Nr. 27/2021 vom 08.07.2021

Das Massaker von Jacarezinho

Im Morgengrauen fallen die ersten Schüsse in Rios Favela Jacarezinho, wenig später sind 28 Menschen tot. Der «Drogenkrieg» in Brasilien wird auch mit Waffen aus Europa geführt.

Von Philipp Lichterbeck (Text) und Ian Cheibub (Foto), Rio de Janeiro

Die Spuren eines Polizeieinsatzes: Eine Nachbarin von Flávia Caldes mit der Matratze, auf der Omar Pereira da Silva starb.

Es war gegen neun Uhr morgens, als sich der junge Mann in die Wohnung von Flávia Luciana Caldes im verwinkelten Innern der Favela schleppte. Caldes erinnert sich, dass er barfuss war und kein Hemd anhatte, lediglich Badeshorts trug. Und dass einer seiner Füsse blutete, er war von einer Kugel getroffen worden. «Der Junge hatte grosse Angst», sagt Caldes. «Er flehte um Hilfe und wollte sich verstecken, aber die Blutspur in den Gassen verriet ihn.»

Kurz darauf kam ein Polizist mit einem Gewehr im Anschlag die Treppe in den zweiten Stock heraufgerannt und drang in die Wohnung von Caldes und ihrer Familie ein. «Ich sagte ihm, dass ein Verwundeter da sei, aber er stiess mich weg», erzählt sie. «Er wirkte wie besessen.» Sie flüchtete mit ihrem Mann und ihrer neunjährigen Tochter in die Küche der kleinen Wohnung.

Die Geschichte, die Flávia Caldes erzählt, ereignete sich Anfang Mai in der Favela Jacarezinho in Rio de Janeiros Nordzone. Gegen sechs Uhr morgens rückten 250 schwer bewaffnete Beamte der Zivilpolizei in das Armenviertel vor, um gegen die Drogengang Comando Vermelho vorzugehen, das «Rote Kommando», eine der grössten kriminellen Organisationen Brasiliens. Unterstützt wurden die Polizisten von gepanzerten Fahrzeugen sowie einem Helikopter, der mit herausragenden Gewehren über dem Häusermeer kreiste, in dem mehr als 60 000 Menschen wohnen, von denen sich viele bereits auf dem Weg zur Arbeit befanden.

Am Ende der Operation, die die Polizeiführung «Exceptis», «Ausnahme», getauft hatte, waren 28 Menschen tot, darunter auch ein 48-jähriger Polizist, den eine Kugel in den Kopf getroffen hatte. Ausserdem gab es fünf Verletzte: drei Polizisten und zwei Passagiere einer vorbeifahrenden Metro.

Nie zuvor war eine Polizeiaktion in Rio de Janeiro blutiger verlaufen, nie hatte es mehr Todesopfer gegeben – und Brasilien musste sich wieder einmal die Frage stellen, was der Zweck einer solchen Operation ist. Zumal sie ein klarer Affront gegen den Obersten Gerichtshof war, der Polizeioperationen in Favelas für die Zeit der Coronapandemie verboten hatte. Aber Rios Gouverneur, ein Verbündeter von Präsident Jair Bolsonaro, ignorierte das Verbot einfach. Sein Polizeichef kritisierte sogar den «Aktivismus» der Richter – und lag damit rhetorisch voll auf der Linie Bolsonaros, der oft behauptet, er könne nicht regieren, weil viele seiner Erlässe von der Justiz kassiert würden. Für Rios Zeitung «O Globo» war die Polizeiaktion deshalb ein weiterer Versuch des Bolsonarismus, Brasiliens Institutionen auszuhöhlen. Eine andere Publikation bezeichnete sie als «Auftakt von Bolsonaros Wahlkampagne». Brasilien wählt 2022.

