Nr. 09/2020 vom 27.02.2020

Für die Utopie von einem neuen Staat

Neun Jahre nach dem Arabischen Frühling erschüttert eine zweite Welle von Protesten den Nahen Osten. Ganz vorne mit dabei: die Frauen. Fragmente aus Beirut, Teheran und Bagdad.

Von Meret Michel

Bagdad, 13. Februar. Vier Monate nach dem Ausbruch der Revolution marschieren Tausende Frauen durch die irakische Hauptstadt, junge und alte, aus allen Gesellschaftsschichten. «Rafaa banatak, ja watan», skandieren sie. Heimatland, deine Mädchen erheben sich.

Gerechnet hätten sie mit einigen Hundert, schreibt Ban Layla, eine der Organisatorinnen des ersten Frauenmarschs dieser Revolution, per Whatsapp. Die Grösse des Marsches hat sie schier überwältigt. Dieser würde das Bild verändern, das die Gesellschaft von Frauen habe, so Layla. Auf die Frage, woran sie das erkennen könne, schickt sie bloss ein Bild. Darauf zu sehen ist eine Frau, die inmitten der Menge ein Schild in die Luft streckt: «Revolution is Female».

Ban Layla ist Feministin, als Nachname verwendet sie den Namen ihrer Mutter statt wie üblich jenen des Vaters. Sie ist eine von Hunderttausenden IrakerInnen, die zurzeit gegen ihre Regierung protestieren. Ihre Familie allerdings weiss nichts davon. Layla stammt aus dem konservativen Sadr City, ihre Familie ist gegen die Revolution, die längst die gesellschaftliche Ordnung durcheinandergeworfen hat. Das Doppelleben, das Ban Layla schon länger führt, ist seither nur noch extremer geworden.

Brennende Reifen und Blockaden

Sudan, Algerien, Irak, Libanon, Iran: Neun Jahre nach den Revolten von 2011 erlebt der Nahe Osten eine zweite Welle von Aufständen. Und wie schon während des Arabischen Frühlings sind die Frauen nicht nur in grosser Zahl, sondern auch an vorderster Front dabei. Für sie ist klar: Wenn wir jetzt nicht auf die Strasse gehen – wann dann?

Beirut, Ende Oktober. Wenige Tage nach dem Ausbruch der Revolution sitzt Rima Feghaly mit ihren Freundinnen auf dem Märtyrerplatz. Es ist weit nach Mitternacht, ein langer Demonstrationstag ist zu Ende gegangen. Feghaly hat sich vorher kaum politisch engagiert. Doch jetzt ist alles anders, und der Gedanke, dass am nächsten Tag einfach wieder alle ihrer Arbeit nachgehen, gefällt den Frauen nicht. Stattdessen fahren sie in ein anderes Viertel und fangen an, die Strasse zu blockieren. «Wir fanden einen Reifen, doch wir wussten zuerst gar nicht, wie wir ihn anzünden sollten», sagt Feghaly.

Von der ersten Nacht der Aufstände am 17. Oktober ging ein Video viral: eine Frau, die einem Sicherheitsmann gut gezielt zwischen die Beine kickt. Dieses Bild, das zum Symbol der libanesischen Protestbewegung wurde, bringt etwas ganz Wesentliches auf den Punkt: Der Platz der Frauen in dieser Revolution ist nicht auf eine Nische beschränkt und schon gar nicht auf konservative Rollenbilder. «Frauen haben Proteste und Diskussionsrunden angeführt, sie waren an der Frontlinie und im Internet präsent», sagt die Aktivistin Alia Awada. Sie haben, wie Feghaly und ihre Freundinnen, Reifen angezündet und Strassen blockiert.

Awada ist Mitgründerin des feministischen Kollektivs Fe-Male und kämpft seit Jahren für Frauenrechte. Bei früheren Protesten, sagt Awada, seien Frauen zwar auch dabei gewesen. Doch dass sie jetzt auf allen Ebenen präsent seien, sei etwas gänzlich Neues. «Ihre Anliegen sind in die Revolution eingebettet. Du siehst jemanden mit einem Schild gegen das Personenstandsrecht neben jemandem mit Forderungen für Wirtschaftsreformen.»

