Nr. 37/2015 vom 10.09.2015

Tonnenweise «Togo»-Gold für eine Tessiner Firma

Die Arbeitsbedingungen in den kleingewerblichen Goldminen von Burkina Faso sind katastrophal. Mehrere Tonnen des Edelmetalls werden jährlich aus dem Land geschmuggelt – ein Grossteil davon in die Schweiz.

Von Peter Dörrie (Text und Foto), Ouagadougou

Schürfung von Gold, das es offiziell gar nicht gibt: Reperatur einer Steinmühle bei einer Goldmine in Tikando.

Knapp sieben Tonnen Gold wurden 2014 aus dem westafrikanischen Land Togo in die Schweiz importiert. 2012 und 2013 waren es sogar jeweils mehr als dreizehn Tonnen. Auf den ersten Blick nicht ungewöhnlich, ist die Schweiz doch die Drehscheibe des internationalen Goldhandels (vgl. «Einladung zur Ahnungslosigkeit» im Anschluss an diesen Text). Stutzig wird hingegen, wer sich die Produktionsstatistiken für Togo anschaut: Weniger als eine Tonne wird hier nach Angaben der Regierung pro Jahr gefördert. Woher stammt also der Rest, Gold im Wert von Hunderten Millionen Franken, der jährlich in den Schmelzöfen der Schweizerischen Eidgenossenschaft zu glänzenden Barren verarbeitet wird?

Die Antwort findet, wer sich in das Nachbarland Burkina Faso begibt. Das Land ist im Gegensatz zu Togo ein bedeutender Goldproduzent. Neben einer Reihe industrieller Goldminen gibt es hier auch Hunderte kleingewerblicher Minen, in denen wenige Dutzend bis mehrere Tausend Menschen das Edelmetall mit einfachsten Mitteln ans Tageslicht fördern.

Zwar ist der kleingewerbliche Bergbau in Burkina Faso offiziell erlaubt und mit mehr als einer Million direkt und indirekt Beschäftigten einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren des Landes. Die Bedingungen für Bergleute und Arbeiter sind allerdings hoch problematisch. Die Goldmine von Alga etwa, 130 Kilometer nördlich von Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou gelegen, erinnert an die Kulisse eines postapokalyptischen Hollywood-Blockbusters. Feiner grauer Staub flirrt in der Luft und bedeckt die Gesichter der weit über tausend Menschen, die hier arbeiten. Die Wege zwischen den wackeligen Hütten sind eng, Motorräder rasen in hohem Tempo vorbei. Müde Gestalten steigen aus einem der vielen Dutzend Schächte, aus einem anderen ertönt der Knall einer Explosion untertags, gefolgt von einer Staubwolke, die an die Oberfläche schiesst. Bis zur Hälfte aller ArbeiterInnen hier sind minderjährig, trotz burkinischer Gesetze und internationaler Abkommen, die die Tätigkeit in Goldminen als «schlimmste Art der Kinderarbeit» brandmarken.

Schmuggel nach Togo ist üblich

Mohammed, der seinen Nachnamen nicht nennen will, ist Vorarbeiter eines Stollens in Alga. Er erklärt die Arbeitsteilung: «Es ist eine Frage des persönlichen Mutes. Wenn ein Kind mutig genug ist, dann kann es auch untertags arbeiten. Das Alter spielt keine Rolle.» Andere Kinder tragen die schweren Säcke voller goldhaltigen Gesteins von den Schächten zur Weiterverarbeitung, bedienen schwere Maschinen ohne Gehör- oder Atemschutz und lösen den Goldstaub mit giftigen Chemikalien aus dem Gestein.

Gehandelt wird das in Alga geförderte Gold zum Teil in der nahen Kleinstadt Kongoussi. Von hier aus operieren unter anderem mehrere junge Männer der Familie Sawadogo. Sie finanzieren einen eigenen Stollen in Alga und kaufen Gold von unabhängigen Goldgräbern. Auf dem Schreibtisch von Sita Sawadogo liegen zwei kleine Goldbarren, zusammen etwa 1,5 Kilogramm schwer. In einem Schreibheft listet er säuberlich alle Ankäufe auf.

An wen er das Gold weiterverkauft, möchte Sita nicht sagen. Sein Verwandter Guoanny Sawadogo ist bei einem Bier in einer örtlichen Bar gesprächiger: Das Gold werde von ihrem Boss über Ouagadougou nach Lomé gebracht, der Hauptstadt von Togo, «weil dort die Libanesen sind». Diese würden bessere Preise für das Gold bieten, als man in Burkina Faso selbst erzielen könne. Ausserdem müsse man so keine Steuern zahlen. Den Namen des Bosses in Ouagadougou möchte aber auch Guoanny nicht preisgeben. Auf Interviewanfragen, die die Sawadogos überbracht haben, geht der Goldhändler nicht ein.

