Nr. 11/2013 vom 14.03.2013

Ganz so einfach ist es nicht

Der Historiker Wolfgang Kraushaar hat in Deutschland mit seinem Buch über eine Anschlagserie Anfang der siebziger Jahre eine Debatte ausgelöst. Seine These: Der deutsche Linksterrorismus habe seine Wurzeln im Antisemitismus.

Von Gerhard Hanloser

1976 verkündete der Schriftsteller Gerhard Zwerenz: «Linker Antisemitismus ist unmöglich!» Damals tobte ein Streit um Rainer Werner Fassbinders Stück «Der Müll, die Stadt und der Tod» in Frankfurt am Main. Zwerenz schob in der «Zeit» hinterher: «Linke Kritik kann nicht rassistisch, biologistisch, nationalistisch argumentieren. Wo sie, wie in Frankfurt, auf Juden oder Israelis trifft, geht das nicht gegen ‹die› Juden, sondern gegen verfehlte und unmenschliche Baupolitik.»

In Frankfurt waren unter den grossen Immobilienhaltern auch einige Juden, die sich von Fassbinders und Zwerenz’ literarischen Provokationen ausserordentlich angegriffen fühlten. Heutzutage antworten Publizisten wie der Herausgeber der Wochenzeitung «Freitag», Jakob Augstein, der sich als links einschätzt, ähnlich wie Zwerenz auf Vorhaltungen, er argumentiere antisemitisch: Wo «fortschrittliche» Kritik auf Juden oder Israelis treffe, gehe es nicht gegen «die» Juden, sondern gegen eine verfehlte Nahostpolitik und eine unmenschliche Okkupationspraxis des israelischen Militärs.

Ist alles so einfach? So einfach ist es nicht.

Deutschland, im Jahre 1970

Die Linke, besonders in Deutschland, aber auch in anderen deutschsprachigen Ländern, sieht sich seit 1967 immer wieder mit dem Antisemitismusvorwurf konfrontiert. Jüngstes, in der Bundesrepublik viel diskutiertes Beispiel ist die Debatte um das Buch mit dem langen Titel «‹Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?› München 1970: über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus» des Historikers Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung.

Tatsächlich ist die verheerende Politik des «bewaffneten Kampfs» in Westdeutschland der siebziger Jahre seit der Entführung eines Passagierflugzeugs der Air France auf dem Flughafen von Entebbe (Uganda) im Juli 1976 durch palästinensische und deutsche LuftpiratInnen mit der Frage nach linkem Antisemitismus verknüpft. Die deutschen EntführerInnen gehörten den Revolutionären Zellen an, einer aus Frankfurt stammenden «Stadtguerilla-Bewegung», die einen strategisch und inhaltlich anders gelagerten Weg als die Rote Armee Fraktion (RAF) gehen wollte.

In den achtziger Jahren hatte besonders Henryk M. Broder der deutschen Linken vorgehalten, die Augen davor verschlossen zu haben, dass diese «Genossen» in Entebbe den palästinensischen LuftpiratInnen geholfen hätten, anhand der Namen in den Pässen JüdInnen von NichtjüdInnen zu separieren. «Es war die erste ‹Selektion› nach 1945», so Broders Urteil.

Auch Kraushaar führte die Rede von der Selektion von JüdInnen und NichtjüdInnen in Entebbe, die fortan quasi sprichwörtlich wurde. Bereits in seinem Buch «Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus» (2005) zeigte er auf, dass es schon am 9. November 1969 einen Anschlagversuch auf das Jüdische Gemeindezentrum in Berlin gab – ausgerechnet am Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938. Opfer wären ältere JüdInnen, meist Überlebende des Holocaust, gewesen. Die Bombe explodierte zum Glück nicht. Als Initiator konnte Kraushaar den Linksprovokateur Dieter Kunzelmann, Mitbegründer der Kommune I, ausmachen, von dem auch die Worte stammen, die den Titel für Kraushaars aktuelles Buch stifteten: «... wann endlich beginnt bei Euch der organisierte Kampf gegen die heilige Kuh Israel?»

Allerhand Spekulationen

In dieser neusten Veröffentlichung geht Wolfgang Kraushaar vier Anschlägen im Februar 1970 nach, die im Schatten der Geiselnahme des israelischen Olympiateams am 5. September 1972 an den Olympischen Spielen in München, bei der siebzehn Menschen getötet wurden, in Vergessenheit geraten sind (vgl. «Tödlicher im Februar 1970»).

Von diesen vier Terroranschlägen ist bis heute einzig der Brandanschlag auf die Israelitische Kultusgemeinde München vom 13. Februar ungeklärt, bei dem sieben BewohnerInnen getötet wurden. Für Kraushaar ist er die Verlängerung des linken Anschlagversuchs vom 9. November 1969, die Täter macht er in der linksradikalen Subkultur rund um Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann und den heutigen Schriftsteller Ulrich Enzensberger aus. Letzterer meldete sich jüngst in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» mit einer Erklärung zu Wort, wonach er mit den antisemitischen Anschlägen nie etwas zu tun gehabt habe.

Tatsächlich konstruiert Wolfgang Kraushaar eine atemberaubende Indizienkette, die nicht nur Willi Winkler, Autor eines Sachbuchs über die Geschichte der RAF, in der «Süddeutschen Zeitung» dazu animierte, Kraushaars Ausführungen eine «raunende Kriminalerzählung» zu nennen: Kraushaar könne nichts beweisen, hantiere unsauber mit Quellen, besonders mit Vernehmungsakten, und konstruiere eine Geschichte, an deren Ende er «mit aller Gewalt die Linke des Antisemitismus überführen» wolle.