Die Revolution im Libanon begann, wie auch jene im Irak, als Protest gegen die korrupte Regierung. Doch während die DemonstrantInnen früher bloss nach Reformen verlangten, reicht das heute nicht mehr: Sie fordern, hier wie dort, die Absetzung der gesamten politischen Klasse und ein neues System, das nicht länger auf Quoten für die verschiedenen Religions- und Bevölkerungsgruppen basiert. Sie haben genug vom korrupten Klientelismus, bei dem die Parteien die politische Treue ihrer AnhängerInnen mit Privilegien erkaufen.

«Die Frauen hat dieses System besonders diskriminiert», sagt Awada. Der Libanon gilt im Vergleich zu seinen Nachbarn als liberal und fortschrittlich. Doch auf dem Gender-Gap-Index ist das Land auf Platz 145 von 153 – direkt vor Saudi-Arabien. Das liege in erster Linie an den zahlreichen Gesetzen, die Frauen «nicht als Bürgerinnen behandeln», wie Awada sagt. So können Libanesinnen etwa ihre Staatsbürgerschaft nicht an die Kinder weitergeben. Es gibt fünfzehn verschiedene Personenstandsrechte, die Frauen je nach Religion unterschiedlich behandeln. Diese Kleinteiligkeit machte den Frauenrechtlerinnen den Kampf für mehr Gleichstellung bisher besonders schwer.

Gefangen in der Zeitkapsel

Bagdad, 25. Oktober. Nachdem die erste Welle der Proteste von Sicherheitskräften brutal bekämpft worden war und Hunderte Menschen ihr Leben verloren hatten, haben sich die DemonstrantInnen in in der Hauptstadt und zahlreichen Provinzen im Süden des Landes abermals auf der Strasse versammelt. In den folgenden Wochen erlebt der Irak einen Volksaufstand, wie es ihn in den Jahren seit dem Sturz des Saddam-Regimes 2003 nie gegeben hat. Die Protestierenden halten den Tahrirplatz in Bagdad und die Zentren anderer Städte besetzt und schaffen dort mit Zeltstädten, Theateraufführungen und Wandmalereien ihre Utopie von einem gerechten Staat.

Für Ban Layla, die Monate später den Frauenmarsch mitorganisieren wird, war schon am Anfang der Proteste klar: Ein Volksaufstand ist das nur, wenn er auch die Frauen miteinbezieht. Schliesslich ist die Neudefinition der irakischen Identität, und um nichts weniger geht es den Protestierenden, nicht etwas, was nur die Männer betrifft.

Dass die Frauen eine zentrale Rolle einnehmen, ist im Irak allein schon eine Revolution: Die Gesellschaft ist konservativ, auch wenn sie das nicht immer war. Doch über dreissig Jahre Krieg und Sanktionen sowie der Aufstieg radikalreligiöser Parteien und Milizen nach dem Umsturz haben die Gesellschaft geprägt. Die Aktivistin Reaam Mahbuba drückt es so aus: «Die letzten dreissig Jahre waren wie eine Zeitkapsel, in der sich nichts bewegt. Wenn du bombardiert wirst, denkst du nicht über Frauenrechte nach.»

Die Revolution im Irak, sagt Mahbuba, sei für sie vor allem eine soziale. «Die Leute fordern den Status quo heraus und schaffen neue Regeln.» Zwar gab es bereits in den vergangenen Jahren eine zaghafte Öffnung. In Bagdad sitzen Frauen und Männer inzwischen zusammen in Cafés, und es ist, anders als noch vor einigen Jahren, normal, dass junge Frauen auf ihren Facebook- oder Instagram-Profilen Bilder von sich hochladen.

