Nr. 13/2013 vom 28.03.2013

Wunderkammer, Kraftwerk, Geschichtslabor – und auch ein Treibhaus

Ausgehend von Bildern und Fotografien zur Arbeiterbewegung weitete der gelernte Fotograf Roland Gretler seine Sammlung im Lauf der Jahre zu einem sozialgeschichtlichen Archiv aus. Doch Gretlers Panoptikum ist weit mehr als ein Archiv – das zeigt nun eine Ausstellung in St. Gallen.

Von Peter Pfrunder

«Fritz Platten am Antifa-Tag, 11.10.1931, Fraumünsterplatz Zürich». Foto: E. Acklin, Arbeiterfotobund

Ob «Archiv» überhaupt geeignet ist, um zu benennen, was Roland Gretler – mit Unterstützung seiner Frau Annelies – im Lauf der Jahrzehnte aufgebaut hat? «Archiv» klingt etwas gar nach lebloser Materie, nach dürren Ablagerungen, Stillstand und Fixierung. Oder sogar nach obrigkeitlicher Macht: Das griechische Wort «archeion» bezeichnete ursprünglich ein Amts- oder Regierungsgebäude, wo die Akten zur Regelung des öffentlichen Lebens aufbewahrt wurden. Und damit wären wir nun wirklich sehr weit weg von den Zielen, die Roland Gretler mit seiner Sammelarbeit verfolgte.

Aber was ist denn dieses «Panoptikum zur Sozialgeschichte», wie Gretler es taufte, nachdem er gemerkt hatte, dass der Titel «Bildarchiv zur Geschichte der Arbeiterbewegung» nur Stirnrunzeln und mitleidiges Lächeln hervorrief?

Barocker Sammler

Wer das Privileg hat, von Roland Gretler durch seine Sammlung – besser: seine Sammlungen – geführt zu werden, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Was seine Schubladen und Korpusse an Überraschungen bereithalten, erinnert an die Raritäten- und Kuriositätensammlungen der Barockzeit, die Vorläufer unserer heutigen Museen. Gewiss, die früheren Wunderkammern präsentierten ausgestopfte Tiere, antike Statuen, Elfenbeinschnitzereien, menschliche Skelette und vieles mehr in wilder Anhäufung – so weit geht Gretler nicht. Aber auch das Panoptikum enthält wahre Raritäten: Momentaufnahmen aus Leben und Alltag der sogenannten kleinen Leute zum Beispiel, die nur erhalten geblieben sind, weil Gretler seine Aufmerksamkeit schon sehr früh jenen Zeugnissen und Dokumenten schenkte, für die sich sonst kaum jemand interessierte. Noch heute bewahre ich ein Exemplar der längst verblichenen Zeitschrift «Magma» auf, die 1987 eine Beilage zu Gretlers Ausstellung «Heraus aus Dreck, Lärm und Gestank» produzierte – diese Beilage vermittelt eine Ahnung davon, dass Roland Gretler bei seiner Sammeltätigkeit ganz eigene Wege ging und dabei auch auf andere Quellen stiess als die meisten Institutionen, die sich damals mit Fotografie befassten.

Unvergesslich ist für mich eine Aufnahme vom Generalstreik 1918: zwei Männer hinter schweren Felsbrocken, die am Bahnhof Grenchen auf die Eisenbahnschienen geschleppt wurden, um alle Zugverbindungen zu unterbrechen. Eine echte Trouvaille, ein Bild, das mir in keinem anderen Archiv je wieder begegnet ist. Aber auch was die Exotik betrifft, kann das Panoptikum mit den alten Wunderkammern mithalten – dieser frühere Arbeiteralltag ist inzwischen in so weite Ferne gerückt, dass er manchen ZeitgenossInnen fast wie ein unwirkliches Märchenland erscheinen mag.

Leidenschaftliches Engagement

Die Energie, die in diesem Panoptikum produziert wird, reicht sehr wohl aus, um allerlei Projekte in Bewegung zu setzen und ein paar dunkle Zonen unserer Vergangenheit zu erhellen. Manch einem, manch einer ist wohl im wahrsten Sinn des Worts ein Lichtlein aufgegangen, wenn sie oder er Gretlers Ausführungen zuhörte und dabei die Bedeutung einer Fotografie begriff. Vor allem aber ist es die Passion, ja die Obsession des Kraftwerkbetreibers, die unerhörte Mengen von Energie freisetzt, wenn dieser sich einmal an einem seiner Objekte festgebissen hat und jedes Detail erforscht. Diese unermüdliche Leidenschaft, gepaart mit anarchischer Sturheit und kämpferischer Zähigkeit, erzeugt zuweilen eine Hochspannung, die auch die Umgebung unter Strom setzt – nicht zuletzt, weil der Sammler sich heute noch über vergangenes Unrecht echauffiert und statt langweiliger Objektivität subjektives Engagement an den Tag legt.

