Nr. 03/2015 vom 15.01.2015

Hat der Stachel danebengestochen?

Die Satire eines «Charlie Hebdo» gehört zum französischen Denken wie der Humanismus. Sie propagiert das Denken gegen den Mainstream.

Von Silvia Henke

So viel politische Inkorrektheit wie die Zeichner von «Charlie Hebdo» würde in der Schweiz niemand wagen. Satire ja, aber in Grenzen. Wir sind Charlie, aber nicht so! Als frankophile Kulturwissenschaftlerin und Romanistin hat mich das französische Denken, die französische Eleganz und Unerschrockenheit, das Wagemutige der französischen Theorie und Literatur – auch in ihrer Differenz zur Schweizer Mentalität – beeinflusst und belebt wie keine andere Denkschule. Ohne sie wäre die geistige Biografie der KulturwissenschaftlerInnen meiner Generation armselig.

Aus Frankreich kam ein anderes Denken, und die Erfahrung der Freiheit darin war keine leere Floskel. Es gibt eine Freiheit des Denkens und des Ausdrucks, die es nirgendwo sonst auf der Welt gibt – oder gab? Die Existenz eines Satiremagazins wie «Charlie Hebdo», das «unverantwortliche Journal», wie es sich im Untertitel selber bezeichnet, gehört zu diesem Denken wie der Rationalismus und Humanismus eines Voltaire. Die Möglichkeit, alles sagen zu dürfen und für eine andere Meinung auch dann zu kämpfen, wenn man sie nicht teilt, ist aber eine Grundlage, die nicht mehr unbedingt zeitgemäss ist. Genauso wenig wie der Immoralismus der «bösen Jungs», die den harten Kern der «Charlie Hebdo»-Redaktion bildeten. Insofern fragt sich: Haben wir noch immer zu lernen von Frankreich? Inwiefern sind «wir» – die französisch geprägten «Intellos» – noch Charlie?

Probe aufs Exempel

Ich mache einen Test und lese nochmals die Nummer des «Charlie Hebdo» vom 31. Dezember 2014. Neben der üblichen Häme über den hasenfüssigen Präsidenten François Hollande findet sich auf zwei Seiten ein Bilderquiz, mit dem die LeserInnen herausfinden sollen, ob der eigene Sohn Dschihadist wird. Es sei etwa wichtig festzustellen, ob er auf dem Internetdienst Instagram «Selfies» oder «Salafisten» poste und ob er wegen der schlechten Küche von «maman» oder wegen des Gesetzes des Ramadan nicht mehr esse. Natürlich kann sich ein junger Muslim, der sich der Terrororganisation Islamischer Staat zuwendet, beleidigt fühlen durch diese Karikaturen. Doch richten sich die Zeichnungen eigentlich nicht an ihn. Sie richten sich an eine hysterisch überbesorgte französische Kontrollgesellschaft, die aus jeder Adoleszenzkrise einen Terrorverdacht schöpft.

Vielleicht lässt sich damit sagen, was die Satire leistet, wenn sie ihren Gegenstand genügend studiert hat: Sie zieht das ins Lächerliche, was der Mainstream eben festgestellt hat, sie destabilisiert jeden Konsensdiskurs und damit auch die wohlberechtigten Ängste. Sie kann die Gefahr nicht bannen, nie, aber sie kann als Instrument von Diskurs- und Ideologiekritik das Terrain öffnen, um etwas anderes zu denken, als ich es mir eben noch erlaubt habe. Die Satire ist deshalb das, was Michel Foucault ihr zuspricht: ein Akt des Widerstands, in dem das aufbricht, was eben gerade richtig schien. Deshalb richtet sie sich gegen die Machthaber, aber immer auch gegen den Mainstream. Und gegen jede Form von Angst, weil Angst dumm macht. So zeichnet Jean-Yves Camus in ebendieser Nummer einen Pegida-Demonstranten als enthemmten Deutschen: Dieser votiert für Angst, weil sie der beste Baustoff der Dummheit sei.

Falsche Zielscheibe

Wenn «Charlie Hebdo» nun unter Polizeischutz weitermachen wird, ist es nicht mehr dasselbe Magazin. Man kann Satire nicht unter Denkmalschutz stellen. Und wenn sich eine rechtspopulistische Zeitung wie die «Basler Zeitung» am 8. Januar einen Trauermantel umlegt mit dem Hashtag «Je suis Charlie», dann ist etwas schiefgegangen. Die Satire als Form des Widerstands, die Résistance als Urform des Französischen könnte nämlich durch diesen Zusammenschluss mit dem Mainstream ins Leere laufen. Vielleicht hat das schon vor dem 7. Januar begonnen. Vielleicht gab es schon 2006 eine gefährliche Verschiebung, als man aus Trotz beschloss, Mohammed-Karikaturen, etwa die der dänischen Zeitung «Jyllands-Posten», zu zeigen, und nicht mehr wusste, für oder gegen wen man sie zeigt. Denn die gläubigen Muslime sind keine gute Zielscheibe für Satire: Nicht weil sie zu dumm und andersgläubig sind, sondern weil Marine Le Pen, Präsidentin des immer populäreren Front National, sie am liebsten alle in die Wüste schicken würde und gerade fordert, dass öffentliches Beten verboten wird. Vielleicht begann hier die Satire danebenzustechen. Wohin «Charlie Hebdo» seinen Stachel künftig wendet, wird man sehen.

Silvia Henke ist Publizistin und Dozentin für Kulturtheorie an der Hochschule Luzern. 
Am 22. Januar 2015 findet dort ein Podium zu Kunst, Satire und Gewalt statt.

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