Nr. 43/2005 vom 27.10.2005

Sabotierte Forschung

Das Nationalfondsprogramm 42+ sollte Licht in das Verhältnis der Schweiz zum Apartheidstaat Südafrika bringen. Doch die ForscherInnen standen oft vor verschlossenen Archiven.

Von Daniel Stern

Sébastien Guex spricht Klartext: «Nein, ich werde an dieser Pressekonferenz nicht teilnehmen. Das ganze Forschungsprogramm ist für mich eine riesige Enttäuschung.» Der Lausanner Geschichtsprofessor untersuchte im Rahmen des Nationalfondsprogramms NFP 42+ zusammen mit Bouda Etemad und Sandra Bott die wirtschaftlichen Beziehungen der Schweiz mit dem Apartheidstaat Südafrika. Das Thema der drei gehört zu den brisantesten der zehn Projekte, die, mit einem Budget von zusammen zwei Millionen Franken ausgestattet, unterschiedliche Aspekte des Verhältnisses der Schweiz zu Südafrika zwischen 1948 und 1994 untersuchen sollten. Es ging bei Guex’ Team um die Frage, inwieweit Schweizer Firmen mit Investitionen, Kreditvergaben, dem Edelmetallhandel und der Lieferung von Rohstoffen das international geächtete und boykottierte Apartheidregime am Leben erhalten und so die Unterdrückung der nichtweissen Mehrheit der Bevölkerung unterstützt hatten.

Drei Jahre hatten die ForscherInnen Zeit, eines der dunkelsten Kapitel der schweizerischen Aussenpolitik und Wirtschaftsgeschichte aufzudecken. Der Bundesrat hatte im Vorfeld einen freizügigen Zugang zu den Beständen des Bundesarchives angekündigt - auch zu denjenigen Dossiers mit einer dreissigjährigen Sperrfrist.

Verzögern

Diesen Donnerstag wird Georg Kreis, der Leiter des NFP 42+, an besagter Pressekonferenz seinen Schlussbericht vorstellen. Auch Kreis wird mit Kritik an der Einsichtspraxis nicht zurückhalten. Letztlich hat er ein vom Bundesrat initiiertes Forschungsprogramm geleitet, dessen Spielregeln vom gleichen Gremium mitten in der Forschungsarbeit grundlegend geändert und bei dem ein Teil der ForscherInnen systematisch sabotiert wurden.

«Wir haben mit unseren Forschungen im Januar 2002 angefangen», erzählt Guex. «Im Februar stellten wir dann die Gesuche für die Akteneinsicht.» Bei denjenigen Schriftstücken, die unter die Sperrfrist fallen, wartete Guex’ Team über ein Jahr auf eine Antwort. Die Wirtschaftsverbände und Grossunternehmen hatten bereits vor Beginn des Nationalfondsprogramms massive Lobbyarbeit betrieben, um die Aktenherausgabe zu verhindern.

Im Juni und November 2002 reichten Apartheidopfer in den USA Sammelklagen gegen Schweizer Firmen ein. Daraufhin drohten die Banken ihrerseits mit Verantwortlichkeitsklagen gegen den Schweizer Staat, falls Akten aus dem Bundesarchiv zu einer Verurteilung in den USA führen würden. Thomas Pletscher vom Wirtschaftsverband Economiesuisse sprach davon, dass Grosskonzerne ihren Standort in der Schweiz aufgeben könnten, wenn sie sich einer stets liberaler werdenden Archivpraxis ausgesetzt sähen. Der Bundesrat entschied am 16. April 2003 schliesslich, dass «der Zugang zu Südafrika-Akten im Bundesarchiv, welche die Apartheidzeit betreffen und Namen von Unternehmen enthalten, vorübergehend unterbunden wird». Für die Forschergruppe um Sébastien Guex ging das Warten weiter.

Verwirrung stiften

Auch der Historiker Peter Hug wurde aufgrund dieses Bundesratsentscheids in seinem Forschungsvorhaben stark behindert. Seine Zielsetzung war nicht weniger brisant als diejenige von Guex: Licht in die militärischen, rüstungsindustriellen und nuklearen Beziehungen zwischen der Schweiz und Südafrika zu bringen. Er spricht von vier Phasen, die die Forschung im Bundesarchiv geprägt haben: «Zu Beginn war der Zugang zum Bundesarchiv recht freizügig. Allerdings hat das Staatssekretariat für Wirtschaft von Anfang an harte Auflagen gemacht.» Als Phase zwei bezeichnet Hug die totale Sperre der Akten aufgrund des Bundesratsentscheids vom April 2003. «Der Entscheid war schludrig verfasst und hat viel Konfusion ausgelöst», kommentiert Hug im Rückblick. «Niemand wollte mehr irgendein Dokument herausgeben.»