Über den Sinn des Drogenkriegs

«Ich habe schon einige Polizeiaktionen erlebt», sagt Flávia Caldes, «aber noch nie ein solches Blutbad.» Die 43-Jährige ist Schwarz, etwas stämmig und stammt aus Jacarezinho, verbrachte ihr gesamtes Leben hier. Ihre Geschichte erzählt sie im Haus einer Nachbarin in der Favela, sie wollte nicht zurück in ihre alte Wohnung. Der Weg zu ihr führt durch ein Labyrinth aus schmalen und feuchten Gassen. Jacarezinho liegt 35 Metrominuten vom Strand der Copacabana entfernt, hat aber rein gar nichts mit dem Rio der Postkarten zu tun. Rechts und links der engen Gassen ragen ein paar Stockwerke hohe improvisierte Bauten empor, zwischen ihnen ist ein wilder Kabelsalat aus irregulären Stromanschlüssen gespannt. Die Wege sind von Hundekot übersät, und in vielen Häuserwänden klaffen Einschusslöcher, teils haben die Kugeln ganze Hausecken weggesprengt. «Syriengasse» haben die AnwohnerInnen diesen Teil der Favela getauft, weil es hier schon häufig Schusswechsel gab.

In der «Syriengasse» befindet sich auch die frühere Wohnung von Flávia Caldes. Sie erzählt, wie der Polizist, der an jenem Morgen hereingestürmt war, mit seinem Gewehr ins Kinderzimmer ging, wo sich der geflüchtete junge Mann versteckt hatte. Offenbar hatte er sich in das Bett von Caldes’ Tochter gelegt und sich schlafend gestellt. «Wo ist die Pistole?», habe der Polizist gerufen, sagt Caldes. Dann hörte die Familie mindestens einen Schuss, es könnten auch zwei gewesen sein. Sicher ist sich Caldes nur, dass der junge Mann unbewaffnet war, als er in ihre Wohnung kam.

Seinen Leichnam liess die Polizei noch bis zum Mittag im Kinderbett liegen, dann trugen Beamte ihn eingerollt in einen Teppich fort. Zurück blieben eine blutgetränkte Matratze, Blutspritzer an den rosafarbenen Wänden – und eine traumatisierte Familie.

Schnell sprachen einige Medien vom «Massaker von Jacarezinho», und Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International forderten Aufklärung. AktivistInnen für die Rechte von Schwarzen beschuldigen den Staat, einen «Genozid» zu verüben, weil – wie fast immer bei solchen Aktionen – alle Toten dunkelhäutig waren. Das Onlineportal «The Intercept Brasil» vermutete, dass es innerhalb von Rios Zivilpolizei eine Art Todesschwadron gebe. Daraufhin leitete die Zivilpolizei eine Untersuchung ein – gegen «The Intercept». Andere wiesen auf die weniger sichtbaren Folgen der Aktion hin: Viele Arbeiter aus der Favela verloren einen Tageslohn oder wurden entlassen, weil sie zu spät zur Arbeit kamen.

Euphorisch reagierte hingegen Brasiliens Rechte. Präsident Bolsonaro hatte die Wahlen 2018 auch mit Slogans wie «Toter Bandit – guter Bandit» gewonnen. Nun beglückwünschte er die Polizei über Twitter; mit ihm sympathisierende TV-Moderatoren bezeichneten die Operation als «chirurgisch» und «vollen Erfolg».

In den Kommentarspalten vieler Onlinemedien traf man auf eine Gesellschaft, die aufgehört hat, nach den Ursachen von Kriminalität zu fragen, und stattdessen Genugtuung will. «Die Quote war gut: Für jeden getöteten Polizisten müssen mindestens zwanzig Drogendealer sterben», schrieb ein Leser der Zeitung «Extra». Mitten in der Pandemie hat Rio de Janeiro eine neue Eskalation der Brutalität erlebt. Dabei ist die Stadt ohnehin nicht arm an Gewalt: In den vergangenen zwölf Monaten wurden hier rund 950 Menschen allein von der Polizei getötet.

Das Blutvergiessen wirft auch die Frage nach dem Sinn des weltweiten «Kriegs gegen die Drogen» auf. Vor genau fünfzig Jahren vom US-Präsidenten Richard Nixon ausgerufen, hat er bis heute kein einziges seiner Ziele erreicht. Sowohl die Nachfrage nach Drogen als auch das Angebot steigen. Und das trotz Kosten von jährlich mindestens 100 Milliarden US-Dollar, wie der «Alternative World Drug Report» der Open Society Foundations schätzt.

