Nr. 16/2020 vom 16.04.2020

«In gewissem Sinn hat meine Fantasie in der Zukunft tatsächlich nichts verloren, es ist dort auch ohne sie schon voll genug»

Ist die Coronakrise ein Krieg ohne Feind, ein real gewordenes Science-Fiction-Szenario oder doch eher ein Dornröschenschlaf? Über die Schwierigkeit, sich vorzustellen, wo wir uns gerade befinden – und wo das alles hinführen könnte.

Von Maria Stepanova

«An ihren Bildschirmen blicken viele live auf die leeren Plätze, wo Tag und Nacht einsam die Brunnen vor sich hin sprudeln und die Luft befeuchten, die allen gemeinsam gehört.» Foto: Nicolò Campo, Getty

«Die Welt wird nie wieder sein wie zuvor», höre ich in diesen Tagen um mich herum. Oder: «Plötzlich ist alles anders.» Manche reden sogar vom Beginn des eigentlichen, nichtkalendarischen 21. Jahrhunderts. Gut möglich, dass ich auch selbst schon etwas Ähnliches gesagt habe oder zumindest gedacht, vor allem nachts, wenn die Dinge und Gedanken auf schändliche Weise ihre Proportionen verlieren und wie schwankende Schreckgespenster durchs Dunkel ziehen.

Was da zum Ausdruck kommt, ist ein sehr verständliches, fast schon reflexartiges Gefühl. Dass es sich um ein Gefühl handelt (und nicht etwa um eine Vermutung, eine Feststellung oder gar eine Offenbarung), sieht man unter anderem daran, wie leicht und häufig es entsteht und wie schnell wir dabei vergessen, dass wir an diesem Punkt schon einmal waren. Manche von uns haben ihn, streng genommen, seit zwanzig Jahren nicht verlassen: Von hier aus gebe es «kein Zurück», verkünden sie mit der Gewissheit von Säulenheiligen bei jedem ernsthaften Anlass (9/11, der Wahl Donald Trumps, dem Brexit, der Geiselnahme in Beslan, Wladimir Putins Wiederwahl 2012, dem Krieg in der Ukraine, der Annexion der Krim, den politischen Gerichtsprozessen und -urteilen in Russland) und bisweilen auch bei ganz unernsten – bei einer der zahllosen falschen oder überflüssigen Nachrichten unserer Zeit.

Dicht unter der Haut

So oder so haben diejenigen, die das sagen, recht – nur dass man gewöhnlich mit diesem Ausdruck etwas anderes meint als das, was er tatsächlich sagt (nämlich dass die Welt ja fortwährend damit beschäftigt ist, nie mehr wie zuvor zu werden): Man meint eine einschneidende innere Veränderung. Eine Veränderung territorialer Art. Mit jedem solchen (in der Regel schrecklichen) Ereignis wird die Zone des Für-möglich-Gehaltenen im Bewusstsein des Menschen grösser – und die des Vorgestellten entsprechend kleiner. In dem Mass, in dem schwarze Gedanken, Angstvorstellungen und groteske Befürchtungen wahr werden und das Gewebe des Realen zu bilden beginnen, dreht sich die Fantasie im Leerlauf. Sie produziert nicht einmal mehr neue Ängste, so sehr ist sie in Dienst genommen von den schon vorhandenen. Für Utopien bleibt ihr kaum noch Kraft – ihr Horizont reicht gerade noch bis zum nächsten Tag. Es ist schlicht kein Platz mehr für eine gedachte, vorgestellte Zukunft.

Im Grunde bedeutet dieses «Die Welt wird nie wieder wie zuvor» zweierlei. Zum einen lässt sich das, was geschehen ist, nicht rückgängig machen (meine Bemühungen ändern nichts, ich habe keinen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Ereignisse). Zum anderen weigere ich mich, mir die Folgen dieser Wende vorzustellen, sie mir bewusst zu machen: Ihre Dimensionen überfordern mich. Mir bleibt nur, den «point of no return» festzuhalten: den Punkt, an dem Normalität in etwas Unerhörtes umschlägt, Statik in Bewegung, Alltag in Geschichte.

In gewissem Sinn hat meine Fantasie in der Zukunft tatsächlich nichts verloren, es ist dort auch ohne sie schon voll genug. Man könnte denken, die letzten Jahrzehnte seien eine einzige Vorbereitung auf diesen Moment gewesen – ein Versuch, ein bevorstehendes unsichtbares Ereignis irgendwie zu fassen zu bekommen. Das Kino, die Literatur, die neuen Serien handeln schon sehr lange mit einer Zukunft voll apokalyptischer Visionen; seit Mitte der 1980er Jahre hat dieser Handel eine Intensität erreicht, dass man meinen möchte, es gebe kein Katastrophenszenario, das nicht irgendwo schon einmal entwickelt und realisiert wurde.