Mehr als ein «Barfusshistoriker»

Schon zu einer Zeit, als sich die Geschichtswissenschaft noch sehr schwer damit tat, Fotografien als ernst zu nehmende Quellen zum Verständnis der Vergangenheit zu betrachten, hat Gretler das Potenzial fotografischer Bilder erkannt. Nicht einfach zur Illustration bekannter Fakten, sondern als eine Möglichkeit, Dinge über unsere Vergangenheit zu erfahren, die durch Texte nicht erfahrbar sind. Es ist wohl die besondere Kombination verschiedener Neigungen, dank derer er in dieser Hinsicht seiner Zeit voraus war.

Auf der einen Seite haben wir es mit einem ausgebildeten Fotografen und Augenmenschen zu tun, der sensibel auf Bilder reagiert und diese zu lesen und zu deuten versteht. Auf der andern Seite ist Gretler ein Forscher, der es sich zur Gewohnheit gemacht hat, die «Wirklichkeit» immer wieder kritisch zu hinterfragen. Wenn er sich selbst als «Barfusshistoriker» bezeichnet, kommt darin auch zum Ausdruck, was seine Stärke ist: nicht der akademische und blutleere theoretische Diskurs, sondern die Fähigkeit, aus eigenen Erfahrungen oder persönlicher Betroffenheit genau jene Fragen zu stellen, die zu einem besseren Verständnis der sogenannt objektiven Tatsachen führen.

Dabei ist die schöne Bezeichnung «Barfusshistoriker» auch ein Understatement – sie täuscht eine Art Naivität vor, einen einfachen und unmittelbaren Zugang zur Geschichte, der ohne komplizierte Methoden und Theorien auskommt. Aber alle, die schon mit Gretler zusammengearbeitet haben, wissen, dass dieser «Barfusshistoriker» einen höchst differenzierten und raffinierten Umgang mit dem Medium Fotografie pflegt. Er ist sich bewusst, dass das Lesen und Interpretieren von Fotografien sowohl einen analytisch-detektivischen Scharfsinn wie auch eine blühende Fantasie voraussetzt.

Gretler ist alles andere als ein naiver Betrachter, der dem verbreiteten Fehler verfällt, ein fotografisches Bild als ungebrochenen Spiegel der Realität zu verstehen. Ein Beispiel für sein Bildverständnis findet sich etwa in der 1999 erschienenen Monografie über den Fotografen Hans Peter Klauser, zu dem Gretler einen Aufsatz über Flüchtlingsfotografien beigesteuert hat. Einerseits beeindruckt dieser Text durch das faktische Wissen über die Flüchtlingspolitik der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Andererseits ist er auch ein Lehrstück über den Umgang mit historischen Fotografien, sodass man ihn auch heute noch Historikerinnen, Redaktoren, Medien- oder Bildwissenschaftlerinnen ans Herz legen möchte.

Ausgehend von der Frage, wie Klausers Flüchtlingsfotografien zu deuten sind, denkt Gretler darin sehr grundsätzlich über das Verhältnis von Geschichte und Fotografie nach, über den Aktualitätsgehalt historischer Bilder, über die Verdrängung unliebsamer Wahrheiten, über die kollektive Erinnerung und unsere Lücken im Gedächtnis. Und dies in einer packenden, anschaulichen, sprachlich und stilistisch ausgefeilten Form. Da stehen Sätze wie: «Manche Bilder verschaffen sich auch ohne unser eigenes Zutun, quasi illegal, einen Platz in den dunklen Nischen unseres Gedächtnisses (weil sie vielleicht bereits ‹Verwandte› drin haben, die ihnen ein Schlupfloch offen halten). So oder so beeinflusst die Rezeption jedes neuen Bildes die Gesamtheit der bereits gespeicherten, vermag das komplizierte Beziehungssystem des visuellen Gedächtnisses zu bewegen, dass es wie ein Mobile in Schwingungen gerät, selbst wenn nur die feingliedrigste Verzweigung be- oder entlastet wird.»

Oder: «In den Fotos steckt also nicht die Erinnerung selbst und noch weniger sind sie eine Art Ersatz für das Gedächtnis, aber sie helfen diesem auf die Beine, geben Anstoss, sich zu erinnern. Dank ihnen sind wir in der Lage, Erinnerung zu produzieren. Ja, diese Erinnerung wird nicht bewahrt, sondern immer wieder hergestellt. Viele Erinnerungen – eine Geschichte. Aber, ein kollektives Gedächtnis? Könnte man nicht erst dann von einem kollektiven Gedächtnis sprechen, wenn es alle, auch die Erinnerungen von Minderheiten umfassen würde?»

Gretlers Schlussfolgerung: «Die Flüchtlingsbilder der Schweizer Fotografen (…) können uns also kein verallgemeinertes Bild über die Flüchtlingsgeschichte der Schweiz im Zweiten Weltkrieg vermitteln. Sie können höchstens einen kleinen und nicht den wichtigsten Ausschnitt der Flüchtlingspolitik illustrieren, denn mit ganz wenigen Ausnahmen wurden alle diese Fotos, die fünfzig Jahre danach in den Medien als Quasi-Dokumente mit dem Nimbus des ‹Tatsachenbildes› benützt wurden, erst kurze Zeit vor Kriegsende gemacht. Und unter den abgebildeten Menschen sind gerade jene nicht dabei, welche von einer unmenschlichen, aber konsequent antisemitischen Flüchtlingspolitik (…) an der Grenze abgewiesen, sogar zurück‹überstellt›, von Schweizer Beamten den Beamten der Mörder ausgeliefert wurden.»

