Nr. 42/2008 vom 16.10.2008

Die (un)wahrscheinliche Revolution

In seinem Roman «Zorn» verleiht der türkische Schriftsteller der Wut und Zerrissenheit der türkischen Linken einen Ausdruck - auf herausragende Weise.

Von Ingo Arend

«Dann gibt es nichts, was sie nicht schaffen könnte.» Wer die Diskussion um die Perspektiven der türkischen Linken im Internet verfolgt, reibt sich die Augen. Welche Linke könnte mit dieser Bemerkung gemeint sein? Mit der Aufforderung, «die Realität zu erkennen und vom Kampf nicht abzulassen»?

Wer sich im türkischen Parlament umschaut, sieht weit und breit keine linke Partei. Die einzig verbliebene Opposition zur Regierung Tayyip Erdogan ist die Partei des Staatsgründers Atatürk (1881-1938). Die ist zwar Mitglied der Sozialistischen Internationale, gefällt sich aber darin, die Nationalisten in ultranationalistischer Rhetorik zu überbieten. Zwar gibt es in der Türkei auch eine Kommunistische Partei, die schon in den zwanziger Jahren gegründet wurde. Zu nennenswertem Einfluss hat sie es aber ebenso wenig gebracht wie die Splittergrüppchen, die die Perspektivdiskussion im Netz führen. Von der politischen Bildfläche ist die türkische Linke so gut wie verschwunden. Und dennoch gibt es sie.

Fahrt wie im Rausch

Zum Beweis könnte man den Roman «Zorn» des türkischen Schriftstellers Murat Uyurkulak nehmen. Denn darin fächert der 1972 in Aydin geborene Journalist, Spross einer seit drei Generationen politisch aktiven Familie, eine Geschichte der türkischen Linken seit den fünfziger Jahren auf, die man in keinem Reiseführer und in keinem Zeitungsartikel findet. Und nach der Lektüre dämmert es dem Leser, warum die Linke in der Türkei so unbedeutend und so unsichtbar ist. Nicht so sehr wegen des Übermasses an Alkoholgenuss, der in diesem ungewöhnlichen Buch eine zentrale Rolle spielt. Oder weil so ziemlich alle «Revolutionäre», die darin vorkommen, «mit literarischen Wundern schwanger gehende» Poeten sind. Sondern eher, weil sich darin eine - für die Linke symptomatische - Geschichte zwischen Aufbäumen, Demütigung und Realitätsverlust entfaltet.

Zwei Männer reisen in diesem ungewöhnlichen Buch quer durch die Tür-kei. Es geht von Istanbul ins südost-anatolische Diyarbarkir. Der eine von ihnen ist Yusuf, ein junger Korrektor aus einem Verlag in Istanbul, der nicht recht weiss, wie es ihn in den Zug nach Osten verschlagen hat. Der andere ist ein ominöser älterer Mann, der, so beschreibt es der Icherzähler Yusuf, aussah «wie der spätere Anthony Quinn oder wie eine schlankere Ausgabe von Kadir Savun» - ein bekannter türkischer Schauspieler. Alle im Zug nennen diesen Mann nur «den Dichter». In seinem Abteil steht eine «trübweisse Flasche», Raki also; auf den Polstern türmen sich die Nussschalen. Was in diesem Moment beginnt, ist eine Fahrt wie im Rausch, eine Reise in die Vergangenheit und in die Zukunft zugleich.

Generationenstreit

Die Begegnung im Zug ist natürlich kein Zufall. Sie ist arrangiert. Das merkt Yusuf spätestens dann, als der Dichter ihn unvermittelt auf seinen Vater anspricht, den er kaum kannte, und auch sonst manche Episode aus seinem Leben erschreckend genau kennt. Die Wort- und Trinkgefechte, die zum Teil handgreiflichen Auseinandersetzungen, die sich der ziellose junge Mann aus Istanbul und der selbstsichere alte Poet liefern, sind ein Schlagabtausch zwischen zwei Generationen: der unpolitischen der Gegenwart und der der zornigen alten Männer aus einer Zeit, an die sich fast keiner mehr erinnert.

Beide stehen sich mehr als fremd gegenüber. Doch so wie sich der Icherzähler, der sich als «vaterlosen Yusuf» bezeichnet, immer neugieriger in die Aufzeichnungen seines verschollen geglaubten Vaters Oguz vertieft, die ihm der Dichter im Zug plötzlich zu lesen gibt, geht es in diesem Buch auch um das Motiv, Vergangenheit und Gegenwart zu verbinden, ja zusammenzuführen.

Uyurkulaks Buch ist im besten Sinne ein politischer Roman. Denn er fächert ein historisches Kaleidoskop der revolutionären türkischen Linken auf. Und das besteht vor allem aus Niederlagen. Oguz, Yusufs Vater, beginnt als linksradikaler junger Student an der Universität. Am Ende irrt er als anachronistischer Rebell durch das Gabar-Gebirge im kurdischen Südosten der Türkei, das die türkische Armee bei ihren Kreuzzügen gegen das verbotene Volk heute noch gern bombardiert. Selbst seine einstigen WeggefährtInnen nehmen den - durch einen Geburtsfehler hinkenden - «Kommandanten der Hügel und der Berge», einst eine Legende, nicht mehr ernst. Noch nach dem Mauerfall in Berlin fantasiert er, so liest es sein Sohn in dessen Aufzeichnungen, von einer internationalen Revolution.

