Nr. 46/2009 vom 12.11.2009

Echsen regieren die Welt

Geht die Welt 2012 unter? Werden wir von Ausserirdischen regiert? Ist die Schweinegrippe geplanter Massenmord? In Zürich wird Klarheit geschaffen.

Von Carlos Hanimann

«Bizarr, aber wahr: Reptilien beherrschen die Welt.» Genauer: ausserirdische Eidechsen – oder wie sie David Icke nennt: Annunaki-Echsen.

David Icke ist ein 57-jähriger Mann mit schlohweissem Haar und blauen Augen. Er weiss, dass seine Aussagen verrückt klingen. Früher war er Fussballprofi, BBC-Fernsehreporter und Pressesprecher der britischen Grünen. Dann erklärte er 1991 in türkisfarbenen Kleidern, die Hände zu einer Pyramide gefaltet, vor laufender Kamera, er sei Gottes Sohn. Das Publikum tobte, Spott und Häme waren fortan David Ickes ständige Begleiter. Jetzt kommt er in die Schweiz und wird nächsten Samstag im Zürcher Kongresshaus den über 500 Fans (Eintritt 85 Franken) erklären, was Annunaki-Echsen sind und wie sie die Welt im Geheimen beherrschen. Dann werden sie nicht lachen, sondern aufhorchen, gespannt zuhören und Beifall klatschen.

Seit 1991 hat sich einiges geändert: David Icke ist einer der bekanntesten Verschwörungstheoretiker geworden, seine Bücher sind in über zwanzig Sprachen übersetzt, Woche für Woche reist er durch die Welt und spricht «über seine Forschungen und Erkenntnisse zu den geheimen Machthabern dieser Welt».

Die herrschenden «Blutlinien»

Die Veranstaltung im Kongresshaus wird von einer losen Gruppierung namens Groundcrew organisiert. Ruth Huber hilft bei der Organisation des Anlasses. Sie kennt David Icke schon seit Jahren, hat viele seiner Bücher gelesen und stört sich nicht daran, wenn man sie als Verschwörungstheoretikerin bezeichnet. Sie werde oft in diese Schublade gesteckt. Das sei nur der Versuch, etwas unglaubwürdig zu machen. Aber wenn man einmal etwas von David Icke gelesen habe, dann erkenne man neue Wahrheiten.

Also kaufe ich eines seiner Bücher und versuche es zu lesen:

«Warnung! In diesem Buch werden Sie mit einer Unmenge schier unglaublicher Informationen konfrontiert. Wenn Sie von Ihrem gegenwärtigen Glaubenssystem abhängig sind oder wenn Sie glauben, dass Sie Ihre Weltanschauungen unmöglich aufgeben können, dann legen Sie das Buch aus der Hand.»

So beginnt «Das grösste Geheimnis», eine 500-seitige Reise durch die Zeit mit David Icke – von den Dinosauriern über die Sumerer zu den Bilderbergern. Die neuen Wahrheiten, die er darin verkündet, gehen so: «Eine Rasse aus sich untereinander kreuzenden Blutlinien hat sich im Altertum im Nahen und Mittleren Osten festgesetzt und im Laufe der Jahrtausende ihre Macht über den gesamten Globus ausgedehnt.» Die Welt wird von einigen wenigen «Blutlinien» beherrscht, der «babylonischen Bruderschaft» etwa oder den «Illuminati». Einige dieser «Blutlinien» sind Icke bekannt: «Das britische Königshaus der Windsors, die Rothschilds, der europäische Adel, die Rockefellers und das sogenannte Establishment des Ostens in den Vereinigten Staaten, aus denen die amerikanischen Präsidenten ebenso hervorgehen wie Konzernchefs, Banker und Politiker.»

David Icke geht noch weiter. Ganz am Anfang des Kampfes um die Weltherrschaft stehen ihm zufolge ausserirdische Reptilien, Echsen, die sich hinter einer menschlichen Gestalt verstecken. Sie sind drei bis sechs Meter lang und ernähren sich von Menschenfleisch und -blut, um ihre menschliche Erscheinung wahren zu können. Zu diesen Echsen gehören unter anderem George Bush, Queen Elizabeth oder Al Gore – und auch der neue Präsident der USA: Barack Obama.

Weiss Christoph Blocher davon?

Zwischen den ausserirdischen Echsen und dem gemeinen Fussvolk, das die Realität nicht wahrhaben will (wir alle!), steht das Komitee der 300, erklärt mir Ruth Huber: eine Reihe mächtiger Menschen, die in zahlreichen Geheimtreffen die Weltgeschicke lenken, Kriege planen und neue Präsidenten wählen.

Eines dieser Geheimtreffen ist die alljährliche Bilderberg-Konferenz, an der angeblich schon zahlreiche Schweizer teilnahmen: Pascal Couchepin, Flavio Cotti, Marcel Ospel, Daniel Vasella, Walter Kielholz ...

