Schiedsrichterinnen : Weshalb ich mich wohl fühle

Nr.  40 –

Letzten Dezember trat Nicole Petignat zurück – die erste Frau der Welt, die in Profifussballligen als Schiedsrichterin arbeitete. Mit der WOZ sprach sie über das SchiedsrichterInnendasein, den Fall Busacca und darüber, dass behinderte Sportler die reicheren Menschen seien.


WOZ: Nicole Petignat, Sie wollten eigentlich einmal Anwältin werden, stattdessen sind Sie Schiedsrichterin geworden. Was ist der Unterschied?

Nicole Petignat: Anwälte sind häufiger gezwungen, etwas zu vertreten, das nicht gerecht ist. Das hätte ich nie gekonnt.

Und als Schiedsrichterin waren Sie immer gerecht?

Aus meiner Perspektive schon. Natürlich gab es, wie bei allen anderen Schiedsrichtern auch, Entscheide, bei denen man im Nachhinein gesehen hat, dass der Entscheid falsch war. Im Nachhinein ist das auch einfacher als in dem Moment, wo man sofort entscheiden muss. Anwältinnen und Richter haben es da einfacher. Die haben Zeit, sich die Dinge zu überlegen. Wenn ich mich falsch entschieden habe, konnte man mir sicher keine Absicht unterstellen.

Es wird immer wieder behauptet, gute Schiedsrichter seien das ganze Spiel über unsichtbar. Sie wurden als erste Frau, die Profifussball pfiff, gleich zur Figur stilisiert. Hatten Sie da überhaupt noch die Möglichkeit, im Hintergrund zu bleiben?

Ich denke, gegen Ende meiner Karriere spielte das keine Rolle mehr. Deswegen war das vielleicht ein guter Moment, um aufzuhören. Natürlich war das nicht einfach, konstant in den Medien zu sein. Wenn Schiedsrichter in der Zeitung erwähnt werden, dann meistens negativ.

Und Sie wussten jeden Sonntag, morgen schreibt Kubilay Türkyilmaz in seiner Zeitungskolumne, Petignat gehöre an den Herd statt auf den Fussballplatz.

Ach, der darf ja seine Meinung haben. Ich habe mich vor allem gefragt, wie er mit seiner Ehefrau umgeht. Aber dann habe ich auch aufgehört, das zu lesen. Ich war mit mir immer im Reinen.

Sie haben trotz der Anfeindungen neun Jahre auf Profiniveau durchgehalten. Haben Sie das auch für die Frauen gemacht?

Nein, ich war ja nicht Schiedsrichterin, um eine Figur zu sein. Mich hat der Sport fasziniert, das Spontane, Unberechenbare. Natürlich hat man mich zu Beginn als Fremdkörper angesehen. Anfangs machte mich das noch wütend, irgendwann hat es mich nur noch amüsiert. Ich glaube, wer so denkt, hat vor allem ein Problem mit sich selber.

Was heisst das auf den Fussball bezogen, wo Geschlechtervorurteile sehr ausgeprägt sind? Haben Fussballer eher ein Problem mit sich selber als andere Sportler?

Die Fans vielleicht. Die Fussballer gewöhnten sich ja schnell an mich und hatten Respekt vor mir, genau wie ich für sie. Natürlich fielen Sprüche, aber die waren primär an meine Rolle als Schiedsrichterin gerichtet, nicht an mein Geschlecht. Und klar, für die Sprüche musste ich mir eine gewisse Schlagfertigkeit zulegen.

Es wird häufig erzählt, wie ein Spieler Ihnen zugerufen habe: «Das ist doch kein Frauenfussball hier.» Als er später eine entscheidende Torchance verpasste, hätten Sie mit dem gleichen Spruch geantwortet ...