Die Leidtragenden des Krieges leben insbesondere in Lateinamerika. Hier sind mächtige kriminelle Organisationen wie das Comando Vermelho entstanden, die über Milliarden US-Dollars, riesige Waffenarsenale und kleine Armeen verfügen, denen die Rekruten nie ausgehen. Sie unterwandern Staaten, korrumpieren Gesellschaften und haben von Mexiko bis Brasilien Millionen von Leben zerstört. Was Flávia Caldes in der Favela Jacarezinho erlebt hat, ist eine Episode des «Kriegs gegen die Drogen», die dessen ganze Sinnlosigkeit zeigt.

Während der «Operation Exceptis» lagen in den Gassen von Jacarezinho die verdrehten Leichen junger Männer in ihrem Blut. Anwohner machten Fotos von ihnen, die in den sozialen Netzwerken zirkulierten. Einem hatten Kugeln das Gesicht zerfetzt, ein anderer hatte mehrere Einschüsse im Bauch; ein weiterer sass ausgestreckt in einem Plastikstuhl und hatte einen Zeigefinger im Mund, offenbar wollte sich jemand post mortem über ihn lustig machen.

Noch am gleichen Tag beschlossen Caldes und ihr Mann, aus Jacarezinho fortzugehen und erst einmal bei Bekannten in einer ruhigeren Favela unterzukommen. «Aus Angst vor der Polizei», sagt sie. «Wir haben zu viel gesehen, die Beamten haben unsere Daten, sie könnten uns bedrohen, wenn wir gegen sie aussagen.»

Vor der Polizeiaktion hatte Caldes in der Favela Hotdogs und Hamburger verkauft, ihr Ehemann in einem Geschäft für Baumaterialien gearbeitet, «wir waren gut in die Gemeinde integriert», sagt sie. All das haben sie aufgegeben. Ihre Tochter fragt bis heute, was mit dem Mann in ihrem Zimmer geschehen sei. Sie haben es ihr noch nicht erklärt.

Militärstrategen würden die Familie Caldes wahrscheinlich als Kollateralschaden im «Krieg gegen die Drogen» bezeichnen. An ihm verdienen amerikanische und europäische Waffenfirmen kräftig mit.

Glock, Heckler & Koch, SIG Sauer

Als die Polizei am Nachmittag des Einsatzes die Ausbeute der Operation präsentiert, stehen auf einem Tisch umrahmt von Drogen und Handgranaten fast anderthalb Dutzend Handfeuerwaffen, viele stammen aus Österreich, wurden von der Firma Glock hergestellt. Dahinter lehnen Gewehre vom Typ M16 und AR-15 aus US-Produktion. Auch zwei SIG MCX sieht man da, es sind halbautomatische Gewehre, die von der US-Tochter des deutsch-schweizerischen Unternehmens SIG Sauer hergestellt werden. Neben ihnen kann man eine Maschinenpistole des Produzenten Heckler & Koch aus dem Schwarzwälder Oberndorf erkennen. Wie die Waffe vom Typ MP5 in die Hände des Comando Vermelho kam, kann die Zivilpolizei auf Nachfrage nicht erklären.

Fest steht, dass Heckler & Koch jahrelang Rios Polizei beliefert hat. Dabei kamen auch Waffen abhanden, sie wurden gestohlen oder von korrupten Beamten an Verbrecherorganisationen verkauft. Keine Rolle spielte für Heckler & Koch offenbar, dass keine andere Polizei auf der Welt mehr Menschen tötet als die von Rio.

Laut einer aktuellen Studie des Kinderhilfswerks Terre des hommes* ist die Zahl der Todesopfer von Polizeigewalt in Brasilien seit 2013 kontinuierlich gestiegen, ein Viertel der Opfer im Jahr 2019 war demnach jünger als neunzehn Jahre alt. Der Studie zufolge ist Deutschland Brasiliens grösster Waffenlieferant. Die Schweiz wiederum exportierte letztes Jahr Kriegsmaterial im Wert von über dreissig Millionen Franken nach Brasilien. Damit rangiert Brasilien auf Rang acht der Empfängerländer schweizerischer Rüstungsexporte (vgl. «Die Waffen kommen auch aus der Schweiz» im Anschluss an diesen Text).

