Nr. 43/2015 vom 22.10.2015

«Sie wollen Blut. Sie wollen Gewalt. Sie wollen Tod»

Street Lit oder Urban Fiction heisst in den USA ein literarisches Genre, in dem über die harte Realität der Grossstadtghettos gerappt wird. Die von Schwarzen für Schwarze geschriebenen Bücher verkaufen sich so gut, dass sich auch Grossverlage – und der weisse Mainstream – dafür interessieren.

Von Lotta Suter

«Meine Frau ist die beste Schriftstellerin in diesem Fach. Und ich bin der beste Schriftsteller», prahlte der Urban-Fiction-Autor JaQuavis Coleman kürzlich in einem Interview mit der «New York Times». Sein «Swagga», der grossspurige Auftritt, passt zum gewählten Literaturgenre, der Street Lit oder Urban Fiction, das wie sein Verwandter Hip-Hop auf grelle Farben und fette Pinselstriche setzt.

Doch Coleman hat auch handfeste Gründe für sein solides Selbstbewusstsein. 2005, als er und seine Frau Ashley Coleman ihr erstes, gemeinsames Buch «Dirty Money» (Schmutziges Geld) herausbrachten, lebten die beiden afroamerikanischen Teenager noch vom Drogenhandel. Zehn Jahre und ein paar Dutzend Thriller über die Unterwelt der US-amerikanischen Grossstädte später sind die knapp dreissigjährigen Eheleute Multimillionäre mit eigenem Haus in einem gehobenen Viertel von Detroit. Ist das noch schwarze Gegenkultur? Oder einfach der (afro)amerikanische Traum?

Strasse statt Campus

Seinem Publikum präsentiert sich das gut aussehende Paar einmal als seriöses Schriftstellerteam, er im schwarzen Hemd, sie in strenger Bluse, ein andermal als Rapper-Paar, er in Wollmütze, sie in der schweren Lederjacke. Und dann gibt es auf ihrer offiziellen Website auch noch das Bild von Ashley im knappen Kleid und JaQuavis im eleganten Anzug in verführerischer Pose auf dem Bärenfell – und vor einer reich bestückten Bücherwand. Diese schillernden Selbstinszenierungen sind gewissermassen ein Spiegelbild der ganzen Literaturgattung Street Lit oder Urban Fiction, die in den USA bis heute wechselweise als wichtiger Kulturbeitrag hochgelobt und dann wieder als billiger Schund beschimpft wird. Auch im deutschen Sprachraum, wo nur wenige Street-Lit-Werke übersetzt vorliegen, sind sich die KritikerInnen uneins. An der autobiografischen Erzählung «Pimp. Die Geschichte meines Lebens» (auf Deutsch 2005) des vorbestraften Zuhälters Iceberg Slim oder am Ghettoroman «Der kälteste Winter aller Zeiten» (auf Deutsch 2001) der Bürgerrechtlerin und Hip-Hop-Sängerin Sister Souljah deuten die einen die brutale Offenheit der Milieubeschreibung als Mittel der Aufklärung; andere ärgern sich über die Glorifizierung des Drogen- und Zuhältermilieus, oder aber sie regen sich darüber auf, dass die Street Lit oft nicht nur von Blut und Sex trieft, sondern auch von dünnflüssiger Moral.

So zwiespältig wie die zeitgenössische schwarze Strassenliteratur ist noch jedes neue Genre oder Medium der Popkultur aufgenommen worden. In den 1950er Jahren verdammten in der Schweiz viele Erwachsene die Comics allesamt als Schund, ebenso Jerry-Cotton-Krimis und die «Bravo. Die Zeitschrift mit dem jungen Herzen». Besonders verwerflich aber war die bei der Jugend beliebte Popmusik, vom Hüfte schwingenden Elvis Presley über die langhaarigen Beatles bis zum aktuellen Hip-Hop mit seinen rüden Reimen. Doch stets gab es neben den kulturpessimistischen Jammeri, die bei jedem «Fuck» einen Zusammenbruch oder zumindest eine Nivellierung der Zivilisation nach unten befürchteten, auch Leute, die die herbe Sprache und die krassen Bilder als Spiegel und Ausdruck und Bedürfnis ihrer Zeit verstanden.