Ab September 2003 gab es für die Südafrika-ForscherInnen wieder beschränkten Zugang - Phase drei: «Die Auflagen waren sehr scharf», sagt Hug. «Ganze Bestände, die vorher einsehbar waren, wurden plötzlich gesperrt. Dies ist ein einmaliger Vorgang in der Schweiz.» Hug hatte keinen Zugang mehr zu den Akten, die Aufschluss über die Finanzströme zwischen der Schweiz und Südafrika geben. Ausserdem lief ihm wegen des zusätzlichen bürokratischen Aufwands die Zeit davon. Als vierte Phase sieht Hug die Periode, in der wieder einigermassen Normalität bei der Akteneinsicht einkehrte. Weiterhin gesperrt bleiben jedoch seither - und wohl noch während Jahren - alle Akten ab 1960, die die finanziellen Beziehungen der Schweiz zu Südafrika beleuchten oder Firmennamen enthalten.

Sowohl Hug wie der Gruppe um Guex blieben somit zentrale Akten verschlossen. Und um zu verhindern, dass aus den Beständen des Bundesarchives doch noch unliebsame Informationen an die Öffentlichkeit gelangten, mussten die ForscherInnen zum Schluss auch noch ihre Manuskripte den zuständigen Behörden vorlegen, damit diese überprüfen konnten, ob sie sich an die Auflagen gehalten haben. Dieses Prozedere sei bei den einen Stellen mühsam gewesen, während andere speditiv gearbeitet und wenig zu beanstanden gehabt hätten, sagt Hug.

Nicht kooperieren

Hug und die Gruppe von Guex haben Schweizer Banken und multinationale Konzerne um Einsicht in ihre alten Akten angefragt - erfolglos. Auch die Bankiervereinigung und andere Wirtschaftsverbände zeigten sich unkooperativ. Unterschiedliche Erfahrungen hingegen machten Hug und Guex bei ihren Forschungen in Südafrika. Guex’ Team war zweimal drei Wochen dort. «Wir hofften stark auf die südafrikanischen Behörden. Wir glaubten, sie hätten ein Interesse an der Geschichtsaufarbeitung. Doch alle unsere Anfragen wurden negativ beantwortet», sagt Guex. Auch die Schweizer Botschaft zeigte sich bei der Unterstützung der ForscherInnen wenig hilfsbereit. Allerdings gelang es der Forschungsgruppe um Guex, anhand von Statistiken der Südafrikanischen Nationalbank nachzuweisen, dass die Schweizer Angaben bezüglich Gold- und Diamantenimporten aus Südafrika nicht stimmten. Auch hat die Gruppe herausgefunden, dass Südafrika in den Zeiten des internationalen Boykotts zwanzig bis fünfzig Prozent der Benzinimporte über die Schweiz abwickelte.

Peter Hug war in Südafrika erfolgreicher. Als einziger der am NFP 42+ beteiligten ForscherInnen versuchte er, sich den Zugang zu den Akten auf gerichtlichem Wege zu erstreiten. Dabei half ihm die nichtstaatliche Organisation South African History Archive. In Südafrika existiert ein gesetzliches Recht auf Einsicht in Behördenakten. Doch in manchen Fällen genügte selbst ein Gerichtsentscheid nicht, um wirklichen Aktenzugang zu erhalten. «Einzelne Mitarbeiter beim Nachrichtendienst und der Rüstungsfirma Armscor sperrten sich zunächst. Oft sitzen in diesen Stellen ja noch Leute aus der Zeit der Apartheid», sagt Hug.

Schliesslich brauchte es die Intervention des südafrikanischen Verteidigungsministers Patrick Lekota, damit Hug auch bei Armscor Zugang bekam. Allerdings: «Viele Dokumente konnte ich aus Zeitgründen nicht mehr einsehen. Zudem stellten sich bei jedem Dokument, das ich zu Gesicht bekam, neue Fragen. Ausserdem sind die Schriftstücke teilweise in Africaans verfasst. Ich musste Dolmetscher engagieren, die sie mir auf Englisch übersetzten.» Hug ist überzeugt, dass es in den südafrikanischen Regierungsarchiven noch sehr viel zu entdecken gibt, gerade auch im nuklearen Bereich, wo bis zum Schluss geblockt wurde. «Bekanntlich hatte Südafrika sechs Atombomben, die nach Ende der Apartheid vernichtet wurden. Der damalige Präsident Frederik de Klerk sagte, es seien mit der Zerstörung der Bomben auch die entsprechenden Akten vernichtet worden. Das ist so nicht korrekt.»

Die Resultate der Forschungsgruppe Guex sind bereits in Buchform erschienen (siehe WOZ Nr. 35/05). Für die Ökonomin und Südafrika-Kennerin Mascha Madörin zeigt das Buch trotz der massiven Behinderungen, dass «die Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und Südafrika während der Apartheid grösser und skandalöser war, als von Antiapartheid-AktivistInnen und -ForscherInnen jemals behauptet wurde». Peter Hug wird eine Zusammenfassung seiner Forschungsresultate diesen Donnerstag an der Pressekonferenz von Georg Kreis präsentieren. Ein Buch dazu ist in Vorbereitung. Hug ist angesichts seiner Erfahrungen in Südafrika überzeugt: «Der Bundesrat täuscht sich, wenn er glaubt, er könne die Aufarbeitung der Geschichte verhindern.»

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