Nr. 24/2015 vom 11.06.2015

«Allmählich dreht hier der Wind»

Viele feiern den Investor Samih Sawiris. Doch das neue Skigebiet, das zusätzlich zum Andermatter Swiss-Alps-Resort gebaut wird, hat das Potenzial, ein finanzielles Desaster zu werden.

Von Robert Müller

In Andermatt ist nicht viel los. Beim Bahnhof steigen ältere österreichische TouristInnen aus einem Car, und im hübsch herausgeputzten Dorf stürmt eine asiatische Reisegruppe das Restaurant Sonne. Und schon ist wieder Ruhe im Dorf – Andermatt hat Zwangspause, seit die Gotthardstrasse wegen eines Felssturzes in der Schöllenenschlucht gesperrt ist.

Vom Swiss-Alps-Resort des ägyptischen Investors Samih Sawiris sind das Fünf-Sterne-Superior-Hotel The Chedi und die angegliederten Luxusappartementhäuser bereits gebaut. Etwas weiter entfernt, im rauen, windigen Urserental, stehen weitere Appartementhäuser. Doch trotz immer wieder neuer Erfolgsmeldungen über verkaufte Appartements: Der Bau des Resorts läuft langsamer als von Sawiris gewünscht.

Das Resort braucht neuen Schub für den weiteren Ausbau der 500 Wohnungen, 6 Hotels und 25 Villen. Diesen Sommer beginnt die zu Sawiris’ Imperium gehörende Andermatt-Sedrun Sport AG mit dem Bau eines neuen Skigebiets. «Skiarena Andermatt-Sedrun» heisst das Megaprojekt. «Wir entwickeln Andermatt zu einer Ganzjahresdestination», sagt Sawiris, der die Fragen der WOZ schriftlich beantwortet.

In diesem Sommer wollen die SeilbahnbauerInnen oben in den Bergen mit zwei neuen Sechsersesselliften inklusive Beschneiungsanlagen starten. Der eine Lift entsteht am Oberalppass als Teil der neuen Skiverbindung in den Kanton Graubünden, der andere im Gemsstockgebiet. Beide gehören zu einer ersten Ausbauetappe mit zwölf Sportbahnen, deren Kosten sich auf 130 Millionen Franken belaufen.

An der Finanzierung der Bahnen beteiligen sich neben privaten AnlegerInnen auch die SteuerzahlerInnen mit 48 Millionen Franken. Der Betrag setzt sich aus 8 Millionen Franken À-fonds-perdu-Beiträgen der Kantone Uri und Graubünden sowie einem zinsgünstigen Bundesdarlehen von 40 Millionen Franken zusammen, wobei die beiden Kantone für die Hälfte der Bundesgelder bürgen müssen.

Extrem ehrgeiziges Ziel

Es ist nicht das erste Mal, dass der Staat dem Investor den roten Teppich ausrollt. Schon Exbundesrat Christoph Blocher kam Sawiris entgegen, als er das Resort von den Restriktionen der Lex Koller (Verbot des Verkaufs von Grundstücken an AusländerInnen) befreite, und Uri erlässt ihm die Grundstücksgewinnsteuern.

In Uri sorgen die Staatsgelder für das private Skigebiet für Diskussionen. SP-Landrat Toni Moser schrieb Anfang des Jahres im Kantonsparlament von einer Hochrisikoinvestition, die Uri und Graubünden belasten könnte. Die Interpellation ist noch nicht beantwortet, doch «hinterher haben mich einige Leute angerufen und mir zugestimmt, dass bei der Skiarena mit zu grosser Kelle angerichtet wird», sagt Moser.

Nach Abschluss der ersten Ausbauetappe in rund vier Jahren sollen fast doppelt so viele SkifahrerInnen wie heute im Gotthardgebiet herumbrettern. CEO Silvio Schmid von der Andermatt-Sedrun Sport AG: «Wir wollen 600 000 Skiertage generieren.» Heute zählen Andermatt und Sedrun zusammen rund 354 000 Skiertage (bezahlte Tagesbesuche im Skigebiet). «Wir sind uns bewusst, dass diese Steigerung eine rechte Herausforderung ist», so Schmid.

Dieses ehrgeizige Ziel muss in einem schwierigen Umfeld erreicht werden. In Europa und in der Schweiz kämpft der Wintersporttourismus mit stagnierenden oder sinkenden Gästezahlen. In der letzten Saison sanken die Frequenzen der Schweizer Bergbahnen um über fünf Prozent. «Der Ausbau in Andermatt ist ein grosses Risiko», sagt Roland Zegg von der Unternehmens- und Tourismusberatungsfirma Grischconsulta, «denn der alpine Wintertourismus operiert in einem gesättigten Marktumfeld.» Und: «Neue Bahnen allein garantieren nicht automatisch mehr Gäste. Entscheidend ist, dass warme Betten vorhanden sind.»

Es sind also weniger TagestouristInnen, die in einem Skigebiet eine hohe Wertschöpfung bringen, sondern die Gäste, die in bewirtschafteten Zweitwohnungen möglichst lange in der Region bleiben. Doch für einen rentablen Betrieb der Skiarena haben Andermatt und Sedrun viel zu wenige warme Betten. Laut Silvio Schmid sind es derzeit rund 3500. «Wir müssen bis in etwa vier Jahren die Zahl der Residenzgäste verdoppeln.»

Die Skepsis gegenüber dem Megaprojekt ist besonders bei den Umweltorganisationen gross. «Man baut Überkapazitäten», ist Geschäftsführerin Katharina Conradin von Mountain Wilderness überzeugt, «die Skiarena steht wirtschaftlich auf sehr wackeligen Beinen.»