Es mag bei Heckler & Koch zu einem Umdenken geführt haben, als 2018 die Schwarze Stadträtin Marielle Franco in Rio mit einer MP5 erschossen wurde. Nach bisherigen Erkenntnissen waren die Mörder Angehörige einer rechtsgerichteten Miliz mit Verbindungen zu Flávio Bolsonaro, einem der vier Söhne Jair Bolsonaros und Senator in Brasília. Fast zeitgleich mit der Machtübernahme Jair Bolsonaros 2019 stellte Heckler & Koch die Lieferungen nach Brasilien ein. 2020 sagte ein Konzernsprecher: «Mit den politischen Veränderungen in Brasilien, insbesondere den politischen Unruhen vor den Präsidentschaftswahlen und dem harten Polizeieinsatz gegen die Bevölkerung, wurde die Entscheidung, Brasilien nicht zu beliefern, bestätigt.» Der Pistolenhersteller Glock und SIG Sauer bauten ihr Engagement hingegen aus, um von der Erleichterung von Waffenimporten zu profitieren, die die Bolsonaro-Regierung durchgesetzt hat.

Mit welcher Waffe der junge Mann in Flávia Caldes’ Wohnung erschossen wurde, ist unklar. Wahrscheinlich war es ein Gewehr aus US-Produktion, das die Zivilpolizei bei dem Einsatz benutzte. Caldes weiss mittlerweile, dass es sich bei dem Getöteten um Omar Pereira da Silva handelte, 21 Jahre alt, Spitzname Bigão, Vater eines einjährigen Sohnes. 2018 war er wegen eines Raubüberfalls zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden und hatte seit 2019 eine Bewährungsstrafe verbüsst. So wie er hatten laut Polizei alle 27 Toten Einträge im Strafregister oder arbeiteten für das Comando Vermelho, auch das jüngste Opfer, ein 16-Jähriger. Die Polizeiführung veröffentlichte die Angaben als Reaktion auf Vorwürfe, ihre Beamten hätten aussergerichtliche Hinrichtungen begangen, so als rechtfertigten die Vorstrafen die Exekutionen.

Am Abend nach der Polizeioperation zieht ein Trauermarsch aus mehreren Hundert zumeist jungen Menschen durch Jacarezinho. Sie tragen ein Banner, auf dem steht: «Hört auf, uns zu töten!». Vorneweg gehen die Angehörigen der Opfer, fast alle sind Frauen, viele tragen Kerzen. Unter ihnen ist auch die Witwe von Omar Pereira.

Die junge Frau, die nicht möchte, dass ihr Name veröffentlicht wird, trägt ein T-Shirt mit einem Foto von Pereira und dem Sohn des Paars. Darunter steht: «Warum bis du ohne mich gegangen?» Auch die Mutter der jungen Frau ist dabei. Als die Menge hält, spricht die korpulente Frau: «Diese feige Polizei hat meinen Schwiegersohn ermordet. Er wollte sich stellen.» Die Menge ruft: «Omar? Anwesend!»

Militärpolizist Alex T.

Nach dem Treffen im Haus ihrer Bekannten läuft Flávia Caldes einen Kanal in Jacarezinho entlang. Seine Ufer sind von einem Dutzend Drogenverkaufsstellen gesäumt. Auf den Holztischen liegen säuberlich abgepackt Marihuana, Kokain, synthetische Drogen. Drumherum stehen junge Männer mit Pistolen und Gewehren. Sie fragen, ob man etwas kaufen wolle, und machen nicht den Anschein, als ob «Operation Exceptis» ihnen Angst eingejagt hätte. Quer über die Strasse haben sie eine Plane gespannt, auf die sie die Spitznamen ihrer getöteten Kollegen geschrieben haben, der «Soldaten», wie sie im Jargon der Drogenkommandos heissen: «Ruht in Frieden: Indío, Cara Preta, Digo Digo, 2Pac, Pato …» Es ist klar, dass «Operation Exceptis» dem Nachschub des Comando Vermelho an «Soldaten», Waffen und Drogen keinen Abbruch getan hat.