Und dennoch, die Öffnung fand vor allem im Privaten statt. Dann aber posteten junge Paare Bilder davon, wie sie sich inmitten der Proteste küssen. «Es ist etwas ganz anderes, dies in aller Öffentlichkeit auszuleben, wie es jetzt etwa auf dem Tahrirplatz geschieht. Dort bist du umgeben von Sadr-Anhängern», sagt Reaam Mahbuba.

Der Kleriker Muktada al-Sadr wird im Irak von Hunderttausenden verehrt und inszenierte sich in den vergangenen Jahren als Reformer, der die Korruption bekämpfen will. Doch viele der Protestierenden trauen ihm nicht, seit er der Bewegung Anfang Januar erst die Unterstützung entzog, um dann später seine Anhänger zurück auf den Tahrirplatz zu schicken. Neulich dann rief er dazu auf, dass Frauen und Männer doch bitte getrennt demonstrieren mögen – so wie Frauen auch zu Hause oder im Restaurant von fremden Männern getrennt sein sollten, wie es an vielen Orten im Irak heute noch üblich ist.

Es war dieses Statement, das Ban Layla und drei weitere Aktivistinnen dazu bewog, den Frauenmarsch zu organisieren: eine Antwort auf Sadrs Versuch, der Revolution seine Moralvorstellungen überzustülpen. Dass so viele kamen, zeigt, dass viele sich nicht länger von einem Kleriker vorschreiben lassen wollen, wie sie zu leben haben. «Die Proteste haben ein neues Miteinander zwischen Frauen und Männern ausgelöst», sagt Reaam Mahbuba. «Diese Erfahrung kannst du den Menschen nicht einfach wieder wegnehmen.»

Eine Lektion über Veränderung

Teheran, 10. Oktober. Über 3000 Frauen stehen im Stadion zusammen und feuern das iranische Nationalteam im Qualifikationsspiel gegen Kambodscha an. Doch für Sara Abed, die seit 2005 dafür kämpft, dass Frauen bei Fussballspielen zugelassen werden, ist das nur ein halber Erfolg. Schon allein, weil der jetzt gewährte Zugang nur für Qualifikationsspiele der Weltmeisterschaft gilt und auch nur in einem abgetrennten Bereich mit einer beschränkten Anzahl Billette. «Das Regime will den Frauen gegenüber keine Zugeständnisse machen», sagt Abed. «Sie fürchten, wir könnten danach nur noch mehr fordern.» Sara Abed ist nicht ihr richtiger Name. Als «Open Stadiums» twittert sie auf Englisch über ihre Kampagne, sie redet mit ausländischen Medien, um Druck auf die Regierung auszuüben. Damit geht Abed, die in Teheran lebt, ein hohes Risiko ein.

Es ist vierzig Jahre her, seit eine Revolution die Diktatur des Schahs stürzte und das radikalislamische Regime an die Macht kam, das den Iran bis heute beherrscht. Doch genauso alt wie dieses Regime ist der Widerstand der Frauen dagegen. «Die Frauenrechtsaktivistinnen waren die Ersten, die vor dem Regime gewarnt hatten», sagt Abed. Sie demonstrierten nicht nur gegen den obligatorischen Hidschab, sondern auch gegen das islamische Familienrecht oder, wie Abed, für den gleichberechtigten Zugang zu öffentlichen Anlässen wie einem Fussballspiel. Die Frauenbewegung, sagt sie, habe eine zentrale Rolle im Widerstand: indem sie das Bewusstsein der Leute für ihre Rechte schärfe.

«Viele Revolutionen haben wenig erreicht, weil sie die Köpfe der Menschen nicht verändert haben», sagt Abed. Sie erinnert sich, wie sie 2011 mit einer Freundin in Ägypten sprach und sie warnte: Die Revolte dort erinnere sie an jene im Iran dreissig Jahre zuvor. Und, zumindest politisch, hatte sie nicht unrecht: Denn das Regime von Abdel Fattah al-Sisi, das sich 2013 nur zwei Jahre nach dem Sturz Hosni Mubaraks an die Macht putschte, ist brutaler, als es der alte Diktator, der gerade verstorben ist, je war.

