Nr. 16/2009 vom 16.04.2009

«Es geht ums ‹Läbige›»

Vom 24. April bis zum 10. Mai findet in Bern und Kloten die 73. Eishockeyweltmeisterschaft der Männer statt. Die WOZ traf sich mit Mathias Seger, Verteidiger im Nationalteam und Captain der ZSC Lions, während der Vorbereitung.

Von Etrit Hasler

WOZ: Mathias Seger, Sie haben aufregende zwölf Monate hinter sich ...

Mathias Seger: Das kann man so sagen. Das war ziemlich verrückt. Mit allen Höhen und Tiefen: Schweizer Meister, Champions-League-Sieg - und dann Anfang März 2009 im Meisterschaftsviertelfinal ausgeschieden.

Spätestens mit dem Erfolg in der europäischen Champions Hockey League sind Sie der erfolgreichste Ostschweizer Eishockeyspieler aller Zeiten - dreifacher Schweizer Meister, Vierter an einer WM, Sechster an einem Olympiaturnier und jetzt noch in Europas bestem Klubteam.

Das hab ich mir noch gar nie überlegt. Ich denke, das ist etwas, das einem Sportler erst am Ende seiner Karriere bewusst wird. Im Moment konzentriere ich mich immer noch aufs Spielen.

Sie haben ihren Vertrag beim ZSC bis 2012 verlängert. Das ist eine lange Zeit für einen Spieler über dreissig.

Ich bin froh darüber, beim Z ist für mich derzeit alles perfekt. Ich habe eine wichtige Rolle, das Umfeld und die Organisation sind toll - ich fühle mich wohl. Das Ziel ist klar: ein Team, das ganz oben mitspielt - nächste Saison und darüber hinaus. Das ist eine angenehme Situation.

Als Sie vor zehn Jahren von Rapperswil-Jona zum ZSC wechselten, hätten Sie da gedacht, dass Sie den Rest ihrer Karriere in Zürich verbringen würden?

Natürlich nicht. Bei Rapperswil wussten alle, dass man in näherer Zukunft nicht um die Spitze mitkämpfen würde. Ich wollte mich weiterentwickeln und zu einem Grossklub gehen, einmal Schweizer Meister werden. Und Zürich ist mir dann ans Herz gewachsen, nicht nur der Klub, auch die Stadt und das private Umfeld. Ich bin ja nicht gerade der einzige Ostschweizer, den es nach Zürich verschlagen hat.

Man hat das Gefühl, die ganze Ostschweiz sei in der Stadt.

Tatsächlich sind viele meiner alten Kollegen in Zürich. Aber das war nicht der einzige Grund, weshalb ich beim ZSC geblieben bin. Wir waren immer eine gute Truppe. Das hat mich dabehalten. Aber ich habe meine Wurzeln nicht vergessen. Ich bin immer auch noch gern in der Ostschweiz, hätte auch gern in St. Gallen Eishockey gespielt, aber da gibt es keinen Spitzenklub.

Sie sind ja auch Fussballfan, haben 2000 mit den Spielern des FC St. Gallen deren Meistertitel gefeiert. Passt das zusammen?

Die ZSC-Spieler Michel Zeiter, Rolf Schrepfer, Vjeran Ivankovic und ich waren damals eingeladen, das letzte Spiel gegen GC anzuschauen. Bei uns geht das ja immer ziemlich wild zu und her, wenn man Meister wird, da tanzt man durch, da wird getrunken und gefeiert. Als wir nach dem Spiel in die Garderobe kamen, war da kein einziges Bier offen. Klar, die hatten wohl schon gefeiert, als eine Runde vorher klar war, dass sie Meister würden - eine Situation, die es im Eishockey nicht gibt -, aber wir waren etwas enttäuscht. Also sind wir kurzerhand zum Bierstand zurück und haben Bier für die ganze Mannschaft gekauft. Ich hatte fast das Gefühl, die seien froh darum, dass wir ein bisschen Stimmung in die Bude brachten.

Das passt ganz gut ins Klischee: Hockeyspieler sind «Büezer», während Fussballer ...

... Banker sind? Vielleicht liegt es daran, dass es im Hockey viel härter und körperbetonter zu und her geht. Ich bin als Spieler mehr auf die Hilfe und Unterstützung meiner Mitspieler angewiesen. Das heisst, dass grundsätzlichere Dinge wie Team, Zusammensein und Kampf eine grosse Bedeutung haben. Vielleicht finden sich deswegen im Eishockey weniger Persönlichkeiten, die sich gerne in der Öffentlichkeit präsentieren.

