Nr. 05/2015 vom 29.01.2015

Aufwachen aus der grossen Nacht

Am Ursprung der kapitalistischen Moderne steht der Rassismus: Dies zeigt der kamerunische Philosoph Achille Mbembe in seinem Buch «Kritik der schwarzen Vernunft».

Von Mischa Suter

«I can’t breathe.» Nichts hat die Todespolitik des Rassismus im vergangenen Jahr so sehr auf den Punkt gebracht wie diese Worte, die der New Yorker Eric Garner elfmal keuchte, als eine Gruppe Polizisten ihn erwürgte. Ein Teil der Grausamkeit, die Eric Garner die Luft abschnürte, liegt in der Banalität, wenn das Leben einer Person von der Staatsgewalt ausgelöscht wird, weil diese Person halt schwarz ist.

Sei es durch körperliche Gewalt oder durch Nichtbeachtung, sei es in New York, in Missouri, auf dem Flughafen Zürich-Kloten oder auf der Überfahrt im Mittelmeer: Der Rassismus ist ein globales System, dessen Ausprägungen stets von neuen Umständen abhängen. Die Fäden dieses Systems versucht der kamerunische Historiker und Philosoph Achille Mbembe in seinem Buch «Kritik der schwarzen Vernunft» aufzuzeigen. Er bringt darin den kulturellen Wahn, Menschen in Rassen einzuteilen, mit einer rationalen Logik ökonomischer Effizienz zusammen: dem Kapitalismus.

«Kritik der schwarzen Vernunft» ist Achille Mbembes erstes Buch, das auf Deutsch erschienen ist, und die Übersetzung hat die Brisanz des französischen Originaltitels entschärft. Denn dort steht, klar und hässlich, das N-Wort: die «Critique de la Raison Nègre» widmet sich derjenigen Vernunft, die als Produkt den «Neger» hervorgebracht hat. Unsere Gegenwart mag unübersichtlich sein, aber eines scheint klar: Europa und Nordamerika sind nicht mehr einfach das Zentrum der Welt. Doch wie haben sie ihre Selbstfixierung betrieben? Über die Figur des «Negers», so argumentiert Mbembe.

Die Figur des «Negers»

«Rasse» wird zuallererst am Körper festgemacht. Durch dessen Reduktion auf eine Farbe – Schwarz – wird jeder differenzierende Blick hinfällig: Es gibt dann schlicht nichts zu sehen. Die Figur des «Negers», schreibt Mbembe, fasst demnach das zusammen, was man sieht, «wenn man nichts verstehen will». Sie bündelt die gewollte Ignoranz der europäischen Moderne.

Zwar hat «Rasse» heute als wissenschaftliche Kategorie fast ganz ausgedient. Aber die Rassenlehre wirkt fort in einem «Rassismus ohne Rassen», der das Unwort mit «Kultur» oder «Zivilisation» ersetzt hat. Europa mag nur mehr Provinz sein, aber die Plünderung des Trikonts hält an, und die Landkarte der Gegenwart ist mit den Ruinen imperialer Herrschaft gezeichnet. In einem Zeitalter neuer Zonen und Grenzen, der Abschiebelager und Drohnenkriege bekommt denn auch die Figur des «Negers» neue Bedeutung – und weitet sich, so Mbembe, auf die «ganze subalterne Menschheit» aus. Afrika, wo weite Teile von kapitalistischer Ausbeutung erst durchdrungen und nun von deren «Segnungen» abgehängt worden sind, sieht Mbembe als Vorboten einer möglichen Zukunft: einer Zukunft, in der es keine ArbeiterInnen, sondern nur mehr «Arbeitsnomaden» gibt.

In drei historischen Etappen zeichnet Mbembe die rassistischen Zuschreibungen nach, aber auch die emanzipatorischen Wortergreifungen schwarzer Leute – von der Revolution von Haiti (1791–1804) bis zum Prozess der Dekolonisierung und zum Kampf gegen die Apartheid im 20. Jahrhundert. Es ist ein widersprüchlicher Verlauf, in dem jeder Moment der Ermächtigung stets die Merkmale der vorgängigen Gewaltwirkung mit sich trägt. Es gehört zu den Stärken des Buchs, dass Mbembe der Versuchung widersteht, diese Widersprüche endgültig auflösen zu wollen.

