Nr. 18/2007 vom 03.05.2007

Das Glück der kleinen Leute

Nirgendwo in Indien treffen die Gegensätze von Arm und Reich so unvermittelt aufeinander wie in der grössten Stadt des Landes. Doch viele der Armen sind nicht so verzweifelt, wie der Anblick ihrer Hütten vermuten liesse.

Von Joseph Keve

Mega! In dieser Stadt ist alles mega. Die Bevölkerungszahl, der tägliche Zuwachs um rund tausend Menschen und auch die magnetische Wirkung, die Bombay ausübt. Denn sie lockt alle an, die Reichen und die Armen, die Träumer und die, die nur ein Essen wollen, die Möchtegernhelden und solche, die in der Menge verschwinden wollen. In dieser Stadt mischen sich Glanz und Dreck, Milliardäre und jene, die nicht einmal ein Dach über dem Kopf haben. Das grösste Einkaufszentrum von Südasien liegt in unmittelbarer Nähe des zweitgrössten Slums von Asien. Bombay steht an fünfter Stelle der schmutzigsten Städte der Welt, und doch sind an kaum einem andern Ort die Quadratmeterpreise höher als hier. Hier gibt es unzählige Shopping-Malls, 96 Fernsehkanäle, jede Menge Prominenz, Cricket- und Filmstars, eine der wichtigsten Börsen des ehemaligen British Empire, Nachtklubs, Fünfsternehotels – und ungeplantes Wachstum, gewaltige Lücken in der Infrastruktur, null Sozialverantwortung der Bürgerschaft und zerfallende alte Gebäude.

Diese Geschichte berichtet jedoch von einem Bombay, das weniger bekannt ist, von ganz normalen Menschen, die nicht so recht in das Schwarzweissschema passen wollen, die Hoffnung haben und manchmal Glück empfinden. Sie verspüren nicht die enormen Ambitionen (und auch Frustrationen) der Superreichen und stecken auch nicht mehr so tief im Elend wie die vielen Neuankömmlinge, die ganz unten beginnen. Die Personen, die hier auftreten, sind arm, aber nicht unglücklich, sie arbeiten hart – und sie leben in einem Slum.

Idlis am Morgen

Willkommen also in der Hütte Nr. 387 von Shivgami im Stadtteil Orlem des Bombayer Vororts Malad. Shivgami ist eine von Bombays rund 120 Shantytowns, die von der lokalen Bevölkerung auch als Slums bezeichnet werden.

Vierzehn Kilometer nordwestlich des internationalen Flughafens gelegen und sechs Kilometer von der Küste entfernt, besteht Shivgami – gemeinsam mit den benachbarten Slums Jai Janta Nagar und Patel Compound – aus über 3500 oft zweistöckigen Backstein- oder Lehmhütten, in denen über 5200 Familien leben. Fast alle SiedlerInnen sind aus anderen Teilen Indiens hierher gezogen; zwei Drittel stammen aus dem Bundesstaat Tamil Nadu im Süden des Landes, die übrigen kamen aus Uttar Pradesh, aus Westbengalen und aus den ländlichen Gebieten von Maharashtra.

Rani Kounder, die in der Hütte Nr. 387 lebt, zog als jung verheiratetes Mädchen (sie war gerade fünfzehn) vor 33 Jahren in das Haus ihres Gatten Kumar. «Damals war das hier Sumpf, es standen 400 Hütten, es gab viele Bäume, die Bäche flossen in den nahen Kanal – ich war entsetzt», sagt sie. «Während des Monsuns war manchmal das ganze Viertel überflutet, und wir mussten auf einem Stapel Backsteine ausharren, bis das Wasser zurückging.» Der Monsun verwandelt auch heute noch die Strassen und Wege in Bäche.

Die Kounders stehen jeden Morgen früh auf und backen Idlis, einen mittlerweile in ganz Bombay beliebten Reismehlsnack aus Südindien, die Kumar dann mit seinem Velo ausfährt und verkauft. Rani besorgt in dieser Zeit vier mittelständische Haushalte ausserhalb des Slums; sie wischt Böden, putzt Töpfe, wäscht Kleider und bekommt dafür pro Haushalt 500 Rupien im Monat (rund 14 Franken). «Vor zwanzig Jahren erhielt ich nur ein Fünftel dieser Summe, bekam nicht einmal ein Essen und durfte auch die alten Kleider nicht zu Ende tragen», sagt sie mit zufriedenem Lächeln. «Damals musste mein Mann die Idlis auf dem Kopf transportieren. Jetzt kann er mit dem Velo zwei Runden drehen und bringt jeden Tag 200 Rupien heim.» Das ergibt zusammen ein Haushaltsbudget von 230 Franken.