Und Eishockeyspieler würden sich kaum mit der Freundin für eine Homestory im «Blick» ablichten lassen ...

Das stimmt sicher: Zwei Fussballstars, die zusammen Playstation spielen, dahinter sieht man die Freundin mit einem Shirt der Marke De Puta Madre 69 beim Wäschebügeln, im Hintergrund hängen die eigenen Trikots - wenn ein Hockeyspieler das machen würde, der kriegte auf dem Feld die Quittung. Abgesehen davon müsste ich für eine solche Aktion eine neue Freundin suchen, meine jetzige würde da nicht mitmachen.

Also ist es nicht so, dass Eishockeyspieler einfach scheuer wären als Fussballer.

Nein. Aber man will sich nicht unbedingt in die Privatsphäre schauen lassen. Man ist lockerer, ich kann auch an der Langstrasse in einen Club gehen, ohne dass ich dauernd angemacht werde. Wir werden natürlich auch nicht so häufig erkannt wie Fussballspieler, das macht es einfacher, sich selbst zu bleiben. Uns bringt man schon von klein auf bei, füreinander zu kämpfen, nicht für seinen eigenen Ruhm. Zwanzig Prozent sind Talent, aber achtzig Prozent sind harte Arbeit - das wird dir als Junior schon früh gesagt. Das prägt.

Sie bereiten sich gerade mit der Nationalmannschaft auf die Eishockey-WM in der Schweiz vor - 1998 bei der letzten Heim-WM waren Sie das erste Mal in der Nati dabei, und die Schweiz wurde auf Anhieb Vierter.

Das war ein tolles Turnier. Damals war es ja so, dass viele Spieler aus der erfolgreichen Juniorennationalmannschaft nachrutschten, eine neue Generation von Spielern, die aus sehr professionellen Nachwuchsabteilungen kamen. Und der Erfolg hat vieles ausgelöst: Das Nationalteam wurde plötzlich wahrgenommen, im eigenen Land wie auch ausserhalb, Spieler wie David Aebischer, Martin Gerber und später Mark Streit wechselten in die US-kanadische Profiliga NHL, das ging dann alles sehr schnell.

So viele wechselten zwar nicht ...

Stimmt, aber ich glaube, das wird auch noch zunehmen. Für uns war damals Nordamerika so weit weg, wir kannten knapp die Namen der Klubs. Heute ist die Welt kleiner geworden: Auch wenn wir immer noch kaum amerikanisches Eishockey am Fernsehen sehen, übers Internet bekommen wir all die Resultate, können uns Ausschnitte aus Spielen ansehen. Da steigt auch das Interesse.

Wie hat sich das Schweizer Eishockey verändert in dieser Zeit?

Die Klubs sind viel näher zusammengerutscht. Wenn damals der Erstplatzierte gegen den Letztplatzierten spielte, war das eine klare Sache, da kamen Resultate wie 8:1 heraus. Heute ist der Graben viel kleiner geworden. Und die Qualität der Spieler ist sehr hoch. Wenn Coach Ralph Krueger heute das Nationalteam zusammenstellt, hat er fünfzig Spieler, auf die er zurückgreifen kann. Damals war es vielleicht die Hälfte.

Wechseln denn vielleicht auch deswegen so wenige Spieler ins Ausland, weil die eigene Liga so gut ist? Der ZSC hat das gerade bewiesen ...

Es stimmt schon, dass sich ein Wechsel nicht so aufdrängt wie im Fussball, aber trotzdem kann ein Wechsel ein Sprungbrett für die NHL sein: Deswegen gehen Spieler wie Severin Blindenbacher, Marcel Jenni, Martin Gerber oder Martin Plüss ins europäische Ausland, obwohl die Ligen da nicht unbedingt besser sind. Man wird eben das Gefühl nicht los, in Nordamerika wissen die immer noch nicht, dass in der Schweiz überhaupt Eishockey gespielt wird.

In der Schweiz ist man auch nicht nur überzeugt von der eigenen Stärke: In der Champions League waren sich die Medien bei jeder Runde einig, dass für den ZSC nun Endstation sei. War das nicht entmutigend?

Das waren wir uns von der Meisterschaft vom Vorjahr gewöhnt, als auch niemand glaubte, dass wir noch Meister werden könnten. Es ist mental viel einfacher, als Underdog in ein Spiel gehen zu können, ohne den Druck, der auf dem Favoriten lastet.

