und ich habe als Kind viel Zeit in Duisburg verbracht.

Und St.  Gallen?

St. Gallen ist schon meine Heimat geworden, sonst würde ich nicht mehr hier wohnen. Auch wenn ich immer noch klinge wie ein Aargauer.

In St.  Gallen erlebten Sie den Tiefpunkt Ihrer Karriere – Sie stiegen 1993 aus der Nationalliga A ab. Hätten Sie gedacht, dass Sie hier noch einmal zur Kultfigur werden?

Ach, den Abstieg hat man weggesteckt. St.  Galler Fans sind ja sehr leidensfähig. Aber für mich war es schwierig: Ich war damals noch ein junger, unerfahrener Fussballer, der zum ersten Mal mit Druck umgehen musste. Das hatte es beim FC Wettingen nicht gegeben. Aber es war der Wendepunkt meiner Karriere: Ich stand vor dem Nichts und musste mir darüber klar werden, dass eben vielleicht nicht alle um mich herum «Tubel» sind, sondern, dass ich selber mehr an mir arbeiten müsste.

Wie kamen Sie in dieser Situation nach Mexiko?

Ich wusste, ich wollte nach Lateinamerika. Das war auch eine Abnabelung von allem Möglichen. Erst hundert Kilometer weg von zu Hause und dann eben ein paar tausend. Ich packte meine Sachen und ging ins Ungewisse. Dass es mich dann gerade nach Mexiko verschlug, war mehr Zufall.

Sie hatten noch einen zweiten Moment, an dem Ihre Karriere vor dem Ende stand – als Sie nach Ihrer Rückkehr in die Schweiz beim FC Zürich keinen Vertrag mehr erhielten.

Das war wohl so etwas wie die Midlife-Crisis eines Fussballers. Da war ich 28, eigentlich im besten Fussballalter, aber ich fühlte mich einfach nicht wohl in meiner Haut. Und dementsprechend spielte ich Fussball. Das hatte keinen Sinn mehr.

Also hörten Sie auf und verkauften Fenster ... Jede normale Karriere wäre hier zu Ende gewesen.

Es wurde mir sehr schnell bewusst, wie wichtig mir der Fussball war. Und dann ergaben sich die glücklichen Umstände, dass St.  Gallen plötzlich ohne Torhüter dastand. Roger Hegi fädelte dann den Deal ein.

Und der Rest ist Geschichte.

Das kann man so sagen. Plötzlich war ich ein Thema für die Nationalmannschaft, wir wurden Meister mit St.  Gallen, ich durfte noch nach Deutschland wechseln und eine Europameisterschaft spielen. Da stimmte die Entwicklung plötzlich, ich fühlte mich wohl in meiner Haut, und dementsprechend spielte ich gut.

Ihre Geschichte ist aber ein Einzelfall. Die wenigsten Fussballer erhalten so viele Chancen.

Das war mir klar. Und ich war deswegen auch vorsichtiger geworden. Als ich 1996 zurück nach St. Gallen kam, nahm ich eine Stelle als Bausekretär beim Generalunternehmer HRS an und arbeitete halbtags. Ich wusste, es könnte schnell wieder vorbei sein, und wollte mir einen Eingang zu einer anderen Existenz aufbauen.

Sie haben parallel zur Profiliga gearbeitet?

Sogar noch, als wir Europacup spielten. Als die Nationalmannschaft noch dazukam, musste ich zwar etwas reduzieren, aber ich wollte mir dieses Standbein beibehalten.

Noch mal: Das war doch ein enormer Glücksfall? Es gibt genügend Fussballer, die plötzlich ohne Vertrag, ohne Ausbildung und ohne Job dastehen.

Da gibt es eine enorm hohe Dunkelziffer. Wobei, es ist ja auch nicht so, dass Spieler, die eine einigermassen anständige Karriere hatten, einfach ausgesorgt hätten. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Fussballer sich Millionenbeträge zurücklegen könnten, mit denen sie dann einfach ihren Lebensabend geniessen können. Vierzig Jahre lang.

Wenn ich das fragen darf: Wie viel haben Sie in der Bundesliga verdient?

Lassen Sie mich das so sagen: Als ich fertig war, reichte das genau für zwei Immobilien – ein Haus, in dem ich selber wohne, und eine Ferienwohnung in Arosa. Dann habe ich wieder bei null angefangen. That’s it. Heute arbeite ich wieder sieben Tage die Woche.

Und was passiert mit diesen Menschen, die nicht so viel Glück haben? Kann man sich da nicht auf Beziehungen aus dem Fussball verlassen?

Sehr selten. Schauen Sie, ich kam als Excaptain der Nationalmannschaft, als Exbundesligaspieler zurück in die Schweiz. Obwohl ich einen Namen hatte, wusste ich, da gab es nur eine Handvoll Menschen, auf die ich mich verlassen konnte. Und was fast schwieriger war: Zuvor hatte achtzehn Jahre der Fussball vorgegeben, was ich bin; plötzlich musste ich das selber tun.

Und zu welcher Antwort sind Sie gekommen?

Daran habe ich die letzten viereinhalb Jahre gearbeitet, auch in Zusammenarbeit mit einem persönlichen Coach. Ich habe gelernt, dass sich mein Selbstbewusstsein nicht ausschliesslich über das definiert, was ich bisher geleistet habe. Ich weiss zum Beispiel, dass ich ein guter Verkäufer bin. Das ist das eine. Und ich will nicht mehr mit Menschen zusammenarbeiten müssen, die ich nicht ausstehen kann, egal für wie viel Geld.

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