Nr. 45/2009 vom 05.11.2009

«Ich habe keinen Keller im Schrank»

Was haben Marlene Dietrich, Thomas Mann und Theo Pinkus gemeinsam? Sie alle kannten Ruth Guggenheim Heussler, die Tochter eines russischen Revolutionärs und einer Schweizer Jüdin. Ein Einblick in ein äusserst beziehungsreiches Leben.

Von Jan Morgenthaler

Sie drängt einem ihre Geschichten auf. Raumgreifend. Ein Satz, ein Wort, ein Name, sie assoziiert blitzschnell: «Weisch du eigentlich, wie das würkli gsi isch?»

Sie redet gern. Und viel. Sie beginnt irgendwo und endet bei Lenin, Fritz Platten und Mischa in Moskau. Oder im Café Select in Zürich: «Das war unsere Stube. Wir waren alle eine grosse Familie, Walter Lesch, das Cabaret Cornichon, Godi und Karli Suter, Manoli, Lily Reichelt – herrje: die schönste Frau der Welt! – und Gustl, Goldy und Paul Parin, dein Vater, Katharina Renn und Antoine, Kit Bagotzki, Ueli Buff.» Klatsch? Vielleicht. Aber immer mit einer historischen Dimension. Immer hört und erfährt man, wie es wirklich gewesen sein könnte. Die Affären der Grosseltern, die Reigen der Eltern. Die berühmten Figuren der «Szene». «Ich hatte auch eine grosse Freundschaft mit Klaus Mann. Er war einer vom Select, hatte einen Model T Ford. Damit fuhren wir manchmal aus.»

Es kann aber auch sein, dass sie von Marlene Dietrich in Paris berichtet, die dort am 14. Juli 1938 mit Erich Maria Remarque («Im Westen nichts Neues») neben ihr auf den Strassen tanzt – so sei das gewesen, kurz vor dem Krieg. Oder sie erzählt von der Parfumerie Osswald an der Bahnhofstrasse, wo sie vor über siebzig Jahren ihre Lehre gemacht hat. «Ich musste sehr einfach durchkommen. Geschadet hat mir das nicht.»

Der absolute Riecher

Es kann aber auch sein, dass Ruth erzählt von der Zeit nach dem Krieg, sie ist in Los Angeles, arbeitet als Serviertochter im Chalet Suisse, eines Tages kommen um 13 Uhr noch zwei Gäste, ein Mann und eine Frau, setzen sich ans Fenster mit Blick auf den Wilshire Boulevard. «Ich fragte die Frau, was sie wünsche.» Sagt sie: «Oh, are you French.» Sagt Ruth: «No, I am from Zurich.» Sagt die Frau: «Och, dort haben wir so lange gelebt.» Schaut Ruth die Leute richtig an und sagt zum Gast: «Oh, I am so glad to meet you here, Mister Thomas Mann.» Sagt er: «Von einer Serviertochter bin ich noch nie erkannt worden.» Sagt Ruth: «Das ist nicht alles: Wir haben auch den gleichen Zahnarzt, Bert Brecht, Thomas Mann, Ruth Guggenheim sind alle bei Dr. Leisinger, Zürich.» – Keine sechs Wochen später, Ruth arbeitet wieder an der Bahnhofstrasse, Familie Mann hat die USA ebenfalls verlassen, wegen McCarthy, Thomas Mann will Parfum kaufen, sieht Ruth im Laden stehen. Sagt: «Ach, wo trifft man Sie nicht überall!»

Es gibt Leute, vorab Musiker, die haben das absolute Gehör. Andere können sich im Dunkeln wie Fledermäuse orientieren. Und es gibt Menschen mit einem exakten visuellen Gedächtnis. Ruth hat den absoluten Riecher. Sie erkennt jedes Parfum. Chanel No. 5 oder 19, Arpège, Mitsouko von Guerlain, Houbigant, Coty, Caron. Sie sagt: «Dein Vater kaufte das Parfum immer bei mir.» Für wen? «Das habe ich ihn nie gefragt! Das war diskret!»

