Nr. 11/2015 vom 12.03.2015

«Meine Leser dürfen nicht zu Killern werden»

Er war der Chronist Anatoliens: Der 91-jährig verstorbene kurdischstämmige türkische Autor Yasar Kemal hat sein Schreiben dem Frieden und der Demokratie gewidmet.

Von Yusuf Yesilöz

Yasar Kemals Bücher sind für mich wie Freunde, die ich immer wieder besuchen möchte. Eines davon ist «Die Ararat-Legende» (1970, 2014 auf Deutsch im Unionsverlag), die Geschichte einer zärtlichen Liebe zwischen der Sultanstochter Gülbahar und dem mutigen Ahmed, der von Gülbahars Vater eingekerkert wurde. In der bezaubernden Erzählung gewinnt nach allerlei Schmerzen schliesslich die Liebe.

Dass der Ende Februar verstorbene kurdischstämmige türkische Schriftsteller in diesem Werk schon Anfang der siebziger Jahre über KurdInnen schrieb, in einer Zeit, in der es niemand wagte, dieses Wort öffentlich in den Mund zu nehmen, ist ein Beweis seiner Grösse. Kemal schrieb seine Werke auf Türkisch. Er setzte sich aber vehement gegen das Verbot der kurdischen Sprache in der Türkei ein. Bei jeder Gelegenheit äusserte er seine Bewunderung für seine Muttersprache und unterstützte AutorInnen, die auf Kurdisch schreiben konnten.

Mit seinem Tod verlieren die Menschen Anatoliens den grössten Erzähler ihrer Geschichte. Der Romancier hinterliess ein umfangreiches Werk, rund fünfzig Bücher. Seine Romane wurden in über vierzig Sprachen übersetzt. Er erhielt wichtige internationale Preise, darunter den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und den Orden der Ehrenlegion Frankreichs. Der Literaturnobelpreis, für den er nominiert wurde, blieb ihm verwehrt.

Der Sänger des Lichts

Yasar Kemal, der als Chronist Anatoliens gilt, kam 1923 in einem Dorf in der Südtürkei zur Welt. In seiner Jugend ging er verschiedensten Arbeiten nach: Vom Tagelöhner auf Baumwollfeldern wurde er zum Fabrikarbeiter, vom Traktorfahrer zum Strassenschreiber. Er war gleich alt wie die türkische Republik, die aus den Trümmern des Osmanischen Reichs hervorging. Die junge Türkei, die 1923 ein Völkermosaik übernahm, versuchte mit voller Härte, andere Identitäten Anatoliens als die türkische zu unterdrücken.

Yasar Kemal jedoch hat die jahrhundertealten Mythen und Legenden dieses Völkermosaiks zur Sprache gebracht. In seinen Romanen ist die Art des Denkens dieser Menschen zu lesen. Er malte mit seiner reichen Sprache. Die Naturbeschreibung gehörte zu seinen Stärken. Kein Lebewesen blieb unerwähnt. Schmetterlinge in vielen Farben kreuzten den Weg der Ritter auf den schönen Schimmeln. Die Welt war für ihn ein Garten mit 10 000 verschiedenen Blumen. Wer eine dieser Blumen zerpflückte, schnitt der Menschheit einen wichtigen Teil ab.

Er war sensibel für den menschlichen Schmerz. Er kannte die Geschichte. Er nannte sich «Sänger des Lichts». Nicht umsonst wurde er mit Homer verglichen. Die Umwelt war in seinem Werk ein wichtiges Thema. Im Istanbuler Roman «Zorn des Meeres» (1998 im Unionsverlag) widmet er sich der Delfinjagd im Marmarameer. Der Fischer Selim, befreundet mit Delfinen, muss mitansehen, wie aus Geldgier ein Massaker unter den Delfinen angerichtet wird. Wenn der Autor mit sprachlicher Brillanz aus der Sicht der Delfine erzählt, beschleicht den Leser das Gefühl, Kemal habe mit diesen intelligenten Tieren zusammengelebt.

Gegen den «Folterstaat»

Kemals HeldInnen gehörten vielen ethnischen Gruppen an. Er liebte sie alle gleich. Ein grosses Herz hatte er in seinem Werk für Armenier, Assyrerinnen und Jesiden, für diese verfolgten, nicht muslimischen Völker. Doch der Pluralist Yasar Kemal, der zu sagen pflegte, dass einst in dieser geografischen Umgebung 72 Sprachen das Land bereichert hätten, wurde zu einer Bedrohung für die Regierungen. Er wurde mehrmals inhaftiert, das erste Mal, als er siebzehn war.

