Nr. 09/2016 vom 03.03.2016

«Es war auch unsere Revolution»

Die Internetaktivistin Lina Ben Mhenni wurde zum Gesicht der tunesischen Protestbewegung. Wie viele andere Frauen kämpfte sie an vorderster Front gegen die Unterdrückung durch das Regime.

Von Meret Michel

Die Selbstverbrennung des tunesischen Gemüseverkäufers Mohamed Bouazizi löste Anfang 2011 eine Protestwelle aus, die sich von seiner Heimatstadt Sidi Bouzid über die ganze arabische Region ausbreitete. Auch die Internetaktivistin Lina Ben Mhenni zögerte nicht: Sie packte ihre Sachen und fuhr in die tunesische Kleinstadt. Sie fotografierte und filmte, berichtete über die Proteste und die Gewalt, mit der die Polizei den Aufstand zu bekämpfen versuchte. Mit ihrem Blog «A Tunisian Girl» erreichte Ben Mhenni Tausende im In- und Ausland – und wurde so zu einer der wichtigsten Stimmen des Arabischen Frühlings. Der Mann Bouazizi war mit seinem Selbstmord zum Symbol für die Unterdrückung in den arabischen Regimes geworden – die Frau Ben Mhenni wurde zum Gesicht der tunesischen Protestbewegung.

Sie sollte nicht die Einzige bleiben. In den Protesten gegen das jeweilige Regime kam Frauen eine zentrale Rolle zu. In Ägypten rief Asmaa Mahfus per Youtube-Clip dazu auf, am 25. Januar 2011 auf dem Tahrirplatz zu demonstrieren, und entzündete so den Funken für die Revolution, die drei Wochen später zum Rücktritt des Präsidenten Hosni Mubarak führte. Und im Jemen wurde die Journalistin und Politikerin der islamischen Partei, Tawakkul Karman, zur bekanntesten Sprecherin der jemenitischen Demokratiebewegung. Für ihr Engagement erhielt die «Mutter der Revolution» den Friedensnobelpreis. In fast allen Ländern demonstrierten Frauen Seite an Seite mit den Männern, stellten sich Tränengas und Polizeigewalt entgegen. War der Arabische Frühling also auch eine Revolution der Frauen für ihre Rechte?

«Was wollt ihr noch mehr?»

Zumindest nicht am Anfang. «Wir hatten alle dasselbe Ziel: den Sturz des Regimes», sagt Ben Mhenni. «Dafür haben wir gemeinsam mit den Männern gekämpft.» Forderungen einzelner gesellschaftlicher Gruppen hätten erst einmal nicht im Vordergrund gestanden, so die 32-Jährige. Dennoch sei es für sie selbstverständlich gewesen, dass mit den Forderungen der tunesischen Revolution nach «Arbeit, Freiheit, Würde» auch die Frauen gemeint waren. «Wir waren alle zusammen auf der Strasse, es war auch unsere Revolution – wir Frauen haben auch das Recht, von den Früchten zu profitieren.» Nur: Viele Männer sahen das anders.

«Heute bin ich sehr enttäuscht», sagt die Internetaktivistin. «Wir dachten: Wenn wir das Regime erst einmal gestürzt haben und es darum geht, unsere Forderungen in die Realität umzusetzen, kommt der soziale Wandel auch für die Frauen automatisch.» Nach dem Sturz von Präsident Zine al-Abidine Ben Ali realisierten sie: Vor allem für konservative Männer war klar, dass die Frauen – nachdem sie dabei geholfen hatten, den Diktator zu stürzen – wieder in der Küche verschwinden sollten. «Aber auch eher gemässigte meinten: ‹Ihr seid doch schon gleichberechtigt, Ben Ali hat die Gleichstellung ja in die Verfassung geschrieben. Was wollt ihr noch mehr?›» Dabei seien die tunesischen Frauen noch lange nicht gleichgestellt, sagt Ben Mhenni. Das tunesische Erbrecht etwa diskriminiere Frauen noch immer. Und wenn eine Frau, die vergewaltigt wird, zur Polizei gehe, sei die Reaktion meistens: «Sei still, sonst bringst du Schande über deine Familie.»

Als nach dem Sturz Ben Alis eine neue Verfassung verhandelt wurde, versuchte die eben gewählte islamische Ennahda-Partei, das Personenstandsrecht mit einem Zusatzartikel zu versehen. Frauen und Männer wären danach nicht mehr gleichgestellt, sondern sollten sich «ergänzen». Das Personenstandsrecht, seit 1956 in Kraft, untersagt Polygamie, verbietet eine Verstossung der Frau durch ihren Ehemann und erlaubt die Scheidung. Durch Proteste gelang es den Frauen damals, die Gesetzesänderung zu verhindern. «Die Wahl der islamischen Ennahda zwang die Frauenbewegung, ihre Strategie zu ändern. Es ging plötzlich nicht mehr darum, für mehr Rechte zu kämpfen», sagt Ben Mhenni, «sondern darum, bestehende zu verteidigen.» Während die Frauen unter dem Regime von Ben Ali noch für ihre Gleichstellung beim Erbrecht gekämpft hatten, mussten sie sich plötzlich gegen die Wiedereinführung der Polygamie wehren.

