Nr. 29/2006 vom 20.07.2006

Lustvoll morden

Im Krimischreibkurs lernen AutorInnen ihr künftiges Handwerk und vor allem eines: durchhalten.

Von Isabelle Lüthy

Mittwochabend in der Berner Lorraine. Die Geschäfte haben längst geschlossen. Nur im Krimibuchladen Elements of Crime brennt noch Licht. Im Hinterzimmer des kleinen Geschäfts sitzen vier Frauen an zusammengerückten weissen Tischen. Vor ihnen: Schreibblock und Kugelschreiber. Sie treffen sich heute zum vierten Mal, um gemeinsam an mörderischen Plänen, ruchlosen Verbrechen und an deren schonungsloser Aufklärung zu feilen. Am Kopfende des Tisches steht Katarina Graf Mullis, die Leiterin des Krimischreibkurses, vor einer Wandtafel. Zusammen mit ihrem Mann hat sie vor sechs Jahren den KaMeRu-Verlag in Zürich gegründet und sich auf die Herausgabe von Kriminal-, Liebes- und historischen Romanen spezialisiert. Das erste von ihr herausgegebene Buch stammte gleich aus eigener Feder - ein Krimi mit dem Titel «Die 25. Stunde» (siehe WOZ Nr. 25/00). Seit einiger Zeit bietet das Ehepaar nun literarische Schreibkurse in Zürich und neuerdings auch in Bern an.

Die Lektion beginnt mit den Hausaufgaben. Zuerst verteilt Katarina Graf die korrigierten Arbeiten von letzter Woche. «Ich war noch gnädig», sagt sie mit ironisch-strengem Blick über die Ränder ihrer Brille hinweg. Ihr Rotstift hat jedes überflüssige Wort, jedes falsche Verb, jeden Helvetismus radikal eliminiert. «Verwenden Sie lieber Hauptsätze statt zu vieler Nebensätze. Das macht den Text dichter und flüssiger», rät die gebürtige Slowenin mit Doktortitel in Germanistik und Studienabschlüssen in Psychologie und Soziologie. In Sachen Stilistik sei sie «päpstlicher als der Papst», sagt die 51-Jährige von sich selber.

Danach beginnt die Besprechung der aktuellen Aufgabe von dieser Woche. Die Teilnehmerinnen hatten auf zwei Seiten eine Krimikurzgeschichte zu schreiben, für die der folgende Handlungsbeginn vorgegeben war: Ein Strassenwischer findet ein Päckchen Rohdiamanten, ohne sich über deren Wert im Klaren zu sein. Er steckt sie ein und lässt sie zu Hause auf dem Küchentisch liegen. Nach einigen Tagen steht ein fremder Mann vor seiner Tür ...

Jede Kursteilnehmerin liest ihren Text laut vor. Den Anfang macht eine Dame mit blonden Haaren und grossen blauen Augen: Suzanne Gigon. Sie hat bereits einmal eine Geschichte veröffentlicht - keinen Krimi, sondern eine moderne Version des Grimm’schen Märchens «Der Froschkönig». Gefragt, was sie zum Besuch des Schreibkurses bewogen habe, sagt die passionierte Krimileserin mit einer schaurigen Stimme, die in ein befreites Lachen mündet: die Faszination am lustvollen Morden. «Wann sonst kann man einen unliebsamen Menschen, beispielsweise den eigenen Chef, ungestraft um die Ecke bringen?» Jeder Mensch, davon ist Gigon überzeugt, birgt in sich eine dunkle Seite. Der ihren gab sie sogar einen Namen und nennt sie ihre «dunkle Schwester». An einen Kriminalroman will sie sich erst nach dem Kurs heranwagen, Ideen dazu habe sie genügend. Dreissig Jahre lang war Suzanne Gigon als Sozialarbeiterin tätig und hat viel Trauriges und Empörendes über menschliche Nöte und Konflikte erfahren - und auch darüber, was Menschen einander anzutun imstande sind.

