Nr. 20/2020 vom 14.05.2020

«Sag mal, wie wahrscheinlich ist das?»

Digitalexpertin Katharina Nocun über Verschwörungsmythen in Zeiten von Corona – und die notwendige Abgrenzung von Protesten gegen Rechts.

Interview: Merièm StruplerMail an AutorIn

«Wir sind nicht rechts, wir sind nicht links – wir sind frei»: Demonstration am vergangenen Samstag in Stuttgart. FOTO: AGRON BEQIRI , GETTY

WOZ: Derzeit kursieren zahlreiche neue Verschwörungstheorien. Entsprechende Videos werden im Netz teils millionenfach angeklickt. Warum sind plötzlich so viele Leute empfänglich dafür?
Katharina Nocun: Wir erleben zurzeit einen gefühlten kollektiven Kontrollverlust. Viele Menschen haben Angst: um ihre Gesundheit, um Mitmenschen, die zur Risikogruppe gehören, Angst vor den wirtschaftlichen Folgen. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt: Wenn wir das Gefühl haben, keine Kontrolle über eine Situation zu haben, neigen wir eher dazu, an Verschwörungserzählungen zu glauben. Zudem ranken sich um grosse Ereignisse wie Terroranschläge oder den Tod von Prominenten viele solche Erzählungen. Wir wissen zwar von der Spanischen Grippe, von der Schweinegrippe oder von Ebola, dass Viren vom Tier auf den Menschen übergehen und Epidemien auslösen können. Trotzdem haben aktuell viele Leute Probleme damit zu akzeptieren, dass eben kein grosser Plan dahintersteckt.

Im Buch «Fake Facts» schreiben Sie von «Menschen aus der Mitte der Gesellschaft», die sich durch Verschwörungstheorien radikalisieren. Was meinen Sie damit?
Es existiert das Vorurteil, dass nur «ein paar verwirrte US-Amerikaner» an Verschwörungserzählungen glauben würden – etwa die Ufo-Gläubigen rund um das militärische Sperrgebiet Area 51. Aber gemäss Umfragen glauben viel mehr Leute an Verschwörungen, als gemeinhin angenommen wird. Etwa daran, dass Aids keinen natürlichen Ursprung habe oder dass Geheimbünde die Geschicke der Welt lenken würden. Die Coronapandemie hat damit zum Vorschein gebracht, was an sich schon lange da war.

Am Samstag haben in Deutschland Tausende gegen den Lockdown demonstriert, auch in der Schweiz gab es Kundgebungen. In den USA wurde Ende April gegen die Coronamassnahmen protestiert. Bahnt sich eine neue Bewegung an – und wie nah ist diese an Verschwörungsmythen dran?
Man muss jetzt erst mal schauen, wie sich diese Kundgebungen entwickeln. Sie unterscheiden sich je nach Ort stark. Während in einigen Städten Rechtsextremisten die Demonstrationen fluten, nehmen in anderen eher Leute aus dem esoterischen Umfeld teil. Auch sie können Verschwörungsideologien vertreten, aber das ist eine ganz andere Nummer als ein strammer Reichsbürger, der glaubt, Deutschland sei eine GmbH. Reichsbürger wollen im Endeffekt einen faschistischen, autoritären Staat. Das Zusammenwachsen von diesen Milieus ist ein neues Phänomen, das wir sehr genau beobachten müssen. Es gibt aber auch Menschen, die zu den Demos gehen, weil sie einfach nur über das Agieren der Politik verärgert sind, und mit diesen Gruppen nichts zu tun haben.

So unterschiedlich die Milieus sind – was eint sie?
Alle diese verschiedenen Gruppen haben sich Corona quasi oben aufgepfropft. Und obwohl ihre Narrative sehr unterschiedlich sind – von «Corona gibt es nicht» über «Corona ist eine im Labor hergestellte Biowaffe» bis hin zur «jüdischen Weltverschwörung» –, hat man gemeinsame Feinde: den Staat, die Medien, die Wissenschaft. Man gehört zu den Auserwählten und kennt die Wahrheit. Der Rest der Gesellschaft ist entweder Teil der Verschwörung oder Teil der dummen Mitläufer. Das halte ich für eine gefährliche Entwicklung.

