Nr. 21/2019 vom 23.05.2019

Befreit! Oder vernichtet?

In der Literatur des 20. Jahrhunderts wird nicht mehr erzählt, um Gewissheit zu schaffen. Dafür nimmt das Verschwinden von ProtagonistInnen viel Raum ein. Wieso eigentlich?

Von Martina Süess

In einer Kurzgeschichte, die in der näheren Zukunft spielt, erzählt die US-amerikanische Schriftstellerin Carmen Maria Machado vom massenhaften Verschwinden junger Frauen und Mädchen. Die Betroffenen werden immer schwächer und durchsichtiger und lösen sich scheinbar in Luft auf. Warum das geschieht, bleibt ein Rätsel: «Zuerst suchten alle die Schuld bei der Modeindustrie, dann bei den Millennials und schliesslich im Wasser. Aber das Wasser ist untersucht worden, die Millennials sind nicht die einzigen, die körperlos werden, und die Modeindustrie hat nichts davon, wenn Frauen sich auflösen.»

Doch der Text gibt uns Hinweise. Hinweise, die allerdings in verschiedene Richtungen deuten. Für die präpotenten Jungs in der soeben erschienenen Erzählung sind üppige Frauen besonders begehrenswert: «Ne Hüfte, das braucht man. Ne ordentliche Hüfte und genug Speck zum Festhalten, oder? Was soll man machen, wenn da nix zum Festhalten dran ist?» Doch wer will von diesen frotzelnden Minimachos begehrt werden? Das Verschwinden ist so einerseits ein Ausweg aus einer Welt, in der Frauen auf ihre Körper reduziert und zu Objekten männlicher Lust degradiert werden. Doch die physische Auflösung ist andererseits auch die ultimative Unterwerfung unter das herrschende Schönheitsideal. Und bei Machado sind es die Frauen selbst, die sich nach diesem Ideal sehnen: «Dünn, dünner, am dünnsten» heisst die Devise. Denn nur wer eine Wespentaille hat, kann die wunderbaren Prinzessinnenkleider tragen, von denen jedes Mädchen träumt.

In einer überraschenden Wendung lässt Machado die verschwundenen Frauen wieder «auftauchen»: eingenäht in eine Kollektion aus Samt, Tüll und Seide, die an den Kleiderständern eines Modegeschäfts hängt. Als die Protagonistin die Nähte der Ballkleider auftrennt und die Stoffe zerreisst, um die Mädchen zu befreien, muss sie erkennen, dass diese gar keine Befreiung wünschen: «Sie bewegen sich hier nicht weg. Keinen Zentimeter.»

In «Echte Frauen haben Körper» erzählt Carmen Maria Machado nicht nur von frauenfeindlichen Körperbildern. Die im Erzählband «Ihr Körper und andere Teilhaber» erschienene Kurzgeschichte fasst auf wenigen Seiten auch zwei gegensätzliche Motive zusammen, die den Verschwundenen – etwas weniger prominent auch die Verschwundene – in der Literatur des 20. Jahrhunderts zu einer paradigmatischen Figur machen: das Motiv der lustvollen Befreiung und das Motiv der gewalttätigen Vernichtung.

Ominöse Leerstelle

Befreiung findet in der Literatur vor allem durch Fantasien von Identitätsverlust, Täuschung und Verwandlung statt. Verschwinden ist offenbar eine Sehnsucht des (post)modernen Menschen. Wer verschwindet, entzieht sich der disziplinierenden Macht und den herrschenden Normen, wehrt sich gegen das enge Korsett einer fremdbestimmten Identität, trickst die bürokratische Apparatur oder die Naturgesetze aus und leistet so im weitesten Sinn Widerstand gegen politische Zwänge und Vernunft.