Der Reihe nach geht die Vorleserunde weiter. Jede Geschichte wird eingehend analysiert, besprochen und auf ihre Schlüssigkeit überprüft. Warum zum Beispiel lässt eine der Autorinnen den Strassenwischer die Diamanten ins Katzenklo werfen, als es an der Türe klingelt, wo er doch nicht weiss, wie wertvoll sie sind? Wie sehen Rohdiamanten überhaupt aus? Wer sich nicht darüber schlau gemacht hat und weiss, dass sie Kieselsteinen zum Verwechseln ähnlich sehen, kann nie in eine Geschichte rein-, geschweige denn wieder rauskommen. Katarina Graf beobachtet messerscharf, erkennt Schwachstellen eines Textes sofort, spürt instinktiv, wo eine Geschichte hinkt, und macht auf Widersprüche aufmerksam, um gleich darüber nachzusinnen, wie der Plot gerettet werden könnte. Dieser praktische Teil des Schreibens, Vorlesens und der gemeinsamen Textkritik ist Graf sehr wichtig. Sie baut ihre Kurse nach dem amerikanischen Modell der «creative writing classes» auf. Die TeilnehmerInnen sollen die Angst vor dem leeren Blatt verlieren, sich sprachlich auf Neuland vorwagen und während der Textkritik nützliche Feedbacks erhalten. Nur durch ehrliche Kritik werden eigene Schwächen erkannt, betont Graf, und dies erst ermöglicht die Arbeit an deren Überwindung.

Aber nicht alle können gleich gut mit Kritik umgehen. So sei es schon vorgekommen, dass ein Teilnehmer aus dem Kurs ausgestiegen ist, weil er ob all der Kritik den Eindruck erhielt, er könne nicht schreiben. Eine solche Reaktion beruht in den Augen Grafs auf einem grossen Irrtum. Viele gingen davon aus, dass Bücher auf Bäumen wachsen und dass DichterInnen vor dem Blatt auf den Musenkuss warten. Dabei ist Schreiben Arbeit und als solche lernbar, davon ist Katarina Graf überzeugt. Natürlich brauche es ein gewisses Talent. Aber siebzig Prozent des Schreibens seien Handwerk, Disziplin und Wissen. Bücher würden nicht in einem Zug runtergeschrieben, sondern immer wieder überarbeitet.

Das theoretische Rüstzeug dazu wird den Teilnehmerinnen in der zweiten Stunde des Abendkurses vermittelt. Nun lernen sie, Figuren zu entwickeln, eine Handlung oder einen Konflikt nach dramaturgischen Regeln aufzubauen und Spannung zu erzeugen, gute Dialoge zu schreiben und die richtige Erzählperspektive zu wählen. Ausserdem werden ihnen nützliche Ratschläge mit auf den Weg gegeben: Wie kann man mit Schreibblockaden umgehen, oder wie findet man den richtigen Verlag?

Wie real sind denn die Chancen der TeilnehmerInnen, einst ihre Geschichten bei einem Verlag unterzubringen? Katarina Graf Mullis weiss aus eigener Erfahrung, wie schwierig dies ist, wird ihr Verlag doch wöchentlich von um die fünfzig Manuskripten bombardiert. Sie versucht, den AutorInnen nicht alle Hoffnung zu nehmen, aber auch keine leeren Versprechungen zu machen. Das Wichtigste sei, den Mut nicht zu verlieren und auch nach zehn, zwanzig Absagen weiterzumachen. Das Ehepaar Graf Mullis hat sich mit seinem Verlag der Suche und Unterstützung neuer AutorInnen verschrieben, darunter finden sich auch einige ehemalige KursbesucherInnen. Für nächstes Jahr ist eine Anthologie mit Kriminalkurzgeschichten aus einem der letzten Schreibkurse geplant.

Auf die Frage, wie die vier Teilnehmerinnen selber ihre Chancen einschätzen, tönen die Antworten eher skeptisch. Doch auf einen Versuch wollen sie es auf jeden Fall ankommen lassen. «Es ist eines der Privilegien des Alters, dass man nicht mehr so schnell die Flinte ins Korn wirft», meint Suzanne Gigon. Und wenns nicht klappt? Weiterschreiben, was denn sonst! ◊

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