Dennoch sind fundierte Kritik, das Einstehen für Grundrechte und politischer Protest wichtig – auch in Zeiten von Corona. Wann kippt die Kritik in die Verschwörung?
Ich finde es absolut wichtig, dass wir als Zivilbevölkerung die staatlichen Massnahmen genau beobachten und uns in die Debatte einmischen. Es gibt viele Gründe zu demonstrieren. Man kann auch mit Abstandsregeln protestieren, eine symbolische Aktion oder einen Onlineevent planen. Eine Zivilgesellschaft ohne Protest, die sich quasi selbst unter Quarantäne stellt – das können wir jetzt gar nicht gebrauchen! Aber ich würde mir immer genau anschauen, wer protestiert. Haben die Erfahrung mit politischer Arbeit? Gibt es eine klare Abgrenzung gegen Rechts? Und gibt es Strategien, um den Protest vor Vereinnahmung zu schützen?

In Deutschland wird nun bei den «Hygienedemos» einmal mehr «Wir sind das Volk» und «Volksverräter» skandiert. Auch an Schweizer Kundgebungen nahmen Rechtsextremisten teil. Warum lassen sich diese Mahnwachen von den Rechten kapern?
Weil bei vielen Mahnwachen die Abgrenzung gegen Rechts ausgeblieben ist. Die Rechtsextremisten versuchen, so gut wie alle Krisen zu nutzen, um ihre Agenda in der breiten Bevölkerung mehrheitsfähig zu machen. Wenn ein Organisator einer Anti-Lockdown-Kundgebung sagt: «Wir sind nicht rechts, wir sind nicht links – wir sind frei», dann könnte dieser Satz auch von jemandem stammen, der eine klassische Querfrontstrategie verfolgt. Der also versucht, Diskussionen aus der Mitte oder aus dem linken Spektrum für seine nationalistische, menschenfeindliche Ideologie zu vereinnahmen.

Was ist an den aktuellen Mythen neu im Vergleich zu jenen, die bereits länger zirkulieren?
Das Thema ist neu – es geht um eine Pandemie. Aber die zugrunde liegenden Mechanismen sind dieselben. Sie drehen sich meist um Menschen oder Gruppen, die als mächtig wahrgenommen werden. Zuvor kursierten antisemitische Mythen über den Milliardär George Soros oder über Geheimbünde – nun ist es der Softwaremilliardär Bill Gates. Ein weiteres Narrativ lautet, die Wissenschaft würde lügen. Das gibt es auch im Bereich der Klimawandelleugner, die ebenfalls behaupten, es gäbe eine grosse Verschwörung. Oder im Gesundheitssektor, wo Menschen glauben, dass Wunderkristalle effektiver gegen Krebs helfen würden als eine Chemotherapie. Oder wiederum das Narrativ der grossen Medienverschwörung, das in rechtsextremen Kreisen systematisch dazu genutzt wird, um sich gegen Kritik zu immunisieren. Die Grundtöne, die jede Komposition einer Verschwörungserzählung ausmachen, erkennen wir bei Corona eindeutig wieder.

Zurzeit kursieren auch spezifisch antisemitische Coronaerzählungen, die an den Mythos der Brunnenvergiftung während der Pest im Mittelalter erinnern. Sind die meisten Verschwörungstheorien im Kern antisemitisch?
Antisemitische Hetzkampagnen haben eine lange Tradition. Während der Nazizeit gehörten solche Verschwörungserzählungen zu einem der wichtigsten Propagandaelemente des NS-Regimes. Der Mythos, Juden wären mächtig und reich und würden alles kontrollieren, wird bis heute immer wieder bemüht. Auch die linke Szene ist nicht immun gegen antisemitische Verschwörungserzählungen. Bei Protesten gegen die Banken, gegen «das eine Prozent» muss man aufpassen, dass man nicht irgendwann die falsche Abbiegung nimmt und weit rechts herauskommt: bei der Vorstellung, dass «die Rothschilds» alles kontrollieren würden.

Wie würden Sie mit einer Person diskutieren, die einen Verschwörungsmythos vertritt?
Es ist wichtig, Widerspruch zu zeigen. Im Internet oder in grossen Chatgruppen geht es dabei auch um die stillen Mitleser. Im Freundes- oder Familienumfeld ergibt es Sinn, die Person im Zwiegespräch darauf anzusprechen, in einem ruhigen und sachlichen Ton – auf gar keinen Fall herablassend. Es kann auch eine gute Strategie sein, einfach Fragen zu stellen. Etwa: Wer steht denn hinter diesem Medium, auf das du dich beziehst? Hat diese Person eine politische Agenda? Wie finanziert sich diese Website? Wie erklärst du dir, dass eine Million Wissenschaftler Teil dieser Verschwörung sein müssen – und kein Einziger das bisher enthüllt hat? Oder wie wahrscheinlich ist es denn, dass eine geheime globale Verschwörung von hochintelligenten Milliardären existiert, wenn das ein B-Promi auf Instagram aufdeckt? Da lohnt es sich, an den kritischen Geist zu appellieren.

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