Nr. 24/2022 vom 16.06.2022

«Geht es um Wohnraum, wird es schnell existenziell»

Wenn sich Menschen in den urbanen Zentren der Welt gegen ihre Verdrängung wehren, kämpfen sie um viel mehr als ein Dach über dem Kopf. Um die radikale Qualität ihres Widerstands zu verstehen, bedürfe es auch einer radikalen Forschung, sagt der Turiner Geografieprofessor Michele Lancione.

Interview: Raphael AlbisserMail an Autor:in

WOZ: Herr Lancione, wo wird über die Zukunft einer Stadt entschieden?
Michele Lancione: Das ist keine einfache Frage. Und die erste Antwort, die mir in den Sinn kommt, lautet: Wahrscheinlich in einer Bank hier in der Schweiz.

Ernsthaft?
Nein, das ist natürlich viel zu simpel gesagt. Ich bin auch überhaupt kein Schweizexperte. Aber das Land gehört weltweit zu den wichtigsten Standorten, was die Finanzialisierung betrifft, also die Übertragung von Kapital in Finanzprodukte, was wiederum eine zentrale Rolle bei der Entwicklung von Städten spielt und dem, was wir uns unter Urbanität vorstellen.

Wie genau?
Der Städtebau und damit die Fortentwicklung der Infrastruktur genauso wie das Wohnungswesen benötigen nicht nur Kapital. Sie werden auch für das Kapital ausgerichtet. Sie sollen dazu dienen, dass sich aus Finanzanlagen noch mehr Geld machen lässt. Die Stadt ist der Ort, an dem das eine besonders konkrete Form annimmt, in Infrastrukturprojekten und einer Immobilienwirtschaft, die Gewinne durch Hypothekar- und Mietzinsen verspricht.

Geografieprofessor Michele Lancione

Geografieprofessor Michele Lancione

Gleichzeitig wird auch von unten über die Zukunft der Stadt entschieden, etwa durch Prozesse der binnen- und der transnationalen Migration, die in den letzten vierzig Jahren insbesondere für Städte im sogenannten Globalen Süden riesige Veränderungen mit sich gebracht haben. Heute spielt dabei auch der Klimawandel eine wichtige Rolle, denken wir etwa an die indonesische Hauptstadt Jakarta: Teile der Stadt senken sich um etwa 25 Zentimeter pro Jahr ab, die Überflutungen nehmen zu. Das verursacht Probleme, über die nicht im Rahmen der Finanzialisierung entschieden wird – sondern in der erlebten Realität der Menschen, die gezwungen sind, umzusiedeln. Die Stadt wird also genauso von globalen wirtschaftlichen Interessen geprägt wie durch die Realität des Urbanen, des erlebten Ringens um Wohnraum. Und dazwischen gibt es noch eine dritte Ebene.

Die Politik?
Gewissermassen, aber ich meine vor allem ein kulturelles Verständnis einer globalen politischen Klasse, wonach Städte ein bestimmtes Aussehen haben und auf eine gewisse Weise funktionieren sollen. Diese drei Ebenen ergeben zusammen die Richtung, in die sich Städte entwickeln.

In Ihrer Forschung setzen Sie sich seit langem mit städtischen Kämpfen um Wohnraum auseinander, mit Zwangsräumungen und dem Widerstand dagegen. Sie beschreiben das mit dem Begriff «Radical Housing». Woher stammt dieser?
Ich weiss es nicht genau, um ehrlich zu sein. Man findet ihn schon in Pamphleten von Wohnraumbewegungen in Grossbritannien in den siebziger Jahren. Im Verständnis von mir und meinen Kolleg:innen tritt die Radikalität, die wir damit benennen, insbesondere dann auf, wenn Bewegungen die grösseren und breiteren Probleme bekämpfen, die der Wohnraumfrage überhaupt zugrundeliegen. Das kann sich auf wirtschaftliche Mechanismen und Profitgier beziehen, aber auch auf ganz andere Aspekte.