Eine frühe Version dieser Fantasie ist Edgar Allan Poes «Man of the Crowd» von 1840. Der namenlose Erzähler folgt spontan einem alten Mann durch die Strassen von London. Er ist von ihm fasziniert, weil er ihn nicht kategorisieren kann. Der Mann wirkt zerlumpt und gefährlich, er trägt einen Dolch. Doch er entzieht sich immer wieder dem Blick des Erzählers, er scheint mit der Menschenmasse der Grossstadt zu verschmelzen. Es ist unmöglich, ihn zu isolieren, und deshalb auch unmöglich, ihn als Verbrecher dingfest zu machen: «Dieser alte Mann», resümiert der Erzähler am Ende der Geschichte, «ist die Verkörperung, ist der Geist des Verbrechens. Es wäre vergebens, ihm noch weiter nachzugehen, denn ich würde doch nichts von ihm, nichts von seinen Taten erfahren.» Was bleibt, ist eine Leerstelle: Die Erzählung bringt keine Wahrheiten über den beobachteten Mann ans Licht. Sie konstatiert nur die Unmöglichkeit, etwas über diesen Mann zu erfahren.

Diese ominöse Leerstelle wird im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einem Fetisch der Literatur. Programmatisch führen vor allem jene Texte, die man als «postmodern» bezeichnet, das Verschwinden von Subjekten, Autoren und Identitäten vor. Erzählt wird nicht, um Gewissheit zu schaffen. Die Erzählung ist nun jener Ort, wo Gewissheiten erfunden, aber auch zerstört werden können, wo Subjekte erscheinen – und verschwinden.

Schon Max Frischs «Stiller» von 1954 nimmt sich dieser Thematik an und trifft damit einen neuralgischen Punkt in der heilen Nachkriegswelt. Der Protagonist ist einer, dem es gelang, zu verschwinden und mit einer neuen Identität ein anderes Leben zu führen. Nachdem Stiller mehrere Jahre verschollen war, wird er bei der Einreise in die Schweiz verhaftet. Doch wer ist dieser Mann, der insistiert: «Ich bin nicht Stiller»? Wir erfahren es durch die tagebuchartigen Berichte, die der Mann während der Untersuchungshaft verfasst. Die Berichte enthalten widersprüchliche Aussagen von Bekannten, die Stiller identifizieren, aber auch fantastische Geschichten, die Stiller selbst über sein Leben erzählt und die kaum glaubhaft sind. Der Protagonist verschwindet immer tiefer im diffusen Rauschen einer vielstimmigen Erzählung. Identität, so das Leitmotiv in Frischs Werk, ist narrativ verfasst. Und das heisst, sie ist nicht Fakt, sondern Fiktion: «Jeder Mensch, nicht nur der Dichter, erfindet seine Geschichten – nur dass er sie, im Gegensatz zum Dichter, für sein Leben hält.» Die Identität entsteht also auf dieselbe Weise wie ein Roman. Und wem es gelingt, sich aus der aufgezwungenen Identität zu befreien, kann sich neu erfinden. Verschwinden hat in diesem Zusammenhang etwas Lustvolles: Es ist ein Spiel mit Möglichkeiten und eine Absage an die vorherrschende Idee einer linearen Biografie. Wie die Frauen bei Machado, so entzieht sich auch Stiller dem gesellschaftlichen Normierungsdruck: Wer verschwindet, wird frei.

Verschollen am Schwarzen Meer

Lustvoll inszeniert wird das Verschwinden auch im Werk des österreichischen Schriftstellers Christoph Ransmayr. Bei Ransmayr verschwinden Bücher, Protagonisten und Autoren, aber auch immer wieder die ganze Menschheit. Die Nichtigkeit der menschlichen Existenz, die Flüchtigkeit all dessen, was uns gross und wichtig erscheint, das ist für Ransmayr kein Skandal, sondern eine nüchterne Feststellung. So erklärt er in einem Interview: «Die Hoffnung auf das Bleiben ist kindlich, ja kindisch. Gerade im Zusammenhang mit der Kunst wird ja immer wieder diese blödsinnige Frage gestellt: Und was wird bleiben? Natürlich wird nichts bleiben.»