Inzwischen gehört die 33 Quadratmeter grosse Hütte, sie steht auf öffentlichem Grund, ihnen. Sie hat sogar Strom- und Wasseranschluss, nur eine eigene Toilette fehlt – aber über so was verfügt vielleicht ein Prozent der Slumhaushalte. Ihre beiden Söhne, dreizehn und sechzehn Jahre alt, besuchen eine englischsprachige Schule, die von der Kirche geführt wird. «Wir sind zufrieden mit dem, was wir im Leben erreicht haben», sagt Rani Kounder mit sichtlichem Stolz, «und wir vergleichen uns nicht mit Leuten, die reicher sind als wir.»

Kein zweiter Stock

Natürlich gibt es auch Probleme. «Während der letzten zwei Jahre kam es immer wieder zu Wasserknappheit», sagt Rani. «Ständig graben städtische Behörden die Strassen auf, aber die öffentlichen Toiletten, auf die wir angewiesen sind, werden kaum gewartet.» Wegen der Wasser- und Toilettenprobleme hat Rani Kounder gemeinsam mit ihrer Frauengruppe, die sie dank der Unterstützung einer nichtstaatlichen Organisation (NGO) gegründet hatte, schon mehrfach gegen die Stadtverwaltung demonstriert, bisher ohne Erfolg.

Von Kounders Wohnung sind es nur ein paar Schritte bis Jai Janta Nagar, der nächsten Hüttensiedlung, in der MigrantInnen aus Gujarat, Uttar Pradesh, Bihar, Orissa, vornehmlich jedoch Menschen aus den armen Regionen von Maharashtra leben. Vimal Bhurunkar, 55, flüchtete vor achtzehn Jahren aus Shrivardhan, einem kleinen Küstenort in Maharashtra, in die Grossstadt. «Das Leben im Dorf war hart, wir konnten trotz aller Anstrengungen nicht genug Reis und Gemüse ernten. So blieb uns nur eines – wir zogen zum Bruder meines Mannes, der hier lebte.»

Frau Bhurunkar und ihre Familie bewohnen ein 37 Quadratmeter grosses Haus, auf das sie mit Eisen- und Bambusstangen und einem Plastikdach einen zweiten Stock gesetzt haben. Vimals Ehemann arbeitet als gelernter Elektriker; ihre drei Söhne – sie verliessen die Schule im Alter von dreizehn Jahren – haben eine Anstellung als Gürtelschnallenmacher, Maler und Verkäufer gefunden. Die Männer verdienen zusammen umgerechnet 580 Franken im Monat. «Das erlaubt ein komfortables Leben», sagt Vimal, die vor zwei Jahren ihren Job als Haushaltshilfe aufgab. Mehr Geld müsse man nicht verdienen, das löse ja auch das Hauptproblem nicht: der enge Wohnraum. Der älteste Sohn ist verheiratet, seine Frau erwartet ein Kind, der zweitälteste wird demnächst heiraten, «aber jedes Mal, wenn wir den oberen Stock mit Ziegeln ausbauen, kommen städtische Beamte und lassen das wieder abreissen. Trotzdem stehen wir jetzt viel besser da als in unserem Dorf.»

Der zufriedene Schneider

Von der Behausung der Bhurunkars sind es nur zwei Minuten entlang der Hauptstrasse, bis man im nächsten Quartier, dem Patel Compound, vor dem Schild «Thomas Tailors, Gents Specialist» steht, unter dem einen der 33 Jahre alte Thomas Nadar willkommen heisst. Sein Arbeitsraum vermittelt trotz der gerade mal drei Quadratmeter kleinen Fläche eine angenehme Atmosphäre, eine schmale Reihe von Kräutern trennt ihn von der Strasse. Die zwei Nähmaschinen und der kleine Tisch lassen den drei Leuten, die hier werken, kaum Platz. Wie kann man unter solchen Bedingungen nur arbeiten? «Das ist das Magische an Bombay», antwortet Nadar. «Man muss sich zwar manchmal auf den Kopf stellen, aber wer schlau genug ist, verdient hier seinen Lebensunterhalt.» Er habe, erzählt der Schneider, vor neunzehn Jahren sein Dorf in Tamil Nadu verlassen, sei mit dem Zug in das Bombayer Viertel Kandivli (vgl. Karte) zu einem Cousin gereist. Am nächsten Tag gingen die beiden zu einem Schneider, wo sich der Cousin eine Hose und ein Hemd hatte nähen lassen. «Der Mann erhielt für diese Arbeit 100 Rupien!»

