Nr. 25/2016 vom 23.06.2016

Der Zündel aus dem Giftschrank

Der Schaffhauser Schriftsteller Markus Werner ist der Paulo Coelho für alle, die Erbauungsliteratur nicht ausstehen können. Am Samstag wird er mit dem Pro-Litteris-Preis geehrt. Die Hommage eines fanatischen Werner-Ultras.

Von Gabriel Vetter

Mit Stil, Grazie und Schweigen die Welt entschlüsseln: Schriftsteller Markus Werner (Aufnahme aus dem Jahr 2008). Foto: Anita Schiffer-Fuchs, VISUM

Am Anfang war der Zündel: Als wir an der Kantonsschule Schaffhausen zum ersten Mal Markus Werner lasen, liess es sich unser Deutschlehrer – ein lustiger Ungar mit Hang zum Sarkasmus – nicht nehmen, die offenbar historische Tragweite dieses Momentes mit gehörig dramaturgischem Geleit auszustatten. Er schritt zum Wandschrank, zückte einen Schlüssel, und wie ein Gefahrenspezialist, der gerade hochgefährliches Material aus einem stählernen Giftschrank holt, hievte er einen grossen Karton auf den Tisch. Dann begann er, einen Klassensatz «Zündel»-Bücher zu verteilen. 25 «Zündels», 25 schwarze Revolver auf knallgelbem Hintergrund.

Durch «Zündels Abgang» – und später durch «Froschnacht», «Bis bald» oder «Die kalte Schulter» – wurde Markus Werner für mich zu einem der wichtigsten Autoren. Ich bilde mir gar ein, dass er mich als väterliche Stimme irgendwie durch diesen seltsamen Sumpf der Teenagerjahre und schliesslich hinein ins Schreiben begleitete.

Es ist interessant, dass Markus Werner ausgerechnet für jene leisen Spötter, die mit Erbauungsliteratur nichts anfangen können (und zu denen ich mich selbstverständlich zähle), so sehr zur Leitfigur wurde. Ob zaudernde Deutschlehrer, skeptische Teenagerinnen oder brummelige Literaturkritiker: Markus Werner wurde zum Paulo Coelho für jene, die Paulo Coelho nicht ausstehen können.

Der «Zündel», längst eine Art «Fänger im Roggen» aus der Schweiz, brachte also manche Nachahmer mit sich. Der Autor Christoph Simon umschrieb dieses Phänomen einst treffend: «Bei Markus Werner sieht das alles – geistreich denken, treffend formulieren, Ich-Erzählen – ganz einfach aus. Er trägt die Verantwortung für viele gescheiterte Erstlingsromane.»

Die Bünzli-Scharia

So, wie das Gymnasium für viele SchülerInnen am Anfang der Beziehung mit Werners Büchern steht, so stand auch zu Beginn von Werners Karriere die Schaffhauser Kanti: 1980 stellte der damalige Deutschlehrer Werner ein Gesuch um Herabsetzung seines Unterrichtspensums. «Mit dieser Entlastung glaubt der Gesuchsteller, der Schule und damit den Schülern besser dienen zu können.» Nach ein paar Sitzungen und nicht ohne Werner noch zu massregeln («Es wäre mehr als fragwürdig, wenn man sich der Verpflichtung je nach finanzieller Situation, nebenberuflichen Absichten oder gar nach Lust und Laune teilweise entschlagen könnte»), gewährte der Regierungsrat dem aus der Reihe tanzenden Lehrer eine unbezahlte Pause von drei Monaten («Um seine persönlichen Schwierigkeiten zu überbrücken»). Man gab sich also gnädig und sah sich gleichwohl verpflichtet, auf die damals schon gängige Deutschschweizer Bünzli-Scharia hinzuweisen, die da lautet: «Wer schreiben will, soll leiden.»

Es ist genau dieser kleinmütige Beamten- und Lehrermief, aus dem Markus Werner seinen zaudernden Zündel fliehen lässt. Das Buch trifft, wo es treffen muss, und wird ein Erfolg.

Gleichwohl zürnt dem Autor die Schaffhauser Heimat: Von der Schulleitung über die LehrerkollegInnen bis hin zu politischen AkteurInnen der Region fühlen sich alle (ob von Zündel oder Werner scheinen sie selber nicht ganz zu wissen) persönlich beleidigt – sei es, weil sie sich in den träfen Beschreibungen wiedererkennen, sei es, weil sie im Buch gar nicht vorkommen. Rehabilitiert wird Werner erst 2008, als ihn die Stadt Schaffhausen mit einem extra geschaffenen Literaturpreis ausstattet. Der Beehrte wittert zu Recht Ablass, nimmt aber dankend an – und quittiert den Preis mit einer lakonischen Rede, in der er den Schaffhauser Kulturschaffenden rät: «Wenn ihr scharf seid auf den Applaus der Region, auf freundlich-fette Wiesen und rote Teppiche, dann müsst ihr halt Sportschaffende werden.»

