Nr. 27/2020 vom 02.07.2020

Im Dunst der Dämmerung

Eine junge Peruanerin gebärt ein Kind und sieht es nie wieder: Regisseurin Melina León trägt uns mit ihrem Erstling «Canción sin nombre» ein bildgewaltiges Rätsel auf.

Von Timo Posselt

Fast verschluckt von der peruanischen Winterlandschaft: Pamela Mendoza als Georgina. Still: trigon-film.org

Das Unheil kündigt sich in einem Kindervers an. Die werdende Mutter Georgina (Pamela Mendoza) ist im neunten Monat, als sie im Radio eine Reklame hört: «Bist du schwanger und brauchst Hilfe?» Eine Stiftung verspricht Geburtshilfe – gratis und unkompliziert. Georgina fährt hin und steht zögernd in einer eindrucksvollen Shoppingmall in der peruanischen Hauptstadt Lima. Unter dem Sternendach der Mall springen drei Mädchen über ein Seil und singen einen peruanischen Kindervers: «Alleine, verheiratet, verwitwet, geschieden, mit Kindern, ohne Kinder – ist nichts wert.» Und man ahnt schon Schreckliches.

«Canción sin nombre» setzt 1988 ein, als Peru in einer tiefen Krise steckt: Die Inflation überbordet, die Regierung ist in Korruption verwickelt, und die indigene Bevölkerung wird zwischen dem Terror der Guerilla und den Racheakten des Militärs zerrieben. Die einen wollen sie rekrutieren, die anderen massakrieren, weil sie in jedem Bauern einen potenziellen Guerillero sehen.

Das Kind ist weg, die Klinik auch

Die Protagonistin Georgina steht im Film zwischen diesen Fronten und stellvertretend für das Leid der indigenen Bevölkerung des Landes: Sie stammt aus Ayacucho, jener Region im peruanischen Hochland, die in den achtziger Jahren sowohl Rückzugsort der Guerilla wie auch Kriegsgebiet des Militärs war. Jetzt lebt sie in einer Armensiedlung am Stadtrand von Lima und verkauft Kartoffeln auf dem Markt.

Die Leuchtstoffröhren surren bedrückend, als Georgina in der Klinik ihr Kind gebärt – und kaum ist es geboren, wird es ihr weggenommen. Es soll zur Kontrolle in ein Spital. Die Mutter bekommt ihre Tochter nie zu Gesicht, genau wie wir: Die Kamera zeigt es nicht. Manchmal wirkt es fast so, als hätte Georgina nie geboren. Schliesslich wirft man sie ohne Kind hinaus. Als sie später zurückkehrt, ist die Klinik verschwunden, und eine kafkaeske Odyssee beginnt.

Zusammen mit einem ebenfalls indigenen Freund, Leo (Lucio Rojas), sucht Georgina zunächst Hilfe beim Staat, aber immer wird sie abgewimmelt: Entweder behaupten die Beamten, Georgina würden die nötigen Papiere fehlen oder sie seien nicht zuständig. Ohne je explizit rassistisch zu werden, zeugen die Begegnungen eindrücklich von den Spuren des Kolonialismus in der peruanischen Gesellschaft. Nicht zuletzt, weil Hauptdarstellerin Pamela Mendoza die ängstliche Unterwürfigkeit Georginas mit einer atemberaubenden Präzision spielt. Am Ende nimmt sich ein junger Journalist (Tommy Párraga) des Falls an und beginnt zu recherchieren.

Als «Canción sin nombre» letztes Jahr in Cannes seine Premiere feierte, war der Vergleich mit «Roma» des mexikanischen Regisseurs Alfonso Cuarón schnell zur Hand: ebenfalls in Schwarzweiss gedreht, ebenfalls eine historische Erzählung über eine gespaltene Gesellschaft, mit einer indigenen Heldin im Zentrum. Doch anders als bei Cuarón zielt die visuelle Wucht von «Canción sin nombre» nie nur auf Überwältigung. Stets verankert Melina León ihre Bildsprache in der Erzählung. Damit vermeidet sie alles Nostalgische und trägt die Grausamkeit der historischen Fälle von Kindesentführungen in die Gegenwart.

Nur ein Journalist hilft

Auf den ersten Blick schenkt sie dem Publikum nichts. Keinen Funken Humor, kein Happy End. Lässt man sich aber auf die ernste Geschichte und die ruhigen Einstellungen ein, wird man mit einem formal beeindruckenden Debütfilm belohnt. Davon zeugt schon die erste Einstellung: Der Blick der Kamera fällt auf einen Fernseher, dieser zeigt abwechselnd gesprayte Parolen der Guerilla und historische Schlagzeilen. So behauptet der Film einen dokumentarischen Anspruch und verortet sich in der Zeitgeschichte. Zugleich nimmt dieses erste Bild auch schon die Rolle der Medien im Plot vorweg: Während die Institutionen Georgina im Stich lassen, hilft ihr einzig ein Zeitungsjournalist. Wie Georgina steht auch dieser ausserhalb der Gesellschaft, was wir in seinen homoerotischen Begegnungen mit seinem Nachbarn jedoch nur erahnen.

Zwischen die detektivische Suche nach den Verantwortlichen der Entführung schneidet Regisseurin Melina León fiebrige Szenen aus der Hüttensiedlung. In expressiven Grossaufnahmen sehen wir die Masken und die Kostüme der indigenen Community bei rituellen Handlungen. Die Nähe der Kamera wirkt bedrohlich – ein Effekt, der vom sperrigen Soundtrack der peruanisch-japanischen Komponistin Pauchi Sasaki noch verstärkt wird. Die Unmittelbarkeit dieser unruhigen Close-ups kontrastiert mit den Bildern von menschenleeren Gängen und abweisenden Kolonialfassaden der Institutionen. In der Vogelperspektive wirkt Georgina darin meist so fremd wie verloren.

Bilder wie Schattenspiele

Regisseurin Melina León und ihr Kameramann Inti Briones haben bewusst im feuchten peruanischen Winter gefilmt. So schufen sie Bilder, die wie zeitlose Schattenspiele wirken: Wenn Georgina über die Düne zu ihrer Hüttensiedlung hinaufstapft, wird sie vom Dunst und von der Dämmerung fast verschluckt. Die Bildebene verweist damit abermals auf die Geschichte, denn Hüttensiedlungen wie diese waren Rekrutierungsgebiete der Guerilla mit dem trügerisch schönen Namen, der gleichzeitig einer Bildbeschreibung gleicht: «Leuchtender Pfad». Hier aber leuchtet nirgends ein Pfad.

Jetzt im Kino.

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