Das Kapital, eine farblose Gewalt

Am Ursprung von Achille Mbembes geschichtlichem Parcours steht die transatlantische Sklaverei. Zwar gab es Menschenhandel schon lange zuvor, aber erst im Kapitalismus formierte sich die Sklaverei zu einem weltumspannenden System, das wiederum für die Entwicklung des Kapitalismus entscheidend war. Die unverhüllte Sklaverei in der Neuen Welt war, wie Karl Marx schrieb, der Sockel, auf dem sich die «verhüllte Sklaverei» der Lohnarbeit erst entfalten konnte. Zugleich war die Expansion der schwarzen Versklavung über drei Weltteile hinweg abhängig vom Kapital, einer in jedem Wortsinn farblosen Gewalt. Moderne Sklaverei und früher Kapitalismus bedingten sich also gegenseitig: Das Kapital erzwang einen «Ausbeutungskörper», so Mbembe, «einen Körper, der ganz dem Willen eines Herrn unterworfen ist und dem man ein Höchstmass an Rentabilität abzupressen versucht».

So war auch die Plantagenwirtschaft kein vorindustrielles Relikt, sondern bildete im Gegenteil ein Modell für die industrielle Disziplin und Rationalität. Die Methoden der Sklaverei waren durchaus modern: In der neueren historischen Forschung gilt als ausgemacht, dass die Buchführung der Sklavenhalter in den US-Südstaaten ausgeklügelter war als diejenige der Industriebarone im Norden. Dennoch war der quasiindustrielle Plantagenkomplex im «deep south» nur eine Seite des Sklavensystems. In Virginia etwa herrschten kleine Pflanzerhaushalte mit nur einer Handvoll Versklavten pro Betrieb vor. Ebenso wenig, wie es ein einheitliches Modell des Kapitalisten gab, erforderte die farblose Gewalt des Kapitals einen einzigen Typ des «Ausbeutungskörpers».

Im Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Amerika wurden europäische Waffen und Konsumgüter in Westafrika gegen versklavte Personen getauscht, die man nach Amerika verschickte, um sie dort als Arbeitskräfte zu verkaufen; die Rohstoffe wiederum, die aus dem Erlös gekauft wurden, verfrachtete man nach Europa. Im beweglichen Raum, den diese «verschachtelte Ökonomie» (Mbembe) eröffnete, entstand die politische Moderne.

Deren Schulbuchbeispiel, die antikoloniale Revolution der Vereinigten Staaten, führte zu einem Paradox: Sie erweiterte die staatspolitische Freiheit weisser Männer und bewirkte zugleich eine beispiellose Festigung der Sklaverei. Wenn Gleichheit, Freiheit und das Streben nach Glück in der US-Unabhängigkeitserklärung von 1776 als unveräusserliche Rechte festgehalten wurden, so war mit der Freiheit der freie Besitz fremder menschlicher Körper mitgemeint. Die Revolutionäre um George Washington und Thomas Jefferson wollten ihre Freiheit bewahren, andere versklaven zu können.

Das Konzept der Rasse bildete so den gedanklichen Kitt für den Ausschluss schwarzer Leute aus dem Kreis der Menschheit. Erst diese «Imaginationsstruktur», wie Mbembe die gleichermassen fiktive und reale Macht der Rasse nennt, machte die Verwandlung von Menschen in Ware möglich.