Gemeinsam mit dem WWF, Pro Natura, der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz und dem VCS kämpfte Mountain Wilderness für einen massvolleren Ausbau des Skigebiets. Nach langen Verhandlungen mussten die Umweltverbände einem Kompromiss zustimmen, der ihnen eine Reduktion bei der Zahl der Bahnen und die zusätzliche Ausscheidung von Schutzgebieten eintrug. Die Arbeit ist noch nicht zu Ende. «Es gibt Dutzende von Detailprojekten, bei denen wir überprüfen müssen, ob die Vereinbarungen eingehalten werden», sagt Katharina Conradin.

Steinegger für kleinere Schritte

Skeptisch gegenüber dem Grossprojekt ist auch der frühere FDP-Nationalrat und -Parteipräsident Franz Steinegger. Steinegger war Verwaltungsratspräsident der Andermatt Sportbahnen AG. Als Sawiris diese seinem Portfolio einverleibte, musste er den Hut nehmen.

Steinegger stösst sich am forcierten Ausbau des Skigebiets und spricht sich für einen Ausbau in viel kleineren, jedoch schnelleren Schritten aus, angepasst an die Nachfrage. Das Problem sei, «dass man wegen des Grossprojekts die ersten absolut notwendigen Schritte seit drei Jahren verpasst», meint Steinegger.

Mit Sawiris verstehe er sich zwar immer noch gut – den massiven Ausbau des Skigebiets jedoch lehnt er weiterhin ab: «Man tut so, als hätte man bereits die nötigen Benutzer des künftigen Skigebiets auf sicher. Doch das ist nicht der Fall. Man stürzt sich in ein Abenteuer.» Mittlerweile sei er mit seiner Skepsis nicht mehr allein. «In Andermatt dreht allmählich der Wind», sagt Steinegger, der im Dorf eine Ferienwohnung besitzt.

Wegen des Risikos, dass die Skiarena zum Murks wird, rückt die öffentliche Beteiligung mit 48 Millionen Franken vermehrt in den Fokus. Die finanziellen Risiken für Bund und Kantone sind laut Roland Zegg von Grischconsulta «erheblich, weil nicht rechtzeitig genügend warme Betten zur Verfügung stehen».

Für Franz Steinegger besteht vor allem durch die hohen Betriebskosten ein Risiko. «Die Appartements im Resort sind vor allem Kapitalanlagen, sie sind also kaum dauerbewohnt. Man kann nicht damit rechnen, dass die Appartementbesitzer die Bahnen aus dem Dreck ziehen. Weil aber die Betriebskosten erfahrungsgemäss sehr hoch sind, könnte die öffentliche Hand in Schwierigkeiten geraten.» Samih Sawiris hingegen ist optimistisch: «Bund und Kantone haben unsere Analysen gründlich geprüft und sind mit unseren Fachleuten zum Schluss gekommen, dass sich die Risiken im tragbaren Rahmen halten.»

Das darf man bezweifeln, wie die Recherchen der WOZ zeigen. Die Urner Regierung steht zwar hundertprozentig hinter Sawiris’ Projekt, wie der Volkswirtschaftsdirektor Urban Camenzind (CVP) sagt. «Wir glauben an dieses Projekt, denn es sichert das Leben und das Auskommen in dieser Bergregion, in der sonst nur noch der Wind um die Granitblöcke blasen würde.»

Gleichzeitig feilt die Volkswirtschaftsdirektion zurzeit an Vereinbarungen mit Sawiris’ Stellvertretern, um die Risiken in den Griff zu bekommen. Urban Camenzind: «Wir spielen auch das schlechteste Szenario durch.»

Ein solches könnte sein, dass die Betreiber zu Beginn einer Wintersaison verkünden, man könne die Bahnen wegen Geldmangel nicht in Betrieb nehmen. «Dann sind wir erpressbar», sagt Camenzind. «Wir wollen darum die Skiarena verpflichten, die Bahnen auch bei Schwierigkeiten zwei Saisons lang weiter zu betreiben, damit genug Zeit für Verhandlungen bleibt.» So könne man diskutieren, wer sich wie viel Geld ans Bein streichen müsse oder wie man die Bahnen retten könne. Ausserdem werde verhandelt, welche Sicherheiten die Skiarena in Form von Liegenschaften, Grundstücken oder Bahnanlagen bringen könne. «Das ist kein Misstrauensvotum gegen Samih Sawiris», fügt Camenzind bei, «aber wenn Resort und Skiarena in vier bis fünf Jahren in den Vollbetrieb gehen, geht es auch um ein paar Hundert Arbeitsplätze.»

Noch mehr Steuergelder?

Offen ist, ob die SteuerzahlerInnen nochmals Geld einschiessen müssen. Die Skiarena-PlanerInnen möchten nämlich in ein paar Jahren eine zweite Ausbaustufe zünden, die 80 Millionen Franken kostet. Laut Camenzind sind auch dafür öffentliche Gelder quasi reserviert. «Das ist bereits so vorgesehen», sagt er, «wir würden uns zusammen mit dem Bund wieder am Projekt beteiligen.»

Rund 210 Millionen Franken könnten dann die gesamten Investitionen kosten – wovon der Staat, wie schon in früheren Businessplänen ausgewiesen, über 70 Millionen Franken übernehmen müsste. Samih Sawiris beantwortet die Frage nach einem weiteren Engagement des Staats ausweichend: «In den ersten Schritten konzentrieren wir uns auf die erste Etappe.»

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