Auch in den anderen arabischen Ländern wurden Frauen nachträglich vom politischen Prozess ausgeschlossen oder zu Opfern von Unterdrückung. Als in Ägypten nach dem Rücktritt von Machthaber Mubarak am 8. März 2011 Tausende Frauen auf dem Tahrirplatz für gleiche Rechte demonstrierten, kam es massenhaft zu sexuellen Übergriffen durch Sicherheitskräfte und Mitdemonstranten. Im Jemen – wo es für Frauen bereits ein revolutionärer Akt war, gegen den Willen des Mannes das Haus zu verlassen, um demonstrieren zu gehen – wurden sie später nicht zum nationalen Versöhnungsdialog eingeladen, bei dem sich verschiedene politische Gruppen auf Reformen einigen sollten. Erst als die Frauen öffentlich gegen den Ausschluss protestierten, wurde eine Dreissigprozentbeteiligung von Frauen am Dialog festgeschrieben.

Wandel muss erkämpft werden

Dass arabische Frauen bei Revolutionen an vorderster Front kämpfen, ist nicht neu – ebenso wenig wie die Reaktion der Männer. «Schon während der Unabhängigkeitsbewegung in Ägypten im Jahr 1919 kam den Frauen eine zentrale Rolle zu», sagt Elham Manea, Politologin an der Universität Zürich. «Die Protestbewegung ist ein Ausnahmezustand, jegliche Unterstützung wird willkommen geheissen.» Wenn es um die Stellung der Frau in Gesellschaft und Politik gehe, wollten die meisten Männer danach aber eine Rückkehr zum Status quo. Auch in Ägypten sollten sich die Frauen nach der Revolution wieder aus dem politischen Prozess zurückziehen.

So wurde das Frauenstimmrecht – eine zentrale Forderung der Frauen – nach der Unabhängigkeit Ägyptens von Britannien nicht in die neue Verfassung aufgenommen. Erst in den fünfziger Jahren erkämpften sie sich die politische Einbindung per Stimmrecht – mit Hungerstreiks und der Besetzung des ägyptischen Parlaments. «Sie hatten nicht lockergelassen», sagt Manea. Gesellschaftlicher Wandel geschieht nicht von selbst, er muss erkämpft werden.

Nach den sexuellen Übergriffen in Ägypten, aber auch nachdem in vielen arabischen Ländern islamistische Parteien an die Macht gekommen waren, sahen viele Medien in den Frauen die grossen Verliererinnen der Revolution. Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Auch wenn die meisten jener Staaten fünf Jahre nach den Aufständen  chaotische Zeiten, eine Rückkehr autoritärer Regimes oder Krieg erleben, fühlen sich in der Gesellschaft viele bekräftigt weiterzukämpfen. Der Jemen wurde durch den Bürgerkrieg in eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise gestürzt, unter der vor allem Frauen zu leiden haben. Dennoch, so Politologin Manea, sehe man heute Frauen in den Kaffeehäusern sitzen, die früher den Männern vorbehalten waren. «Diese errungene Freiheit lassen sich die Frauen nicht mehr nehmen.»

Im Gegensatz zur Situation vor der arabischen Revolution scheuen sich viele nicht mehr, öffentlich für ihre Rechte zu kämpfen. «Wir waren es gewohnt, vieles zu tun, aber nicht darüber zu sprechen», sagt Manea. «Doch die junge Generation ist nicht länger bereit, dies zu akzeptieren.» In Tunesien etwa hat sich die Organisation Shams, die sich für die Rechte von Trans- und Homosexuellen einsetzt, gebildet. In Marokko protestierte ein Paar im Juni 2015 gegen sexuelle Unterdrückung, indem es sich vor dem Hassan-Turm in Rabat öffentlich küsste. Die anschliessende Verhaftung der beiden löste eine Kampagne aus, bei der es ihnen Hunderte Paare nachmachten und die Bilder auf Facebook stellten. «So etwas wäre früher nie denkbar gewesen», sagt Manea. Die Aktivistin Lina Ben Mhenni glaubt: «Sozialer Wandel braucht Zeit. Wir werden weiter dafür kämpfen, bis die Frauen wirklich gleichberechtigt sind.»

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