Man muss nicht weit suchen für die Kategorien, mit denen im Frühkapitalismus die Bevölkerung klassifiziert wurde. Der Blick ins Zürcher Oberland genügt (um ein Beispiel aufzunehmen, das nicht von Mbembe stammt, doch seine Geschichte untermauert). Dort predigte in der Hungerkrise des Jahres 1817 ein Pfarrer aus Fischenthal, im Osten des Kantons sei eine «eigentliche Bettlerrace» entstanden, nämlich die «Menschen-Classe» der Fabrikarbeiter, die sich physiognomisch von den Ackerbauern unterscheiden würde. «Rasse» und «Klasse» verschwammen dabei. Im Blick seiner bürgerlichen Beobachter wie dieses Pfarrers entstand das Proletariat nicht zuletzt als rassische Differenz.

Die Befreiungsbewegungen der Schwarzen, so zeigt Mbembe, teilten das Paradox jeder Emanzipation: mit der Forderung nach der Gleichheit aller Menschen zugleich die eigene Differenz zu betonen. Dies wird deutlich in den frühen Verfassungen von Haiti, wo eine Sklavenrevolution nach einem bitteren Befreiungskrieg 1804 in die Unabhängigkeit gemündet hatte (ein weiteres Paradox dieser Revolution lag darin, dass sie sich als Monarchie umsetzte).

In der Verfassung von 1805 behandelten drei Paragrafen das Problem der Hautfarbe, jeder stand in Widerspruch zu den andern: zuerst, dass keine Weissen als Herren oder als Grundeigentümer auf der Insel auftreten dürften. Dann die Einschränkung, dass von dieser Verfügung die Gruppe weisser Frauen ausgenommen sei, die nach dem Befreiungskrieg auf Haiti geblieben waren, ebenso wie die Minderheiten der deutschen und polnischen Siedler. Und schliesslich in Artikel 14 die Bekräftigung, dass fortan auf Haiti alle Menschen schwarz seien, egal wie sie aussähen: «Les haitïens ne seront desormais connus que sous la dénomination générique de noirs.» Die Emanzipation realisiert sich nur konkret, etwa in der Erklärung eines «generischen» Schwarzseins aller, unabhängig vom Äusseren der Einzelnen.

Den Kreislauf durchbrechen

Für Achille Mbembe sind zwei Punkte entscheidend, um die Gewalt des Rassismus und den Wunsch nach Rache, den er bei den Kolonisierten auslöst, zu durchbrechen. Er folgt darin dem Psychiater und Revolutionär Frantz Fanon, dessen Denken im Strudel der Gewalt des Algerienkriegs (1954–1962) wurzelt. Das Ziel liegt in der Anerkennung, dass wir in einer einzigen Welt leben, jedeR Einzelne «als ein Mensch unter anderen Menschen», wie Fanon einmal schrieb.

Diese Einsicht hat eine Vorbedingung: die Restitution, die reale Abgeltung und Anerkennung der Wunden. Der Weg zu dieser Anerkennung – und das ist der zweite Punkt – besteht darin, das Gewaltverhältnis zu transformieren. Der Gegensatz zwischen Kolonialherr und Kolonisierten, so Fanon, lässt sich dabei weder mit gutem Willen noch mit einer schlichten Umkehrung überwinden, sondern in dem, was Fanon emanzipatorische Gewalt nennt: keine Gewalt der Erlösung, sondern der Therapie. In dieser Vorstellung war die militärische Dimension des Unabhängigkeitskampfs nur ein Teil zusammen mit zivilen Formen von Gegenmacht.

Das macht Mbembes Buch unversehens aktuell. Denn in einem Moment der «humanitären Kriege», in dem Gewalt im Namen von «Zivilisation», Kultur oder Religion eine undurchdringliche Wand aufbaut, braucht es ein Bewusstsein für eine Gewalt, die differenziert. Fanons emanzipatorische Gewalt taucht allerorten auf der Welt auf; zur Stunde etwa in den linken kurdischen Verteidigungskämpfen in Rodschawa, dem Grenzgebiet zwischen Syrien und der Türkei.

So lässt Mbembes Neuformulierung von Fanons Thesen eine Dimension von Militanz entdecken, die Befreiung ermöglicht. In ihr liegt eine intellektuelle Waffe gegen jene andere Gewalt des Nichtsehens, die Eric Garner zum Ersticken brachte und mit der Rassismus stets verbunden ist.

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