Albert Oussé ist weniger zurückhaltend. Der Geschäftsmann managt mehrere kleingewerbliche Minen nahe der Stadt Gaou im Südwesten Burkina Fasos. Die von Oussé als grösste kleingewerbliche Mine des Landes beschriebene ist in Tikando, wo mehr als 9000 Menschen arbeiten. 600 Kilogramm Gold würden dort im Jahr gefördert, sagt Albert Oussé. Er selbst unterhält hier mehrere Stollen, deren Schürfertrag zur Hälfte ihm persönlich zusteht. Da er gleichzeitig für die gesamte Anlage Sicherheitskräfte organisiert und für gute Beziehungen zwischen Goldgräbern und der örtlichen Bevölkerung und Politik sorgt, müssen ihm alle anderen StollenbesitzerInnen nochmals zwanzig Prozent ihrer Ausbeute abtreten. Zusammen mit verschiedenen anderen Abgaben bezieht Oussé allein aus Tikando mehrere Hundert Kilogramm Gold im Jahr. Das Edelmetall schicke er nach Ouagadougou, so Oussé. Von dort werde es dann durch Somika, das grösste Goldhandelshaus in Burkina Faso, exportiert. «Genau genommen nach Togo. Somika hat dort ein Netzwerk. Dort wird mehr gezahlt als in Burkina.»

Die Käufer in Togo seien Libanesen, erklärt Albert Oussé weiter, genauer gesagt, die Gebrüder Ammar. Dass dieser Handel genauso illegal ist wie jener der Familie Sawadogo, gesteht Oussé freimütig ein. «Die Steuern sind zu hoch in unserem Land», klagt er. «In Togo kann man teurer verkaufen.» Die Mine von Tikando sei «die am besten organisierte in Burkina Faso», erklärt Oussé stolz.

Tatsächlich ist das Erscheinungsbild etwas weniger chaotisch als in Alga. Kinder dürfen hier nicht unter Tage arbeiten. Das hat Oussé auf Bitte einer örtlichen Nichtregierungsorganisation durchgesetzt. Ausserhalb der Stollen sind aber weiterhin jede Menge Minderjährige beschäftigt. Zwölfjährige Jungen waschen Gold, Jugendliche bedienen Steinmühlen und schleppen Säcke mit Gestein.

Handelskette lückenlos verfolgt

Für Oliver Classen sind die Aussagen von Albert Oussé und den Sawadogos von höchstem Interesse. Er ist Sprecher der Erklärung von Bern (EvB), die sich für gerechtere Beziehungen zwischen der Schweiz und von der Globalisierung benachteiligten Ländern einsetzt. Informationen, die der EvB durch einen «Brancheninsider» zugespielt wurden, hätten die ersten Anhaltspunkte für den tatsächlichen Ursprungsort des aus Togo in die Schweiz importierten Goldes gegeben, so Classen. Durch Frachtbriefe und Zolldokumente könne man die Handelskette von Lomé aus lückenlos verfolgen:

Eine Firma namens Wafex Sàrl exportiert das Gold aus Lomé per Flugzeug über Paris nach Zürich. Verantwortlich für Transport und Import zeichnet die in Genf ansässige MM Multitrade SA. Endabnehmerin ist die Valcambi SA, die grösste schweizerische Edelmetallschmelze. Eigentümerin von Wafex in Lomé und MM Multitrade in Genf ist die Ammar Group, ein Firmenkonglomerat mit Tochtergesellschaften in Burkina Faso, Togo, Benin, im Libanon, in Deutschland und der Schweiz, das 1989 durch die Brüder Elias, Antoine und Joseph Ammar im Libanon gegründet wurde. Ohne Zweifel handelt es sich um dieselben Gebrüder Ammar, von denen Albert Oussé spricht.

Das Schweizer Unternehmen Valcambi profitiert damit direkt von Kinderarbeit und Ausbeutung in den kleingewerblichen Goldminen Burkina Fasos. Weder Valcambi noch MM Multitrade waren bereit, gegenüber der WOZ zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Der Leiter eines Tochterunternehmens der Ammar Group in Ouagadougou bestätigte zwar, dass Wafex als Zwischenhändler für Gold in Togo fungieren würde, wollte sich aber nicht zur Herkunft des Golds äussern. Ein Vertreter von Somika bestritt im Gespräch mit der WOZ vehement, dass das Goldhandelshaus in irgendeine Art illegaler Geschäfte verwickelt sei.

