Nr. 34/2021 vom 26.08.2021

Und wenn jetzt jedes Jahr so wird?

Extremwetterereignisse sorgen für dürftige Gemüseernten. Grosse Produzenten wollen dem Klimawandel und seinen Folgen mit einer noch stärkeren Ökonomisierung begegnen. Kleinere Landwirtschaftsprojekte stellen derweil die Systemfrage.

Von Basil Weingartner (Text) und Manuel Lopez (Fotos)

Reif für den Kompost: Hagel- und Nässeschäden auf dem Gemüsefeld des Vereins TaPatate im freiburgischen Wallenbuch.

Das Unheil kam mitten am Nachmittag. Kurz nach 16 Uhr wurde es am 28. Juni dunkel. Dann prasselte der Hagel auf die Felder von Viktor Hämmerli im bernischen Brüttelen. «Die Körner waren nussgross», sagt der Gemüseproduzent und zeigt auf seinem Smartphone Bilder von den Feldern kurz nach dem Gewitter. Rund 175 000 Salate lagen in kleinen Fetzen wie Konfetti am Boden, auch die gesamten Zwiebel- und Blumenkohlkulturen hatte der Hagel zerstört. Die Kartoffeln leiden noch immer unter der darauffolgenden Feuchte.

Der Gemüseunternehmer sitzt am Tisch des Aufenthaltsraums der vor wenigen Jahren neu errichteten Produktionsanlage. Im grossen Nebenraum waschen und portionieren ArbeiterInnen an einem lärmigen Produktionsband in monotoner Arbeit Bundzwiebeln. Viele der Angestellten sind SaisonarbeiterInnen aus Osteuropa. Die Zwiebeln kommen von einem anderen Bauernhof. Weil Hämmerli nach dem Hagel keine Zwiebeln mehr hatte, aber immer noch Angestellte mit laufenden Verträgen, kaufte er unverarbeitete Zwiebeln zu, die er anschliessend gereinigt und abgepackt weiterverkauft.

Arbeit von Wochen vernichtet

Das bis zu den Juragewässerkorrektionen versumpfte Gebiet zwischen Neuenburger-, Bieler- und Murtensee, das Grosse Moos, wird oft als der Gemüsegarten der Schweiz bezeichnet. Gemüseacker reiht sich hier an Gemüseacker. Erntegefährte und mit Pestizidtanks bepackte Fahrzeuge fahren über die Felder. Die Pestizidrückstände im Mooskanal sind grundsätzlich sehr hoch, in feuchten Jahren muss zusätzlich gespritzt werden. Die Gegend ist auf merkwürdige Weise ländlich und industriell zugleich. Industriell durchorchestriert ist auch Hämmerlis Gemüsebetrieb. Eigentlich. «Bei Starkniederschlägen oder Überschwemmungen kannst du nur hilflos zuschauen, wie das Gemüse und die Arbeit von Wochen vernichtet werden», sagt der 51-Jährige, dessen Betrieb die für Schweizer Verhältnisse grosse Fläche von vierzig Hektaren bewirtschaftet. «Doch einen solchen Sommer wie den aktuellen hat es bisher noch nie gegeben.»

Im Grossen Moos richtete der Hagel besonders viel Schaden an. Doch durch die Unwetter verzeichnen die Betriebe im ganzen Land Ernteeinbussen. Beträgt der Selbstversorgungsanteil der Schweiz beim Gemüse im langjährigen Mittel rund 50 Prozent, steigt er im Sommer jeweils auf rund 85 Prozent. Dieser Wert wird 2021 gemäss den Zahlen des Verbands der Gemüseproduzenten nicht erreicht, weil in der Schweiz etwa 15 Prozent weniger Sommergemüse produziert wurde als in den Vorjahren. «Durch den Klimawandel müssen die Landwirtschaftsbetriebe vermehrt mit Ernteausfällen rechnen», sagt Alexandra Gavilano von Greenpeace dazu. Studien zeigen, dass manche der Wetterextreme der vergangenen Monate nur aufgrund der menschgemachten Klimaveränderungen möglich waren. Und sie prognostizieren, dass es in Europa künftig mehr hageln wird.

