Nr. 12/2013 vom 21.03.2013

«Ich brauche widrige Umstände»

Der in New York lebende Singer-Songwriter Devendra Banhart spricht anlässlich seines neuen Albums «Mala» über Songideen zu Unzeiten. Er bezeichnet Punk als ultimative Form von Courage – und hat Angst, als Purist zu gelten.

Von Julian Weber

Devendra Banhart hat Schnupfen und klagt über Heiserkeit. Aber er redet wie ein Wasserfall. Seine Augen blitzen, und je provozierender die Fragen bei ihm ankommen, desto mehr fühlt er sich herausgefordert.

Banhart begreift Interviews als Performance, macht Wortspiele, lenkt von Fragen ab, um irgendwann wieder mit voller Wucht auf sie zurückzukommen. Vielleicht liegt es auch am Bourbon, den er sich als Medizin verordnet hat. Wie ein Connaisseur nimmt er ihn in kleinen Schlucken zu sich. «Feuerwasser haben die Indianer das Zeugs einst getauft», sagt er.

Kürzlich hat das US-amerikanische Internetmusikmagazin «Pitchfork» Banharts Musik «Rhinestone Cowboy Pop» genannt. Asphalt-Cowboy-Pop? Doch, das Urbane und das Unbehauste sind bei ihm gleichermassen zu Hause. Banhart versteht sich auf geniale Hooklines, sarkastische Texte und abenteuerliche Abzweigungen, wechselt ansatzlos und perfekt getimt von einem Genre ins nächste. So klingt nur, wer ganz bei sich ist.

Wir sitzen in einem Hotelzimmer in der Nähe des Alexanderplatzes, in dieser kühlen Hochhausstadt im östlichen Zentrum von Berlin. Draussen ist es schneidend kalt, ein grauer Winterhimmel mit schmutzigen Schneeflocken. Drinnen herrschen unwirklich angenehme Temperaturen. Banhart wirkt wie ein Fremdkörper im voll klimatisierten Hotel mit seinen geblümten Tapeten und Designmöbeln aus Plastik, Glas und Schmiedeeisen.

Meckern wie eine Ziege

Einst galt Banhart als Galionsfigur des Weird Folk, dieser seltsamen losen Gruppierung von US-MusikerInnen im Windschatten des Americana-Mainstream. Meist fiel sein Name in einem Atemzug mit dem von KünstlerInnen wie Joanna Newsom oder den Coco-Rosie-Schwestern. Weird Folk ist ein Schimpfwort für Banhart. Ein Sonderling mag er ja sein, aber er möchte unter keinen Umständen mit den unzähligen Bärtigen zusammengebracht werden, die sich als Singer-Songwriter bezeichnen und die kitschig-melancholische Selbstbeweihräucherung pflegen: «Wenn Sie festlegen, dass der A-cappella-Gute-Nacht-Song Ihrer Oma Punkrock ist, lasse ich ‹Mala› von mir aus als Folkalbum durchgehen. Aber eins möchte ich klarstellen: Folk beschränkt sich für mich nicht auf akustische Gitarren und Volkslieder.»

Banharts Angst, als Purist gebrandmarkt zu werden, ist nicht ganz unbegründet. «Punk ist keine Ästhetik, es bedeutet in Wahrheit Courage: Wenn man sagt, dies oder jenes sei Punk, bedeutet es, jemand ist furchtlos.»

Das zeigt «Mala», sein neues Album, aufgenommen mit E-Gitarren, Bass, Drums und Synthesizer, auf dem vierzehn entspannt verschrobene Songs enthalten sind. Da wird zur Not auch mal radebrechend deutsch gesungen, wie im Song «Your Fine Petting Duck», den Banhart mit seiner serbischen Lebensgefährtin Ana Kras singt. Da kommen elektronische Beats zum Einsatz und ganz kratzige Gitarren zu Banharts Stimme, die so intim klingen kann wie Marc Bolan – oder meckert wie eine Ziege.

