Nr. 11/2014 vom 13.03.2014

Die mächtigen Freunde der Schwulenfeinde

In Uganda fürchten Schwule und Lesben um ihr Leben, seit Präsident Museveni ein Gesetz gegen Homosexualität unterzeichnet hat. Evangelikale Prediger aus den USA profitieren davon ebenso wie der autoritäre Präsident.

Von Marc Engelhardt, Nairobi

Es dauert mehrere Tage, bis ich James endlich am Telefon habe. James heisst nicht wirklich so. «Aber ich möchte mich nicht morgen auf der Titelseite des ‹Red Pepper› wiederfinden», sagt er mit leiser Stimme. «Red Pepper», das ist die ugandische Boulevardzeitung, die in den vergangenen Wochen Hunderte Bilder und Namen von angeblichen Schwulen und Lesben veröffentlicht hat. James ist Ugander, und er ist schwul. Das macht ihn in seiner Heimat seit dem 24. Februar dieses Jahres zu einem Straftäter. «Selbst meine Freunde, ein Ehepaar mit Kindern, müssten ins Gefängnis, wenn sie erwischt werden – nur weil sie mich beherbergen.»

Ich kenne James seit dem Herbst 2009. Bei unserem ersten Treffen in der Hauptstadt Kampala wirkte er kämpferisch und voller Mut. Es war erst ein paar Tage her, dass ein bis dahin unbekannter Abgeordneter der Regierungspartei einen Antrag ins Parlament eingebracht hatte, der die Todesstrafe für «besonders schwere Fälle» von Homosexualität forderte. David Bahati, so heisst der Abgeordnete, stellte sich schon damals vor jede Fernsehkamera, vor der er seine Parolen loswerden konnte: «Homosexualität ist nicht Teil unserer Kultur, gegen Gottes Gesetze, und wir erlauben das bei uns nicht.» Wenn die Kameras ausgeschaltet waren, wurde er noch deutlicher. Sein Wunsch sei, dass alle Homosexuellen in Uganda umgebracht würden, sagte er einem meiner ugandischen Kollegen. Trotzdem war James – den ich damals noch bei seinem richtigen Namen nennen durfte – voller Hoffnung. «Das ist eine Chance für uns», sagte er mir, als wir am Rand eines Hotelpools unweit des Parlaments sassen. «Jetzt müssen Schwule und Lesben im Land Farbe bekennen – die ewige Verschwiegenheit hat ein Ende, wir werden eine Gayparade organisieren und den Ugandern zeigen, dass wir nichts zu verbergen haben.» Sein Gemüt war so sonnig wie der Himmel über Kampala an diesem Tag.

Homophobie als Wahlkampf

Tatsächlich machen Schwulen- und Lesbenverbände seither in Uganda mobil. Doch auch die Gegenseite rüstet auf. Bahati ist vom Hinterbänkler zum globalen Medienstar geworden. Das gefällt ihm. Er verbeisst sich in sein Gesetzesvorhaben. Und er hat mächtige Freunde. Allen voran die evangelikalen Kirchen in Uganda. Alex Mitala etwa, der Chef des Dachverbands der Pfingstkirchen in Uganda, sagt: «Homosexualität ist eine Kampagne des Westens, um Afrika zu schwächen. Wir hassen Homosexuelle nicht, wir hassen nur, was sie tun – weil die Bibel sagt, es ist Sünde.»

Pfingst- und Heilskirchen, charismatische Bewegungen und christliche Sekten aller Schattierungen haben viel Einfluss in Uganda. Mindestens die Hälfte der UganderInnen, so Schätzungen, sind Teil dieser Bewegungen. SoziologInnen glauben, dass die in Uganda besonders schlimm wütende Aidsepidemie ein Grund für deren Erfolg ist. Das mag sein. Doch es gibt auch andere Gründe, profanere. «Die Menschen sind arm, und sie werden immer ärmer», sagt Alice, eine Lesbenaktivistin aus dem ugandischen Jinja. «Die Kirche am Sonntag ist das Einzige, was sich Tagelöhner und Arbeitslose als Unterhaltung leisten können – und die Pfingstkirchen bieten grosses Kino, mit Wundern, Versprechen und effekthascherischen Predigten.»