Das war so. Und danach war es auch gut zwischen uns. Das war eine sehr typische Situation: Man sagte über mich, ich rede viel auf dem Platz. Aber ich redete immer dann, wenn ich angesprochen wurde. Wenn sich ein Spieler bei den Schiedsrichtern um Aufmerksamkeit bemüht, dann ist es wichtig, dass diese darauf reagieren, sonst kann es auch eskalieren. Es waren diese Dynamiken zwischen Spielern, Fans und Trainern, die das Spiel jedes Mal aufs Neue so spannend machen.

Schiedsrichter zu sein, ist auch als Mann nicht einfach. Sie sind immer die Bösen, und das für knapp tausend Franken pro Spiel.

Das war mir egal. Ich glaube nicht, dass das jemand fürs Geld macht.

Gibt es trotzdem Dinge, die der Verband machen könnte, um den Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern die Arbeit zu erleichtern? Den Videobeweis einführen?

Das funktioniert leider auch nicht. Die Bilder können ja auch «lügen». Ich erinnere mich an eine Situation an den Olympischen Spielen in Sydney, als ich den Match USA–China leitete. Ich entschied in einer Situation auf Penalty, bei der eine Spielerin ihren Arm hochgenommen hatte, um einen Schuss aus dreizehn Metern abzuwehren. In den Fernsehbildern sah das nach einer unbeabsichtigten Reaktion aus, aber mir war klar, aus dreizehn Metern kann das kein Reflex gewesen sein.

Eine andere Idee ist es, zusätzliche Schiedsrichter auf Höhe der Strafräume einzusetzen.

Kommen Sie einmal mit an die Videoanalyse, welche die Schiedsrichter alle sechs Wochen zusammen machen. Da erhalten Sie selbst bei genaustem Studium einer Situation keine Gewissheit, und zum Schluss würde die eine Hälfte auf Gelb, die andere auf Rot entscheiden. Mehr Schiedsrichter zu haben, macht das Spiel nur komplizierter.

Also sind Sie eigentlich ganz zufrieden mit dem aktuellen System?

Ich kenne jedenfalls kein besseres. Gerade die Assistenten an der Seite bekommen nur einen kleinen Ausschnitt der Partie mit. Die hören die Sprüche auf dem Feld nicht, können schlecht einschätzen, wie aggressiv die Stimmung ist. Was ich mir wünschte, wäre so etwas wie eine Helmkamera für die Hauptschiedsrichter. Damit die Zuschauerinnen das Spiel auch durch ihre Augen erleben könnten, was viele Entscheidungen nachvollziehbarer machen würde.

Was sagen Sie zu Schiedsrichter Massimo Busacca, der den YB-Fans kürzlich den Finger gezeigt hat?

Das ist natürlich sehr schade. Das sind Bilder, die nicht so schnell vergessen werden. Und die Öffentlichkeit wird ihm kaum verzeihen, dass er als Schiedsrichter einen schlechten Tag hatte.

Hatten Sie das auch manchmal? Ihnen ist ja nie derart der Kragen geplatzt.

Stellen Sie sich die Aufregung vor. Mon dieu! Ich wäre weg vom Fenster gewesen.

Wie kommt es zu einem solchen Aussetzer?

Das kann ich nicht sagen – ich war ja nicht dabei. Mich macht es traurig, dass der Verband sich jetzt nur wieder die Frage stellt, für wie viele Spiele Massimo gesperrt sein soll, nicht aber, was man mit den Fans macht.

Wie meinen Sie das?

Ich überlege mir derzeit, ein Projekt zu lancieren, um die Stimmung bei den Spielen zu verändern. Ich bin überzeugt, wenn vor dem Anpfiff und in den Pausen die Fans etwas anderes tun würden, als sich gegenseitig anzuheizen, wäre die Stimmung nicht so aggressiv, weder unter den Fans noch zwischen den Fans und den Schiedsrichtern.

Wie würde so etwas aussehen?

Ich habe ein Video aus der polnischen Liga gesehen, wo vor dem Spiel ein paar Fussballfans in einer Art Wettbewerb gegeneinander singen mussten, so wie MusicStar. Das klang natürlich furchtbar, aber das Publikum hat gelacht und war zum Anpfiff in einer anderen Stimmung.

