Nr. 38/2013 vom 19.09.2013

«Mein Thema sind die lebendig Sterbenden»

Die kalifornische Künstlerin Diamanda Galás ist schwer zu fassen: Die für die Virtuosität ihrer Stimme bekannte Sängerin experimentiert mit Drogen, lotet Psychiatrie und Drag aus.

Von Martina Fritschy

«The Litanies of Satan» ist ein Schrei. Es ist ein langer eindringlicher Schrei, der alle Facetten auslotet: zartes Geflüster, gellende Kehllaute, sägendes Gekreische. Die Stimme erfasst jede Faser des Körpers, sie martert, wütet und wirbelt. Nach zwölf Minuten bricht der auditive Irrsinn ab.

Eine Expedition in die Welt von Diamanda Galás muss mit «The Litanies of Satan» beginnen. Mit ihren verstörenden Aufnahmen aus dem Jahr 1981, die sieben Jahre später auf Platte erschienen, lieferte Diamanda Galás eine radikale Antwort auf die Frage, was Musik sein kann.

In Vaters Band

Diamanda Galás zu porträtieren, erfordert ein Denken jenseits von Klassifizierungen, Genres und (musikalischen) Traditionen. Was wir bei Galás vorfinden, ist ein ganz anderes Kompositionsprinzip. Ein Dekompositionsprinzip. Galás hat sich fortgesetzt stets Praktiken der – wie sie es nennt – Deprogrammierung verschrieben. Erst waren es Experimente mit Drogen: Als studierte Immunologin und Neurochemikerin erforschte sie Drogen in und jenseits der Akademie. Es folgten Experimente in Drag: Als Frau verkleidete sie sich als Mann, der sich als Frau verkleidete. Dann musikalische Versuchsanordnungen in psychiatrischen Kliniken: «Ich hatte viel gemeinsam mit den Leuten», sagte sie, «mit dem Unterschied, dass sie eingesperrt waren und ich nicht.»

Diamanda Galás ist Performerin, Komponistin, Pionierin in elektronischer Musik und Sounddesignerin zugleich. Bekannt ist sie jedoch vor allem wegen der Virtuosität ihrer Stimme. An der Dekonstruktion dieses Mythos arbeitet Galás gleich selbst. Etwa dann, wenn sie auf dem Album «Diamanda Galás» von 1984 mit zwei Mikrofonen posiert. Die ekstatische Magie ihrer Musik beginnt erst in Komplizenschaft mit einer avancierten Mikrofontechnologie.

Galás wurde 1955 im kalifornischen San Diego als Tochter eines türkisch-armenischen Vaters und einer armenisch-syrischen Mutter geboren. Als Kind genoss sie eine klassische Klavierausbildung, spielte bald in der Band ihres Vaters. In seinem Einflussbereich spielte und sang sie arabische Musik, griechische Musik und Gospel gleichermassen.

Heute stehen ihre avantgardistischen und politischen Alben Seite an Seite mit Alben ihrer eigenwilligen Interpretationen von Bluesstandards. Sie scheut sich nicht, Bibeltexte neben Texte von Antonin Artaud, Paul Celan oder Texte des armenischen Exilpoeten Siamanto zu stellen. Sie komponiert in fünf Sprachen und singt in zehn. Sie sagt Dinge wie «Der beste Blues kommt heute aus Äthiopien und Somalia» und «Nationalismus befördert dieses extrem seichte, touristische Volksmusikding».

Der Topos des Leidens

Diamanda Galás’ Werke sind persönliche Vermessungen von grossen Tragödien. 1986 starb ihr Bruder Philip an Aids – in den Worten von Galás «ein apokalyptisches Ereignis». Ihre Singstimme vertiefte sich dadurch dauerhaft.

Bereits zwei Jahre zuvor hatte sie begonnen, sich mit dem Thema Aids zu beschäftigen. Dies sollte sechs Jahre andauern. In dieser Schaffensphase entstand die Trilogie «Masque of the Red Death», die drei unabhängig entstandene Alben zusammenfasst.