Ruth ist eine der Begabtesten. Einmal kommt Onkel Dreiding, ihr Lehrmeister bei Osswald, mit einem Fläschchen, alle müssen riechen, die erste, zweite, dritte, vierte Verkäuferin, bis hinunter zum Lehrmädchen: «Was ist das?» Niemand weiss es – ausser Ruth, es ist «Fougère royale» von Houbigant. Die oberen Zehntausend vom Zürichberg, von Zollikon oder Küsnacht wollen immer nur von ihr bedient werden! Sie erkennt die klassischen Parfums noch heute. Oder sagt gradaus: «Hör mal, ich kann dich nicht riechen!»

In Moskau geboren

Ruth Guggenheim Heussler stammt aus dem Aargau, nicht aus jenem «Guggenheim-Clan der Kupferkönige». «Einmal lag ich im Kantonsspital in einem Siebnerzimmer, nach einer Operation. Auf der Chefvisite fragte der Professor, ob ich mit den Guggenheims in New York verwandt sei.» Sagt Ruth: «Herr Professor, wenn ich mit den Guggenheims in New York verwandt wäre, läge ich jetzt nicht bei Ihnen in einem Siebnerzimmer!»

Ruth ist 86 Jahre alt und leidet an einer Spinalstenose der Wirbelsäule, die macht das Stehen und Sitzen zur Qual. Zurzeit ist ihr rechter Arm entzündet. Und sie habe nur noch sechzig Prozent Schnauf, sagt sie atemlos. Trotzdem: Sie will orientiert sein. Auch heute. Will wissen, «wo wieder ein neuer Faschismus aufkommt». Sie geht in den politischen Fussstapfen ihrer Mutter durchs Leben.

«Für die Schweizer bin ich nur eine Jüdin, für die Juden nur eine Kommunistin, für die Kommunisten nur eine Künstlerin, für die Künstler nur eine Frau, für die Frauen bin ich nur ein Fräulein mit Kind.» Das Kind ist Ruth, geboren am 16. Juni 1920 in Moskau, das «Fräulein», das den Satz notiert, ist Alis Guggenheim, Malerin, Bildhauerin, Keramikerin, 1896 im aargauischen Lengnau geboren, 1912 mit den Eltern nach Zürich übersiedelt. Nach einer Lehre als Modistin emigriert Alis 1919 in die junge Sowjetunion, mit Mischa, einem russischen Revolutionär, der in Zürich zum Kreis von Lenin gehörte. Mischa Berson führte ein Doppelleben, er hat bereits Frau und Tochter, als Alis 1919 von ihm schwanger wird.

Sechs Wochen nach der Geburt von Ruth kehrt Alis mit ihrer Tochter aus Moskau nach Zürich zurück. Ruthli wohnt jetzt bei Pflegeeltern in einer Dreizimmerwohnung an der Motorenstrasse 8 im Kreis fünf, Maria und Alfred Alder sind Genossen, einfache Arbeiter mit einer riesigen Bibliothek, er Feinmechaniker bei der Maag-Zahnräderfabrik, sie geht putzen bei feinen Herrschaften. Ruthli ist nie das einzige Kind im Haushalt, einmal ist auch Sigi als Pflegekind ein paar Wochen dort, ja, Sigmund Widmer, der spätere Zürcher Stadtpräsident, dessen Mutter mit Alis in der Partei ist. Alders wollen Ruthli adoptieren. Alis kommt sie besuchen, sooft sie Zeit hat.

Alis führt einen eigenen Modesalon. In seinem dicken Buch «Melnitz» über die Juden in der Schweiz beschreibt Charles Lewinsky, wie die jüdischen Frauen jeweils am Sabbat mit schönen Hüten in die Synagoge gegangen sind. Diese schönen Hüte macht Alis Guggenheim an der Oettenbachgasse 11. Einmal stapft Ruth, knapp vierjährig, allein durch die ganze Stadt vom Kreis 5 über die Bahnhofstrasse zu ihrer «Mame» beim Lindenhof.

Die KP-Pionierin

Ruthli kommt mit sechs Jahren zu den Pionieren der KP. Es gibt eine Foto, Ruthli als Pionierin am 1. Mai 1926 am Stauffacher. Wie natürlich wächst sie in ein Beziehungsnetz hinein. Man geht am Wochenende wandern oder trifft sich im Arbeiterheim Union an der Heinrichstrasse, einem Sitz der KP.