Fürwahr: «Barfusshistoriker» ist ein krasses Understatement. Denn hier spricht ein Kenner der Materie. Und was er uns sagt, gehört zur hohen Schule des kritischen Bilderlesens, zur Bildkompetenz, die seit einiger Zeit allenthalben gefordert wird, neuerdings unter dem neudeutschen Schlagwort «Visual Literacy».

Assoziative Fabulierlust

Das Panoptikum ist aber auch ein Ort, an dem die Fantasie ihre Blüten treibt. Nicht irgendeine, sondern die Fantasie des begnadeten Erzählers Gretler, der einen stundenlang mit immer neuen Geschichten unterhalten kann. Wer mit einer ganz kleinen und präzisen Frage ins Panoptikum stolpert – zum Beispiel mit dem Klassiker: «Lieber Roland, gibt es in deiner Sammlung Fotografien von Verdingkindern?» – muss damit rechnen, dass ihn Gretler auf eine schier unendliche Reise mitnimmt, von Foto zu Foto, durch Bilderberge und Dokumententäler, vom Sichtmäppchen zum Ringordner, von der Schublade zum Schreibtisch, vom Hängeregister zum Aktenschrank, vom Hundertsten zum Tausendsten, bergauf und bergab, sodass man am Ende nicht mehr weiss, wonach man gefragt hat. Dafür hat man, en passant, ganz viele andere wichtige Sachen gesehen und erfahren, und vor allem hat man dabei erlebt, wie assoziatives Arbeiten mit visuellen Quellen funktioniert und sich aus dem Sekundenbruchteil einer fotografischen Aufnahme ganze Lebensgeschichten oder ein epochenumfassender Roman entfalten können.

Wobei ich keineswegs sagen will, dass Gretlers Fabulierfreude reiner Erfindungslust entspringt. Gretlers Erzählungen sind einfach eine ganz besondere Methode, die Fakten einzukreisen, sie zu sezieren und zu verstehen, sie gegen den Strich zu lesen und manchmal auch gegen sie anzukämpfen – ein narratives Verfahren, im Bewusstsein, dass man Fotografien, um ihnen einen Sinn zu geben, immer in Worte übersetzen muss. Und dazu braucht es eben auch sprachliche beziehungsweise erzählerische Kompetenz.

Leider hat Roland Gretler sein Potenzial in dieser Hinsicht längst nicht ausgeschöpft, aber immerhin hat ein anderer Historiker und begnadeter Erzähler auf dieses Potenzial hingewiesen: Niklaus Meienberg veröffentlichte schon 1983 in seinem Band «Vorspiegelung wahrer Tatsachen» den Text «Frau Arnold reist nach Amerika», und der beginnt so: «Mein Freund Roland Gretler, Fotograf, der leider nicht Schriftsteller geworden ist, denn mit seinen Geschichten, welche durchwegs aus dem Leben gegriffen sind, könnte er zahlreiche Bücher füllen, die sich ihrerseits sehen lassen könnten – Gretler hat mir, wieder einmal, eine Geschichte erzählt, welche ihm eine seinerzeit in Zürich wirkende Putzfrau urnerischer Herkunft vor etwa fünfzehn Jahren erzählt hat und welche ich mich weiter zu erzählen bemüssigt fühle, um der Flatterhaftigkeit jener mündlichen Überlieferung eine schriftliche Verfestigung zu geben, damit das Andenken an Frau Arnold selig, welche schon im Jahre 1912 hätte sterben können, effektiv aber erst im Jahre 1970 gestorben ist und heute auf dem Friedhof Sihlfeld, wie Gretler vermutet, begraben liegt, nicht untergeht.»

Was für eine schöne Einleitung zu einer dramatischen Geschichte rund um den Untergang der «Titanic»! Und wie gut, dass man durch Meienbergs Schlangensatz hindurch immer noch den ursprünglichen Erzähler Roland Gretler hört.

Peter Pfrunder (53) ist Direktor der Fotostiftung Schweiz. Zu seinen Publikationen zählen «Schweizer Fotobücher 1927 bis heute. Eine andere Geschichte der Fotografie» (2011) und «Gotthard Schuh. Eine Art Verliebtheit» (2009). Der hier abgedruckte Text ist eine leicht gekürzte Fassung der Ansprache, die Pfrunder zur Ausstellungseröffnung gehalten hat.

«Gretlers Panoptikum: Fotografie und Grafik zur Sozialgeschichte» in: St. Gallen, Kulturraum am Klosterplatz, Klosterhof 1. Mittwoch–Sonntag, 12–17 Uhr; Donnerstag, 12–20 Uhr. Bis 28. April 2013. Eintritt frei. Führungen mit Roland Gretler auf Anfrage: 071 222 99 64.

Begleitprogramm mit Vorträgen im «Palace» und Filmen im «Kinok»: www.palace.sg, www.kinok.ch.

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