Und hier landet die Verschwörungstheorie in der Realität: Dieses Jahr waren der Chef des Ringier-Konzerns Michael Ringier und SVP-Vizepräsident Christoph Blocher an die Bilderberg-Konferenz bei Athen eingeladen – Michael Ringier übrigens nicht zum ersten Mal. Beide bestätigen gegenüber der WOZ, die Konferenz besucht zu haben, über den Inhalt aber schweigen sie. Blocher wiegelt ab und sagt: «Alles ganz harmlos.»

Später erklärt mir Bill Ryan, ein britischer Experte, der sich mit Verschwörungen, Ufos und Nasa-Geheimprojekten beschäftigt, die Sache am Telefon: «Wenn Sie nachfragen und abgeblockt werden, wenn Ihre Artikel nicht mehr gedruckt werden, dann wissen Sie: Sie kratzen an der Oberfläche. Dann kommen erst die richtig spannenden Fragen.»

Im Internet finden sich Dutzende solcher Fragen: Gehört Michael Ringier vielleicht zu den Illuminati? Ist der «Blick» Teil der Weltverschwörung? Geht die Welt 2012 unter? Ist die Schweinegrippe der Masterplan zur Ausrottung der Menschheit? Weiss Blocher davon? Ist er gar eine kinderfressende, bluttrinkende, ausserirdische Annunaki-Echse?

Der Milliardär vom Herrliberg hat tatsächlich einige Falten im Gesicht, als ich ihn auf Bilderberg anspreche. Und Blocher ist vieles. Aber eine ausserirdische Echse?

Ich frage also die Expertin.


Ruth Huber, ist Christoph Blocher eine ausserirdische Echse?

Ich denke nicht. Aber vielleicht gehört er zur Machtelite, wer weiss. Vielleicht wollten die Bilderberger ihn nur testen, prüfen, ob er geeignet ist.

Wie steht es eigentlich um David Icke? Ist er eine Echse? Vielleicht ist er ja auch nur eine Marionette der Mächtigen.

Das glaube ich nicht.

Vielleicht ist er ein Ablenkungsmanöver, ein Verschwörungstheoretiker, der die Leute desinformieren soll, um die wahre Verschwörung zu verbergen.

Bei solchen Fragen hilft mir die Meditation. Ich verlasse mich sozusagen auf meine Intuition. Bei den Mächtigen erkennt man die sauber polierte Maske sofort. Aber David trägt keine Maske. Das würde ich bemerken. Ausser er stünde unter Mind Control.

Mind Control?

Eine Spaltung der Persönlichkeit. Der Betroffene weiss selber nicht, dass er von aussen kontrolliert wird. Er trägt Daten mit sich, die nur mit einem Schlüsselwort abgerufen werden können. Da könnte ich auch nicht dahinter sehen.


Geheimtreffen, Mind Control, ausserirdische Echsen und jede Menge Esoterik – je länger man sich mit David Ickes Theorien beschäftige, desto vernebelter wird die Wahrheit. Das Problem ist: David Icke gibt Antworten auf Fragen, die man nie gestellt hat. Jedes Logo wird zum Symbol einer Geheimgruppe, jeder Stadtplan enthält ein verstecktes Pentagramm, und hinter jedem freundlichen Lächeln verbirgt sich plötzlich eine menschenfressende Echse. Ist das die Freiheit, von der er spricht?

Zum Glück sagte der Schaffhauser Musiker Guz einst in der WOZ: «Wenn du dir ein Bein in der echten Welt lässt, kann dir nichts passieren, egal, wie viel du über Raumschiffe und Verschwörungen liest.»

Und in der echten Welt liest man bei David Icke plötzlich unglaublich viel über Nazi-Okkultismus, Adolf Hitler und Heinrich Himmler. Und dann Sätze wie diesen: «Die Hakennase, die als typisches Merkmal der ‹Juden› gilt, ist ein genetisches Erbe Südrusslands und des Kaukasus.»

Die meisten Verschwörungstheorien sind antisemitisch. Sie enden in einem geheimen Raum, in dem eine jüdische Elite sitzt und die Welt regiert. Sind David Ickes Theorien auch antisemitisch? Meint er vielleicht gar nicht Echsen, wenn er von Echsen spricht?

Die Anti Defamation League, eine US-Organisation gegen die Diskriminierung von Juden, bezeichnet Ickes Schriften als antisemitisch. David Icke streitet das allerdings ab. Auch Ruth Huber nimmt David Icke in Schutz, wehrt sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus. Die Verschwörung sei religions- und völkerübergreifend. Man wolle David Icke als Antisemiten brandmarken, um ihn unglaubwürdig zu machen.

Und weil David Icke das alles weiss, sucht er die Rettung in der totalen Absurdität: Er schliesst «Das grösste Geheimnis» mit der Behauptung, dass der grösste Feind der Juden selbst ein Jude gewesen sei: «Hitler war ein Rothschild!»

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