Nr. 03/2017 vom 19.01.2017

So schön kann Satan sein

Sein blasphemischer Bastard aus Black Music und Black Metal machte den Basler Manuel Gagneux praktisch über Nacht zum neuen Darling der globalen Metalszene. Dabei hatte alles mit einer Alberei im Netz angefangen.

Von David Hunziker

Der Sklave lässt seine Ketten im Takt rasseln, aus seinen komplett weissen Augen sticht ein dämonischer Blick. Aber nein, er ist der Gute im Video zu «Devil Is Fine», dem Titelstück des Debütalbums von Zeal and Ardor. Der Satansgospel im Hintergrund ist Protestmusik, der Beelzebub der Schutzgott der Revolte. Und die angedeutete Black-Metal-Gitarre lässt die musikalischen Schlachten erst erahnen, die auf diesem Album geschlagen werden. Tatsächlich: Diese kühne Mischung aus Black Music und Black Metal hat man so noch nie gehört.

«Devil Is Fine» war das weltweit meistdiskutierte Schweizer Album des letzten Jahres – bloss klingt das in diesem Fall irgendwie seltsam. Abgesehen davon, dass Manuel Gagneux, der Zeal and Ardor bisher komplett als Soloprojekt führte, den grössten Teil seines Lebens hier verbracht hat, gibt es kaum eine Verbindung zwischen seiner Musik und der Schweiz. Entstanden ist das Album, das durch ein britisches Label bald auch physisch erscheint, mehrheitlich in New York. Und zwar so, wie es geradeso gut auch an irgendeinem anderen Ort auf der Welt hätte geschehen können: alleine im Schlafzimmer, mit einigen Instrumenten und einem Laptop.

Hinter dem Werk verschwinden

Wie unter einem Glasdach eingeschlossen komme ihm die Schweizer Musikwelt manchmal vor, sagt Gagneux beim Treffen in einem kleinen italienischen Café im Basler Matthäus-Quartier: «Wenn man erst einmal drin ist, ist es schwer, wieder auszubrechen.» Gagneux wohnt in Fussdistanz von hier und spricht breites Baslerdeutsch – und doch wirkt es, als wäre er gerade von ganz weit her gekommen. Er spricht von Roland Barthes, der wiederum vom Tod des Autors sprach – und wünscht sich für sich als Musiker dasselbe: dass er hinter seinem Werk verschwindet. Auf der Bandcamp-Seite von Zeal and Ardor steht immer noch die Ortsangabe: New York. Im Gegensatz zu Basel kann das auch heissen: von nirgendwo.

Aus dem Nirgendwo schien plötzlich auch der ganze Rummel um seine Songs zu kommen, die er im letzten April, ohne Werbung zu machen, ins Internet gestellt hatte. «Wirklich geglaubt, dass an dem Album etwas dran ist, habe ich erst, als der ‹Rolling Stone› im Sommer so lobend über mich geschrieben hat», erzählt Gagneux. Doch damit nicht genug: Hatte Zeal and Ardor vor etwa zwei Jahren noch als Alberei angefangen, war Gagneux jetzt plötzlich so gefragt, dass sein Management zusätzliche Leute einstellen musste, um den Ansturm bewältigen zu können. Ohne je zuvor ein Konzert gespielt zu haben, wurde Zeal and Ardor in die Niederlande ans Roadburn eingeladen, das wichtigste Metalfestival der Welt. Und für die anstehende Tour, die ihn bis nach Las Vegas führen wird, erweiterte Gagneux sein Projekt um fünf MusikerInnen.

Besonders Letzteres ist nicht selbstverständlich – bisher hat der Sänger und Multiinstrumentalist auf Teamarbeit verzichtet. Auch darum zog er vor einigen Jahren nach New York: um sich von seinem gewohnten Umfeld zu isolieren und den Kopf frei zu haben für neue Ideen. Diese liess er unter dem Namen Birdmask zuerst in experimentelle Popsongs einfliessen, die Zeal and Ardor zumindest in ihrer eklektischen Verspieltheit bereits ähnlich sind. «Doch mir wird generell schnell langweilig», sagt der 28-Jährige. Damit nahm die Alberei ihren Anfang.