Besonders gern lässt Christoph Ransmayr Autoren verschwinden. Sein Erfolgsroman «Die letzte Welt» (1988) beginnt mit dem Verschwinden des antiken Dichters Ovid. Der Protagonist Cotta erfährt, dass Ovid in seinem Exil in Tomi am Schwarzen Meer verschollen ist und mit ihm sein Hauptwerk, die «Metamorphosen». Cotta macht sich auf die Suche. Doch er wird weder Werk noch Autor finden. Stattdessen trifft er auf jene Figuren, von denen Ovid in den «Metamorphosen» erzählt. Der Bericht der erfolglosen Suche wird nun selbst zum Werk, es ersetzt die verschwundene Dichtung. Und Cotta wird selbst zum Autor dieser neuen Erzählung. Dass er am Ende, genau wie Ovid, in der steinigen Wüste von Tomi verschwindet, ist deshalb wenig überraschend. Was bleibt, sind die Geschichten, die Mythen der ewigen Verwandlung. Gerade weil die Geschichten selbst wandelbar bleiben, überdauern sie die lächerlich kurze Lebensdauer ihrer Autoren.

Schon Ransmayrs erster Roman, «Die Schrecken des Eises und der Finsternis» (1984), funktioniert nach diesem Prinzip. Mazzini, ein etwas verrückter Schreiberling, ist fasziniert von den Aufzeichnungen einer historischen Nordpolexpedition, bei der ein Grossteil der Mannschaft im Eis umkam. Er will diese Reise rekonstruieren, und zwar nicht nur literarisch, sondern auch tatsächlich. Dabei verschwindet er im ewigen Eis. Nun tritt der Erzähler in seine Fussstapfen: Er folgt Mazzini, indem er an seiner Stelle die Reise rekonstruiert – die Reise der frühen Expedition, aber auch Mazzinis Reise. So droht auch er in der Eiswüste zu verschwinden, allerdings nur in der fiktiven: «Meine Wände habe ich mit Landkarten, Küstenkarten, Meereskarten ausgeschlagen, gefalztem Papier in allen Blautönen, gesprenkelt von Inseln und durchzogen von den Zinnen der Eisgrenze. (…) ich stehe inmitten meiner papierenen Meere, allein mit allen Möglichkeiten einer Geschichte.»

Was auf den ersten Blick wie ein belangloses literarisches Spiel erscheint, ist bei genauerer Lektüre ein beunruhigendes Rütteln am Fundament unseres kulturellen Selbstverständnisses. Darin liegt für Ransmayr der Reiz: Verschwinden sei «etwas Lustvolles – unsichtbar zu werden. Nicht sich leibhaftig aufzulösen, aber doch zu sehen, wie bestimmte Gewissheiten, Überzeugungen obsolet werden, sich auflösen, einfach indem ich einen Schritt und noch einen Schritt und noch einen Schritt weitergehe und sehe: das lässt sich so nicht halten, das lässt sich auch nicht halten, so kann man das nicht sehen: eine bestimmte gesellschaftliche Form, bestimmte ästhetische Formen, das Religiöse sowieso …»

Das Ende aller Möglichkeiten

Eine ganz andere Bedeutung bekommt das Verschwinden im Kontext der systematischen Vernichtung bestimmter Bevölkerungsgruppen. Auch davon ist die Literatur im 20. Jahrhundert geprägt. Denn die totalitären Regimes haben das «Verschwindenlassen» als eine wirkungsvolle Form des Terrors perfektioniert. Der Begriff wird vor allem im Zusammenhang mit der argentinischen Militärdiktatur verwendet. Während der Herrschaft der Junta von 1976 bis 1983 verschwanden schätzungsweise 30 000 Personen. Was diese Art von Terror für die Angehörigen, aber auch für ein ganzes Land bedeutet, ist Thema zahlreicher argentinischer Romane.

Exemplarisch dafür steht «Purgatorio» (2008), ein Roman des Journalisten und Schriftstellers Tomás Eloy Martínez. Seine Hauptfigur, eine Frau um die fünfzig, lebt im US-amerikanischen Exil. Allerdings hat sie einen langen Leidensweg quer durch Südamerika hinter sich. Seit dreissig Jahren sucht sie ihren Mann. An ihrer Leidensgeschichte macht Martínez deutlich, warum das Verschwindenlassen eine so grausame Form des Terrors ist: Die Ungewissheit macht es für die Angehörigen unmöglich, den Verlust zu verarbeiten. «Schon der Tod des geliebten Menschen erzeugt reichlich Zerstörung. Wie viel mehr also erst ein Tod, von dem man nicht weiss, ob es ein Tod war?»