Dennoch hat sich in Ägypten etwas verändert. Aktivistinnen berichten, dass die Frauen durch die Erfahrung der Revolution selbstsicherer geworden seien und sich jetzt entschiedener gegen die beinahe täglichen Belästigungen wehrten. Dasselbe beschreibt auch die Libanesin Alia Awada.

«Auch wenn das Regime noch immer an der Macht ist: Was wir erreicht haben, ist die Veränderung innerhalb der Gesellschaft», sagt Sara Abed. Am Anfang hätten viele gedacht, hier wollten einfach ein paar Fussballfans Zutritt zu den Spielen. Dabei gehe es um etwas Grundsätzliches: dass Frauen durch das Verbot vom öffentlichen Leben ausgeschlossen sind. «Heute versteht jeder, warum wir dieses Tabu brechen wollen. Das allein ist eine Riesenerrungenschaft. Es ist eine Lektion darüber, wie man eine Gesellschaft verändert, selbst wenn alles verboten ist.»

Irak

«Ich bin stolz auf die jungen Frauen»

«Am Anfang der Proteste, die ich inzwischen eine Revolution nennen würde, waren nur wenige Frauen dabei. Doch als sie sahen, wie die jungen Männer furchtlos Tränengaspetarden zu den Sicherheitskräften zurückkickten, wurden es immer mehr. Warum sollten nicht auch sie sich beteiligen?

Heute arbeiten sie als Sanitäterinnen und stellen sich in der vordersten Reihe den Milizen entgegen. Das Sit-in verwandelte den Tahrirplatz in einen festlichen Ort. Eltern kamen mit ihren Kindern, Männer mit ihren Frauen. Viele der Zeltstädte werden von Frauen geführt, einige organisieren Theaterstücke und Ausstellungen. Sie sind nicht bloss zur Unterstützung der Männer hier, sammeln Spenden oder kochen, sie sind die Anführerinnen! Und das nicht nur in Bagdad, sondern auch in Nadschaf und Kerbala, Basra und Nasrijah.

Einmal erzählte mir eine Frau ihre Geschichte. Sie hat gegen den Willen ihrer Familie und ohne deren Wissen an den Protesten teilgenommen. Als sie ein Bild von ihr beim Protestieren auf Social Media entdeckten, wurde sie geschlagen. Sie ist trotzdem weiter demonstrieren gegangen, hat ihre Stimme erhoben – gegen ihre Familie und trotz der Drohungen, die sie von Unbekannten erhielt. Eine andere fand sich am Sit-in in einer Diskussion mit einem älteren Mann wieder, der sie fragte, was sie dort tue, und ihr sagte, sie solle zu Hause bleiben. Das gehe ihn nichts an, antwortete sie: ‹Ich bin erwachsen, ist es nicht meine Pflicht, wie die der Männer, für mein Heimatland zu kämpfen?› Es war eine neue Sprache des Stolzes, mit der die junge Frau darüber sprach. Die Stimme der Revolution ist weiblich.

Ich kämpfe seit Jahren für mehr Frauenrechte – doch was wir heute sehen, gab es in meiner Generation nie: dass die jungen Frauen eine so aktive Rolle einnehmen, stolz und mit weiblichem Selbstvertrauen, um im Irak ein neues System aufzubauen, das demokratisch ist und gerecht.

Zwar glaube ich, dass der Kampf von uns älteren Aktivistinnen einen Einfluss hatte, weil er das Bewusstsein für Menschenrechte und Gendergerechtigkeit förderte. Doch in den letzten Jahren gab es immer wieder Rückschläge: Wir haben etwa eine Frauenquote im Parlament, und dennoch versuchen Politiker, Frauen von Führungspositionen auszuschliessen.