Und auch ohne Kino wäre es nicht so anders: Ich glaube, wir alle haben Zukunftsbilder im Kopf, die zu hundert Prozent aus schlecht verarbeiteter Vergangenheit bestehen. Diese Vergangenheit ist uns immer noch nahe, sie liegt dicht unter der Haut – und wenn wir Angst bekommen, dann unwillkürlich nicht vor dem Unbekannten, sondern vor diesem allzu Bekannten. Vor Armut und Gefängnis, vor nächtlichen Verhaftungen, Hungerrevolten und Tod im industriellen Massstab – Dingen, die in der kollektiven Erinnerung bereits vorgezeichnet sind. Die Menschheit scheint heute so trainiert wie nie zuvor darin, mit dem Schlimmsten zu rechnen, und die Ereignisse der letzten Jahre haben diese Erwartung nur weiter gefestigt. Wir wussten quasi schon, dass die Welt vor dem Zusammenbruch steht, und wir ahnten sogar, wessen Schuld das sein würde.

Die Cafés sind geöffnet

Der Schuldige heisst für jeden anders. Wie soll man die Ursache der Furcht und der Empörung darüber, dass einem das ohnehin kleine eigene Stück Zukunft genommen wird, richtig benennen? Für die einen liegt sie in einem grenzüberschreitenden Rechtsruck und dessen Symbolfiguren, für die anderen in einer linken universitären Szene. Die einen machen Kapitalismus und Neoliberalismus verantwortlich, die anderen «unkontrollierte» ZuwanderInnen und Flüchtlinge, wieder andere Nationalismen jeder Couleur.

Meist hat die Angst ein Gesicht oder mehrere: Sie beginnt mit einer Abstraktion, zieht sich aber rasch zu einem klaren Feindbild zusammen. Diesen Feind kennt und fürchtet man, er hat bereits gezeigt, wozu er fähig ist, er ist hier und dort und überall, aber wenn er noch weiter vordringt, dann gnade uns Gott, dann wird die Welt nie wieder sein wie zuvor. Man wartet auf ihn, auf die Konfrontation mit ihm, wie auf eine Invasion der Barbaren – die unausweichlich kommen wird.

All diese Mechanismen sind heute gezwungenermassen aufgeschoben oder aufgehoben: Bisher weiss niemand, wohin die Reise geht. Die Zukunft ist auf ein winziges Mass geschrumpft (bis zum Ende der Quarantäne, bis zum soundsovielten April oder Juni) – oder sie wirkt fremd und undefinierbar fern. Die Vergangenheit ist unwiderruflich vorbei. Am schwersten lässt sich die Gegenwart fassen – sie scheint schwankend und ungewiss.

Auf der Suche nach etwas Greifbarem habe ich dieser Tage verschiedene Tagebücher und Briefe aus Moskau und Leningrad im Sommer 1941 wiedergelesen – Zeugnisse einer Zeit, in der zwei Gegenwarten, die des Friedens und des Kriegs, sich übereinanderzuschieben beginnen, aber noch nicht zur Deckung kommen. Das Leben gleicht noch dem gewohnten: Die Cafés sind geöffnet, die Lebensmittelgeschäfte ebenso, man kann noch an andere Dinge denken, von anderen Dingen sprechen als nur davon – aber es fallen schon Bomben.

Überleben ist zu wenig

In ihren Ansprachen an die BürgerInnen reden die Staatsoberhäupter derzeit von der Coronakrise wie von einem Krieg. Doch es ist ein merkwürdiger Krieg – ein Weltkrieg, weil die ganze Welt ihn führt und erleidet; der erste, weil es das noch nicht gegeben hat: einen Krieg, der ohne Feind auskommt. Was der Menschheit heute widerfährt, wird von niemandem verkörpert. Man kann niemandem die Schuld daran geben, niemanden verantwortlich machen, niemanden hassen. Es gibt keinen «Deutschen», an dem man sich rächen und dem man den Tod wünschen könnte. Das Virus steht ausserhalb unserer gewohnten Sinnzusammenhänge und Gegensatzpaare – es führt nichts im Schild, es stellt keine Fragen und gibt keine Antworten, und es reduziert die Welt auf eine Allegorie oder Fabel. Die präziseste Beschreibung liefert, wie so oft, ein Gedicht; es stammt aus dem neusten Band von Michail Gronas:

Die Verteidigungslinie:
Es ist auf dem Vormarsch, das Nichtsein.
Die Stärke des Gegners liegt darin
Dass es den Gegner
Nicht gibt.