Für weltweite Aufmerksamkeit sorgte Mitte der neunziger Jahre sein Essay im deutschen Magazin «Der Spiegel», in dem er das Vorgehen des türkischen Staats gegenüber der kurdischen Minderheit und die vielzähligen Menschenrechtsverletzungen scharf kritisierte. Der Artikel bescherte ihm prompt eine Anklage, er wurde vom Staatssicherheitsgericht vorgeladen. Die kemalistische Linke wie die politische Rechte, die nicht glücklich waren über die Kritik, versuchten, den Autor zu isolieren und ihn in die Einsamkeit zu treiben. Es ist als Ironie der Zeit zu betrachten, wenn diese Kreise heute nach seinem Tod mit Bewunderung von ihm sprechen.

Yasar Kemals Reaktion im Gerichtssaal nach der Verurteilung zu zwanzig Monaten Haft in einem anderen Prozess wegen «Volksverhetzung» war von grosser Bedeutung: «Ich habe in meinen Romanen viele Foltermethoden beschrieben. Von einer solchen Folter, dass ich nicht sprechen darf, habe ich bis jetzt nie gehört. Ihr verurteilt mich, aber eines Tages wird die ganze Welt euch verurteilen. Dieses Delikt werde ich nochmals begehen.» Er prangerte weiterhin den «Folterstaat» an, kritisierte die Zwangsumsiedlung von rund vier Millionen Menschen. Wegen massiver Drohungen migrierte er für einige Monate nach Schweden.

Sein Leben war bis zum Ende dem Schreiben, dem Frieden und der Demokratie gewidmet.

Im November verlieh ihm die Istanbuler Bilgi-Universität den Ehrendoktortitel. Wegen schlechter Gesundheit nahm Yasar Kemal an der Feier nicht teil. Sein Vermächtnis lautete: «Meine Leser dürfen nicht zu Killern werden. Sie werden Kriegsgegner. Sie müssen sich gegen die Ausbeutung stellen. Keine Regierung darf Menschen erniedrigen und assimilieren. Wer andere Kulturen zu vernichten versucht, verliert seine eigene Kultur und seine eigene Menschlichkeit. Wir müssen die Armut bekämpfen. Armut ist eine Schande für die Menschheit.»

Liebe, Freundschaft, Respekt

Sein Tod einte die Türkei, wenn auch vermutlich nur kurz. Mehrere Fernsehsender übertrugen die Beisetzungszeremonie live aus dem Hof einer Istanbuler Moschee. Spitzenpolitiker, rechts wie links, türkisch wie kurdisch, waren anwesend. Die Geschäftswelt liess sich prominent vertreten. Zehntausende LeserInnen nahmen von ihrem Meister Abschied. Sie erklärten ihm nicht nur Respekt, sondern auch ihre Bewunderung, Liebe, Freundschaft und Solidarität. Viele Kulturschaffende waren da. «Wir schätzen uns glücklich, dass wir einen Teil seiner Lebenszeit mit ihm geteilt haben. Wir haben im selben Land zur selben Zeit gelebt. Darauf sind wir stolz», sagte ein Autor in die Kamera. «Ich habe von ihm vor allem gelernt, die Menschen und die Natur zu lieben», so ein anderer.

Wenn der Ministerpräsident Ahmet Davutoglu in seiner Botschaft von seiner «tiefen Trauer über den Tod unseres grossen kurdischstämmigen Intellektuellen» spricht, klingt das Wort «kurdisch» in den Ohren nicht nur ungewöhnlich, zugleich ist es auch der Beginn einer erhofften Wende.

Kolumnist Orhan Miroglu schrieb über «einen geheimen Wunsch» seines Freundes: «Yasar Kemal ging, ohne seine Muttersprache ausgekostet zu haben.»

Von Yasar Kemal sind rund zwanzig Romane im Zürcher Unionsverlag in deutscher Übersetzung erschienen.

Yusuf Yesilöz ist kurdisch-schweizerischer Schriftsteller und Dokumentarfilmer. Sein letzter Roman, «Soraja», erschien 2014 im Zürcher Limmat Verlag.

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