Nr. 19/2019 vom 09.05.2019

Die Wahl der Transfrauen

Vom 11. April bis zum 19. Mai wird in Indien gewählt. Seit sie sich als drittes Geschlecht registrieren lassen können, kandidieren mehr und mehr Transmenschen für die Parlamentswahlen. Es ist ein Weg raus aus der Stigmatisierung.

Von Natalie Mayroth, Bombay (Text und Foto)

«Ich trete nicht an, um zu gewinnen. Ich trete an für Repräsentation»: Sneha Kale (mit Blumenschmuck) bei einem Wahlkampfumzug im Norden Bombays.

Hinter Sneha Kale wird laut getrommelt. Sie fällt auf in ihrem weissen Sari, zwischen Frauen, Kindern und FahnenträgerInnen. Lächelnd führt sie den Zug durch die Strassen an. Sie geht auf die Menschen zu, die in den kleinen Läden arbeiten, spricht mit ihnen. Dann bekommt jeder einen Zettel mit ihrem Wahlprogramm, Kale faltet zum Dank die Hände. Hier, im Norden Bombays, im Arbeiterviertel Kamgar Nagar, hält sie eine der vielen politischen Rallyes ab, die derzeit im indischen Wahlkampf stattfinden.

Doch Kale ist nicht irgendeine Kandidatin. Sie ist die erste Transfrau in Bombay, die bei den Parlamentswahlen antritt, und eine der ersten landesweit. Bis Ende Mai wird in Indien ein neues Parlament gewählt. 900 Millionen Menschen sind wahlberechtigt: Männer, Frauen und Transpersonen. Nach der letzten Volkszählung von 2011 leben 487 000 Transmenschen in Indien. Andere sprechen von drei bis fünf Millionen. Für die Parlamentswahlen haben sich knapp 40 000 von ihnen als WählerInnen registriert, was seit fünf Jahren möglich ist. In Bombay und Grossraum sind 1400 Transpersonen als WählerInnen registriert.

Für «die, die keiner sieht»

Ende März wurde die Transaktivistin Gauri Sawant zur Wahlbotschafterin ernannt, um die Community für die Wahlen zu mobilisieren. 2019 ist zum Jahr der TransgenderkandidatInnen geworden – noch nie standen so viele auf den Wahllisten. Neben Sneha Kale kandidieren mindestens sechs weitere Trans- und einE IntersexkandidatIn – für je einen der 543 Sitze im Unterhaus des Parlaments in Indiens Hauptstadt Delhi. Mehr als die Hälfte kandidieren wie sie unabhängig.

«Ich trete nicht an, um zu gewinnen. Ich trete an für Repräsentation», sagt die 28-jährige Kale. «Im Parlament gibt es niemanden, der über unsere Probleme spricht. Die Behandlung als Person zweiter Klasse auf der Polizeiwache und im Krankenhaus sind die Hauptprobleme, um die sich niemand kümmert.» Sie macht sich zudem stark für eine Rente für ältere Transmenschen und Witwen von Kleinbauern – für «die, die keiner sieht». Die meisten ihrer Wahlversprechen richten sich an ihresgleichen. Und dafür gibt es gute Gründe: Sie haben einen langen Kampf für Gleichstellung hinter sich. Vor dem Gesetz und innerhalb der Gesellschaft.

Fünf Jahre ist es her, dass der Oberste Gerichtshof den Status des dritten Geschlechts ermöglicht hat. Dies erleichtert vielen Transmenschen, wählen zu gehen, da sie nun einfacher Ausweise beantragen können. Und so rücken sie auch seit kurzem als politische AmtsträgerInnen in den Fokus. Den Anfang einer neuen Welle von Transfrauen in der Politik machte zu Beginn des Jahres die ehemalige Journalistin Apsara Reddy. Als erste Transfrau wurde sie von der grossen linksliberalen Oppositionspartei Kongress (INC) zur Generalsekretärin ihres Frauenflügels ernannt. Ihr folgte Disha Pinky Shaikh im Februar als Sprecherin der Partei VBA – der Partei der Dalits, der «Unterdrückten» innerhalb des indischen Kastensystems. Im März wurde Priya Patil zur Sprecherin der linksliberalen Regionalpartei Nationalist Congress Party (NCP) ernannt. Auch in weiteren Parteien übernehmen Transmenschen politische Positionen, wie etwa Meera Parida das Vizepräsidium der Frauensektion von Biju Janata Dal, einer ostindischen Partei.