Die jungen Frauen, die jetzt auf der Strasse sind, werden nicht aufgeben und Forderungen stellen. Ich glaube, dass sie mehr erreichen können als wir in all den Jahren. Allerdings fürchte ich, dass es die Veränderung nicht ohne Verluste geben wird. Wie die Männer wurden auch die Frauen bedroht, manche wurden entführt oder gar getötet. In den Augen der extrem einflussreichen Milizen sollten die Frauen zu Hause sein und gehorchen statt an den Protesten teilzunehmen.

Die jungen Frauen jedoch haben mit dieser Vorstellung gebrochen, worauf ich sehr stolz bin. Ich glaube, sie haben die Möglichkeit, mit den Männern gleichgestellt an der Spitze zu stehen und für einen neuen Irak zu kämpfen.»

Aufgezeichnet von Meret Michel

Iran

Wir sind die grösste Gefahr für das Regime

Unter den Bildern der Proteste gegen den Abschuss eines ukrainischen Flugzeugs durch die Revolutionsgarden im Januar wirkt ein Foto beinahe ikonisch: Mutig konfrontiert eine junge Frau in Teheran einen Polizisten in Vollmontur, droht ihm energisch mit dem Finger. Während er verständnislos vor sich hinblickt, platzt sie vor Wut.

In den letzten Monaten gab es im Iran eine ganze Reihe Proteste – im November konnten die Sicherheitskräfte sie nur unterdrücken, indem sie 1500 Menschen töteten. Kurz danach beleuchtete das Staatsfernsehen in einem Dokfilm die «verdächtige» Rolle der Frauen an der Spitze der Demonstrationen.

Sollten Sie nicht aufgepasst haben, haben Sie die Energie und Präsenz dieser Frauen verpasst. Sie fordern die Behörden heraus – nicht nur bei den Protesten, sondern auch im Alltag –, indem sie die auf Männer ausgerichteten Gesetze infrage stellen, und das konfrontativer als je zuvor. Die sozialen Medien sind voller Videos von Frauen in Hoodies und die Gesichter vermummt, die Poster des von einer US-Drohne getöteten Kommandanten Kassem Soleimani herunterreissen.

In den letzten sechs Jahren waren Frauen in friedlichen zivilen Ungehorsam gegen die barbarischen Gesetze involviert. Begonnen hat alles mit einem Foto von mir, wie ich mich in London frei bewege. Millionen Frauen haben infolgedessen angefangen, Fotos von sich ohne Hidschab in den sozialen Medien zu posten. Mit dem Launch der «White Wednesdays»-Kampagne 2017 fingen sie an, sich dabei zu filmen, wie sie unverschleiert durch die Strassen gehen oder ein weisses Kopftuch als Zeichen des Protests tragen.

Im Juli kündigte das Revolutionsobergericht an, dass alle, die mir Videos aus dem Iran schicken, bis zu zehn Jahre Haft bekommen können. In seinen Augen bin ich eine «feindliche Regierung». Um zu beweisen, dass es ernst ist, wurden im August sechs Frauen für ihren Protest gegen den Hidschab zu insgesamt 109 Jahren Haft verurteilt. Eine solch harsche Bestrafung für friedliche Proteste ist eine unerhörte Ungerechtigkeit!

Die erst 21-jährige Saba Kordafschari wurde zu 24 Jahren Haft verurteilt. Der Geheimdienst verhaftete sogar ihre Mutter – und zwang sie zu einem falschen Geständnis. Gemäss einem Amnesty-International-Bericht wollten die Behörden, dass Kordafschari «White Wednesdays» denunziert.

Drei andere Frauen – Yassman Arjani (24) und ihre Mutter Monireh Arabschahi sowie Moigan Keschavarz – erhielten nach einem Verfahren, in dem ihnen juristischer Beistand verwehrt worden war, ähnlich lange Haftstrafen. Dennoch riss der Strom von Protestvideos nicht ab. In den letzten vierzig Jahren haben die Frauen am meisten unter der Regierung gelitten, sie haben viele Rechte verloren, die sie vor der Revolution hatten. Eines haben sie allerdings kein bisschen eingebüsst: ihren Widerstandsgeist, ihr Streben nach Würde.