Mutter Alis macht inzwischen Kunst. Von der vierten bis sechsten Klasse wohnt Ruth bei ihr im Atelier an der Weinbergstrasse. Ein Raum – die Welt. Die Kunst kommt zu Besuch ins Leben von Ruth, der Kulturtheoretiker Max Raphael, Bildhauer Karl Geiser ebenso wie der Bücherreisende Viktor Schwarz und viele andere. Bereits auch Emigranten wie Robert Florian, den Ruth später in Paris lieben wird. Unten wohnt Franca Magnani. Das Atelier betreten die Männer der Mutter, Freunde, Liebhaber. «Einmal kam ich nach Hause, da stand einer füdliblutt im Raum, Mame modellierte, die Figur hat sie später zusammengeschlagen.» Und Ruth hat hinter einem Vorhang ihr «Zimmer». «Wahnsinnig primitiv», sagt sie, «aber voll.» Voller Leben, voller Kunst. Aufregend. Wer da nicht alles gekommen ist!

1933 zieht Alis nach Paris, wo die grossen Künstler sind. Ruth bleibt in Zürich, wohnt drei Jahre an der Zurlindenstrasse bei Kirschbaums, Vater Josef, der Schreinermeister, wird später der «Stalin der Schweiz» genannt werden. Hier lernt Ruth auch den legendären Buchhändler Theo Pinkus kennen, «noch bevor Amalie ihn kannte!».

Sie sei nie verhaftet worden. Wenn es darauf ankam, sei sie weggerannt. Habe sich vor der Polizei in den nächstbesten Keller geflüchtet, wie damals am Zürcher Stauffacher beim Maler- und Gipserstreik, wo einer erschossen worden sei. Die anderen werden verhaftet, sie nie.

Ruth besucht die Sek, sie ist dreizehn, als sie mit Erika Mann nach dem «Pfeffermühle-Krawall» mitdemonstriert. Beni Kirschbaum ist ihre erste Liebe. Die erste grosse Liebe aber ist Kurt Früh, da ist Ruth sechzehn oder siebzehn Jahre alt. «Kurts Liebschaft war von Dauer.» Es ist die Zeit der Volksbühne, auf die Ruth beim Erzählen immer wieder zurückkommt. Die Volksbühne und der Chor sind damals noch an der Müllerstrasse, «da war auch Röbi Troesch dabei, Kurt Früh, Rolf Liebermann studierte mit uns im Volkshaus das Partisanenlied ein, Erich Weinert war auch da, damals noch nicht lungenkrank, Ernst Busch, später die Genossen aus der DDR.»

Die grosse Liebe

Als Parfumerieverkäuferin wird Ruth umschwärmt von jungen Studenten. Man trifft sich beim Schlittschuhlaufen, die Verehrer besuchen sie im Geschäft, einige wollen sie heiraten, der Erbe der Champagnerfirma Mumm Reims nahm mich sogar mit nach Baden zu seiner Mutter, die dort kurte».

Alle hatten ihre feste Beziehung, «jedes hatte einen festen Freund, eine feste Freundin, auch damals im Kreis des ‹Grünen Glases› um die Schauspielerin Maria Becker. Ruth kann nicht mehr sagen, mit wem sie «selber zusammen war. Doch es war grundsätzlich kein Beziehungsdurcheinander, alle waren in festen Händen.»

Ruths Mann Percy sagt später (nach der Scheidung) zu ihr: «Ja du bist ja mit jedem ins Bett.» – «Das stimmt nun einfach nicht.» Mit vielen? «Mit Felix war nichts. Aber als Percy mir immer wieder Szenen machte, lupfte er mich drauf: Wenn ich schon unter der Eifersucht leiden muss, dann soll es wenigstens nicht sinnlos sein.»

Noch einer ist ihre grosse Liebe, der Emigrant Karli Schiffer. Ende der dreissiger Jahre. «Karli war mit Hedy zusammen, sie konnte ihn finanziell aushalten. Ich verdiente kaum genug Geld für mich allein.» Später sei Schiffer zurück nach Graz gegangen, habe dort nach dem Krieg den «Vorwärts» rausgebracht, er sei in Portugal gestorben, «Parins waren ganz in seiner Nähe, ohne es zu wissen».

