Nr. 41/2011 vom 13.10.2011

Ein staatlich organisiertes Massaker

Im Oktober 1961 liess der Präfekt von Paris gewaltsam eine Demonstration von algerischen MigrantInnen auflösen, wobei etwa 300 Männer, Frauen und Kinder umkamen. Zum fünfzigsten Todestag stellen sich noch immer Fragen zur Bewältigung des Massakers.

Von Thomas Schaffroth, Marseille

Der Algerienkrieg ist eines der blutigsten und längsten Kapitel des westeuropäischen Kolonialismus. Der Befreiungskampf in dem 1830 von Frankreich besetzten Land begann kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und wurde erst 1962 mit dem Evian-Abkommen von der französischen und der algerischen Regierung offiziell für beendet erklärt. Die Kriegsschauplätze befanden sich nicht nur in Nordafrika, sondern auch in Frankreich, beispielsweise in Paris und Marseille. Die Erinnerungen an diesen Konflikt, der Hunderttausenden von Menschen das Leben gekostet hatte, wurden nach der Unabhängigkeitserklärung Algeriens von neuen imperialistischen Kriegen in Südostasien (zum Beispiel in Vietnam) überschattet und verdrängt. Das politisch geprägte Erinnern folgte der Maxime, die der ungarische Schriftsteller György Konrad mit den Worten paraphrasiert hat: «Die meisten Menschen haben ein Interesse daran, ihr Gedächtnis zu verlieren.»

Es gibt mindestens drei Gründe, warum das Massaker, das der französische Staat am 17. Oktober 1961 in Paris an demonstrierenden algerischen ImmigrantInnen verübte, vorerst öffentlich verschwiegen wurde: erstens die Unkenntnis der Tatbestände. Denn zu diesem Zeitpunkt gab es noch kaum eine elektronische Bildübermittlung, die das öffentliche Bewusstsein wie heute hätte formieren können. Und der Rundfunk war damals noch fest in staatlicher Hand, alternative Radios ein ferner Traum. Zweitens war das Verschweigen eine bewusste Strategie der herrschenden Macht, um keine Proteste aufkommen zu lassen. Und drittens das Vergessen im konradschen Sinn: Wenn Erinnerungen schmerzlich und traumatisierend sind, so kann es für das Individuum und das Kollektiv psychisch gelegen kommen, diese zu vergessen.

Papons Menschenrechtsverbrechen

Auf den 17. Oktober hatte der algerische «Front de Libération Nationale» (FLN) in Paris zu einer Demonstration gegen die französische Kolonialmacht aufgerufen. Der Anlass dieses Protests: Maurice Papon, der Präfekt der Region Paris, hatte für «alle muslimischen Franzosen aus Algerien», wie sie im Dekret wörtlich genannt wurden, eine Ausgangssperre zwischen zwanzig Uhr abends und sechs Uhr morgens verhängt. Papon wollte nach eigenen Angaben mit dieser Massnahme verhindern, dass der Unabhängigkeitskrieg, der seit Jahren in Algerien geführt wurde, weiter auf die französische Hauptstadt übergreife.

Der gleiche Papon hatte in den Jahren 1942 bis 1944 während der Nazibesetzung bereits als Präfekt der Region Bordeaux gewirkt und die Deportation von über 10 000  Juden und Jüdinnen in die Konzentrationslager angeordnet. Wegen dieses Verbrechens gegen die Menschlichkeit wurde er 1997 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.

Während des Algerienkriegs vertrat Papon in Paris die Politik, Algerien sei ein französisches Departement und müsse es bleiben. Die meisten Französinnen und Franzosen teilten damals wohl diese Meinung. Und Papon war bereit, alle polizeistaatlichen Mittel einzusetzen, um dieses Ziel zu erreichen.

1958 hatte der FLN offiziell beschlossen, in Frankreich «eine zweite Front» zu eröffnen. Die Folge: Bombenanschläge auf Repräsentationsgebäude des Zentralstaates, so etwa auf Polizeikommissariate. Dem FLN gelang es beispielsweise, die Ölraffinerien in Marseille mit einem Anschlag teilweise zu zerstören und so vorübergehend einen Grossteil der Benzinversorgung Frankreichs zu stoppen.

Nach einer kurzen Unterbrechung nahm die Unabhängigkeitsbewegung im Sommer 1961 die Strategie der zweiten Front wieder auf und verübte weitere Attentate. Um den algerischen Widerstand zu brechen, verhängte Papon Anfang Oktober eine allgemeine umfassende Ausgangssperre für AlgerierInnen in Paris.

ImmigrantInnen und Gewerkschaft

In Paris und in den angrenzenden Vororten lebten Ende der fünfziger Jahre über 180 000  algerische ImmigrantInnen – hinter Algier weltweit die zweitgrösste urbane Konzentration dieser Bevölkerungsgruppe. Die meisten der MuslimInnen waren in den «Bidonvilles» in menschenunwürdigen Behausungen untergebracht. Obwohl die Barackensiedlungen für die französische Polizei schwierig zu kontrollieren waren, entsprach es der offiziellen Politik, die algerische Bevölkerung in Ghettos abzuschieben.