Alex T. sieht das etwas anders. Der Dreissigjährige ist seit fünf Jahren Militärpolizist in Rio de Janeiro und war bei zahlreichen Operationen gegen Rios Drogengangs dabei. Offiziell darf er nicht mit den Medien sprechen, weswegen sein voller Name hier nicht genannt wird. Alex T. ist Schwarz, mindestens 1,90 Meter gross und trägt Glatze. Er wuchs ohne Vater in einer Favela auf, die vom Comando Vermelho dominiert wird. Nach seiner Ausbildung zog er deswegen fort.

Auch Alex T. hat schon getötet, aber alles seien «gansos» gewesen, sagt er: «Gänse». Es ist Polizeijargon für die Drogensoldaten. «Entweder wir töten, oder wir werden getötet!» Nur einmal sei es anders gewesen, da habe er ausserdienstlich als Sicherheitsmann in einem Restaurant gearbeitet, um etwas dazuzuverdienen. Das Restaurant sei überfallen worden, und er habe den Räuber erschossen, sagt er. Das sei ärgerlich gewesen, weil er den Nebenjob eigentlich nicht hätte machen dürfen und hinterher habe angeben müssen, zufällig dort gewesen zu sein.

Polizeioperationen wie die in Jacarezinho hält der Militärpolizist für notwendig, damit die Drogengangs nicht zu stark würden. Die Vagabunden müssten Angst vor der Polizei haben. Man müsse ja auch das Gras im Garten regelmässig mähen, sagt er, sonst wachse es zu hoch. Er meint, dass die Kriminellen sonst ungestört aufrüsten und Barrikaden aus Ölfässern und alten Eisenbahnschienen errichten könnten, wie man sie an allen Eingängen zur Favela sieht. Genau das sei in Jacarezinho geschehen. Der erste Tote der Operation an jenem Tag war ein Polizist, der eine Barrikade wegräumen wollte. Aber über den spreche keiner mehr, sagt Alex T. Die Menschenrechtler würden nur die Banditen verteidigen.

Ob es in der Favela zu aussergerichtlichen Exekutionen gekommen ist, ist für Alex T. erst einmal nebensächlich. Er hält es für möglich, weil die Kollegen nach dem Tod ihres Kollegen sicherlich «Blut in den Augen» gehabt hätten. Es ist eine Umschreibung für Mut, Wut und Entschlossenheit. «Kein Polizist wird inmitten solch einer Operation eine verwundete Gans retten», sagt er. «So ist das im Krieg. Diese Kanaillen wissen, dass sie früher oder später sterben werden. Es ist ihre Entscheidung, auf der falschen Seite zu stehen.»

Trotz seiner martialischen Sprüche ist Alex T. kein Anhänger des ultrarechten Präsidenten Jair Bolsonaro. «Das ist ein Schwätzer», sagt er. Er glaubt auch, dass die eigentlichen Verantwortlichen für den Drogenkrieg gar nicht in den Favelas leben. «Die Mehrheit der Drogenbosse ist weiss und wohnt in irgendwelchen Villen in der Südzone.» Rios Südzone steht für Reichtum, Luxus und Sicherheit. «Dort wird mehr Kokain geschnupft als sonst wo», sagt Alex T., aber eine Operation wie in Jacarezinho werde es dort niemals geben.

Es steht für die ganze Schizophrenie des Drogenkriegs, dass Alex T. dennoch wieder ausrücken wird, um andere junge Männer in Rios Favelas zu töten. «Das ist unvermeidlich», sagt er. Über die Psychologie solcher Operationen meint er: «Wenn geschossen wird, willst du, dass es aufhört. Wenn es vorbei ist, willst du, dass es weitergeht.»

* Korrigendum vom 9. Juli 2021: In der Print- sowie in der ursprünglichen Onlineversion wurde als Absender der Studie das Kinderhilfswerk Terre des hommes angegeben. Die Studie stammt jedoch von Terre des hommes Schweiz und Terre des hommes Deutschland, die vom Kinderhilfswerk in Lausanne und Zürich unabhängig sind.