Sie sagen, dass nicht der Alkohol, sondern die aufgeladene Atmosphäre zu Gewalt in den Stadien führt?

Davon bin ich überzeugt. Alkohol ist nicht immer der Grund für alles. Bei der Europameisterschaft im letzten Jahr ist ja auch genügend Alkohol geflossen, da ist nichts passiert. Stattdessen gab es Animationen, vor dem Spiel mit Konzerten oder Maskottchen, in der Pause zeigte man die Tore auf einer Videoleinwand.

War es nicht so, dass an der EM die klassischen Vereinsfans gar nicht im Stadion waren, weil die Tickets so teuer waren?

Ja und nein. Auf die Schweizer Fans mag das zutreffen, bei den Fans der anderen Länder bin ich da nicht hundertprozentig sicher. Bei der Niederlage Italiens gegen Holland konnte man am Fernsehen Verbrüderungen zwischen den Fans sehen – ausgerechnet die Italiener, die Niederlagen eher schlecht wegstecken! Das lag auf jeden Fall an der positiven Stimmung in den Stadien.

Die allgemeine Meinung ist derzeit aber, dass es nur an einzelnen Fans liegt, die es aus den Stadien zu entfernen gilt.

Ich glaube, dass es eher daran liegt, dass die Klubs und die Fans voneinander zu weit entfernt sind. Es liegt an den Klubs, einen Schritt auf ihre Fans zuzugehen. Es ist sehr einfach zu sagen, diese Gruppen sind böse. Es ist etwas ganz anderes zu sagen, wir müssen mithelfen, dass die Gruppen untereinander zu einer positiven Fankultur finden. Singen statt schlagen. Das bedingt aber auch einen Wechsel der Wahrnehmung.

Inwiefern?

Wir sprechen derzeit fast mehr über die Gewalt als über den Sport. Und nicht immer nur gerechtfertigt. Vor der EM hat man dauernd den Teufel an die Wand gemalt und nur über die Sicherheit gesprochen. Was ist passiert? Nichts. Es wäre auch die Aufgabe der Journalisten, bei so einer Veränderung ihre Rolle wahrzunehmen.

Das klingt schön, aber ist das überhaupt möglich? Das klingt sehr nach Weltverbesserung ...

Sehen Sie, deswegen fühle ich mich so wohl in der Welt des Behindertensports. Unsereins regt sich auf, wenn wir unsere Brille irgendwo liegen lassen. Das ist doch nichts! Ich habe in meiner Arbeit mit Behinderten eine Geduld gelernt, die ich vorher so nie kannte. Das sind unglaublich beeindruckende Menschen.

Die sich nicht über kleine Dinge aufregen, weil sie grosse Probleme haben?

Es ist weniger trivial: Soll ein Mann, der mit elf Jahren von der Schaukel gefallen ist und seither im Rollstuhl sitzt, sein ganzes Leben lang wütend sein auf die Welt? Lassen Sie mich eine Geschichte erzählen: Wir waren mit der Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft, für die ich als Physiotherapeutin arbeite, zu einem Turnier nach Belgien eingeladen. Wir fuhren die ganze Nacht über mit einem Car an, niemand konnte richtig schlafen. Als wir am Morgen ankamen, stellte sich heraus, dass unsere Übernachtungsmöglichkeit ein Container mit Kajütenbetten war. Übereinander. Und das für Rollstuhlfahrer. Und gemacht waren die Zimmer auch noch nicht. Meinen Sie, irgendeiner der Spieler hätte sich beschwert? Jeder noch so kleine Provinzfussballklub hätte gleich wieder die Koffer gepackt und wäre abgereist.

Eine schöne Geschichte.

Und sie erklärt, weswegen ich mich bei dieser Arbeit so wohl fühle. Das sind Menschen, von denen ich sagen kann, sie seien wirklich reich. Und mit diesen Menschen und für sie Verantwortung übernehmen zu dürfen, das füllt mich aus.