Der Moment für Tränen

Wieder änderte Gagneux das Setting – diesmal aber nicht seinen Wohnort, sondern das musikalische Koordinatensystem. Auf der Suche nach einer radikalen Idee wandte er sich an die UserInnen des Internetforums 4Chan. Er bat um die Nennung zufälliger Musikgenres, aus denen er jeweils zwei auswählen würde, die er dann in dreissig Minuten zu einem Song zusammenbasteln wolle. Die Kombination von Gabber-Techno und Swing blieb im Stadium des Prototyps. Doch dann fielen zwei Ausdrücke, die nachhallten: Black Metal und «Nigger Music» (O-Ton 4Chan).

Zuerst war Gagneux wenig erfreut über diesen Vorschlag, schliesslich ist er selber halber Afroamerikaner. Aber die Idee, dieses extreme Metalgenre, das er seit seiner Jugend liebt, das aber auch immer wieder durch rassistische Eskapaden aufgefallen war, mit der Musik schwarzer SklavInnen, mit Spirituals, Gospel und Blues zu verbinden, liess ihn nicht mehr los. Und er entdeckte trotz allem eine Parallele: «Beiden, den Skandinaviern und den schwarzen Sklaven, wurde das Christentum aufgezwungen.» Also habe er sich gefragt, was geschehen wäre, wenn die SklavInnen so gegen das Christentum rebelliert hätten, wie es in der norwegischen Black-Metal-Szene üblich war: mit okkultistischen Ritualen und Satansverehrung.

Und so klingt das dann auf dem Album: Der Song «Blood in the River» setzt mit beschwörendem Gruppengesang ein, der sich im Call-and-Response-Muster von einer Seite zur anderen wiegt. Dazu rasselt eine schwere Kette im Takt. Weil Gagneux sich vom Klang alter Aufnahmen inspirieren liess, könnte man zuerst meinen, er habe Samples verwendet. Spätestens wenn man merkt, dass auf diesem Baumwollfeld der Teufel höchstpersönlich um Hilfe angerufen wird, wird einem das musikalische Experiment wieder bewusst. Und dann gehts ja erst richtig los: mit einem bestialischen Schrei, sägenden Gitarren und einem rasenden Schlagzeug. Wenn das nun Ihr erstes Mal mit Zeal and Ardor ist, dann wäre das der Moment für die Tränen.

Kathartische Kraft extremer Musik

Nun kann man sich fragen, ob all die Lorbeeren wirklich gerechtfertigt sind; oder ist die ganze Aufregung um Zeal and Ardor vielleicht doch nur ein Hype?

Aufschluss gibt ein Interview, das Gagneux einem Musikblog gab, als er sich noch Birdmask nannte. Darin kritisiert er die Effekthascherei der heutigen Popmusik: Um auf dem Markt zu bestehen, würden die meisten Popsongs nur noch um möglichst extreme Emotionen buhlen, dich entweder vor Freude quieken oder vor Trauer weinen lassen. In welche Richtung es gehe, sei dabei völlig egal. Tut er mit Zeal and Ardor nun nicht genau das, sogar mit beiden Extremen zugleich?

Wer aber beim reinen Effekt bleibt, bei der Attraktion, dass hier Verschiedenes aufeinanderprallt, wird Zeal and Ardor nicht gerecht. Die Provokation interessiert ihn höchstens am Rand. Im Kern geht es ihm eben ums Gegenteil: dass sich diese zwei Stile, die wohl noch nie so kombiniert wurden, gegenseitig befeuern. Dass das Gemeinschaftsgefühl, das die Sklavengesänge stiften, von all den Schreien und Black-Metal-Gitarren nicht vertrieben, sondern zu ungeahnter Intensität gesteigert wird. Damit ist «Devil Is Fine» eine Art Einführung in die kathartische Kraft extremer Musik.

Er selber meint: «Mit dem Album bin ich zufrieden. Aber das kann man noch viel extremer machen.» Und lacht.

Konzert: Basel, Czar Fest in der Kaserne, Freitag, 14. April 2017.

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