Nr. 35/2005 vom 01.09.2005

Alles war noch viel schlimmer

Ein Nationales Forschungsprogramm untersucht die Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Ein erster Bericht über die Wirtschaftsbeziehungen zeigt überraschende Ergebnisse.

Von Mascha Madörin

Im August 1950 schrieb der Sekretär des südafrikanischen Finanzministeriums, Daniel Hendrick Steyn, einen Brief an Samuel Schweizer, einen der führenden Köpfe des Schweizerischen Bankvereins: «Bereits 1948 hat uns die Schweizerische Bankgesellschaft ihre Unterstützung angeboten, und sie ist seitdem in konstantem Kontakt mit uns geblieben. Sie werden deshalb verstehen, dass ich sehr darum besorgt bin, die bestehenden erfreulichen Beziehungen zu beiden Banken, zu der Ihren wie auch zur Schweizerischen Bankgesellschaft, aufrechtzuerhalten.» Dieses doch sehr erhellende Zitat ist in einer eben veröffentlichen Studie des Nationalen Forschungsprogramms zu den Beziehungen der Schweiz und Südafrika (1948-1993) nachzulesen (S. 50).

Von dieser insgesamt 300 Seiten umfassenden Analyse der Handels- und Finanzbeziehungen nehmen allein die Jahre 1945 bis 1968 250 Seiten in Anspruch. Dieser Zeitabschnitt ist in faszinierende, akribisch recherchierte Ereignisse aufgeteilt. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, noch vor der Wahl des Apartheidregimes 1948, ist Südafrika für die schweizerische Exportindustrie wichtiger als Grossbritannien. Die Exporte sacken aber 1949 wegen Devisenschwierigkeiten Südafrikas auf fast ein Viertel des Vorjahres ab. Das Apartheidregime ist daher interessiert, Kapital in Ländern mit starken Währungen aufzunehmen. Der Bankverein reagiert sofort und nimmt Gespräche mit dem südafrikanischen Finanzminister auf. Die Schweizer Grossbanken offerieren ein Frankendarlehen, das in Gold zurückbezahlt werden soll. Die Nationalbank meldet Bedenken an - sie fürchtet, die Grossbanken würden mit dem zurückbezahlten Gold spekulieren. Die Schweizer Behörden vertreten die Ansicht, das Golddarlehen müsse mit zusätzlichen Importen aus der Schweiz honoriert werden, sonst sei eine Bewilligung dieses Geschäfts nicht gerechtfertigt. Der Bankverein verspricht, nicht zu spekulieren, die Südafrikaner geben ein vages Importversprechen ab, das Darlehen wird bewilligt. Faktisch sinken die Schweizer Exporte nach Südafrika noch mehr. Danach und bis zum Ende der Apartheid dominieren die Schweizer Grossbanken eindeutig die Wirtschaftsbeziehungen. Die detaillierten Erzählungen sind begleitet von Statistiken (und fast siebzig Seiten Tabellen im Anhang) und von der Diskussion der wirtschaftlichen und zum Teil politischen Bedeutung dieser Geschäfte. Dies ergibt eine überzeugende Art, Wirtschaftsgeschichte zu schreiben.

Dem Doppelbesteuerungsabkommen von 1967 ist ein eigenes Kapitel gewidmet, ebenso dem harten Bemühen der Swissair (1948-1954), Landerechte in Südafrika zu ergattern, wie auch dem Investitionsfonds Safit der schweizerischen Bankgesellschaft. Dies war der erste auf Südafrika spezialisierte Anlagefonds in Europa, den die Schweizerische Bankgesellschaft 1948 gründete. Eine Tabelle zeigt die bemerkenswerte Tatsache, dass die Performance des Safit von 1985 die beste seit 1948 war - 1985 war das Jahr, als die Wirtschaftssanktionen gegenüber Südafrika im grossen Stil einsetzten. Leider endet die Statistik in diesem Jahr.

Die Schweizerische Bankgesellschaft ist nach dem Zweiten Weltkrieg bedeutend kleiner als der Bankverein oder die Kreditanstalt. Sie sieht im Südafrikageschäft eine ihrer grossen Chancen, im Ausland zu expandieren, und entwickelt sich darin sehr rasch zur führenden Schweizer Bank. Die wirtschaftlich und politisch dominierende Rolle der Grossbanken ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass Südafrika selber ein grosses Interesse an den Finanzbeziehungen zur Schweiz hat, wie die AutorInnen schreiben. Die Studie befasst sich intensiv mit der erfolgreichen Übernahme des Goldhandels durch die Schweizer Grossbanken (Zürcher Goldpool) und zeigt, wie zentral das Geschäft mit dem Gold für sie und für das Apartheidregime gewesen ist, auch als Druckmittel gegen Wirtschaftssanktionen, wie sie in britischen Debatten Ende der sechziger Jahre gefordert wurden. Die AutorInnen betonen, wie wichtig weitere Forschung über den Goldhandel mit Südafrika wäre - und damit der Zugang zu Archiven.

«Ohne Archiv keine Geschichte», schreiben die AutorInnen in ihrer Einleitung. In der Tat finden sich im Bericht faszinierende Details darüber, wie scharf die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg darauf aus war, mit Südafrika ins Geschäft zu kommen. Darüber hinaus zeigt die Studie, wie viel den Schweizer Wirtschafts- und BehördenvertreterInnen daran gelegen war, diese Geschäfte gegenüber der internationalen Öffentlichkeit zu vertuschen. Statistiken über bestimmte Goldgeschäfte mit Südafrika wurden schon im Jahr 1951 aus der schweizerischen Zollstatistik eliminiert, um der (berechtigten) Kritik zuvorzukommen, die Schweiz unterlaufe die Regelungen des Internationalen Währungsfonds. 1967 wurde die Schweiz in einem Uno-Bericht als wichtige Geschäftspartnerin Südafrikas genannt, was dem Vorort (heute Economiesuisse) und damit der Schweizer Regierung Anlass zu grosser Sorge gab. Ende 1968 erhält der Schweizer Botschafter in Südafrika den Auftrag, wegen der allzu aufschlussreichen Rubrik Schweiz in den Statistiken der südafrikanischen Reservebank vorstellig zu werden. Die Rubrik verschwand und erschien erst nach der Apartheid wieder.

Dass der Analyse der Jahre 1970 bis 1990 nur ganze fünfzig Seiten gewidmet sind, hat den einfachen Grund, dass der Bundesrat den Zugang zum Bundesarchiv massiv eingeschränkt hat. Besonders interessant in diesem Teil ist das Kapitel über die faktische Abschaffung des Kapitalexportplafonds Anfang der achtziger Jahre. Auch hier sorgten sich die Schweizer Behörden mehr um die Geheimhaltung der Geschäfte und die Irreführung der Öffentlichkeit als um die Einhaltung des Plafonds, der mehrfach massiv überschritten wurde.

Die Studie - so der erste Eindruck - zeigt, dass Bundesbeamte und Diplomaten vor allem als Hofschranzen der Schweizer Wirtschaft agierten, wenn es um Geschäfte mit der Apartheid ging. Klar wird auch: Die Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und Südafrika war während der Apartheid grösser und skandalöser als von Antiapartheid-AktivistInnen und -ForscherInnen jemals behauptet.

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