Die Erklärung von Bern geht indessen davon aus, das Somika und die Ammar Group 2014 etwa sieben Tonnen Gold aus Burkina Faso in die Schweiz geschmuggelt haben. Allein die unterschlagenen Transportzölle hätten dem burkinischen Staat 2014 so einen finanziellen Schaden von 6,47 Millionen Franken zugefügt. Das entspricht etwa einem Viertel der Entwicklungshilfe, die die Schweiz im letzten Jahr an Burkina Faso geleistet hat, so die Organisation in ihrem am Mittwoch erschienenen Bericht «The Golden Racket», der den Fall detailliert beschreibt. Als Konsequenz fordert die EvB, die Schweizer Goldraffinerien gesetzlich zur sorgfältigen Prüfung ihrer Handelsketten zu verpflichten und sie zum Offenlegen ihrer Bezugsquellen zu bringen.

Riesenverlust für Burkina Faso

Von der WOZ befragte Expertinnen und Brancheninsider gehen derweil davon aus, dass der kleingewerbliche Goldbergbau in Burkina Faso noch viel grössere Mengen produziert. Bis zu zwanzig Tonnen im Jahr hält beispielsweise Kevin Telmer von der kanadischen NGO Artisanal Gold Council für realistisch. Rechnet man hinterzogene Gewinnsteuern und Abgaben ein, entspricht dies einem Verlust von bis zu 215 Millionen Franken pro Jahr. Für eines der ärmsten Länder der Welt bedeutet das eine Einbusse von fünfzehn Prozent des gesamten Staatshaushalts.

Zwar sind die kriminellen Strukturen des Sektors offensichtlich. Doch ein Boykott burkinischen Goldes wäre kontraproduktiv, denn der Abbau des Edelmetalls bietet die Lebensgrundlage für einen wesentlichen Teil der Bevölkerung. Oliver Classen sieht darum Unternehmen wie Valcambi in der Pflicht, sich konstruktiv für eine Reform des Sektors einzusetzen. Die Lage würde sich nur schon verbessern, wenn das Gold legal in Burkina Faso gekauft und zusammen mit den lokalen AkteurInnen auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Minen hingearbeitet würde. Das sei möglich, sagt Kevin Telmer, dessen Organisation in Burkina Faso entsprechende Pilotprojekte unterhält: «Mit sehr wenig Anstrengung könnte der kleingewerbliche Bergbau in Burkina Faso zu einem verantwortungsvollen Sektor werden.»

Peter Dörrie ist als freier Journalist auf 
Sicherheits- und Entwicklungsfragen in West- 
und Zentralafrika spezialisiert.

Golddrehscheibe Schweiz

Einladung zur Ahnungslosigkeit

Die Schweiz ist die Drehscheibe des internationalen Goldhandels: Etwa siebzig Prozent der weltweiten Goldproduktion aus Minen- und Altgold werden hierzulande raffiniert. Vier Edelmetallraffinerien, auch Scheideanstalten genannt, beherrschen den Markt. Die im Tessin ansässige Valcambi SA ist die grösste.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Schweizer Goldfirmen negativ in die Schlagzeilen geraten. Valcambi, Metalor, Pamp und Argor-Heraeus importierten alle bis 2008 Gold aus Mali, wo Kinderarbeit in den Minen üblich ist. 2005 beschuldigte Human Rights Watch Metalor, von «Blutgold» aus der Demokratischen Republik Kongo profitiert zu haben. Regelmässig beteuerten die Unternehmen in der Vergangenheit, ihre Kontrollmechanismen verbessert zu haben.

Gegen die ebenfalls im Tessin ansässige Raffinerie Argor-Heraeus SA hatte die schweizerische Bundesanwaltschaft 2013 ein Strafverfahren eröffnet. In ihrer Verfügung vom 10. März 2015 bestätigte diese, dass Argor entgegen eigenen Vorschriften knapp drei Tonnen «Gold mit problematischer Herkunft» verarbeitet hatte: Es war 2004 und 2005 in der Demokratischen Republik Kongo abgebaut worden. Trotzdem stellte die Bundesanwaltschaft das Strafverfahren ein. Die Begründung: Da die Argor-Verantwortlichen an der legalen Herkunft des Golds keine Zweifel gehegt hätten, hätten sie keine Straftat begangen.

Dabei hätten die GoldexpertInnen des Unternehmens wissen müssen, dass Uganda, von wo das besagte Gold eigentlich hätte stammen sollen, kaum eigenes Gold produziert, sondern vielmehr als Haupttransitland für kongolesisches Raubgold gilt. Die Verfügung der Bundesanwaltschaft lädt also Raffinerien und andere Unternehmen, die dem Geldwäschereigesetz unterstehen, dazu ein, sich im Zweifel ahnungslos zu geben.

Corina Fistarol / Markus Spörndli

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