Welche zum Beispiel?
Manchmal geht es um Klimagerechtigkeit, manchmal um den Kampf gegen Rassismus oder das Patriarchat. Den grössten Teil meiner bisherigen Forschungsarbeit machte ich in Rumänien, vor allem in Bukarest. Dort habe ich untersucht, wie Menschen – insbesondere Roma – für ihr Recht auf eine Unterkunft kämpfen. Leute etwa, die im Stadtzentrum aus ihren Wohnungen vertrieben werden. Mein Fokus lag zwar immer auf dem Kampf um das Recht auf Wohnen, aber ich stellte fest, dass es dabei um viel mehr ging: Es war ein Kampf marginalisierter Communitys gegen rassistische Enteignungen. In meinem neuen Forschungsprojekt geht es nun darum, in einer Reihe von Städten auf der ganzen Welt zu untersuchen, mit welchen gesellschaftlichen Kämpfen derjenige um Wohnraum verwoben ist.

Das Projekt ist im September angelaufen, es wird von der EU bis 2025 finanziert. Wie lautet das Forschungsziel?
Wir versuchen zu verstehen, was Menschen und Communitys im Wesentlichen zu erreichen versuchen, wenn sie um einen Ort zum Leben in ihrer Stadt kämpfen – manchmal ohne dies in einer Sprache auszudrücken, die sich uns unmittelbar erschliesst. Das untersuchen wir in einer Reihe von Städten in Afrika, Asien, Zentral- und Südamerika. Als global angelegtes Forschungsprojekt versuchen wir aber, eine übergreifende Theorie zu vermeiden.

Warum?
Das wäre problematisch. Es geht um geografisch und auch historisch sehr spezifische Kontexte mit unterschiedlichen politischen Ausdrucksformen, die in unserem sehr westlich geprägten Wissenschaftsbetrieb nicht sofort verstanden werden. Deshalb ist es von zentraler Bedeutung, dass die Forschenden in diesem Projekt mit den entsprechenden Kontexten und den Formen der strukturellen Gewalt, die dort wirken, vertraut sind. Die Art des Wissens, das aus diesem Projekt hervorgehen soll, darf nicht lauten: Wir haben hier übergreifende Erkenntnisse, die sich aus den Wohnraumkämpfen von Lagos bis Mexico City ableiten lassen. Nein, wir wollen eine Reihe spezifisch verortbarer Erkenntnisse liefern, um damit unser kollektives Wissen darüber zu bereichern, was der globale Kampf ums Wohnen eigentlich ist.

Also keine synthetisierte Theorie schaffen, sondern eher eine Art Mosaik?
Ja, und ich kann erklären, weshalb. Im Wesentlichen wollen wir ein entkolonialisiertes wissenschaftliches Framework schaffen. Denn die Art, in der das Politische im Kampf um Wohnraum bislang zumeist beschrieben wird, entstammt einer eurozentristischen Tradition. Es ist völlig in Ordnung, Squatting in Italien als eine wesentliche Praxis der Wohnpolitik zu verstehen; wenn aber Leute in Johannesburg Häuser besetzen, dann nimmt das wahrscheinlich eine andere Ausdrucksweise an als in Turin. Eine, die in der Vergangenheit von bestimmten Erzählungen vereinnahmt wurde: etwa durch humanitäre Narrative, in denen es zum Beispiel um Widerstands- und Anpassungsfähigkeit von Stadtbewohner:innen geht – und nicht um politische Praxen. Das ist problematisch, denn diese Narrative und diese Sprache kommen aus den kolonialen Zentren. Manchmal geht es beim Politischen aber nicht nur um Organizing oder Mobilisierung, sondern um vielfältige, nuancierte Formen des Widerstands, die sich nicht generalisieren lassen – darum der mosaikartige Zugang.

War es schwierig, mit diesem Ansatz öffentliche Forschungsgelder zu bekommen?
Ich will hier ehrlich sein: Bis zu einem gewissen Grad musst du das Spiel halt mitspielen. Der European Research Council (ERC), der mein Projekt nun finanziert, hat eine sehr neoliberale Sprache. Dann musst du etwa sagen: Das hier ist ein neues Paradigma der Wissenschaft, es ist bahnbrechend. Um Forschungsgelder zu erhalten, brauchst du zudem einen bestimmten Leistungsausweis. Es geht darum, wie viel und wo du bereits publiziert hast – eine ausschliessende Art, wissenschaftliche Exzellenz zu definieren. Aber so läuft das eben, und wohl oder übel passe ich in deren Schema. Die positive Seite ist immerhin, dass der ERC dir nicht ständig im Nacken sitzt, wenn die Finanzierung gesprochen ist.

