Nr. 34/2016 vom 25.08.2016

Im Sumpf aus Gewalt und Folter

In ihren Kolumnen in der prokurdischen Zeitung «Özgür Gündem» hat sich die Autorin Asli Erdogan zu tabuisierten Themen in der türkischen Gesellschaft geäussert. Nun wurde sie deswegen wie viele andere verhaftet.

Von Yusuf Yesilöz

Kurz nachdem ein Gericht in Istanbul am 16. August die Publikation der Tageszeitung «Özgür Gündem» eingestellt hatte, wurde die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan verhaftet. Die 1967 geborene Autorin engagiert sich schon seit Jahrzehnten für die Menschenrechte und schrieb neben zahlreichen Büchern auch viel beachtete Kolumnen, unter anderem für die Tageszeitungen «Radikal» und «Özgür Gündem». Erdogan ist eine eindrückliche literarische Stimme. Ihr werden nun «Propaganda für eine illegale Organisation», «Mitgliedschaft bei einer illegalen Organisation» und «Volksverhetzung» vorgeworfen – alte und bekannte Anschuldigungen, deren man sich bedient, wenn Oppositionelle mundtot gemacht werden sollen. Als Beweismittel hat die Staatsanwaltschaft ausschliesslich ihre Artikel in der «Özgür Gündem» angegeben.

Schreiben ohne Scheuklappen

Asli Erdogan hat sich in ihren Kolumnen zu den brisanten, von Mainstreammedien tabuisierten Themen wie der Kurdenfrage und dem Genozid an den ArmenierInnen geäussert – und das ohne Scheuklappen. Die zierliche Frau, die ursprünglich Informatik und Physik studiert hatte, trat stets unbequem auf. Es ist denn auch nicht das erste Mal, dass sie Repressionen erlebt. Bereits früher geriet sie wegen ihrer Kolumnen in der Türkei unter Druck. So lebte sie von Dezember 2011 bis Sommer 2012 als «writer in residence» des Literaturhauses in Zürich und von August 2012 bis Sommer 2013 in Graz als «writer in exile».

Ich lernte sie vor allem durch ihre Romane kennen, die unterdessen in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Ihre erste Novelle «Kabuk Adam» (Der Schalenmann) schlug in den neunziger Jahren wegen der Intensität ihrer Sprache hohe Wellen. Die Handlung spielt auf einer karibischen Insel. Die Autorin sagte damals über das Buch: «Ich erzähle von einer tropischen Insel und einer Liebe, die im Sumpf aus Gewalt und Folter aufkeimt.» In ihren HeldInnen erkundet Erdogan die Einsamkeit der menschlichen Seele. «Asli Erdogan thematisiert nicht irgendeine Frau», schrieb kürzlich der Literaturkritiker Baris Soydan über ihre Figuren. «Sie schreibt über Frauen, die am Ende des 20. Jahrhunderts die ganze kulturelle Last ihres Landes auf den Schultern tragen.»

Asli Erdogan ist eine der wenigen türkischen Intellektuellen, die sich bezüglich der brennenden Kurdenfrage aus dem Fenster zu lehnen wagen. Wer das tut, muss mit der harten Hand des Staats rechnen. In den letzten vierzig Jahren hat sich an den Unterdrückungsmethoden des türkischen Staats gegen die kurdische Bewegung nichts geändert, nur die Männer am Hebel der Macht tragen andere Namen.

Der Soziologe Ismail Besikci verbrachte siebzehn Jahre im Gefängnis für seine Bücher, in denen er die Hintergründe des Kurdenkonflikts erläutert. Das jüngste Beispiel ist die Professorin Büsra Ersanli von der staatlichen Universität Marmara in Istanbul. Sie unterstützte die Friedensgespräche zwischen der Regierung und der PKK und war Mitglied im Parteirat der legalen ehemaligen kurdischen Partei BDP. Im Jahr 2011 wurde sie im berüchtigten KCK-Prozess, in dem rund 8000 kurdische PolitikerInnen zu mehreren Jahren Haft verurteilt wurden, angeklagt und verbrachte neun Monate in Haft. Recep Tayyip Erdogans Regierung behauptete später, dass die KCK-Prozesse von zu der Gülen-Bewegung gehörenden Staatsanwältinnen und Richtern lanciert wurden, die sich heute genauso in Haft befinden.

