Nr. 05/2019 vom 31.01.2019

Eine Liebe im Verborgenen

Die kenianische Regisseurin Wanuri Kahiu erzählt in «Rafiki» feinfühlig die Geschichte zweier junger Frauen aus Nairobi, die sich ineinander verlieben. Leider ist das viel brisanter, als es klingt.

Von Alice Galizia

Gefährliche Liebschaft: Kenas (Samantha Mugatsia) und Zikis (Sheila Munyiva) Beziehung verletze kenianisches Recht, befand die Filmkommission des Landes. Still: trigon-film.org

Kena spielt mit ihren Freunden Fussball, hilft ihrem Vater in seinem Geschäft, lässt sich gerne von ihrem besten Freund Blacksta auf dem Motorrad aufs Land hinausfahren und möchte am liebsten Ärztin werden. Ziki tanzt mit ihren Freundinnen auf der Strasse, schert sich nicht um die Schule und möchte auf keinen Fall ein «normales kenianisches Mädchen» sein. Kena (Samantha Mugatsia) und Ziki (Sheila Munyiva) wohnen beide in einem lebendigen Stadtviertel von Nairobi, sie werden Freundinnen, obwohl ihre Väter in der Bürgermeisterwahl Konkurrenten sind – und dann verlieben sie sich ineinander.

Eine relativ einfache Geschichte, eigentlich, und auch nicht der aufregendste Plot aller Zeiten. Aber diese Geschichte spielt in Kenia, einem Land, in dem gleichgeschlechtlicher Sex mit bis zu vierzehn Jahren Gefängnis geahndet werden kann. Zwar kommt es selten zu Verurteilungen, doch herrscht auch in weiten Teilen der Gesellschaft ein feindliches Klima gegenüber der LGBT-Community, Homosexuelle werden stigmatisiert und oft auch Opfer von Gewalttaten. Dabei spielt die Kirche eine entscheidende Rolle – im Film etwas plakativ dargestellt durch einen Priester, der in seiner Predigt gegen die Homoehe wütet.

«I wish this was real» – ich wünschte, das hier wäre real – sagt Kena einmal zu Ziki, als sie sich gerade geküsst haben, irgendwo in einem Versteck. Weil sie sich beide anscheinend kein Szenario vorstellen können, in dem sie ihre Liebe offen ausleben könnten. Symbolisch für diese Beziehung im Verborgenen steht der Titel des Films: «Rafiki» bedeutet «Freund» auf Suaheli. Den Begriff benutzen Schwule und Lesben in Kenia für ihre PartnerInnen, um nicht explizit auf ihre Liebesbeziehung hinweisen zu müssen.

Standing Ovations in Cannes

Der schwierige Umgang mit Homosexualität in Kenia zeigt sich in der Reaktion auf «Rafiki» ganz konkret. Der Film wurde von der kenianischen Filmkommission wegen der positiven Darstellung von Homosexualität verboten: Er bewerbe das Lesbischsein und stimme nicht mit dem kenianischen Recht und den Sitten überein. Hätten Kena und Ziki im Film zum Schluss Reue für ihr «Verhalten» gezeigt, meinte die Filmkommission, wäre der Film natürlich auf keinen Fall verboten worden. Wanuri Kahiu, die Regisseurin des Films, legte darauf Beschwerde ein – und konnte zumindest einen Teilsieg erringen. Das Gericht in Nairobi erlaubte die Kinovorführung von «Rafiki» während einer Woche. Um Oscar-Anwärter für den besten fremdsprachigen Film zu sein, muss ein Film im Herkunftsland während mindestens sieben aufeinanderfolgenden Tagen gezeigt werden. Zwar wurde «Rafiki» dann doch nicht für einen Oscar nominiert, dafür ist er der erste kenianische Film, der je am Filmfestival in Cannes ins Hauptprogramm aufgenommen wurde. Und zumindest in der Hauptstadt Nairobi gibt es eine (kleine) Bewegung für LGBT-Rechte und eine gewisse Sympathie dafür. So gab es nicht nur in Cannes Standing Ovations, sondern die ersten Vorführungen in den Kinos Nairobis waren auch ausverkauft.

Auch wenn es die Zensur vielleicht erwarten liesse: «Rafiki» ist kein expliziter Film. Er zeigt eine zärtliche Liebe zwischen zwei jungen Frauen, die vor allem auch deshalb zueinanderfinden, weil sie beide mit den Möglichkeiten, die ihre Familien für sie entwerfen, nicht zufrieden sind. In einem Stadtviertel, in dem alle einander kennen und die soziale Kontrolle gross ist, ist es für Kena und Ziki nicht leicht, ihre Liebe geheim zu halten. Und als die Nachbarschaft Wind davon bekommt, schlägt die Feindseligkeit bald in Gewalt um. Trotzdem ist «Rafiki» keine Darstellung eines tragischen Schicksals, sondern trägt viel Hoffnung in sich.

Ein selbstbewusster Film

Die Regisseurin Wanuri Kahiu ist Mitgründerin des Netzwerks Afrobubblegum, das zum Ziel hat, ein positives Bild von Afrika zu vermitteln, um nicht immer dieselben tragischen Geschichten von Krieg, Hunger und Krankheit zu reproduzieren. In einem Ted-Talk stellt sie den an den Bechdel-Test angelehnten «Afrobubblegum-Test» vor: Kommen in einem Film mindestens zwei gesunde AfrikanerInnen vor? Haben sie ein gesichertes Einkommen? Geniessen sie ihr Leben? Können mindestens zwei der Fragen mit Ja beantwortet werden, ist der Test bestanden. Bei «Rafiki» trifft dies zu. Kahiu selbst sagt in einem Interview, sie habe erst als Teenagerin zum ersten Mal in einem Film gesehen, wie sich zwei AfrikanerInnen küssen. Bis dahin sei ihr der Eindruck vermittelt worden, Romantik und Zärtlichkeit seien anderen vorbehalten, nichts für sie. Auch dieser Vorstellung will sie etwas entgegenhalten.

Rein vom erzählerischen Aspekt her ist «Rafiki» also vielleicht nicht der innovativste Film über eine Liebe zwischen jungen Menschen. Aber es ist ein selbstbewusster Film und in diesem Sinne auch ein Statement. Denn angesichts der rechtlichen und gesellschaftlichen Situation von Homosexuellen in Kenia und der Reaktion der Behörden, die den Film verbieten wollten, muss der Regisseurin der Mut, eine solche Geschichte positiv zu erzählen, hoch angerechnet werden.

«Rafiki» ist aktuell im Kino zu sehen.

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