Gegen diese Zustände und die Ausgangssperre rief der FLN am 17. Oktober 1961 zu einer friedlichen Protestkundgebung im Zentrum von Paris auf, worauf am Nachmittag rund 40 000  Männer, Frauen und Kinder meist algerischer Herkunft dorthin marschierten. Die wichtigsten Linksorganisationen Frankreichs, die Sozialistische Partei (PS) und die Kommunistische Partei (PCF) sowie die Gewerkschaften waren bezüglich der Demonstration weder konsultiert noch zur Teilnahme eingeladen worden. Zwar verdienten die meisten der EinwanderInnen ihren Lebensunterhalt in der Region von Paris als IndustriearbeiterInnen – insbesondere in den Automobilwerken von Peugeot und Citroën – und arbeiteten eng mit ihren französischen Kolleginnen und Kollegen zusammen. Doch Internationalismus und Antiimperialismus waren in der französischen ArbeiterInnenbewegung nicht weit verbreitet; und der französische und der algerische Nationalismus erwiesen sich latent als Gegensätze.

Polizei und Todesschwadronen

Auf die maghrebinischen DemonstrantInnen warteten mehrere Tausend Sicherheitskräfte. Unter ihnen befand sich auch die Sondereinheit Force de Police auxiliaire, eine Hilfspolizei, zusammengesetzt aus «Harkis», geborenen AlgerierInnen, die französische StaatsbürgerInnen bleiben oder werden wollten und die Unabhängigkeit ablehnten. Aber auch die SCAA (Service de Coordination des Affaires algériennes) war von Papon mobilisiert worden, eine Ende der fünfziger Jahre von ihm gegründete eigentliche Todesschwadron. Sie hatte sich darauf spezialisiert, algerische Militante, die für die Unabhängigkeit des Landes kämpften, zu ermorden.

Am späten Nachmittag begann an der Seine das Massaker an den DemonstrantInnen, das die ganze Nacht andauerte. In einem staatlichen Archiv lässt sich heute das Zeugnis des damals im Einsatz stehenden Polizisten Raoul Létard nachlesen: «Man schoss auf alles, was sich bewegte, das war ein Horror. Die Körper verletzter oder toter Menschen häuften sich im Polizeieinsatzwagen an.» Létard erinnerte sich auch daran, dass seine Einheit bei ihrer Rückkehr aufs Kommissariat vom Kommandanten abgekanzelt worden sei, weil sie die Verletzten und die Leichen nicht einfach auf der Strasse liegen gelassen habe.

Laut Papon gab es in der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1961 in Paris drei Tote, der FLN hingegen zählte mindestens 200. Gemäss den gerichtsmedizinischen Quellen, die erst Jahrzehnte später zugänglich wurden, wurden mindestens 83 Menschen ermordet.

Der französische Historiker und Journalist Jean-Luc Einaudi forscht und publiziert seit vielen Jahren über die staatliche Repression gegen AlgerierInnen während ihres Unabhängigkeitskriegs. Er kam in seinem bereits 1991 veröffentlichten Buch «La bataille de Paris, 17 octobre 1961» zum Schluss, dass 393 AlgerierInnen umgebracht worden oder verschwunden seien. Dabei führte er sie namentlich auf und erzählte ihre Geschichte.

«Allaoua Boussaha wurde in der rue Richelieu zusammen mit seinem Freund Saïd verhaftet. In einem Bus wurden sie mit anderen Algeriern an das Seine-Ufer transportiert. Dort wurden sie von zwölf Uniformierten zusammengeschlagen. Mit kaputtem Kiefer und einem gebrochenen Bein wurde Boussaha in den Fluss geworfen. Er überlebte und wurde während dreier Monate in einem Spital gepflegt. Seinen Freund und die anderen Algerier hat er nie wieder gesehen.»

In der gleichen Nacht nahmen die Sicherheitskräfte über 4000  Menschen fest. Ihr einziges Delikt: Sie sahen wie NordafrikanerInnen aus. Die Verhafteten wurden oft mehrere Tage unter brutalen Bedingungen festgehalten, manchmal gefoltert. Als Kerker dienten Polizeiposten, Kasernen, aber auch Sportanlagen wie der Palais des Sports in Paris. Am 20. Oktober wurde dieser wieder «aufgeräumt» und gereinigt, denn am Abend fand dort ein Konzert mit Ray Charles statt: Spurenvernichtung, damit die blutige Nacht geheim gehalten und vergessen werden kann.

Es war Krieg

Erst 1999 hat die französische Regierung offiziell zugegeben, dass das Land zwischen 1954 und 1962 in einen Krieg verwickelt gewesen war. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Algerienkrieg laut offizieller Sprachregelung bloss «eine Massnahme, um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten». Seit den achtziger Jahren hatten HistorikerInnen und Kulturschaffende in Literatur und Film dieses schmachvolle Kapitel der französischen Geschichte vermehrt an die Öffentlichkeit gebracht. Früher waren entsprechende Versuche oftmals an der staatlichen Zensur gescheitert. Die politische Militanz, der Antirassismus eines Teils der zweiten Generation der EinwanderInnen, hat dazu beigetragen, dass die verschüttete historische Vergangenheit ihrer Eltern wieder ans Tageslicht gekommen ist.

Immerhin: In Paris und mehreren umliegenden Gemeinden erinnern seit Anfang dieses Jahrhunderts Gedenktafeln und die Umbenennungen von einigen öffentlichen Plätzen zu «Place du 17. Octobre 1961» an das Massaker, das der französische Staat vor fünfzig Jahren an algerischen ImmigrantInnen verübt hat.

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