Sein Freund, der Dichter, verbringt neun Jahre als «verwirrter, verrückt gewordener Flüchtling» mit seiner Frau Esmer in Frankreich. Doch weder im Exil noch in der Illegalität verlieren sie ihren Fixstern aus den Augen: «Von der Revolution wird eine Reinigung ausgehen. Die Revolution ist göttliche Zukunft, für die man nicht zu sterben braucht, sie führt vom Schmutz zur Unbeflecktheit, und für sie zu arbeiten, ist allerhöchste Andacht.»

Neben den gescheiterten Revolutionshelden treten in «Zorn» aber auch jene paradigmatischen Figuren auf, die den Weg jeder Linken säumen. Ismail beispielsweise, der opportunistische Bruder des revolutionären «Dichters», der stets mit den Mächtigen paktiert. Einmal gehört er einer kemalistischen Partei an, trägt deren Emblem mit den sechs Pfeilen der atatürkschen Staats-ideologie am Revers. Ein andermal hat er eine Biene am Knopfloch, das Wappentier der Anap-Partei des islamischen Premiers Turgut Özal in den neunziger Jahren. In einem Provinzhotel mit dem schönen Namen «Hoffnung» entgeht Ismail nur knapp einem Mordanschlag durch Oguz. Schliesslich endet der brutale Kriecher am Jahreswechsel 1999 durch Selbsttötung.

Und natürlich darf in einem solchen Buch auch die Erinnerung an das Trauma der türkischen Linken nicht fehlen. An den Militärputsch von 1980, der sich wie ein Wasserzeichen in Psyche und Textur der türkischen Linken eingeprägt hat, erinnert sich ein namenloser Erzähler so: «Der Mann mit der selbsttönenden Brille sah von den Papieren auf und blickte der Nation ins Gesicht und begann seinen Text zu verlesen. In diesen siebzehn Minuten wurden tausende Menschen umgebracht, Zehntausende verhaftet.» Von diesem Zeitpunkt an war alles anders für die türkische Linke.

Das Politische in «Zorn» erklärt sich aber nicht nur über das Stoffliche. Es ist, und das macht Uyurkulaks Roman herausragend, auch sein Formprinzip. Uyurkulak übertreibt es vielleicht mit seiner ungebärdigen Sprache und der derben Ausdrucksweise. Doch «Zorn» ist ein aufrüttelnder Solitär von Buch, gleich weit entfernt von der elegisch-behäbigen Nostalgie, mit der sich Orhan Pamuk im Gewande des europäischen Romans gern an das verschwundene Istanbul der Ottomanen und der westlichen Bourgeoisie der fünfziger Jahre erinnert. Und er hat auch wenig gemein mit dem süffigen Erzählen und den schrillen Metaphern, mit der die im Westen populäre Autorin Elif Shafak die Probleme der Gegenwartstürkei verpackt.

«Zorn» ist das aufregende Projekt einer Verwandlung von politischer in ästhetische Energie. Der Furor von Uyurkulaks nur scheinbar primitiver, unverblümter Sprache macht eine verborgene Triebkraft der türkischen Politik sichtbar. Und spiegelt etwas von der Wut der türkischen Linken. Der Strom aus Erinnerungsfetzen, Momenten der Bewusstlosigkeit beider Protagonisten, und Yusufs Lektüre der zerfledderten Notizbücher des Vaters ist dabei ebenso die adäquate Form für die Schwierigkeit der türkischen Linken, ihre vergessene, ungeschriebene Geschichte aufzurufen, wie es ein Bild für ihre Schwäche und Zerrissenheit ist.

Uyurkulaks Roman belegt ein weiteres Mal, wie radikal die kritische Öffentlichkeit in der Türkei Geschichte und Gegenwart ihres Landes zu befragen beginnt und dabei auch vor Tabuthemen keinen Halt mehr macht. Noch in der Namensgebung des Romans kann man einen riskanten politischen Akt erkennen. Uyurkulak, obschon selbst kein Kurde, hat seinen Roman im türkischen Original «Tol» genannt - das kurdische Wort für Zorn. «Der Fanatismus, die Härte des Wortes stimmen», begründet er seine Titelwahl. Die Devise des politischen Kampfes imprägniert in der Türkei auch die Literatur.

Das Ende bleibt offen

«Die Revolution war einst eine Wahrscheinlichkeit, und sie war sehr schön.» So erinnert sich Yusuf dunkel an die Stimmung in seiner allerfrühesten Jugend, als Vater und Mutter noch romantische RevolutionärInnen waren. Am Ende des Romans, als beide Reisende in Diyarbarkir angekommen sind, bleibt offen, ob er seinen ins Mythische entrückten Vater wirklich trifft. Vor dem Bahnhofsgebäude ruft ein Junge aufgeregt, der hinkende Kommandant steige aus den Bergen herunter in die Stadt.

Ob die Revolution von der schönen Wahrscheinlichkeit, die sie einmal war, zu einer Möglichkeit von heute wird, bleibt damit ebenso offen wie uns ein kitschiges Ende erspart bleibt. Doch dass die sozialen Energien, die in diesem Buch so bemerkenswert in Kunst überführt worden sind, sich wieder in Politik zurückverwandeln könnten - das spürt man mit jedem Satz.

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