Deshalb werden die Frauen des Iran auch in Zukunft die grösste Herausforderung für das Regime sein. Ich kann es kaum erwarten zu sehen, was sie als Nächstes vorhaben!  

Masih Alinedschad

Aus dem Englischen von Anna Jikhareva.

Libanon

Nichts wird uns aufhalten

Das wurde aber auch Zeit! Endlich sind Frauen des Libanon wütend. Lautstark und nicht nur in Gedanken, auf der Strasse, nicht nur in ihrem Wohnzimmer. Nach Jahrzehnten der Diskriminierung, der Gewalt und Erniedrigung haben sie endlich genug. Für mich ist das, was im Libanon seit Beginn der Aufstände am 17. Oktober passiert ist, auch deshalb eine richtige Revolution. Vor allem deshalb!

Das einigendste Ziel unserer Revolution ist es, «der Korruption ein Ende zu setzen». Aber ist das Patriarchat denn nicht eine Form von Korruption par excellence? Ein System, das die Hälfte seines Potenzials unterschätzt und vernachlässigt? Ohne zu zögern, sage ich Ja. Haben wir nicht gerade deshalb grundlegende Mängel in Bezug auf die Achtung der Menschenrechte und der Demokratie? Ohne Zweifel.

Die Probleme dieses Landes lassen sich nicht von der Marginalisierung der Frauen trennen: die Abwesenheit von Frauen in der politischen Führung – bloss 6 Abgeordnete in einem Parlament mit 128 Mitgliedern – und ihre Ausgrenzung in anderen Bereichen, ganz zu schweigen von der verhängnisvollen sozialen Diskriminierung. Es ist schmerzhaft und sogar tragisch für mich, über die libanesische Frau zu sprechen, doch es ist die traurige Realität in unserem pseudooffenen und pseudomodernen Land.

Das Patriarchat hat nicht bloss dem Libanon geschadet. Es hat auch die Perspektive der Frauen auf sich selbst verzerrt. Der Krieg gegen den wahren Wert der Frau wird nicht nur von Machomännern geführt, sondern auch von Frauen, die man jahrhundertelang einer Gehirnwäsche unterzog.

In Kombination mit der sexistischen Kultur erschafft man selbsthassende Frauen, die ihre eigene Würde beleidigen und den Wert ihrer intellektuellen Fähigkeiten ignorieren. Wegen dieser Kultur werden Frauen weiter ausgebeutet und lassen sich ausbeuten. Sie akzeptieren die erschreckenden Zahlen zu häuslicher Gewalt, sexueller Belästigung und medialer Schikane. Wegen dieses Systems gibt es – um nur ein Beispiel zu nennen – bis heute Mütter, die bereit sind, ihre Töchter mit elf, zwölf Jahren zu verheiraten.

Ist es überhaupt möglich, aus dieser Sackgasse herauszukommen? Es ist nicht bloss möglich, sondern überlebenswichtig.

Es gibt keine Zukunft, keine Rettung für unser Land ausser durch seine Frauen. Wenn unsere Fähigkeiten und Ambitionen im neuen Libanon, den wir aufzubauen versuchen, nicht berücksichtigt werden, wird es diesen neuen Libanon nicht geben.

In einer Welt, in der der öffentliche Raum auch dann noch von Männern beherrscht wird, wenn Frauen ihn besetzen, ist es an der Zeit, dass wir aufhören zu bitten. Stattdessen müssen wir uns den öffentlichen Raum nehmen. Es ist an der Zeit, zu erkennen, dass wir nur dann wirklich anfangen können zu existieren, wenn wir uns unser Leben zurückholen.

Nun, da die Revolution endlich da ist und die libanesischen Frauen ihren mehr als legitimen Zorn akzeptiert haben, gibt es kein Zurück mehr. Wir werden uns holen, was uns zusteht – und nichts wird uns dabei aufhalten.  

Dschoumana Haddad

Aus dem Englischen von Anna Jikhareva.

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