Sie durften als Captain den Europapokal entgegennehmen und haben ihn gleich an Torwart Ari Sulander weitergereicht - war das eine geplante Geste?

Geplant wäre zu viel gesagt. Beim Einschlafen am Vorabend des Rückspiels kam mir der Gedanke, wie schön es für Sulo wäre, den Pokal zu gewinnen. Er hatte einen so grossen Anteil an unserem Erfolg in den letzten Jahren, und man wusste ja nicht, ob er noch einmal die Chance haben würde, in diesem Wettbewerb zu spielen. Aber da ich wie die meisten Sportler abergläubisch bin, habe ich das sofort beiseite geschoben: Erst das Spiel spielen, dann an den Sieg denken. Und nach der zweiten Drittelspause, als wir 2:0 vorne waren, war der Gedanke plötzlich wieder da. Und dann ging ich aufs Feld und schoss das 3:0 ...

... in einer Phase, in der es schien, als ob die Russen noch einmal ins Spiel zurückkommen könnten ...

... was ja im Hinspiel in Magnitogorsk passiert war. Da hatten sie nach einem 0:2-Rückstand im letzten Drittel noch ausgeglichen.

Was war das für ein Gefühl, ausgerechnet gegen die Mannschaft zu gewinnen, die von Anfang an als klarer Favorit galt?

Wir waren völlig überrascht. Und die Russen auch. Als wir in das Stadion in Magnitogorsk einliefen, war für uns und für jeden Fan völlig klar, dass wir verlieren würden. Und als wir nach der zweiten Drittelspause in die Gesichter der gegnerischen Spieler schauten, haben die uns völlig verstört angestarrt: «Wer seid ihr? Und wieso seid ihr 2:0 in Führung?» Das war dann vielleicht auch zu viel für uns, deswegen konnten sie das Spiel noch ausgleichen, aber wir hatten plötzlich den Glauben gewonnen, dass wir diese Mannschaft schlagen können.

Sie haben von mentalen Qualitäten gesprochen. Wie wichtig ist der Coach für so einen Erfolg?

Im Eishockey hat der Coach mehr Varianten, das Spiel zu beeinflussen als in anderen Sportarten: mit den vielen Einwechslungen, mit zwei Pausen, in denen er mit der Mannschaft sprechen kann. Und Eishockey ist ein knallharter Sport: Du läufst in Checks und wirfst dich in Schüsse - es geht ums «Läbige», um Schmerzen. Da sind das gegenseitige Vertrauen und der Teamgedanke das Wichtigste. Und den prägt der Trainer sehr stark.

Stellte sich deswegen ZSC-Coach Sean Simpson nach dem Ausscheiden in der ersten Runde der Playoffs Anfang März vor die Mannschaft und sagte: «Ich bin schuld.»?

Das war eine superschöne Geste. Aber das gehört auch zu seiner Rolle. Ein Coach steht immer vor seinem Team und fängt Kritik ab, er ist so etwas wie die Tür zur Mannschaft. Er muss auch viel mehr auf das Gefüge in der Mannschaft achten: In der Fussballnati wählst du die besten Spieler für die jeweilige Position, im Eishockey ist es viel wichtiger, ob ein Spieler fürs Kollektiv arbeitet.

Sie wissen noch nicht, ob Sie an der WM dabei sein werden. Stört Sie das nicht?

Das gehört dazu. Und das geht ja allen gleich, alle haben die gleichen Chancen. Klar wäre ich gern dabei, sonst wäre ich nicht hier und würde «auf dem Gletscher herumrennen». Aber zum Schluss entscheidet der Coach.

Man hat das Gefühl, es interessiere kaum jemanden, dass nächstens in der Schweiz eine Eishockey-WM stattfinden wird ...

Es ist normal, dass nicht wie bei einer Fussball-EM gleich das ganze Land kopfsteht. Aber soweit ich gehört habe, ist der Ticketverkauf angesichts der wirtschaftlichen Lage gar nicht so schlecht gelaufen [rund 250 000 Tickets verkauft, Anm. der Red.]. Aber das Problem ist nicht neu: Die WM findet jedes Jahr statt, ist also nicht so etwas Spezielles wie im Fussball, und die Tatsache, dass es fast schon Sommer ist, hilft auch nicht. Im Dezember sähe das anders aus. Aber da machen die Verbände keine Pausen, während deren die Spieler an so einem Turnier teilnehmen können.

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