In den USA wird die soziokulturelle Auseinandersetzung um die vorwiegend schwarze Street Lit mit den Themen Rasse beziehungsweise Rassismus vermischt und dadurch verschärft. Am deutlichsten zeigt sich das in den geschlossenen Gesellschaften der Gefängnisse, wo afroamerikanische Männer sechsmal häufiger einsitzen als weisse US-Amerikaner. Bei diesen Häftlingen ist Street Lit als gleichzeitig authentische und fantastische Lektüre äusserst beliebt. Manche Knastverwaltungen machen sich das zunutze. Sie holen die neusten Knüller in ihre Bibliotheken und regen die Leute zum Lesen und – so hoffen sie – zur Selbstreflexion an. In anderen Gefängnissen wird Street Lit schlicht verboten. Mit den expliziten Sex- und Gewaltszenen würden diese Bücher die eh schon labile Moral der Gefangenen zersetzen, heisst es bei der Gefängnisleitung. Dass etliche der Street-Lit-AutorInnen die Justiz – oft aufgrund eigener Erfahrungen mit Polizei und Gericht – als weiss, korrupt und rassistisch beschreiben, macht das Genre bei den Strafvollzugsverantwortlichen natürlich auch nicht beliebter.

Auch die Schule tut sich in den USA schwer mit der Literatur von und über die Strassen auf der Schattenseite der Gesellschaft. Denn darin werden auf den ersten Blick sämtliche (Mittelklasse-)Werte auf den Kopf gestellt. Es wird eine Parallelwelt präsentiert, in der die Regeln der Demokratie und des Rechtsstaats, in der die Menschen- und vor allem die Frauenrechte weitgehend ausser Kraft gesetzt sind. Eine urbane Unterwelt, in der die «pimp economy» den Ton angibt: eine gnadenlose, sozusagen radikalkapitalistische Zuhälterwirtschaft, die nicht nur die Prostitution und den Drogenhandel, sondern alle und alles in den schwarzen Innenstädten beherrscht. Doch vielen schwarzen Jugendlichen ist dieser Überlebenskampf auf der Strasse vertrauter als der geschützte Campus eines College. LehrerInnen in den Grossstädten nutzen daher zunehmend Werke von Street-Lit-AutorInnen wie Ashley & JaQuavis Coleman, Sister Souljah, Vickie Stringer, Nikki Turner, Kole Black, Terri Woods oder Omar Tyree als «multikulturelle Einstiegshilfe» in die Welt der Belletristik. Sie sind froh, wenn ihre SchülerInnen sich überhaupt fürs Lesen interessieren.

Mehr als billige Groschenromane

Scharfer Zweifel am Bildungswert von Street Lit kommt aber ausgerechnet aus den eigenen Reihen, nämlich von Street-Lit-AutorInnen, die das Vertrauen in die aufklärerischen Möglichkeiten ihres Genres verloren haben. Omar Tyree etwa, Autor unter anderem von «Flyy Girl» (1993), beklagte 2008 in einem offenen Brief, dass er sein junges Publikum – und damit das Interesse der Verlage! – verliere, sobald er auch nur ansatzweise politisch denke und schreibe. In seinem letzten Strassenroman, «The Last Street Novel» (2008), lässt Tyree sein Alter Ego, den Schriftsteller Crawford, sagen: «Einen Scheissdreck wollen sie lernen … Sie wollen Blut. Sie wollen Gewalt. Sie wollen Tod.»

Es gehe doch darum, von der Strasse wegzukommen, und nicht, mit ihr zu protzen, sagt auch ein Teil der schwarzen Intelligenzija. Sie stört sich auch daran, dass sich da Schwarze mit der Beschreibung des schwarzen Elends eine goldene Nase verdienen. Vor allem aber wehren sie sich gegen die diesmal selbst gesetzte kulturelle Ghettoisierung: Afroamerikanische Literatur biete weit mehr als billige Groschenromane. Und sie erinnern an die Klassiker der Harlem-Renaissance in den zwanziger Jahren, Langston Hughes etwa oder Zora Neale Hurston. Sie möchten der heutigen Jugend grosse Autoren wie James Baldwin oder Ralph Morrison näherbringen, ihr herausragende Schriftstellerinnen wie Toni Morrison, Alice Walker oder Maya Angelou vorstellen. Sie wollen dem schwarzen wie dem weissen Amerika zeigen, zu welchen kulturellen Leistungen «Nigger» fähig sind.