Auch der mit Kritik an der bundesrepublikanischen Linken nicht sparende Historiker Gerd Koenen weist in der «Zeit» die Generalthese von Kraushaar zurück: Den Motivkern für den Aufbruch von 1968 und seine terroristischen Folgen in einem «primären Judenhass» auszumachen, gehe vollkommen fehl. Die Lektüre von Kraushaar wandere über «Holzwege und Seitentreppen» und führe doch – nirgendwohin. Lediglich ein paar Indizien und allerhand Spekulationen könne Kraushaar präsentieren. Den KommunardInnen, die doch gerade aus der nachfaschistischen Gesellschaft und den belasteten Familien mit der Parole «Entwurzelt euch!» entfliehen wollten, ausgerechnet Wurzeln im Antisemitismus zu attestieren, habe wenig Erhellendes für sich.

Dan Diner, Leiter des Simon-Dubnow-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig, springt Kraushaar allerdings mit einem Beitrag in der «Welt» zur Seite, in dem er die Generalthese, wonach der «linke Terrorismus» seine Wurzeln im Antisemitismus habe, noch zu überflügeln trachtet. So unterstellt er der RAF-Gründerin Ulrike Meinhof, sie habe in einem Prozess gegen den damaligen RAF-Anwalt und heutigen Holocaust-Leugner und Rechtsradikalen Horst Mahler Ende 1972 dem Antisemitismus eine «seinem Wesen nach antikapitalistische und durchaus positive Natur» bescheinigt.

Auch hier zeigt sich nach Überprüfung der Quelle, dass dies gelinde gesagt eine stark polemische Zusammenfassung von Aussage und Intention Meinhofs darstellt. Doch Diner geht weiter, er behauptet, die TerroristInnen folgten «wie von unsichtbarer Hand gelenkt den Spuren der von den Nazis ausgelegten Fährte eines die Alliierten bekämpfenden ‹Werwolfs›». Damit wird die Ideologie und Praxis der RAF in eine direkte Kontinuitätslinie der NS-deutschen Barbarei von 1933 bis 1945 gestellt. Wie passt das mit der Selbsteinschätzung des RAF-Mitglieds Lutz Taufer zusammen, wonach die RAF eine «verspätete Résistance» darstellte? Wie damit, dass prominente Opfer der RAF wie Siegfried Buback und Martin Schleyer Altnazis waren?

Wolfgang Kraushaars und Dan Diners Ausführungen zeigen, dass die obsessive Suche nach «antisemitischen Wurzeln» der neuen Linken in der Sache wenig tragfähig ist. So niederträchtig der Anschlag vom 9. November 1969 war, bei dem, wie Gerd Koenen betont, ein Verfassungsschutzagent seine Finger im Spiel hatte, so unvorstellbar einseitig sich die Parteinahme für die PalästinenserInnen durch die neue Linke nach dem Sechstagekrieg (5. bis 10. Juni 1967) gestaltete und so unglaublich geschichtslos sich die Sprache der neuen Linken (besonders der marxistisch-leninistischen K-Gruppen) im Hinblick auf Israel ausnahm, das als «Völkermordzentrale» und anderes tituliert wurde: Einem primären Judenhass folgte noch nicht mal der Entführer der Air-France-Maschine nach Entebbe, Wilfried Böse. Er erklärte gegenüber einer Geisel: «Ich habe in Westdeutschland Terroranschläge verübt, weil das herrschende Establishment Nazis und Reaktionäre in seinen Dienst aufgenommen hat.» Und schob hinterher: «Meine Freunde und ich sind hier, um den Palästinensern zu helfen. Sie sind die Underdogs. Sie leiden.»

Lenin und der Antizionismus

Problematisch war der linke Antizionismus der siebziger Jahre, weil er nach Auschwitz meinte, die leninsche Kritik am Zionismus wiederbeleben zu können. Doch Israel war eine Realität geworden und eine Heimstätte für überlebende JüdInnen. Ausserdem suchte sich die neue Linke im Geiste eines Internationalismus Bündnispartner, die in ihrem Kampf gegen Israel wenig zimperlich waren. Was das Zusammentreffen von linken, subjektiv antifaschistischen Deutschen, denen der offizielle philosemitische Kurs der Bundesrepublik zuwider war, mit PalästinenserInnen und deren ganz eigener Leidensgeschichte und ihrem «Kampf gegen den Zionismus» bedeutete, wurde historisch und soziologisch bislang noch nicht untersucht. Und in der Tat spielte die linke Anti-Israel-Haltung der siebziger Jahre zuweilen auch ins Antisemitische. Eine Rolle spielte womöglich auch, dass vereinzelte revolutionär gestimmte LinkspopulistInnen die deutsche Bevölkerung damit entlasten wollten.

Doch die daraus resultierenden Fehler, Dummheiten und Unsäglichkeiten unterscheiden sich in eklatanter Weise vom modernen Antisemitismus, der unmittelbar mit Rassismus, Biologismus und Nationalismus einherging und in der Vernichtungspraxis des Faschismus kulminierte. Hier bedarf es der Anstrengung des Begriffs. Diese zu leisten, kann weder von KriminalistInnen noch von Menschen mit Abrechnungsbedürfnis gegenüber der Linken erwartet werden.

Gerhard Hanloser (40) ist Soziologe und schrieb zum Thema «Bundesrepublikanischer Linksradikalismus und Israel» (in: «Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte XXXIII», 2005, herausgegeben von Mosche Zuckermann).

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