Nr. 29/2015 vom 16.07.2015

Goldrausch für die Schule

Offiziell ist Kinderarbeit in Uganda verboten. Doch in den Pfützen der Goldminen schuften Tausende von Minderjährigen für wenige Rappen pro Stunde – und finanzieren damit ihre Schulbildung.

Von Nicole Macheroux-Denault (Text und Foto), Nakudi

Der zwölfjährige Wandera Ham hat eine eigene Waschtechnik entwickelt in der täglichen Hoffnung auf ein wenig Gold.

Überall wirbelt feiner Sand durch die Luft, dabei weht nicht ein Hauch von Wind. Jeder auf dem einst stillen Acker im ostugandischen Dorf Nakudi ist in Eile – und doch geht keiner irgendwo hin. «Die Menschen kommen in Strömen», sagt Muwaya Mudasiru. Der hochgewachsene junge Mann ist besser gekleidet als die meisten. Er deutet auf die notdürftig mit Plastikplanen errichteten Hütten, die den holprigen Pfad säumen. «Jeden Tag werden mindestens zehn neue errichtet. Ehrlich gesagt, was hier abgeht, das ist erbärmlich», so der Goldhändler.

Überall wird gearbeitet. Das laute Tuckern der Generatoren übertönt jedes andere Geräusch in Nakudi. Tuck, tack. Tuck, tack, tack. Der Viktoriasee ist nur ein paar Gehminuten entfernt, die ugandisch-kenianische Grenze ebenso. Im Takt der Generatoren rotiert Wandera Ham seine grüne, mit Wasser und Sand gefüllte Plastikschüssel. Hin, her. Hin, rum, rum. Tuck, tack. Tuck, tack, tack. Gekonnt trennt der Zwölfjährige Sand von Wasser und hofft am Schluss auf glitzernde Überbleibsel. So machen es alle hier, die nach Gold suchen. Davon gibt es im Sand von Nakudi tatsächlich viel. Manchmal winzig klein, manchmal erbsen- bis nussgross verklumpt.

«Als ein Dorfbewohner starb, hob man auf diesem Acker ein Grab aus, und der Bruder des Verstorbenen fand dabei Gold», erinnert sich Muwaya Mudasiru. Innerhalb weniger Tage wusste jeder und jede in der Gegend davon. Seit Jahrzehnten finden AnwohnerInnen im Osten Ugandas Gold im Boden. Wie ein Ruck geht die Hoffnung auf das grosse Geld durch die bitterarme Bevölkerung. Manche sagen, in Nakudi seien 4000 GoldsucherInnen, andere reden von 35 000. Und viele der Arbeitenden sind Kinder.

Kinderarbeit für Schulgebühren

Wandera Ham steht knietief im orange-braunen Wasserloch. Seine beige Hose ist zerschlissen und völlig verdreckt. Die Fetzen, die vom grün karierten Hemd übrig geblieben sind, hat er sich über die Brust geknotet. «Ich bin jetzt drei Monate hier», sagt der zwölfjährige Junge schüchtern. Wandera ist nur eines von vielen Kindern, die in Nakudi täglich hart arbeiten. Sie transportieren potenziell goldhaltigen Sand zu den Spüllöchern, klopfen Steine, waschen in gebückter Haltung Sand. Wie viele seiner gleichaltrigen ArbeitskollegInnen sucht Wandera Ham Gold, um seine Schulgebühren zu bezahlen. Denn in Uganda ist selbst die Grundschule kostenpflichtig und theoretisch herrscht Schulpflicht. Schwere körperliche Arbeit Minderjähriger ist zwar verboten. Doch ohne Arbeit gibts kein Geld und ohne Geld keine Schule.

Wandera fällt im Menschengewusel von Nakudi durch seine eigenartige Waschtechnik auf. Mit beiden Armen umschlingt der Junge die Plastikschüssel, sodass sie mit seinem Körper zu verschmelzen scheint. Hula-Hoop-artig schwingt er die Hüfte. Wasser wippt, kreist und schwappt zuweilen über den Rand. Wandera muss lachen, sein Onkel, der neben ihm Sand wäscht, ebenso. Ein bisschen Spass muss sein.

«Ich glaube, der Goldrausch hier in Nakudi wird nicht länger als zwei Jahre anhalten», prognostiziert Muwaya Mudasiru. Er kauft das frisch geschöpfte Gold – im Durchschnitt im Wert von einer Million ugandischer Schilling pro Tag. Das entspricht rund 280 Schweizer Franken. Mudasiru ist nur einer von vielen HändlerInnen. Ein kleiner Fisch, der mit einfachen SucherInnen wie Wandera und dessen Onkel ins Geschäft kommt.