Martin Ssempa ist einer der Prediger, die mit ihrer Hetze gegen Schwule und Lesben berühmt geworden sind. Er ist ein Freund Bahatis. Ssempa ist ein Mann, der unauffällig wirkt, er hat den Charme eines angestaubten Oberstudiendirektors. Doch er weiss, wie er Eindruck schinden kann. Ssempa machte sich einen Namen damit, dass er seinen schockierten AnhängerInnen Pornofilme vorführte, die Schwule beim Sadomasospiel zeigen. «Das ist es, was diese westlichen Homosexuellen mit unseren Kindern machen wollen», schrie er dazu. Die von Ssempa gegründete Makerere Community Church ist heute eine der grössten Kirchen des Landes. Alice sieht darin einen Grund, dass Ugandas Präsident nach langem Zögern den «Anti-Homosexualitäts-Akt» unterzeichnet hat: «Museveni, der das Land seit 28 Jahren regiert, will sich 2016 zum fünften Mal zur Wahl stellen – und er braucht die Anhänger der Pfingstkirchen, um gewählt zu werden.»

Mord nach medialer Hetzjagd

Im Herbst 2009 waren diese Entwicklungen noch nicht absehbar. James glaubte, dass es sich um einen Sturm im Wasserglas handle. «Die Leute haben doch andere Probleme, echte, existenzielle – da werden sie sich nicht lange mit uns Homosexuellen aufhalten.» Doch da lag er falsch. Nicht nur die Kirchen, auch die Medien entdeckten das populistische Potenzial. Nur wenige Tage nach unserem Gespräch wurden die ersten Fotos angeblicher Homosexueller veröffentlicht. Eine Hexenjagd begann, an deren Ende ein prominenter Toter zu beklagen war: David Kato, Ugandas wortgewaltigster Schwulenaktivist. «Hang them», hatte die ugandische Boulevardzeitung «Rolling Stone» gefordert und darunter auch ein Foto Katos veröffentlicht.

Ein Jahr später wurde er mit zwei Hammerschlägen auf den Kopf in seinem eigenen Haus ermordet. Offizielle Stellen machten einen Callboy für den Mord verantwortlich, woran AktivistInnen wie James und Alice bis heute zweifeln. Dafür meldete sich David Bahati zu Wort: Bedauerlich sei der Tod Katos, sagte er. «Aber er sollte Uganda die Augen über die Illegalität der Homosexualität öffnen.»

Der Tod Katos änderte alles. Als wir uns im Frühjahr 2011 kurz nach dem Mord am Viktoriasee wiedersahen, war James’ Optimismus Angst und Trotz gewichen. «Wir alle fürchten, dass es uns als Nächste trifft», sagte er. «Aber wir müssen weitermachen. Einfach aufgeben – das geht doch auch nicht.»

Die GegenspielerInnen der Homosexuellenbewegung sind mächtig, und nicht alle kommen aus Uganda. Besonders einflussreich sind evangelikale Prediger aus den USA. Mit ihnen ist Bahati etwa über die Bewegung The Fellowship verbunden, der unter anderem die Äusserung zugeschrieben wird, dass die Demokratie nur eine Übergangsphase zu einer gottgeleiteten Regierungsform sei. Ihr Einfluss in Washington ist so gross, dass zum National Prayer Breakfast, einer jährlichen religiösen Veranstaltung, die von Mitgliedern des US-Kongresses und The Fellowship ausgerichtet wird, praktisch alle einflussreichen US-PolitikerInnen erscheinen. In Übersee bildet die Bruderschaft gezielt Mitglieder einer «globalen christlichen Elite» aus – darunter auch David Bahati.

Scott Lively gehört zu Bahatis Unterstützern, ein radikaler Prediger und Mitautor eines Buchs, das «Pink Swastika« heisst und demzufolge Schwule und Lesben die Weltherrschaft anstreben. «Ich hoffe, dass Ugandas Neutronenbombe gegen die Pläne der Homosexuellen sich gegen die Homosexuellenbewegung weltweit richten wird», sagte Lively einmal.

Politisches Ablenkungsmanöver

James kann heute über die Absurdität dieser Aussage nicht einmal mehr schmunzeln. Um nicht entdeckt zu werden, wechselt er derzeit wöchentlich seine Unterkunft wie auch seine Handynummer. Zwar sieht das Gesetz nicht die Todesstrafe vor, aber doch lebenslängliche Haft für Homosexuelle. Dazu kommt die Angst vor Lynchjustiz. «Als das Gesetz unterschrieben war, hat mich mein Vermieter rausgeschmissen – obwohl ich ein vorbildlicher Mieter war, immer pünktlich bezahlt habe. Aber das zählte nicht.» FreundInnen von ihm habe man öffentlich die Kleider vom Leib gerissen, sie verprügelt und verfolgt.