Dennoch müssen wir
Tapfer Widerstand leisten
Da wir nun einmal hier sind
An vorderster Front.

An einer solchen Front, wo uns anstelle eines fassbaren, vorstellbaren Feinds nicht einmal das Böse gegenübersteht, sondern das noch abstraktere Nichtsein, sah sich die menschliche Vorstellungskraft lange nicht: Selbst in unseren Dystopien tummeln sich auf der Bühne der ökologischen Katastrophen immer ein paar Figuren im Vordergrund, denen man die Schuld geben kann. Der Kampf gegen das Nichts in Reinform geht über unsere Kräfte, die Stärke des Gegners liegt darin, dass es den Gegner nicht gibt. Zuletzt gab es etwas Ähnliches in der sowjetischen Fantastik der sechziger und siebziger Jahre: Der Feind war hier oft nicht die Natur des Menschen oder die Klassengesellschaft, sondern irgendein widerspenstiger fremder Planet, auf dem pausenlos schwarze Stürme toben und sich das Raumschiff im Sand einfach nicht starten lässt. Den Science-Fiction-HeldInnen in den Büchern der Brüder Arkadi und Boris Strugazki kam in dieser Lage die Gemeinschaft zu Hilfe – der enge Zusammenhalt einer Mannschaft, die eine gemeinsame Aufgabe erfüllt.

In der Epoche der Selbstisolierung dagegen heisst die neue Tugend Vereinzelung: Hände halten Abstand zu Gesichtern – dem eigenen und dem fremden –, Körper zu Körpern, Meinungen zu anderen Meinungen. Auf der Karte werden alte Grenzen wieder sichtbar, man denkt nicht mehr in Ländern, sondern in Städten und Regionen – Norditalien, Berlin, Tirol. Barbaren und Römerinnen, Helleninnen und Hebräer sitzen in ihren Häusern; zugleich zerfällt die Menschheit in diejenigen, die es sich leisten können, nicht vor die Tür zu gehen, und diejenigen, denen das nicht möglich ist. Die einen glauben an die Gefahr, die anderen nicht; die einen verurteilen zornig jeden, der das Haus verlässt, die anderen schimpfen auf alle, die der Selbstisolierung auch nur irgendetwas Positives abgewinnen wollen. An ihren Bildschirmen blicken viele live auf die leeren Plätze von Rom, Syrakus, Paris, wo Tag und Nacht einsam die Brunnen vor sich hin sprudeln und die Luft befeuchten, die allen gemeinsam gehört.

Wie schön diese leere, wegen Quarantäne geschlossene Welt ist, die sich erholt wie ein Feld nach der Ernte – davon ist jetzt viel die Rede, und man wird sich daran erinnern, egal wie sich die Ereignisse weiter entwickeln werden, so wie die Überlebenden sich an die unerträgliche Schönheit Leningrads im ersten Blockadewinter erinnerten.

Eine Welt ohne Menschen, die endlich zu ihrem eigenen Recht kommt – noch so eine Endzeitfantasie von respektabler literarischer Provenienz. Den Hirschen auf den Strassen unserer Städte, den Fischen unter den Brücken Venedigs geht es auch ohne ZeugInnen bestens, aber der Mensch, der sie heute betrachtet, fühlt sich verwaist, und, schlimmer noch, er sieht sich elementarer Rechte beraubt. Denn wie sich herausstellt, ist Überleben allein zu wenig. Das Recht des Körpers, Teil der Strasse zu sein, das Recht des Gedankens, Teil eines Gesprächs zu sein, das Recht des Menschen, der Welt anzugehören, erscheint heute plötzlich als Luxus – oder, und mehr noch, als Notwendigkeit.

Die Geschichte von Dornröschen ging so: Um das Mädchen vor dem sicheren Tod zu bewahren, erklärten ihre Angehörigen sich selbst zu einem Beinahetod bereit. Alle fielen freiwillig in einen hundertjährigen Schlaf, alles erstarrte, alles stand still, es schliefen die Köche und die Hofdamen und sogar das Feuer im Kamin. Ob das die einzige Möglichkeit war, den Fluch zu bannen – ich weiss es nicht. Ich weiss nur noch, dass in den hundert Jahren ringsherum ein so dichter Wald wuchs, dass sich der spätere Retter der Prinzessin nur mit grösster Mühe einen Weg zum Schloss freischlagen konnte. Aber von da an ging alles weiter wie zuvor.

Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja. Der Essay erschien ursprünglich im Wochenmagazin «Kommersant-Weekend», einer Beilage der russischen Tageszeitung «Kommersant».

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