Wohltäter und Ausbeuter

Marc Masinde hat bis vor zwei Jahren täglich in einer Goldmine in der Grenzstadt Busia Sand gewaschen. Sie liegt rund anderthalb Autostunden von Nakudi entfernt. Damals war Marc elf Jahre alt. Er ist noch heute klein für sein Alter und hat einen wachen Blick. Er sitzt auf einem Schemel vor dem Haus seiner Eltern unweit der Mine. «Manchmal stand ich von acht Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags im Wasser», sagt er kein bisschen wehleidig, eher stolz. An einen Tag erinnert er sich gern. «Einen Klumpen im Wert von 5000 Schilling habe ich gefunden.» Das sind umgerechnet etwa 1.40 Franken. «Das war ein Fest! Ich war so glücklich», sagt Marc strahlend. «Ich bin sofort ins Dorf gelaufen und habe mir Hefte und eine Uniform für die Schule gekauft.» Dann habe er weitergearbeitet. Denn für die Schulgebühren hatte er noch nicht genug beisammen.

«Wir wollen diesen Kindern helfen», sagt Jamal Omongin, dessen Familie das Grundstück gehört, auf dem Marc arbeitete. Der 28-Jährige versteht sich mehr als Gemeindewohltäter denn als Ausbeuter. «Wir erlauben ihnen nur leichte Arbeiten. Schwere körperliche Anstrengungen dürfen sie nicht verrichten.» So zumindest lautet die Regel. Doch wer zur Mine kommt, sieht sofort die vielen Ausnahmen: Die Kinder arbeiten hart. «Die Regierung sagt immer, wir sollen einen Job kreieren, bevor wir einen suchen. Nichts anderes tun wir hier», so Jamal Omongin – und grinst verlegen.

«Kinderarbeit wollen wir hier nicht», sagt Raphael Ojiambo. «An Schultagen schicken wir die Kinder nach Hause und in die Schulen.» Er ist einer von zwei Dorfvorstehern in Nakudi, trägt einen grossen schwarzen Hut, sein Hemd ist sauber, seine Haut nicht von der hier üblichen dicken roten Staubschicht bedeckt. Diese Aufmachung verleiht ihm Respekt. Vielleicht glaubt er, deshalb könne sein Wort nicht angezweifelt werden. Heute ist nämlich weder Samstag noch Sonntag. Trotzdem arbeiten in vielen Pfützen Kinder.

«Nur Nasenbluten»

Marc Masinde konnte irgendwann nicht mehr schlafen. Alles änderte sich an dem Tag, als überraschend ein Mzungu (weisser Europäer in Suaheli) Unterstützung anbot. Er hatte durch eine Fernsehsendung vom Schicksal des Jungen erfahren und lässt ihm seither rund 500 000 Schilling pro Jahr zukommen, umgerechnet 140 Franken. Das reicht, um Marcs Schul- und Examensgebühren, seine Schuluniform und ein Mittagessen pro Tag zu bezahlen. Die Unterstützung des Mzungu ist eine grosse Erleichterung für die Familie. Im Dorf ändert sich dadurch natürlich nicht viel. «Viele meiner Freunde können nicht in die Schule, weil sie das nötige Geld nicht haben.»

Marcs Noten sind nicht grossartig. Er hat in den vergangenen Jahren viel Stoff verpasst, und mit der Konzentration sei das auch so eine Sache. «Kopfschmerzen habe ich nicht mehr», sagt er, «nur Nasenbluten.» Besonders beim informellen Goldabbau wird viel mit Quecksilber gearbeitet – trotz der verheerenden Umwelt- und Gesundheitsschäden.

«Wir tun, was getan werden muss»

Die Mine, in der Marc gearbeitet hatte, wurde geschlossen, als es selbst dem Besitzer Jamal Omongin zu brenzlig wurde: Die unbefestigten weichen Seitenränder der metertief in den Boden gegrabenen Erdlöcher sackten ständig ab. Die darin arbeitenden Kinder schafften es oft nur knapp rechtzeitig heraus. Wenig fehlte, und sie wären lebendig unter dem Sand begraben worden. «Es wurde sehr gefährlich, dort zu arbeiten», sagt auch Marcs Mutter. Trotzdem empfand sie die Schliessung als Katastrophe. Jetzt gibt es in Busia zwar keine Kinderarbeit mehr. Aber es fehlt nun an bezahlter Arbeit, um die Schulgebühren vieler Kinder zu finanzieren.

Marc Masindes Schwester Lucia besucht die neunte Klasse. Gemeinsam mit ihrer Mutter hat auch sie in der Mine geschuftet, um ihren Schulbesuch zu ermöglichen. «Jetzt braue ich Alkohol und verkaufe ihn im Dorf», sagt die Mutter. In der Hütte, in der sich die Küche der Familie befindet, brennt unter einem riesigen Tontopf ein Feuer. Die entweichenden Dämpfe sind betäubend stark. «Das Brauen ist zwar illegal, aber wir tun, was getan werden muss. Meine Tochter soll es besser haben als ich. Sie muss in die Schule.»

Nicole Macheroux-Denault lebt in Südafrika. 
Sie berichtet aus ganz Afrika – vorwiegend für audiovisuelle deutschsprachige Medien.

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