1989 wurde Galás mit Act Up, einer Allianz von AktivistInnen, die in Amerika gegen die tödliche Politik des Schweigens aufbegehrte, in der New Yorker Kathedrale St. Patrick’s verhaftet. Das während einer Messe durchgeführte «Die-in» sollte ein Zeichen setzen gegen die Antikondompolitik der katholischen Kirche.

1990 führte sie die epische Performance «Plague Mass» in der New Yorker Kathedrale St. John the Divine auf – der zweitgrössten Kathedrale der Welt. «Plague Mass» ist ein eindringliches musikalisches Requiem auf die vielen Aidstoten, die im feindlichen Klima unter der Reagan-Regierung dem langsamen Tod ausgeliefert worden sind.

Sehr oft wählt Diamanda Galás für ihre Konzertauftritte Kirchen und Kathedralen. Dabei weitet sie ihre Stimm- und Technikexperimente auf den Resonanzraum der Gotteshäuser aus, der – je nach Architektur – für akustische Verzögerungen von bis zu zwanzig Sekunden sorgt. Gelegentlich performt sie in völliger Dunkelheit. Das Sakrale verbindet sich gut mit Galás’ eigensinniger Aneignung der Sprache der christlichen Passion: der Topos des Leidens, aber abgelenkt in gottlose Gefilde und vorgetragen mit ketzerischer Provokation. «Sono l’Anticristo», schreit Galás in der «Plague Mass».

Ihr griechisch-orthodoxes Erbe spielt auch dann noch eine Rolle, wenn sie Inspiration im antiken Totenbrauch sucht, wie er angeblich von den Frauen in Sparta praktiziert wurde. Wenn jemand starb, stimmten sie in furchterregende Klagegesänge ein. Der entfesselte Taumel erlaubte es ihnen – gesellschaftlich dem Privaten und dem Dienen zugeteilt – aus ihrer machtlosen Position auszubrechen. Das Trauern in Sparta war nicht von Sanftmut und Harmonie, sondern von Wut getragen.

Galás personifiziert ein solches Trauern – wildes und aufrührerisches Trauern. Es ist diese Passion, die ihre jeweils bestimmten Themen verschriebenen Alben zusammenhält, ob sie nun von Aids, Isolation, Inhaftierung, Demenz, Folter oder Genozid handeln. Das Politische liegt in der radikalen Form ihrer wütenden Performances.

Testament und Wille

Diamanda Galás’ zweitletztes Album von 2003, «Defixiones, Will and Testament», nimmt den Topos des Trauerns am explizitesten auf. Mit «Defixiones» setzt Galás ein Mahnmal für den zwischen 1914 und 1923 von der Türkei verübten Genozid am armenischen Volk. Eine Million Leben sind in diesem Genozid ausgelöscht worden, darunter auch Verwandte von Galás.

Mit einer archivarischen Wachsamkeit bringt Diamanda Galás Ereignisse aus der Vergangenheit ans Licht und arbeitet gegen das Abstumpfen und Vergessen.

In den letzten Jahren zeigte Galás Wille zur Kollaboration. Mit dem italienischen Filmemacher Davide Pepe realisierte sie vor zwei Jahren den Film «Schrei 27», dessen Protagonistin eine Stimme ist, die Stimme einer Person in Isolation. In ihrem neusten Werk, das auch in Lausanne zu sehen sein wird, lässt Galás ihren aktuellen Kollaborateur, den Künstler Robert Knoke, ausgewählte Verse des Gedichts «Fieberspital» des deutschen Poeten und Expressionisten Georg Heym (1887–1912) sprechen. In der (sprech-)gesanglichen Interpretation von Galás und Knoke wird jede Strophe des morbiden Gedichts zu einem «tableau vivant».

«Mein Thema sind die lebendig Sterbenden», sagt Galás. Die lebendig Sterbenden, das sind: die Toten, die Sterbenden und die am Leben Gebliebenen. Damit versucht Galás, die meist eindeutig gezogene Linie zwischen Leben und Tod zu verwischen. Das ist eine andere Art zu sagen: Die Toten befinden sich in Konversation mit den Lebendigen.

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