Da habe er beschlossen, ebenfalls Schneider zu werden. Thomas Nadar absolvierte eine Lehre, war bald besser als sein Boss, sparte fünf Jahre lang, kaufte den kleinen Laden, stellte zwei Gehilfen ein – «und wenn alles klappt wie geplant, werde ich sogar die Hütte kaufen können, in der wir wohnen», sagt der dreifache Familienvater. Natürlich kämpft auch er mit Widrigkeiten und Unvorhergesehenem: So setzten beispielsweise die ausgiebigen Regenfälle und eine vier Meter hohe Flut im Juli 2005 sein Geschäft vollständig unter Wasser.

«Uns ist der Friede wichtig»

Noch während des Gesprächs mit Nadar tauchen plötzlich Rani Kounder und Vimal Bhurunkar auf. Ob es noch irgendwelche Fragen gebe, wollen sie wissen. Es gibt sie. Woher, zum Beispiel, kommt ihre Zuversicht? Und sind sie nicht manchmal neidisch auf die Bessergestellten, deren Haushalte Vimal jahrelang instand gehalten hatte und bei denen Rani weiterhin putzt?

Rani antwortet zuerst: «Ich arbeite sechs Tage in der Woche täglich jeweils anderthalb Stunden bei vier Familien. Nur in einer sind die Beziehungen intakt, in den anderen drei herrscht ständig Streit, meistens geht es um Geld und Materielles. Bei uns in den Slums spielt das Geld keine so grosse Rolle. Wir haben wirkliche Armut und grosse Entbehrungen erlitten. Für uns ist der Friede wichtiger.» Und Vimal: «Bei uns leben Christen, Muslims, Hindus, Buddhisten, Sikhs und Jains Tür an Tür. Und es gab nie Probleme – anders als in den reicheren Vierteln von Orlem und Malad.» Während der Unruhen von 1992/1993 – damals hatten militante Hinduisten in Ayodhiya eine Moschee zerstört mit der Folge, dass sich auch in Bombay Hinduisten und Muslime bekämpften, rund 1700 Menschen getötet und über hunderttausend vertrieben wurden – während dieser Unruhen also, berichtet Vimal Bhurunkar, «haben wir uns gegen die lokalen Anführer der beiden Konfliktparteien gestellt, die auch bei uns zündeln wollten, und sie zum Abzug gezwungen».

Seither, sagen beide, sei es in ihrem Viertel nie wieder zu ethnischen Auseinandersetzungen gekommen. Dafür sorgten auch die Strassenkomitees, die sich regelmässig treffen, um Streitigkeiten zu schlichten, die beispielsweise durch das soziale Gefälle entstehen. Denn auch in den Slums gibt es Ausbeutung, Hierarchien (wer länger dort wohnt, hat mehr zu sagen), Restaurant- und FabrikbesitzerInnen, die anderen die KundInnen oder Land abjagen, Chemiefabrikanten, die die Luft verpesten, und HauseigentümerInnen, die ihre MieterInnen schröpfen und beispielsweise für Strom und Wasser überhöhte Preise verlangen.

Weg mit den Slums!

All dies können die Strassenkomitees nicht verhindern. Aber zumindest versuchen sie, die Spannungen abzubauen. Und sie tun etwas – im Unterschied zu den PolitikerInnen, «die sich nur vor Wahlen sehen lassen und Bestechungsgelder verteilen». Und im Unterschied zu den Beamten, die die Gelder wieder einsammeln: «Für all die Summen, die wir Behörden- und Polizeivertretern für das erhoffte zweite Stockwerk zugesteckt haben, hätten wir ein neues Haus bauen können», sagt Vimal Bhurunkar. «Aber jetzt wird uns erzählt, dass alle Hütten in der Stadt durch mehrstöckige Gebäude ersetzt werden sollen.»