«Ich ging immer dem Herzen nach, gehorchte nie dem Verstand. Ich war immer unvernünftig.» Ruth vernetzt ihr Leben mit anderen Menschen und gerät dabei selbst in brenzlige Situationen. Etwa wenn sie als Go-Between Koffer mit clandestinem Inhalt nach Genf transportiert oder während des Kriegs arme Emigranten bei sich an der Weinbergstrasse aufnimmt. Ruth bewohnt zwei Zimmer in der Mansarde, im einen Zimmer produzieren die Ungarn illegal Zeitungen, mit Maschine und schalldämmenden Wolldecken, denn unten dran wohnt grad die Hausmeisterin. Ruths Liebhaber Fritzli Keller übernachtet zu jener Zeit ebenfalls oft bei ihr, obwohl er das von Rechts wegen (Konkubinat!) nicht darf. Eines Abends um 9 Uhr läutet die Polizei, erkundigt sich danach, ob ein Herr Keller da sei. Ruth hat furchtbare Angst, die Polizei könne per Zufall entdecken, was im Nachbarzimmer ausgeheckt wird. Sie reisst die Tür ihres riesigen Schranks auf (und versteckt damit die Tür zum Nebenzimmer): «Schauen Sie nur«, sagt sie zur Polizei, «ich habe keinen Keller im Schrank!»

In Zürich verkehrt Ruth mit den Linken. Sie kennt Arthur Koestler, Robert «Bobby» Jungk, Ignazio Silone und, und, und. Alle Namen sind auch im Personenregister von Werner Mittenzweis Buch übers Exil in der Schweiz zu finden, den sie selbstredend ebenfalls kennt. Bei Alis verkehren Genossen wie Hans «Haro» Rotter, Dr. Hofmann alias Szönyi, Dr. John Rittmeister. «Man fragte später: ‹Warst du treu?› Und meinte: gegenüber der Partei!»

Ruth hat in alle ein Grundvertrauen. Ihr Kern sind Beziehungen mit anderen Menschen. Von Geburt an macht sie die Erfahrung eines äusserst gefährdeten Lebens. Von Anfang an. Nichts ist sicher. Mit sechs Wochen kommt Ruthli von Moskau nach Zürich. Kurz darauf erhält sie neue Eltern. «Mein Glück: Es sind gute Leute, Menschen, die mich liebten.»

Der rote Faden

Ruth Guggenheim sucht und pflegt Beziehungen um ihrer selbst willen. Jüdisches Leben, Linkssein, Künstlertum, Mutterschaft, das alles ist prekär, gefährdet, immer ist damit zu rechnen, dass es heisst: Das ist verboten. Das passt nicht. Hat keinen Platz. Wird ausradiert. Sie lernt früh: Beziehungen sind ihre «Versicherung». Je mehr Menschen sie kennt, umso besser. «So bin ich die geworden, die ich bin. Ich habe immer noch sehr grosse Schwierigkeiten mit dem Bürgertum. Und ich habe das Gefühl, ich sei wirklich nicht bürgerlich.»

Ihr Networking kennt keinen Karriereplan, ihr Namedropping wirkt absichtslos. Sie «verkörpert» wie kaum jemand sonst Beziehungsnetze, sie hat Techniken entwickelt, wie sie ins Leben wildfremder Menschen hineintreten kann, wie sie sich diese zu Freunden und Bekannten macht. Sie trampt in Ellen Ringiers Büro, sie telefoniert Ruth Dreifuss, gratuliert, regt an, empört sich. Und weil sie sich dieser Beziehungen stets aufs Neue vergewissern muss, frischt sie sie dauernd auf. Innert weniger Tage besucht sie die Jahresversammlung der Pro Litteris in Lausanne, die Foto-Vernissage der WOZ in der Roten Fabrik mit Bildern ihrer Tochter Olivia Heussler, die Feier «100 Jahre Sozialarchiv», eine Lesung im jüdischen Altersheim, die Vernissage von Fotograf René Groebli bei Andy Illien, die Matinée zu Paul Parins 90. Geburtstag. Ruth knüpft täglich weiter an ihrem roten Lebensfaden, auch jetzt noch, im hohen Alter. Atemlos.

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