Nr. 05/2018 vom 01.02.2018

Wie ein Magier durch die Bilder in die Welt sehen

Er war ein Fotograf mit scharfem Blick, ein unermüdlicher Sammler und Chronist. Am 22. Januar ist Roland Gretler gestorben. Sein «Panoptikum zur Sozialgeschichte» muss als Erbe bewahrt werden.

Von Stefan Howald

Zu allem wusste er eine Geschichte: Roland Gretler 1989 in seinem «Panoptikum», damals noch im Zürcher Seefeld. Foto: Olivia Heussler, Clic.li

Das Panoptikum als Sammlung von Sehenswürdigkeiten kann barocke Wunderkammer oder aufklärerisches Wissenskabinett sein. «Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte» verband die überbordende Fülle mit dem didaktischen Anspruch. Den Grundstein dafür hatte Roland Gretler Ende der siebziger Jahre unter dem Namen «Bildarchiv zur Geschichte der Arbeiterbewegung» gelegt. Das erwies sich bald als zu eng. Gretler interessierte sich über die Arbeiterbewegung im engeren Sinne hinaus für alle sozialen Bewegungen, ja die Sozialgeschichte generell. Und das Archiv als Ort verstaubender Erinnerung wurde der Sache ebenfalls nicht gerecht. In Gretlers Sammelstil und den Erzählungen über seine Sehenswürdigkeiten belebten sich diese zu Geschichtslektionen. Denn darum ging es ihm auch: Wie lesen wir Fotografien und andere visuelle Dokumente? Und wie liest sich die Geschichte via Fotografien?

Roland Gretler wurde 1937 in St. Gallen geboren, in einem Milieu, das er als kleinbürgerlich charakterisiert hat und in dem ihm ein Onkel als währschafter Arbeiter imponierte. Er absolvierte zuerst die Handelsschule und begann dann aufgrund künstlerischer Interessen eine Lehre als Fotograf, unter anderem beim renommierten Industrie- und Dokumentarfotografen René Groebli in Zürich. Damit verbunden war der Ausbruch aus der geistigen Provinz. Über die Jugend in den engen fünfziger Jahren hat Gretler geschrieben, dass «alles, was ich gernhatte, entweder verboten war oder moralisch verpönt».

Das Mobile des Gedächtnisses

Den ersten oppositionellen Gestus vermittelte ihm die Jazzmusik. Dann landete er in der Nonkonformistenszene und schloss sich 1964 der Jungen Sektion der kommunistischen Partei der Arbeit (PdA) an. Diese stand im Zweifrontenkampf, gegen das bürgerliche Establishment wie auch gegen die verknöcherte Altpartei. Scharf davon getrennt war der Berufsalltag. Als Werbefotograf arbeitete Gretler für die Werbeagentur Rudolf Farner, die US-Methoden in die Schweiz importierte und bürgerliche Politik aggressiv verkaufte. Gretler hat den Zwiespalt geschildert: «Nicht selten habe ich am Morgen Werbefotos gemacht und bin dann am Nachmittag gegen den Kapitalismus auf die Strasse gegangen.»

Dann kam 68 oder wurde 68 gemacht. Gretler produzierte und textete für die Junge Sektion der PdA bahnbrechende Flugblätter und Poster, etwa das «1. Flugblatt der antiautoritären Menschen» vor dem Monsterkonzert mit Jimi Hendrix im Mai 1968 unter dem Slogan «Rebellion ist berechtigt»; oder «Wir sind eine kleine radikale Minderheit» mit einer Montage von Revolutionären zu einer Vietnamdemonstration im September des gleichen Jahres.

1968 führte auch zum Knick in der Berufslaufbahn. Gretler trennte sich von Farner und verlor, aufgrund von Denunziationen, Privataufträge. Dafür begann er, etwa mit Niklaus Meienberg zusammenzuarbeiten. Dieser hat verschiedentlich den Spürsinn und die Erzählkunst von Gretler gerühmt; zusammen stiessen sie später im Meilener Ortsmuseum auf Originalbriefe von General Ulrich Wille, den reaktionären, deutschfreundlichen Oberbefehlshaber der Schweizer Armee im Ersten Weltkrieg, den Meienberg in «Die Welt als Wille und Wahn» (1987) vom Sockel stürzte.

