Nr. 40/2012 vom 04.10.2012

Rassenwahn und Eroberungskrieg

Kurt Pätzolds Buch «Wahn und Kalkül» hilft, so weit wie überhaupt möglich, die Frage nach den Motiven der NS-Vernichtungspolitik zu beantworten.

Von Jens Renner

Wahn und Kalkül: Das ist die kürzeste Formel, auf die sich die Motive des Völkermords an den europäischen JüdInnen bringen lassen. Der Historiker Kurt Pätzold (geboren 1930) benutzt sie seit langem. Sein neues Buch «Wahn und Kalkül. Der Antisemitismus mit dem Hakenkreuz» ist eine Zusammenstellung bereits veröffentlichter Texte zu einer trotz intensiver Forschung immer noch offenen Frage: In welchem Verhältnis standen der NS-Rassenwahn und die (politische, ökonomische, militärische) Rationalität der Vernichtung?

Beginnen wir mit dem Wahn: Schon im nie veränderten 25-Punkte-Programm der NSDAP vom 24. Februar 1920 wird die Entrechtung der in Deutschland lebenden JüdInnen gefordert. Unter Punkt 4 heisst es: «Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksicht auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.» An diversen Stellen werden konkrete Massnahmen angedroht, etwa die Abschiebung aller «Nichtdeutschen, die seit dem 2. August 1914 in Deutschland eingewandert sind», die Entlassung sämtlicher nicht deutscher (jüdischer) «Schriftleiter und Mitarbeiter von Zeitungen, die in deutscher Sprache erscheinen», die Todessstrafe für «gemeine Volksverbrecher, Wucherer, Schieber».

«Erlösungsantisemitismus»

Dieses Programm war ein Glaubensbekenntnis: Erst nach der «Entfernung» der Juden könne die deutsche Volksgemeinschaft erblühen. Saul Friedländer prägte für diese Weltanschauung den Begriff «Erlösungsantisemitismus». Die NSDAP-Führer, ihre Gefolgschaft und später Millionen Deutscher glaubten fest an diese Ersatzreligion. Ebenso fest glaubten sie an die Überlegenheit der «arischen Rasse» und an die Minderwertigkeit von «Untermenschen»; auf deren unterster Stufe sahen sie «den Juden».

Weder 1920 noch 1933 oder 1939 existierte ein Programm für den Völkermord. Dieser ergab sich, wenn auch nicht gesetzmässig, so doch aus dem Parteiprogramm und mehr noch aus den ausführlicheren Darlegungen der NS-Weltanschauung durch deren Protagonisten. Allen voran Adolf Hitler hatte in «Mein Kampf» (1925) die Grundlagen dazu zum verbindlichen Schulungsmaterial zusammengefasst. Etliche Sentenzen gehörten zum allgegenwärtigen Zitatenschatz der Parteifunktionäre, etwa: «Mit dem Juden gibt es kein Paktieren, sondern nur das harte Entweder-Oder.» In «Mein Kampf» schliesst sich unmittelbar der Satz an: «Ich aber beschloss nun, Politiker zu werden» – ein klarer Hinweis, welcher «Mission» diese Berufswahl dienen sollte. Auch die gewalttätigen Methoden, die bei der «Entfernung der Juden» angewendet werden sollten, werden bereits deutlich, wenn auch metaphorisch umschrieben: «Kein Volk entfernt diese Faust (des ‹Weltjuden›) anders von seiner Gurgel als durch das Schwert.»

Dass der Krieg für «Lebensraum im Osten» mit der Vernichtung der «internationalen jüdischen Völkermade» (Hitler) zusammenhing, wurde auch Gegenstand der Propaganda. In seiner später mehrmals wiederholten «Prophezeiung» vom 30. Januar 1939 drohte Hitler für den Fall eines neuen Weltkriegs mit der «Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa». Auch Hitlers bürgerliche Bündnispartner wussten, in was für eine Art von Krieg sie zogen; sie wollten diesen Krieg – zur Auslöschung der «Schmach von Versailles», für Deutschlands Grösse, persönliche Macht und Bereicherung. Ob sie selbst dem Erlösungsantisemitismus anhingen, war zweitrangig.

Dass der 1933 begonnene Prozess der Entrechtung, Enteignung und Vertreibung der JüdInnen in den Völkermord mündete, war alles andere als das Ergebnis einer «kumulativen Radikalisierung» durch rivalisierende Instanzen. Dieser «strukturalistische» Erklärungsansatz ist heute von der Geschichtswissenschaft genauso überwunden wie die «intentionalistische» Gegenthese: Demnach ging der Holocaust auf einen (schriftlichen oder mündlichen) «Führerbefehl» zurück.

Generalplan Ost

Schon 1985 versuchte der britische Historiker Ian Kershaw, beide Erklärungen zu integrieren. Ausdrücklich lobte er dabei Pätzold, der als DDR-Wissenschaftler seinerzeit ein Exot in der Holocaustforschung war: Ihm komme «das Verdienst zu, die Vernichtung der Juden als ein Element im Gesamtkontext des rücksichtslosen und entmenschlichenden Expansionsdrangs des NS-Staates festzumachen».

Über diesen Gesamtkontext schreibt Pätzold: «Im Zielbild der Machthaber vom germanischen Weltreich verschmolzen in der Tradition des Kolonialismus liegende Herrschafts- und Ausbeutungsinteressen, gerichtet auf Kohle, Erze, Erdöl, Getreide und andere Reichtümer, mit der faschistischen Ideologie von den Herren- und den Untermenschen. (…) Ohne ideologische Voraussetzungen und Dispositionen konnte der Massenmord an den europäischen Juden nicht beschlossen und in Gang gesetzt werden.»

Die Ermordung von sechs Millionen JüdInnen aber war, «gemessen an den weiteren Planungen, eine Eröffnung». Denn nach dem Generalplan Ost war der Tod weiterer Millionen «Überflüssiger», vor allem SlawInnen, einkalkuliert. Dennoch war das angestrebte «Grossgermanische Weltreich», so Pätzold, «kein mittelalterliches, sondern ein modernes Gebilde. Seine ökonomische Basis war die Kapitalherrschaft.»

Was in solchen Zitatfragmenten thesenhaft wirkt, wird von Pätzold empirisch belegt und argumentativ verteidigt. Besonderes Gewicht legt er auf die Widerlegung von Legenden: etwa der, dass die Deportationszüge in die Vernichtungslager Vorrang vor den Truppentransporten gehabt hätten; dafür gibt es bis heute keinen Beleg. Er weist auch darauf hin, dass gegen Kriegsende bereits deportierte JüdInnen in das Reich zurückgeschafft wurden, um Zwangsarbeit zu leisten.

Kurt Pätzolds Buch bietet eine Fülle von Fakten und Argumenten. Dass es keine abschliessenden Antworten enthält, ist dem Autor nicht vorzuwerfen: Die Frage nach Wahn und Kalkül der NS-Vernichtungspolitik wird sich wohl niemals endgültig beantworten lassen.

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