Klimawandel, was ist das?

Das Wetter sei bereits extremer geworden, sagt Hämmerli: «Es gibt mehr Hagel, Starkregen und Nässe, aber auch mehr Trockenperioden.» Gleichzeitig äussert er leise Zweifel daran, «dass das alles nur vom CO2» verursacht werde.

«In der Landwirtschaft ist das Wissen über den Klimawandel und seine Folgen noch sehr gering», sagt Kilian Baumann, Biobauer, Präsident der Kleinbauernvereinigung und Nationalrat der Grünen. Die meisten LandwirtInnen informierten sich über Fachmedien, die den Klimawandel kaum thematisierten. «Obschon die Landwirtschaft vom Klimawandel überdurchschnittlich stark betroffen ist.» Es brauche von den LandwirtInnen ein Umdenken, sagt Baumann.

Grossbauer Hämmerli findet derweil, man müsse möglichst viel in der Schweiz produzieren. «Doch das wird verhindert, indem etwa der Einsatz von Pestiziden eingeschränkt wird.» Gleichzeitig erschwere der Landschaftsschutz die Errichtung von zusätzlichen Gewächshäusern, obwohl man in diesen den Wasserverbrauch optimal steuern und weitgehend auf Insektizide verzichten könne. Sein bestehendes Gewächshaus beheizt er mit einer CO2-intensiven Erdölheizung. Eine Umstellung auf Holzschnitzel als Heizmittel sei bisher an der Finanzierung gescheitert. «Der Preisdruck durch unsere Abnehmer ist enorm», sagt Hämmerli, der direkt und indirekt mehrere grosse Detailhändler mit konventionellem Gemüse beliefert. Er müsse deshalb die Kosten tief halten. Daher hat er nur einen Teil seiner Felder gegen Hagel versichern lassen. «Sollten sich die Ereignisse von diesem Sommer künftig wiederholen, hätten wir rasch ein finanzielles Problem.» Als Ausweg sieht er einzig eine weitere Ökonomisierung seines Betriebs – und er ist nicht der Einzige, der das so macht. Es ist das Paradox einer Branche, die in der Klimakrise in Strategien flüchtet, die ursächlich zur Krise beitragen.

Die ProduzentInnen seien nicht schuld an den Problemen in der Landwirtschaft, sagt Gavilano von Greenpeace. «Diese produzieren einfach das, was von ihnen verlangt wird.» Ursächlich für die Missstände sei ein fehlgeleitetes Ernährungssystem, dessen Taktgeber und Nutzniesser die grossen Agrarkonzerne und Detailhändler seien. Die Landwirtschaft in der Schweiz sei aktuell viel zu intensiv. «Durch präzisere Düngungsmethoden, den Ausbau von Mischkulturen und andere resilientere Anbaumethoden kann die Landwirtschaft zur Klimastabilisierung und zur Förderung der Biodiversität massgebend beitragen.» Zentral sei auch eine Reduktion der Nutztiere und des Fleischkonsums. In der Schweiz wird fast die Hälfte der fruchtbaren Flächen gebraucht, um Futtermittel für Nutztiere zu produzieren – grosse Mengen an Futtermitteln werden zusätzlich importiert. Gavilano ist überzeugt: In Kombination mit Massnahmen gegen Foodwaste kann nicht nur ein steigender Importbedarf verhindert, sondern sogar der Selbstversorgungsanteil bei Gemüse und Getreide gesteigert werden.