Ein Lebenswerk als Backstein

Werners Vermutung, durch eine Auszeit im Klassenzimmer der Schule und den SchülerInnen besser dienen zu können, bewahrheitete sich natürlich, und zwar auf die grossartigste Weise: Seine Bücher werden zu modernen Klassikern und Kultwerken der Schweizer Gymnasialliteratur.

Markus Werner hat sieben Romane geschrieben; keiner davon ist aussergewöhnlich umfangreich. Ein Lebenswerk also im kompakten Umfang eines Backsteins, aber voll mit Sätzen, die man sich herausschreiben und in die Hosentasche stecken möchte. Zum Beispiel: «Es trete vor, wer glaubt, dass er sein Leben anderem verdankt als dem Kontrollverlust von Keuchenden.»

BewunderInnen hat Werner viele. Interessant ist: Markus Werner ist überaus beliebt bei HumoristInnen. Viktor Giacobbo, Josef Hader, Hazel Brugger, Christoph Simon sind allesamt Fans im Werner-Ultra-Sektor.

Das ist nachvollziehbar, sind HumoristInnen doch nichts anderes als LiteratInnen, die mit Worten die Zumutung und Sinnlosigkeit allen Lebens angreifen, die alles Schreckliche und Öde in Pointen verwandeln, aus Peinlichkeit und Niederlage Material für allgemeinen Kontrollverlust, für das Lachen fabrizieren. Und wenn sie dann einen finden, der diese Kunst noch besser beherrscht als sie, der das Wort noch nonchalanter als Bajonett gegen den Weltlauf benutzt, indem er es nämlich im Futteral ruhen lässt, indem er auslässt, statt zuzustechen, ohne zu verhehlen, dass er jederzeit zustechen könnte, kurz: Wenn zum Decodieren der Welt noch Stil und Grazie und Schweigen dazukommen, dann ist es auch um die schärfsten Skeptiker geschehen.

Tatsächlich ist Markus Werners Werk jenem von Komikern wie Louis CK um einiges näher als jenem seiner KollegInnen der Schweizer Literatur. Es ist ein humanistischer, immer von der rettenden Kraft der Sprache getriebener Ton, der es schafft, die stete Kränkung des Geborenseins allein mit Worten zu bearbeiten und zu beklagen, ohne aber in letzte Bitterkeit zu verfallen – und wenn, dann so, dass die Bitterkeit ausgestellt und wiederum dekonstruiert wird.

Misogynie? Unfug!

Die Kritik, dass Markus Werners Figuren zur nörglerischen Misogynie neigten, ist grober Unfug. Im Gegenteil! Denn Werner hat in den achtziger Jahren schon das gemacht, was heute die Welt so sehr in Aufruhr bringt: Er hat am Selbstverständnis des weissen privilegierten Manns gerüttelt, indem er ihn mit Selbstzweifeln ausstattete und ihn in peinliche Situationen schickte und ihm noch mehr Neurosen und narzisstische Kapriolen zuwarf; indem er sein Aussenseitertum zwar immer ernst nahm, aber auch stets ins richtige Licht rückte – nicht selten durch weibliche Protagonistinnen. In «Die kalte Schulter» (meines Erachtens eine der besten Liebesgeschichten der Schweiz), sagt Judith, als sich der Protagonist Wank angesichts der Ungerechtigkeiten der Welt in Selbstmitleid ergeht: «Wir sind zwei Verschonte, na und, gut, und wir haben uns gern, ist das unrecht?»

Markus Werner ist auch ein Vorreiter von Karl Ove Knausgard. Wo jedoch Knausgard in komplett ironielosem Protokollantentum sein Darben als Mann filetiert, lässt Werner stets Raum für Reflexion, zur Ironisierung des eigenen Elends.

Ein Elend übrigens, gegen das man durchaus anschreiben und anlesen kann, was nicht nur in Werners Werken immer wieder hervorblitzt. Als wir an der Kanti den «Zündel» ausgelesen hatten, schritt der lustige Deutschlehrer erneut zum Wandschrank. Er versorgte die 25 Zündel-Pistolen im Dunkel und sagte: «So, nachdem wir nun den Werner durchhaben, ist es an der Zeit, zur Abwechslung mal ein richtiges Scheissbuch zu lesen. Sie können auswählen zwischen ‹Schlafes Bruder› und ‹Siddharta›.»

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