Dagegen habe sie im Grundsatz nichts einzuwenden, sagt sie. Aber wie soll ihre Grossfamilie in einer der 21 Quadratmeter grossen Etagenwohnungen unterkommen, von denen derzeit die Rede ist? Um das herauszufinden, hat sie mit ihrer Frauengruppe eine Fahrt in die dreissig Kilometer entfernte Shantytown Mankhurd unternommen, wo im letzten Jahr rund 200 Familien zwangsweise in solche Etagenwohnungen umgesiedelt wurden. Das Ergebnis ihrer Studienreise: Über sechzig Prozent der Familien haben die Wohnung mittlerweile wieder verlassen und weitervermietet und leben dort, von wo sie vertrieben worden waren – im Slum.

Dass solche Umsiedlungen überhaupt denkbar sind, liegt auch an der kolonialen Struktur der Stadtverwaltung und dem politischen Dauerkonflikt, der Bombay seit langem prägt.

Planen fürs eigene Portemonnaie

Denn die Hauptstadt des Bundesstaates Maharashtra wird von einer Doppelspitze regiert. Auf der einen Seite steht der Munizipalrat (das Bürgermeisteramt erfüllt nur repräsentative Aufgaben), der alle fünf Jahre von der Bevölkerung gewählt wird und die Leitlinien der Lokalpolitik beschliesst. Bei der Gemeindewahl im Februar 2007 gewann die Allianz der fundamentalistischen HinduistInnen (bestehend aus der separatistischen Shiv-Sena-Partei des Hitler-Verehrers Bal Thackerey und der stramm konservativen Indischen Volkspartei BJP) einen Grossteil der Munizipalratssitze. Auf der anderen Seite amtiert – wie in Zeiten des British Empire – ein von der Zentralregierung eingesetzter Commissioner, der die Verwaltung leitet und die Beschlüsse des Munizipalrats umsetzen soll, dies aber nicht immer tut.

Ein weiteres Patt kompliziert die Entscheidungsprozesse: Die Regierung des Bundesstaates Maharashtra befindet sich derzeit in den Händen einer Allianz der Kongressparteien – der in Neu-Delhi regierenden Congress Party von Sonia Gandhi und der regional starken National Congress Party, die sich vor langem von der Congress Party abgespalten hat. Bombay aber, die Hauptstadt dieses Staates, wird von fundamentalistischen Hinduisten regiert.

Dieser Kompetenzenwirrwarr erlaubt, dass sich bei fast allen Entscheiden jene durchsetzen, die über Macht, Geld oder eine Lobby verfügen. Dass städtische Grundstücke verhökert werden, dass private InvestorInnen nach Belieben bauen können, dass Markt und Korruption dominieren. Und dass «die Infrastruktur von Bombay am Boden liegt», wie es der Bombayer Börsenhändler Heman Kapadia Mitte April 2007 in der unabhängigen Wochenzeitung «Tehelka» formulierte. Es gebe «keinerlei Rechenschaftspflicht in der Stadt: Der Müll häuft sich auf den Strassen, jedes Strassenloch erinnert an leere Versprechen, in den Slums werden die Menschen auf Hühnerstangen gehalten, die Bürokratie ist ein Albtraum». Von good governance, halbwegs anständiger Regierungsführung, keine Spur. Und so setzen sich eben auch die StadtplanerInnen durch, die vor allem für ihr Portemonnaie planen, das offenbar nicht dick genug sein kann.

Ist Bombay also eine Stadt, in der sich niemand um niemanden kümmert? Die grosse Überschwemmung im Juli 2005 und die verheerenden Bombenanschläge auf die S-Bahn im Juli 2006 (siehe WOZ Nr. 28/06) haben gezeigt, wie sehr die Menschen – vor allem die armen SlumbewohnerInnen – zur Solidarität fähig sind. Ein Kolumnist des Nachrichtenmagazins «India Today» beschrieb das so: «In Katastrophenfällen holt Bombay das Beste aus seinen Menschen heraus. Aber wenn es darum geht, etwas an den grundlegenden Bedingungen zu verändern, verwandelt sich die Stadt in ein lustloses, träges, einfallsloseszweites Ich.»

Eine zutreffende Beschreibung der Megacity, aber keine hinreichende Charakterisierung der Slums, in denen nach offiziellen Angaben über zwei Drittel der Bevölkerung Bombays leben. Denn die Menschen sind weder träge noch einfallslos. Sie wissen um die Gefahren, die ihnen drohen. Sie haben beispielsweise verstanden, dass die hinduistische Rechte von Shiv Sena immer dann Krawalle anzettelt, ihre Trupps auf Muslime hetzt und das politische Klima anheizt, wenn sie in der Opposition ist – aber nicht, wenn sie regiert. Vielleicht haben viele der einst kongresstreuen SlumbewohnerInnen von Shivgami, Jai Janta Nagar und Patel Compound im Februar deshalb für Thackereys Shiv Sena gestimmt – um endlich Ruhe zu haben und weil sie erfahren haben, dass ihnen die anderen Parteien auch nicht helfen.