Wenn die Schweiz Gemüse aus dem Ausland importiere, könne dies in den Produktionsländern starke Konsequenzen haben, sagt Gavilano. So sind etwa die Arbeitsbedingungen der ErntehelferInnen in Südspanien oder Italien teilweise erbärmlich. «Importiert die reiche Schweiz aus dem Ausland Gemüse, kann es dort zu Preissteigerungen kommen», sagt die Umweltwissenschaftlerin. Studien zeigten, dass die Ernteausfälle weltweit zunehmen werden. «Der Kampf um knapper werdende Ressourcen wird alle Staaten früher oder später beschäftigen.»

Der Weltagrarbericht des Weltagrarrats kommt zum Schluss, dass landwirtschaftliche Kleinbetriebe besser mit dem Klimawandel zurechtkommen als Grossbetriebe. Auch in der Schweiz gibt es viele Projekte, die den Trend zu immer grösseren Betrieben brechen wollen. Während unten im Grossen Moos grosse Felder mit nur einer Gemüsekultur dominieren, sind im freiburgischen Dorf Wallenbuch auf kleiner Fläche unzählige Gemüsesorten angepflanzt. Hier, auf einem der Hügelzüge oberhalb vom Grossen Moos, bewirtschaftet der Verein TaPatate (Deine Kartoffel) nach Demeter-Biorichtlinien rund einen Hektar Ackerland. Ein Fünftel des Geländes ist überwuchert. So kann sich das Land regenerieren – im nächsten Jahr wird es dann wieder bepflanzt. Ein anderer Teil des Anbaulandes wird dann brachliegen. Die Böden sollen so gesund bleiben und unter anderem zusammen mit der Biodiversität die Pflanzenkulturen auf natürliche Weise widerstandsfähiger machen.

Trotzdem hat der Unwettersommer auch hier Schäden angerichtet, wenn auch nicht derart verheerende wie andernorts. An diesem sonnigen Vormittag deutet aber wenig darauf hin. Auf dem Feld werden gerade die Kartoffeln geerntet. Angeleitet vom jungen Bauern Valentin Birbaum und zwei angestellten Gärtnerinnen sind vorwiegend Laien am Werk. Bei TaPatate wird solidarische Landwirtschaft (Solawi) gemacht. Die BezügerInnen des Gemüses sind Vereinsmitglieder. Sie verpflichten sich nicht nur, während mindestens eines Jahres Gemüse zu beziehen, sondern beteiligen sich auch finanziell am Verein. Zudem helfen sie an mindestens acht Halbtagen pro Jahr auf den Feldern mit. Für Tina Siegenthaler von der Kooperationsstelle für solidarische Landwirtschaft ist Solawi nicht nur ein Anbaumodell, sondern auch ein Versuchsmodell für ein anderes Wirtschaftssystem, eines, das bedürfnis- statt profitorientiert funktioniert.

Solidarität da, Foodwaste dort

Doch im Arbeitsalltag drehen sich die Gespräche im jungen Kollektiv auch um profanere Themen: Es geht ums Setzen, Jäten und Ernten und um geplante neue Projekte – oder um den Kampf gegen den durch die Feuchtigkeit verursachten Mehltau auf den Gurkenstauden oder gegen die Fäule im Kartoffelacker.

In Wallenbuch hat es in diesem Sommer ähnlich wenige Kartoffeln im Boden wie in Brüttelen. Die Ernte werde wohl nicht reichen, um den aktuell 96 Vereinsmitgliedern den ganzen Winter hindurch Kartoffeln zu liefern, sagt TaPatate-Bauer Birbaum. Die Ausfälle werden die Vereinsmitglieder solidarisch tragen: Ihre wöchentlichen Gemüselieferungen werden bis auf Weiteres kleiner ausfallen. Gemäss Tina Siegenthaler helfen sich einzelne Solawi-Betriebe bei Engpässen untereinander aus. Dieses Jahr sei das aber schwierig. Bei Grossbauer Hämmerli werden die Kartoffeln wohl gar nicht geerntet: «Das Ernten kostet voraussichtlich mehr, als ein Verkauf der Kartoffeln einbringt.» Aller Aufwand war dann für den Eimer und alle verbrauchte Energie für nichts verpufft.

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