«Meine Stimme klingt ja nicht nach irgendeiner Ziege. Sie klingt wie die Stimme einer Ziege, die gerade auf einer Alp missbraucht wird und um Hilfe schreit.» Mit grossen Augen schaue ich ihn an. «Na ja. Singen liegt mir, obwohl ich mich gar nicht als klassischen Sänger bezeichnen würde. Mit dem Klangvolumen meiner Stimme habe ich mich abgefunden. Ich möchte damit mehr rüberbringen als nur die Texte meiner Songs. Meine Lieblingssänger – allen voran Chet Baker und Diamanda Galás – waren und sind in der Lage, durch ihren Gesang starke Gefühle auszulösen.»

Wir reden über die Entstehung seines neuen Albums «Mala», das er mit seinem Musikerfreund Noah Georgeson teilweise in seiner Wohnung in New York aufgenommen hat. Im Hintergrund sind Sirenen und Alltagsgeräusche zu hören, als er mit Georgeson an der zweiten Gitarre das Instrumental «The Ballad of Keenan Milton» einspielt. «In meiner Musik spielt der Zufall eine grosse Rolle. Ich brauche widrige Umstände. Wenn ich finde, Musik ist es wert, komponiert zu werden, habe ich gerade kein Papier, keinen Stift zur Hand. Wenn eine erinnerungswürdige Melodie aufgenommen werden soll, bin ich gerade nicht im Studio. Das hat schon bei meinem Debütalbum begonnen, die Songs fielen mir ein, als ich durch Los Angeles lief. Also habe ich sie bei Georgeson auf den Anrufbeantworter gespielt und gefleht, dass er die Skizzen nicht löscht.»

Inzwischen hat Banhart auch als Maler Erfolge feiern können. Dass durch dieses Skizzenhafte Nachhaltiges entstehen kann, beweist etwa «Für Hildegard von Bingen», ein Song, den Banhart mit den Zeilen «She’s working at the station / as a VJ on rotation» enden lässt. Es ist eine sehr freie Interpretation des Lebens der mittelalterlichen Mystikerin. Die Hildegard seines Songs ist aus ihrem Kloster in Deutschland nach San Francisco geflohen, wo sie bei einem Musikvideo-TV-Sender arbeitet und den Hip-Hop von Africa Bambaataa ins Programm einspeist. «Eine Feministin des Mittelalters, das finde ich als Ausgangspunkt eines Songs geradezu überwältigend.»

Mit «Mala» hat Banhart zum zweiten Mal ein Album bei einem Majorlabel veröffentlicht. Seine neue Heimat ist Nonesuch, ein Label, das sich in den USA nach wie vor um Roots-Musik und Avantgarde kümmert. Wirkte das 2009 bei Warner erschienene «What Will We Be» etwas uninspiriert, so hat er mit dem neuen Werk zu alter Frische gefunden.

Auf Arthur Russells Spuren

Vor einiger Zeit ist Banhart aus Kalifornien nach New York übergesiedelt. Diese Entscheidung fiel dem grossen Fan des New Yorker Musikers Arthur Russell, der in den siebziger und achtziger Jahren Disco und Avantgarde gleichberechtigt in seinem Werk beackerte, leicht. «Ich hatte Tim Lawrence’ Russell-Biografie ‹Hold On to Your Dreams› gelesen und mich davon leiten lassen. Das New York von Russell gibt es schon lange nicht mehr, trotzdem habe ich mich nach meiner Ankunft auf seine Spuren begeben.»

Auf seiner Tumblr-Seite postet Banhart Fotos aus New York. Begegnungen mit MusikerkollegInnen, Szenen aus dem Leben eines Künstlers, der angekommen ist. Auf die Frage, warum seine Musik so aufreizend lässig klingt, sagt er: «Weil ich alt und faul bin. Es gibt einfach keine Aggression bei mir. Nur einen Mangel an Enthusiasmus, viel Selbstmitleid und reichlich Schamgefühl.» Eine glatte Lüge, aber so charmant erzählt, dass es fast schon wieder stimmt.

Devendra Banhart: 
«Mala». Nonesuch.

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