In Handschellen abgeführt

Auch Sebnem Korur Fincanci spürte die harte Hand des Staats. Die frühere Medizinprofessorin am Rechtsmedizinischen Institut in Istanbul, die unermüdlich die Folter thematisiert hatte, verlor für ihren 2002 in der Zeitung «Radikal» geschriebenen Satz «In der Türkei wurden eine Million Menschen gefoltert» ihre Arbeitsstelle. Im Juni wurde die Präsidentin der Menschenrechtsstiftung der Türkei unter dem Vorwurf «Propaganda für eine terroristische Organisation» für mehrere Tage inhaftiert. Ihr Delikt: Sie hatte aus Solidarität einen Tag lang die Chefredaktion der Zeitung «Özgür Gündem» übernommen.

Nur zwei Monate später ist die Zeitung verboten und über zwanzig MitarbeiterInnen wurden verhaftet (vgl. «Mal wieder verboten»). Unter den verhafteten JournalistInnen ist auch der überaus beliebte Karikaturist Dogan Güzel – in Handschellen wurde er abgeführt. Der Schöpfer der Comicfigur Qirix zeichnet seit den neunziger Jahren in kurdischen Zeitungen und wurde wegen seiner Arbeit mehrmals inhaftiert. Der Vorwurf auch hier: Er habe gegen das Antiterrorgesetz verstossen. Dabei beobachtete er mit satirischem Blick den gewaltsamen Konflikt in Kurdistan. Sein unvergessliches Schlitzohr Qirix hat in den Herzen von uns LeserInnen längst einen Platz eingenommen.

Aus dem Gefängnis richtete sich Asli Erdogan über ihren Anwalt in der Zeitung «Cumhuryiet» an die Öffentlichkeit: Vor dem Istanbuler Gericht sei deutlich geworden, dass ihre Verhaftung gar nicht juristisch begründet sei, sondern ganz der Einschüchterung diene, schrieb sie: «In diesem Moment habe ich alle meine Ängste verloren. Sie verhafteten mich, weil ich über die Brutalität der Sicherheitsbehörden in der Stadt Cizre schrieb. Hätte ich doch noch mehr geschrieben!»

Yusuf Yesilöz lebt als Schriftsteller und Filmemacher in Winterthur. Zuletzt erschienen von ihm der Roman «Soraja» (Limmat Verlag, 2014) sowie 2015 der Dokumentarfilm «Der Wille zum Mitgestalten. Migranten in der Politik».

Nachtrag vom 5. Januar 2017

Die Hölle für JournalistInnen

«Ihr solltet euch schämen, dass eine Schriftstellerin ihre Literatur in einem Gerichtssaal und flankiert von Gendarmen verteidigen muss», sagte Asli Erdogan letzten Donnerstag in ihrem Plädoyer vor einem Istanbuler Gericht. Die türkische Autorin und Kolumnistin wurde im August wegen ihrer Mitarbeit bei der inzwischen geschlossenen prokurdischen Zeitung «Özgür Gündem» verhaftet. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, die «Terrororganisation PKK» zu unterstützen. Wer sich für die kurdische Opposition einsetzt, ist in den Augen der Anklage UnterstützerIn – wenn nicht sogar Mitglied – der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK.

Im Prozess ordnete das Gericht schliesslich die Entlassung der im Gefängnis erkrankten Erdogan sowie zweier weiterer Angeklagter aus der Untersuchungshaft an. Allerdings dürfen sie das Land nicht verlassen, der Prozess wird im Januar weitergeführt. Ihnen drohen bis zu fünfzehn Jahren Haft.

Asli Erdogan ist eine von über 150 türkischen Autorinnen und Journalisten, die in Haft sind. Ende Dezember wurde auch der prominente Journalist Ahmet Sik festgenommen, weil er Staatsorgane beleidigt und Propaganda für eine Terrororganisation betrieben haben soll. Auf der «Rangliste der Pressefreiheit» von Reporter ohne Grenzen ist die Türkei auf Platz 151 von 180 Ländern. «Die Türkei ist vollständig zur Hölle für Journalisten geworden», sagt denn auch Baris Yarkadas, Abgeordneter der oppositionellen Republikanischen Volkspartei CHP, und er betont, der Fall Asli Erdogan hätte nie vor Gericht gebracht werden dürfen.

Silvia Süess

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