Brasiliens Milliardenmarkt

Die Waffen kommen auch aus der Schweiz

Lange Zeit war Brasilien, einer der weltweit grössten Märkte für Pistolen, Gewehre und Munition, ein schwieriges Pflaster für ausländische Kleinwaffen- und Munitionsfirmen. Seit Jahrzehnten halten der Staatskonzern Imbel und die private Firma Taurus ein Duopol im Land. Eine Schweizer Firma hat dieses jedoch geknackt: Die Ruag Ammotec, eine Tochterfirma des bundeseigenen Rüstungskonzerns Ruag, erhielt 2017 eine Lizenz zum Bau einer Munitionsfabrik. Der Bundesrat hat das Vorhaben allerdings vorerst gestoppt. Als Alleinaktionär der Ruag fürchtet er die Reputationsrisiken – für den Konzern wie auch für die Schweiz (siehe WOZ Nr. 37/2019). Zurzeit sucht der Bundesrat im Zuge der Entflechtung seines Rüstungskonzerns nach einem Käufer für die Ruag Ammotec, wobei die brasilianische Lizenz das Filetstück im Portfolio der Firma ist.

Die Befürchtungen des Bundesrats sind berechtigt. Brasilien gehört zu den gewalttätigsten Ländern der Welt, die Mordrate lag letztes Jahr bei 21 Fällen pro 100 000 EinwohnerInnen – in der Schweiz liegt dieser Wert bei 0,7. Der ultrarechte Präsident Jair Bolsonaro hat zudem jüngst per Dekret die Waffengesetze weiter abgeschwächt. Dabei ist «die Veruntreuung von Waffen und Munition aus den Kasernen von Polizei und Heer hin zu den kriminellen Banden, zu Schiessklubs und Milizen» bereits heute «Routine», wie die brasilianische Tageszeitung «O Estado de São Paulo» schreibt.

Besonders aggressiv in den brasilianischen Markt dringt die deutsch-schweizerische Waffenfirma SIG Sauer, die aus der Schweizerischen Industrie-Gesellschaft SIG aus Neuhausen am Rheinfall hervorgegangen ist. Im Jahr 2000 hatte die SIG ihre Handfeuerwaffensparte an die Deutsche Mittelstandsholding verkauft. Daraus formten die Geschäftspartner Michael Lüke und Thomas Ortmeier das Waffenunternehmen SIG Sauer. Erst kürzlich fädelte der Präsidentensohn Eduardo Bolsonaro zwischen dem brasilianischen Waffenhersteller Imbel und der US-amerikanischen Tochtergesellschaft von SIG Sauer ein Joint Venture ein. Ihr Werk in Schleswig-Holstein hat die SIG Sauer geschlossen. Damit würden die deutschen Waffenexportverbote «verpuffen», kommentierte die deutsche Tageszeitung «Die Welt» treffend.

Letzte Woche verurteilte der Bundesgerichtshof in Karlsruhe SIG Sauer wegen illegaler Waffenexporte über die USA nach Kolumbien zu einer Zahlung von elf Millionen Euro. Das historische Urteil dürfte den Wegzug der Waffenfirma aus Deutschland weiter beschleunigen. Am weiter bestehenden Schweizer Standort in Neuhausen will die SIG Sauer jedoch festhalten, wie sie in einer Medienmitteilung festhält.

Längst etabliert im brasilianischen Markt haben sich die grossen Schweizer Rüstungskonzerne: Die Thurgauer Panzerbauerin Mowag exportierte vor rund zehn Jahren achtzehn Piranha-Radschützenpanzer an die brasilianische Marine, die Panzerfahrzeuge wurden gemäss einer Studie der NGO Terres des hommes auch bei einem militärischen Sondereinsatz in den Favelas von Rio de Janeiro im Jahr 2017 eingesetzt. Rheinmetall Air Defence, einer der global führenden Anbieter von Feuerleitsystemen, beliefert die brasilianische Waffenfirma Avibras mit seinem System Fieldguard 3, das Geschosse möglichst treffsicher ins Ziel bringt (siehe WOZ Nr. 29/2020).

Jan Jirát

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