Verschwinden steht in diesem Roman nicht für die Befreiung aus formalen oder gesellschaftlichen Zwängen, sondern für die zerstörerische Macht politischer Willkür: «In diesen Zeiten verschwanden die Leute zu Tausenden ohne ersichtlichen Grund. Einige wenige tauchten Jahre später wieder auf, aber sie waren nicht mehr dieselben. Sie hatten einen anderen Namen, andere Eltern und eine Geschichte, die nicht mehr ihre war. Und nicht nur Menschen verschwanden: Flüsse, Seen, Bahnhöfe, halb erbaute Städte lösten sich in Luft auf, als hätte es sie nie gegeben. Die Plünderung dessen, was nicht mehr war, und dessen, was hätte gewesen sein können, war grenzenlos.» Anders als bei Ransmayr und Frisch, bei denen das Verschwinden neue Möglichkeiten des Erzählens eröffnet, bedeutet es bei Martínez das Ende aller Möglichkeiten. Wer verschwunden ist, kann nicht einmal mehr sterben. Er ist ein Nichts.

Wie unsere Welt aussieht, wenn alle Menschen plötzlich verschwunden sind, davon fantasieren in den achtziger und neunziger Jahren Hollywoodblockbuster genauso wie Literatur. Die aktuellen Klimadebatten haben diesem postapokalyptischen Szenario eine neue Wendung gegeben. In den sogenannten Climate-Fiction-Romanen ist die Menschheit nicht von Nuklearbomben oder Zombies bedroht, sondern von den Folgen der Klimaerwärmung.

Versprechen eines Neuanfangs

Der Bestseller «Vom Flugverhalten der Schmetterlinge» (2012) der US-amerikanischen Autorin Barbara Kingsolver zeigt, wie dieser neue «Gegner» unsere gewohnten Erzählweisen durcheinanderbringt. Zuerst führt uns der Roman auf eine falsche Fährte: Es scheint, als seien die berühmten orangenen Monarchfalter vom Aussterben bedroht. Schuld ist das wärmere Klima. Und die Ursache dafür, daran lässt der Roman keinen Zweifel, sind die Menschen. So könnte der Roman als Plädoyer für einen bewussteren Umgang mit der Natur und mehr Klimaschutz verstanden werden. Und tatsächlich erlebt die Hauptfigur, eine einfache Farmerin aus dem christlich-konservativen Milieu, eine Art politisch-ökologische Erweckung. Sie versteht, dass die für den kurzfristigen Profit betriebene Ausbeutung von Land und Tier katastrophale Folgen haben wird. Der Schluss des Romans ist Katastrophe und Erlösung in einem: Denn verschwinden werden in dieser Geschichte nicht die Schmetterlinge, sondern die Menschen. Eine Flut überschwemmt das Land. Das Letzte, was die ertrinkende Protagonistin sieht, ist allerdings kein Bild der Zerstörung, sondern das Versprechen eines Neuanfangs. Zumindest für die Monarchfalter: «Über die Wasser der Welt machten sie sich, umgeben von weissen Bergen, auf zu einer neuen Erde.» Damit vollzieht sich zum Schluss ein radikaler Wechsel der Perspektive. Das Verschwinden des Menschen mag für uns eine Katastrophe sein, für die Natur ist es ein Glücksfall.

Und so fallen die zwei Motive des Verschwindens auch in diesem Roman auf unerwartete Weise zusammen, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen als in Machados Kurzgeschichte: Aus Sicht der Erde kann gerade die totale, gewalttätige Vernichtung des Menschen durchaus eine lustvolle Befreiung sein. Eine Befreiung, die ganz neue Möglichkeiten schafft. Schade nur, dass wir davon nichts mehr erfahren werden.

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