Bücher als neuster heisser Stoff

Die Lit-AutorInnen selber sehen sich aber nicht als Antithese, sondern als Fortsetzung dieser schwarzen literarisch-politischen Tradition. Viele engagieren sich in ihren Quartieren, in Jugendzentren und Kirchen, sie bieten Schreibkurse in den Gefängnissen an oder unterstützen Alphabetisierungskampagnen. Die Autorin Ashley Coleman sagt über ihre berühmten VorfahrInnen: «Sie schrieben über den Kampf gegen Rassismus, Ungerechtigkeit und Ungleichheit. Wir schreiben über den Kampf, so wie er heute passiert. Ich erzähle vom Kampf eines schwarzen Mädchens aus Flint, Michigan, die mit Sozialhilfe gross geworden ist.»

Als diese junge schwarze Frau aus Flint schriftstellerische Ambitionen hatte, minderte ihre Hautfarbe die Chance auf Veröffentlichung. Denn das Verlagsgeschäft in den USA war bis vor kurzem ziemlich weiss. In der Region von New York, wo die Schwarzen mehr als ein Fünftel der Arbeitskräfte stellen, waren Mitte der 1990er Jahre gerade 3,6 Prozent der Verlagsangestellten afroamerikanisch. Die längste Zeit ignorierten die publizistischen Mainstreamunternehmen das Marktpotenzial von vierzig Millionen schwarzen US-AmerikanerInnen, weil sie dem Stereotyp aufsassen, dass Schwarze nicht lesen und schreiben könnten oder wollten. Dabei ergibt eine aktuelle Umfrage des Pew-Research-Instituts, dass Schwarze in den USA heute sogar etwas häufiger Bücher lesen als ihre weissen MitbürgerInnen.

Weil kommerzielle Buchverträge im Gegensatz zu den politischen Bürgerrechten der 1960er Jahre nicht direkt eingefordert werden können, griffen die benachteiligten schwarzen AutorInnen zur Selbsthilfe. Sie produzierten und verkauften ihre Werke ab Ende der 1990er Jahre zunehmend in eigener Regie. Bei der Buchherstellung setzten sie gekonnt die neuen Technologien ein und entwarfen reisserische Buchumschläge. Für den Vertrieb nutzten sie ihr Innenstadtwissen und boten die Bücher auf der Strasse an, als wären sie der neuste heisse Stoff. Auch kam es den JungautorInnen zugute, dass die schwarze Bevölkerung von jeher besonders viel auf Mundpropaganda gibt, auf die Empfehlung von FreundInnen, Verwandten, NachbarInnen – und das auch via Social Media. Die Erfolgsautorin Vickie Stringer etwa verkaufte 1999 mehr als 100 000 Exemplare ihres Erstlings, «Let That Be the Reason» (auf Deutsch etwa: «Was auch immer»), noch bevor sie einen Verlag fand, der dann innert weniger Wochen ein Millionenpublikum erreichte. Heute ist Stringer Besitzerin des Verlags Triple Crown Publications.

«Ich weiss, was jedes Wort wert ist»

Auch Ashley und JaQuavis Coleman können sich daran erinnern, wie sie ihre Bücher vom Kleinlaster aus in der City verhökerten. Doch diese Zeiten sind für sie definitiv vorbei. Sie stehen heute bei den ganz grossen englischsprachigen Verlagen unter Vertrag, etwa bei St. Martin’s Press oder bei Simon & Schuster. Diese Mainstreamunternehmen haben sich wie so viele andere US-Grossverlage ihre gewinnbringenden Street-Lit-Abteilungen zugelegt. Sogar Musikkonzerne sind auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Das Hip-Hop-Label Cash Money Records zum Beispiel eröffnete 2012 die Literatursparte Cash Money Content. Die Vorschüsse für die Colemans sind nun sechsstellig, und die beiden sind stolz auf die messbare gesellschaftliche Anerkennung. Ashley, die ehemalige Dealerbraut und Sozialhilfeempfängerin, sagte gegenüber der «New York Times», in deren Bestsellerlisten sie zusammen mit ihrem Mann regelmässig aufgeführt ist: «Statt auf der Strasse wie früher sitzen wir jetzt am Laptop. Ich weiss, was jedes Wort wert ist. Wenn ich schreibe, denke ich: O. k., das macht 100 Dollar. Das macht 1000 Dollar. 5000 Dollar …»

Mit zunehmender Schreiberfahrung und zunehmendem Erfolg entfernt sich auch dieses Paar wie so viele AutorInnen aller Literaturgattungen von den autobiografischen Anfängen. Statt in Flint, Michigan, suchen die Colemans ihre Geschichten und ihre Inspiration nun in aller Welt. Ihre Street Lit wird dabei gezwungenermassen gentrifiziert.

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