Diese Entwicklungen hat Sneha Kale mitverfolgt. «Ich frage mich nur, warum es so lange gedauert hat.» Sie weiss, was es heisst, stigmatisiert zu werden. Vom Tanzen begeistert, begann Kale heimlich mit Cross-Dressing. Sie liess sich lange Haare wachsen und formte ihre Augenbrauen, was ihrer Familie missfiel. Mit neunzehn Jahren wurde sie von zu Hause verstossen. Sie verliess ihre Heimatstadt Pune und zog in die 150 Kilometer weit entfernte Metropole Bombay. Trotz Hochschulabschluss konnte sie keinen angemessenen Job finden, mit dem sie genügend für ihren Lebensunterhalt verdiente. Auch bei der kurzzeitigen Arbeit bei einer Menschenrechtsorganisation, die sich für LGBTIQ*-Rechte einsetzt, erlebte Kale soziale Ausgrenzung, die sie dazu gebracht hat, politisch aktiv zu werden. «Seitdem warte ich auf die Wahlen, um etwas zu verändern.»

Die Geschichte der Diskriminierung von LGBTIQ* reicht weit zurück: Denn obwohl Transpersonen bereits in frühen hinduistischen Schriften auftreten – sie sollen den Hindugott Rama begleitet haben –, wurden sie während der britischen Kolonialzeit an den Rand der Gesellschaft gedrängt. So stellte etwa der Paragraf 377 aus dem britischen Kolonialrecht «unnatürlichen» Geschlechtsverkehr unter Strafe – und bedrohte damit vor allem queere Menschen mit bis zu zehn Jahren Haft. Bis das Gesetz im September 2018 abgeändert wurde.

Polizistin, Richterin, Model

Transmänner werden in Indien kaum wahrgenommen und können auf keine grosse Community zählen. Demgegenüber sind Transfrauen – Kinnar oder Hijras, wie man in Indien und Pakistan sagt und wie sich auch viele Transfrauen selbst nennen – in der Öffentlichkeit sichtbar. Doch auch sie sehen sich mit Klischees und Entwürdigung konfrontiert. Viele kennen Hijras nur als Sexarbeiterinnen – oder wenn sie auf Familienfeiern, in Zügen oder an Verkehrsknotenpunkten gegen Geld ihren Segen aussprechen.

Es sind Tätigkeiten, in die sie durch Aberglaube und Stigma gedrängt wurden und aus denen sie nur schwer herausfinden. Oft bleibt ihnen kaum eine andere Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten – auch wenn die Bildung nicht fehlt, machen es die gesellschaftlichen Normen schwer. Gemäss Schätzungen von queeren AktivistInnen gehen über die Hälfte der Hijras in Indien Sexarbeit nach.

Dennoch hat sich mit der Änderung des Paragrafen 377 und der damit verbundenen Quasientkriminalisierung von Homosexualität die Stimmung zumindest ein Stück weit verbessert: Viele Firmen werben seitdem exzessiv mit dem Symbol der Regenbogenflagge, immer mehr Transfrauen tauchen im öffentlichen Leben auf – als Richterinnen, Polizistinnen oder Werbemodels.

Dazu trägt auch die ehemalige Journalistin Apsara Reddy von der Kongresspartei bei. «Meine Ernennung hat den Weg geebnet, dass Transgender als Talente und nicht nur als sexuelle Minderheit gesehen werden», sagt die 35-Jährige selbstbewusst. In den sozialen Medien beobachtet sie, dass viele Transfrauen an politischen Diskussionen teilnehmen, sich Parteien anschliessen. Reddy, die zuvor in London gearbeitet hat, glaubt, dass das so bleiben wird: «Nach diesen Wahlen werden alle Parteien Transgendervertreterinnen in Regierungs- oder anderen politischen Positionen haben.»

