Nr. 51/2017 vom 21.12.2017

Von Anfang an prekär

Die Erfindung der Arbeiterklasse aus der kampfbereiten Dichtung: In einem süffigen Buch untersucht Patrick Eiden-Offe den romantischen Antikapitalismus des Vormärz.

Von Mischa Suter

Grüsse von der Zürcher Goldküste 1846: «Hier in den Ortschaften am See fletscht das Elend gewaltig die Zähne. Man hört hie und da sagen: das dauert keine zwei Jahre mehr so.» Anderswo heisst es, in Pfäffikon und Hinwil fänden kommunistische Versammlungen statt, am Zürichsee herrscht sozialer Krieg, der kommende Aufstand ist nah.

Zumindest sehen das Kommunisten wie der Damenschneider Wilhelm Weitling so, der kurze Zeit in Zürich agitiert – und, bald verhaftet, «Kerkerpoesien» zu schreiben beginnt. Der Staatsanwalt schickt ihm Jeremias-Gotthelf-Bücher in die Zelle («Uli der Knecht») und zwingt ihn zu Abschreibearbeiten. Das sei weisse Folter, findet Weitling. Beim Schneidern könne man «singen und denken», aber bei der zwangsweisen Büroarbeit werde der Geist okkupiert. Schliesslich wird Weitling nach Preussen abgeschoben, wo wenigstens nicht überall Scheisse am Boden liege wie in der Zürcher U-Haft.

Leute wie Weitling wollten «singen und denken» und die Revolution machen. Zu ihnen gehörten Handwerkergesellen ohne Meistertitel, Intellektuelle ohne Uniposten, Projektemacher, Künstlertypen; nur wenige gingen auch schon in eine der Fabriken, die gerade im Entstehen begriffen waren und vielfach noch «Factoreien» hiessen. Das war die frühe Arbeiterklasse, das heisst deren männlicher Teil – recht migrantisch, meist gerade zwischen Jobs, von einer Kurzanstellung zur nächsten.

Die namenlose Klasse

Klingt vertraut? Heute spricht man vom Prekariat. Aber prekär zu sein, das war die proletarische Erfahrung von Anfang an. In seinem Buch «Die Poesie der Klasse» widmet sich der Literaturwissenschaftler Patrick Eiden-Offe den kulturellen Formen dieser Klasse, für die es noch keinen Namen gab: Proletairs? Paupers? Pöbel? Unser heutiges Leben, so Eiden-Offe, ähnelt der Umbruchszeit des Vormärz, wie die Zeitspanne zwischen 1830 und der deutschen Märzrevolution von 1848 genannt wird. Heute wird das sozialstaatliche Gehege der Klassengesellschaft geschleift, neue Arbeitsformen lassen die herkömmlichen Mittel, um sich gegen Ausbeutung zu wehren, ins Leere laufen. Damit verschwindet auch die grosse Erzählung von der homogenen Klasse. So vielfältig wie heute war schon das Proletariat im Vormärz, als die Arbeiterklasse sich erst bildete. Auch damals gingen Prozesse der Auflösung – der Ständegesellschaft – mit solchen der Neuformierung einher, nämlich der verschärften Ausbeutung über den Markt.

In der hier vorgeschlagenen «Sozialgeschichte mit Möglichkeitssinn» ist Klasse weniger ein Element in einer ökonomischen Struktur und sicher keine vorab festgelegte Identität. Sie ist vielmehr ein Prozess, in dem neue, komplexere Identifizierungen entstehen: Mit Reportagen, Romanen, Gedichten und Liedern wirkten diese Arbeiter an einem Wir. So veröffentlichte die Zeitschrift «Gesellschaftsspiegel» (1845/46) waghalsige Statistiken, die die Kategorien der Gesellschaftseinteilung durcheinanderbrachten. Mehr noch, Leute wie Wilhelm Weitling brachten in ihrer Absicht, den Kommunismus als Sofortprogramm umzusetzen, auch die geschichtlichen Zeiten durcheinander: Sie kritisierten ihre Gegenwart und forderten eine Zukunft, indem sie das politisch Gewollte in eine eingebildete Vergangenheit transponierten. Das machte ihren Antikapitalismus romantisch: Das Geforderte wurde als soeben Verlorenes dargestellt.

Jenseits von bärtigen Proleten

Nun steht die Romantik in recht miesem Ruf – es heisst, sie sei im besten Fall kitschig, meist kurzum reaktionär. Allerdings verpasst man den springenden Punkt, wenn man dem romantischen Antikapitalismus unterstellt, er sei rückwärtsgewandt. Sein explosives Gemisch aus Erinnerung und Erwartung war vielmehr Ausdruck eines Problembewusstseins der Moderne. Die Maschinenstürmer als ritterliche Robin Hoods, die neue Lohnarbeit als die ganz alte Knechtschaft, als Sklaverei, ja sogar Gerechtigkeit und Teilhabe durch eine Wiederkehr der Zünfte: All diese Darstellungen versuchten, mit modernen Verhältnissen klarzukommen.

Deutlich werden auch die Grenzen dieser Darstellungen. Während Moses Hess’ fiktive Testimonials von Dienstmädchen durchaus differenziert gerieten, sind die Schmonzetten über gefallene Töchter, die in die Prostitution absinken, dann doch arg schlicht. Das Multiversum der frühproletarischen Literatur, so Eiden-Offe, war männlich. Gleichwohl erscheint es vielfältiger, als unser heutiges Bild bärtiger Saftwurzelproleten dies suggeriert. Zum Schluss des Buchs analysiert Eiden-Offe die ziemlich queere Zeichnung einer geschlechtlich ambivalenten Figur, die nackt auf einem Pegasus über eine Industrielandschaft fliegt und Seifenblasen in die Luft schickt. Hier wird zumindest angedeutet, dass der Horizont im Vormärz auch sexpolitisch weiter war, als wir meinen.

Eiden-Offe argumentiert, dass wir von der Entstehung des Proletariats aus der Dichtung etwas für die heutigen Klassenkämpfe lernen können. Er plädiert für positive Mythen zur Selbst-Bildung der Klasse. Wer spricht in unseren neuen Erzählungen über das Soziale, und wer wird angesprochen? Werden Verhältnisse kritisch aufgezeigt, oder dient die Elendsbeschreibung dem rührseligen Mitleid mit den armen Armen? So feiert das Buch nicht Vielfalt um ihrer selbst willen, sondern zeigt, dass gemeinsame Bildwelten heute für die proletarische Erfahrung dringend nötig sind.

Lesung und Diskussion mit dem Autor in Zürich, Infoladen Kasama, Militärstrasse 87a (Hinterhof), Montag, 8. Januar 2018, 19.30 Uhr.

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