Keine Gruppe dominiert

In den Slums des Stadtteils Orlem geht es allerdings auch deswegen so friedlich zu, weil hier eine gesellschaftlich kleine Minderheit stark vertreten ist: Über dreissig Prozent sind ChristInnen. In anderen Quartieren, in denen Minderheiten wie Jains, BuddhistInnen oder Sikhs ebenfalls relativ stark vertreten sind, ist Ähnliches zu beobachten: Keine Gruppe dominiert. Das hat zum einen mit der Sprachenvielfalt zu tun. In Orlem sprechen die Menschen hindisch, marathisch, tamilisch, bengalisch, telugisch, gujaratisch und etliche auch ein wenig englisch. Sie müssen sich also mit Gesten verständigen und Hilfsbereitschaft signalisieren, wenn sie miteinander zurande kommen wollen. Andererseits führt die Vielfalt dazu, dass niemand ausgeschlossen wird.

Slumgemeinschaften, in denen eine Herkunfts-, Sprach- und Religionsgruppe den Ton angibt, sind hingegen schneller bereit, den Tiraden herumziehender AgitatorInnen zuzuhören. Das erklärt, weshalb manche Slums auf die Hetzer im Jahre 1992 überhaupt nicht reagierten, andere jedoch sofort rebellierten. So wurden beispielsweise in den vorwiegend muslimisch geprägten Quartieren Bandra-West und Jogeshwar die Häuser grün anstrichen und grüne Flaggen gehisst. Darauf antworteten Shiv-Sena-Mitglieder mit Safrangelb an den Wänden, die kastenlosen Dalits tünchten ihre Hütten blau, und mancherorts war sogar ein kommunistisches Rot zu sehen.

Seit den Anschlägen auf die Vorortbahn im letzten Jahr sind die bunten Farben jedoch wieder verschwunden. Auch in Orlem. Dort sitzt immer noch Thomas Nadar hinter seiner Nähmaschine und lobt seine neue Heimat Bombay: «Hier passt alles zusammen», sagt er. «Hier gibt es einen Markt, Kirchen, Tempel, Spitäler und all die anderen Dienstleistungen, die der Mensch braucht.» Aber noch ist er nicht ganz zufrieden: Vor kurzem hat er eine kleine Initiativgruppe gegründet, die sich für eine bessere Trinkwasserversorgung, für eine Sanierung der Strassen und vor allem für ordentliche öffentliche Toiletten einsetzen will. Denn die brauchen hier alle.

Bombay oder Mumbai?

Bombay ist mit rund 19 Millionen EinwohnerInnen vor Delhi (18,6 Millionen) und Kalkutta (15,1 Millionen) die grösste Agglomeration Indiens – und jeden Tag kommen 1000 Menschen dazu. Im eigentlichen Stadtbezirk von Bombay (12,2 Millionen) leben im Durchschnitt knapp 30000 Menschen auf einem Quadratkilometer. In Slums wie Dharavi sind es sogar bis zu 40 000. Die Bevölkerung des Grossraums Bombay erwirtschaftet vierzig Prozent des gesamten Steueraufkommens von Indien.

Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Hafenstadt am Arabischen Meer im 16. Jahrhundert von portugiesischen Eroberern, die den Ort Bom Bahia, gute Bucht, nannten. Die Briten übernahmen diesen Begriff – er war also keine Erfindung der britischen Kolonialherren, wie oft geglaubt wird. 1995 beschloss die damals von militanten Hinduisten kontrollierte Regierung des Bundesstaates von Maharashtra, Bombay nach der Göttin Mumbadevi zu nennen (dem internationalen Flughafen und dem Hauptbahnhof verpassten sie den Namen eines frühen Hindu-Anführers, der – so die Legende – Gegenspieler eines muslimischen Grossmoguls gewesen sein soll). Die religiös-politisch motivierten Umbenennungen wurden von den englischsprachigen Medien in Indien sofort aufgegriffen. Ein Grossteil der Bevölkerung, insbesondere Nichthindus und Nichthindisprechende, verwendet aber weiterhin den Namen Bombay.

WOZ-Korrespondent Joseph Keve lebt im Bombayer Stadtviertel Orlem, also in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Slums, die er hier beschreibt.

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