James ist der Meinung, dass diese Übergriffe zeigen, wie das Anti-Homosexuellen-Gesetz von der Regierung als Ablenkungsmanöver benutzt wird. «Seit Jahren wird Uganda immer repressiver: Die Regierung ist korrupt, Schulen und Krankenhäuser sind praktisch pleite – und wer wagt, dagegen etwas zu sagen, so wie Oppositionsführer Kizza Besigye, wird unter Hausarrest gestellt oder zum Verschwinden gebracht.» Dazu kommt Ugandas militärische Offensive im Südsudan. «Wären die Menschen nicht mit der Schwulen- und Lesbenhatz beschäftigt, würden sie wohl gegen all das protestieren.»

Auch Alice sagt, der Hass gegen Homosexuelle werde von autoritären PolitikerInnen geschürt, um ihn für eigene Zwecke zu instrumentalisieren – nicht nur in Uganda, sondern auch in Nigeria, Simbabwe oder Russland, wo ähnliche Gesetze verabschiedet wurden. «Sie behaupten, der Westen wolle die Afrikaner ‹homosexualisieren›, und machen damit aus der Hatz einen Kampf gegen eine Neokolonisation – das kommt gut an.»

Alice fordert den Westen auf, für die Menschenrechte aller UganderInnen einzustehen – «egal ob homo- oder heterosexuell». Und sie warnt vor Rufen nach Sanktionen. So habe die Weltbank gerade ein Darlehen von umgerechnet achtzig Millionen Franken gestoppt, das für eine bessere Gesundheitsversorgung vorgesehen war. «Damit wird schlussendlich aber ein Menschenrecht gegen ein anderes ausgespielt. Mit der Folge, dass noch mehr Menschen uns Schwule und Lesben hassen.»

Binyavanga Wainaina

«Mama, ich bin ein Homosexueller»

Mitten in der Verfolgungswelle gegen Homosexuelle in Afrika und weltweit entschied Binyavanga Wainaina, sich zu outen. Der 43-Jährige ist einer der bekanntesten Autoren Kenias. Seine Autobiografie «Eines Tages werde ich über diesen Ort schreiben» ist auch auf Deutsch im Verlag Das Wunderhorn erschienen. Mitte Januar stellte er ein «verlorenes Kapitel» auf seine Website, in dem er seiner Mutter am Totenbett beichtet: «Mama, ich bin ein Homosexueller.» In Wahrheit, das schreibt Wainaina auch, hat es dieses Gespräch nie gegeben. Doch dass er sich wünschte, es hätte stattgefunden, daran lässt er keinen Zweifel.

«Ich habe entschieden, mich zu outen, nachdem ein schwuler Freund von mir aus Kisumu im Westen Kenias gestorben ist», sagt er. «Als seine Eltern eine Totenfeier in der Kirche abhalten wollten, wurden sie rausgeworfen.» Für Wainaina, der mit seinem Literatenzirkel Kwani (Suaheli für «warum») einfache KenianerInnen dazu bewegt hat, ihre Geschichten aufzuschreiben und zu veröffentlichen, begann damit eine neue Kampagne. «We must free our imagination» (Wir müssen unsere Vorstellungswelt befreien), fordert er in sechs Youtube-Filmen. «Ich möchte in einer afrikanischen Gesellschaft leben, in der die Leute nicht sagen: ‹Da lebt ein Dämon nebenan›, sondern in der sie sagen: ‹Nebenan lebt einer, den ich nicht verstehe. Aber ich muss ihn auch nicht verstehen.›»

Der Kampf gegen Homophobie ist für den Literaten Wainaina ein Kampf gegen eine festgefahrene Vorstellungswelt, im Beruf und in der Politik ebenso wie im Privaten. Angebliche afrikanische Tugenden seien in Wirklichkeit viktorianisch geprägte Überbleibsel aus der kolonialen Vergangenheit, die allein den Herrschenden nützten. «Ich bin nicht an einer schwulen Übernahme Afrikas interessiert», sagt er schmunzelnd. «Aber ich bleibe hier – das müsst ihr verkraften.»

Marc Engelhardt

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