Für Gretler trat das Sammeln immer mehr in den Vordergrund. Er war von der Kraft der Bilder und der Notwendigkeit historischer Bildungsarbeit überzeugt, aber die Organisationen der Arbeiterbewegung kümmerten sich kaum um ihre Geschichte. Gelegentlich erzählte er die Episode, dass er die gleichen Gewerkschaftsdokumente zweimal aus dem Abfall retten musste.

Das zusammen mit seiner Frau Anne Gretler-Epprecht aufgebaute Archiv wurde zunehmend zur gefragten Anlaufstelle für Publikationen und Dokumentationen. 1987 präsentierte er einen Teil seiner Schätze in der grossen Ausstellung «Heraus aus Dreck, Lärm und Gestank …». Scharf hat Gretler zugleich übers Fotografieren und über die visuellen Medien reflektiert: Bilder sprechen nicht für sich selbst, sondern stehen in einem Kontext, und sie müssen interpretiert werden. Auch Erinnerung muss immer wieder hergestellt werden. «Die Rezeption jedes Bildes beeinflusst die Gesamtheit der bereits gespeicherten, vermag das komplizierte Beziehungssystem des visuellen Gedächtnisses zu bewegen, dass es wie ein Mobile in Schwingungen gerät», hat er in einem Aufsatz geschrieben. Und politisch pointiert: Von einem kollektiven Gedächtnis könne man erst sprechen, wenn es auch die Erinnerungen von Minderheiten umfasse.

Das Bildarchiv richtete er schliesslich im Kanzleizentrum im Zürcher Quartier Aussersihl ein, einer Hochburg der zürcherischen, ja schweizerischen Arbeiterbewegung. Dort lagerte das Resultat seiner Sammelwut, in 140 überquellenden Schubladen, auf Tischen und Gestellen. Zu allem wusste er eine Geschichte, und diese führte wieder zu einer Geschichte und diese wieder zu einem Artefakt: Alltag und Politik als Gesamtkunstwerk.

Als das Kanzleizentrum 1992 als selbstverwaltetes, alternatives Zentrum von der Stadt geschlossen wurde, konnte Gretler sich nach der Wiedereröffnung für sein Panoptikum eine Bleibe im Dachstock sichern. Das führte zu Irritationen bei WeggefährtInnen. Aber es gelang nicht, das Panoptikum wirklich öffentlich zugänglich zu machen. Besuche waren nur auf Voranmeldung möglich, und die Systematik erschloss sich nur Gretler selbst. Es gibt Anekdoten über ihn, dass er mit seinen Erzählungen zwar freigebig umging, die Dokumente aber nur zögerlich und mit vielen Bedingungen verknüpft hergab.

Kampf gegen die Zerstreuung

Ja, im persönlichen Umgang war Roland Gretler nicht einfach. Streitlustig, könnte man sagen. Entzweiungen mit KollegInnen und FreundInnen waren nicht selten. Vielleicht liegt das auch in der Natur der Sache. Der Sammler will sein Werk vorzeigen, doch muss er es zugleich eifersüchtig hüten, da die anderen den Kostbarkeiten kaum zu genügen vermögen. Walter Benjamin schrieb einmal von einer «an das Maniakalische grenzenden Leidenschaft». Die andere Seite hat Benjamin ebenfalls ins Licht gerückt: «Man braucht nur einen Sammler zu beobachten, wie er die Gegenstände seiner Vitrine handhabt. Kaum hält er sie in den Händen, so scheint er wie ein Magier durch sie hindurch in ihre Ferne zu schauen.» Der Sammler «nimmt den Kampf gegen die Zerstreuung auf» und wird so zum (politischen) Geschichtsphilosophen.

2013 zogen die Gretlers nach Herisau, und die Heimatstadt St. Gallen würdigte ihn mit einer sehr erfolgreichen Ausstellung (siehe WOZ Nr. 13/2013). Der Leiter der Archivabteilung im Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich, Stefan Länzlinger, betont die Einmaligkeit und den Wert von Gretlers Panoptikum. Seit längerem gab es Verhandlungen mit dem Sozialarchiv, auch mit anderen Institutionen, um es in einen öffentlichen Rahmen überzuführen, gar ein Museum zur Sozialgeschichte aufzubauen. Sie haben zu keinem Resultat geführt. Länzlinger bekräftigt: «Wir könnten mit diesem Bestand Lücken schliessen – etwa zum Arbeiterfotobund aus den zwanziger Jahren –, die wir sonst vermutlich nie mehr werden schliessen können.». Tatsächlich: Geschichte muss gepflegt werden. Kollektiv und öffentlich.

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