«Wir sind nicht käuflich»

Doch während Transfrauen wie Reddy ihre Chance ergreifen, sind andere skeptisch, ob sich die Perspektiven für Menschen aus weniger privilegierten Familien tatsächlich verändern werden. Neeta Hanuman Kene ist Kopf der Kinnar Asmita, einer Lebensgemeinschaft von Transfrauen. Als Guru ist sie «Ersatzmutter» und spirituelle Führerin zugleich. Zusammen mit einem Dutzend Transfrauen lebt sie in Thane, einer Stadt rund eine Stunde von Bombay entfernt.

«Wir wählen die Partei, die uns unterstützt, und nicht jede, die uns Versprechungen macht», sagt Guru Neeta, wie sich Kene nennt, und spielt damit auf die aktuelle Regierung im Bundesstaat Maharashtra an, die im Februar einen Sozialausschuss für die Belange von Transpersonen eingerichtet hat. Auf der einen Seite bekommen sie so Unterstützung, auf der anderen Seite führt die Regierung eine prohinduistische Agenda, die nicht immer transfreundlich ist. Vielen konservativen Hindus ist die Änderung des Strafgesetzbuchs zu progressiv, sie halten gleichgeschlechtlichen Sex noch immer für «unnatürlich», weil nicht reproduktiv.

«Selbstverständlich kann uns eine Transpolitikerin besser repräsentieren. Aber wir sind nicht käuflich, wir sind keine Stimmenbank.» Neeta Kene holt ein Körbchen mit einem Stapel Plastikkarten hervor: Es sind die neuen Wahlkarten, die sie Anfang April bekommen haben. «Die Wahlkarte macht uns zu Menschen», sagt sie. Auf ihrem Wahlausweis steht noch «Andere», auf den neuen ist ein «T» für «Transgender» vermerkt. Ein Dutzend Transfrauen, die rund zehn bis fünfzehn Jahre jünger als Guru Neeta sind, sitzen im hellen Wohnzimmer um sie herum, lauschen, was sie sagt. Alle hier sind bereit, von ihrem Stimmrecht Gebrauch zu machen. Wie Kene sind sie dezent gekleidet, tragen weder Make-up noch gross Schmuck. Während Guru Neeta als Sozialarbeiterin tätig ist, gehen einige ihrer Schützlinge auch dem Betteln oder der Sexarbeit nach, was nicht immer ungefährlich ist.

Bombay ist als offene Filmstadt bekannt – Stichwort «Bollywood». Doch Sneha Kale im weissen Sari misst die Akzeptanz gegenüber Hijras nicht am Image der Stadt, sondern daran, ob Transpersonen offiziell einen Beruf ausüben können. Neeta Kene hätte für eine Fluggesellschaft arbeiten können, hat sich aber für das Leben als Guru entschieden. Demgegenüber hatte Kale keine solche Möglichkeit: «Arbeit zu finden, ist auch hier ein Problem.» Sie lebt in einem Viertel mit anderen sozial Benachteiligten, vor allem Dalits. Die gelbe Farbe bröckelt von der Wand ihres kleinen Apartments in Ghatkopar, in dem sie mit zwei Transfrauen wohnt. Doch es ist eine Gegend, in der sie willkommen sind. In ihrer Siedlung, der Ramabai-Kolonie, kennen sie alle nur als Sneha. «Alle hier sind nett zu uns», sagt sie. «Die Menschen unterstützen mich, weil für sie in der Vergangenheit wenig getan wurde.»

Die Frauen, die an diesem Tag mit Sneha Kale durch Kamgar Nagar laufen – darunter Dalits wie auch Musliminnen –, teilen das Gefühl, von der Politik vergessen zu werden. Deshalb wollen sie ihr eine Chance geben. Über zwei Stunden sind sie in der Hitze unterwegs. Am Ende des Wahlspaziergangs ist die zuvor angespannt wirkende Kale wie ausgetauscht. Erleichtert trinkt sie mit ihren Helferinnen Tee. Viele Menschen hätten positiv auf sie reagiert. «Seitdem ich politisch aktiv bin, meldet sich auch meine Familie wieder bei mir», sagt sie. Nur von ihrem Bruder habe sie noch nichts gehört.

Wie Bombay gewählt hat, erfährt sie frühestens am 23.  Mai. Doch auch wenn es mit dieser Wahl nichts wird: Ihr Kampf wird weitergehen. Auf der Strasse, im täglichen Leben oder bei den Regionalwahlen in Maharashtra, die im Herbst stattfinden.

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