Als Professor sind Sie also eine Art Türöffner?
Wenn du dich erfolgreich um die Forschungsgelder beworben hast, kannst du die Forschenden selber einstellen. Als ich den Zuschlag bekam, war ich noch an der Universität Sheffield, musste dann aber aus familiären Gründen nach Turin zurückkehren. Am Polytechnikum fing ich mit dem Projekt praktisch noch mal von vorne an. Und musste feststellen: Das Forschungsumfeld dort ist weit weniger divers als jenes in Grossbritannien. Um mich herum waren alle Italiener:innen, alle weiss. Dabei ist eine der zentralen Voraussetzungen des Projekts, dass Leute darin mitarbeiten, die die jeweiligen Kontexte bereits sehr gut kennen. Ich stellte also Leute aus Nigeria und Brasilien an. Und es war ein Albtraum.

Warum?
Ich verbrachte sehr viel Zeit mit Bürokratie. Das System ist schlicht nicht bereit dazu, internationale Forscher:innen anzustellen. Bei allen Visa wurden Fehler gemacht. Es war ein schmerzvoller Prozess, dieses Team von Leuten mit sieben Nationalitäten aufzubauen. Dennoch war es der einzige Weg, diese Art der Arbeit zu machen: Ich will nicht jemanden nach Mumbai schicken, der gestern noch zum Immobilienmarkt in Rom forschte. Denn damit würden wir ganz einfach reproduzieren, was die grosse Mehrheit der Sozialwissenschaften immer schon gemacht hat.

Wie haben Sie die Städte ausgesucht?
Mich interessieren Städte, in denen Kämpfe um Wohnraum ganz offensichtlich mit weiteren Problemen zusammenfallen. In Lagos zum Beispiel gibt es zwei Ebenen: Zum einen ist die Finanzialisierung eindeutig ein Verdrängungstreiber, Lagos ist die Stadt Afrikas, die punkto Bevölkerung und Wirtschaft am schnellsten wächst. Zum anderen spielen Umwelt- und Klimafaktoren eine Rolle. Denn die meisten Vertreibungen gibt es in den Uferzonen der Stadt.

Sie sagen, dass es Ihnen um Intersektionalität geht, also um Überschneidungen gesellschaftlicher Kämpfe. Hat Wohnraum dafür eine herausragende Bedeutung?
Ich glaube, ja. Schliesslich geht es um einen Ort, an dem wir unsere existenzielle Sicherheit als menschliche Wesen finden. Für mich, dessen Interesse auf Städten liegt und darauf, wie Menschen die Welt bewohnen, kommen beim Wohnen unglaublich viele Dinge zusammen: Sexismus, Queerfeindlichkeit, Rassismus. Fragen, wie Menschen Wohnraum zugesprochen oder weggenommen wird. Wirtschaftliche Fragen. Und es ist mittlerweile ziemlich offensichtlich, dass der Kampf um Wohnraum zu einem globalen Kampf geworden ist.

Warum gerade jetzt?
Vielleicht ist das etwas grob vereinfacht, aber ich denke, es gibt zwei Gründe: erstens die nackte demografische Gegebenheit. Die Weltbevölkerung wuchs in den letzten fünfzig Jahren exponentiell. Das bringt zwingend Fragen über Wohnen und Infrastruktur mit sich. Zweitens geht es um den Raum, in dem das Kapital entschieden hat, sich vermehren zu wollen.

Wo auch sonst? Die Zitrone ist doch in vielen Belangen ausgepresst.
Genau. Und in eigentlich jeder Stadt – von Zürich über London und Belo Horizonte bis Hongkong – ist das Primärbedürfnis Wohnen zum ausschlaggebenden Wachstumsfaktor geworden. Was das bedeuten kann, liess sich etwa in Spanien beobachten, als 2008 die Immobilienblase platzte.

Gleichzeitig wird die Funktionsweise des Kapitalismus dadurch für Menschen unterschiedlichsten Hintergrunds sehr direkt fassbar.
Umso interessanter ist es, dass lokale und nationale Behörden wie auch internationale Organisationen und die Uno damit noch immer so umgehen, als wäre das alles eine simple lokalpolitische Frage. Als könnten die Probleme mit technischen Lösungen behoben werden. Ich habe das zwar nicht weiter untersucht, habe aber den Verdacht, dass das durchaus bewusst so gehandhabt wird. Denn nur, indem das Recht auf angemessene Unterkunft auf diese Art verhandelt wird, kann das Kapital weiterhin jeden – bitte entschuldigen Sie die Ausdrucksweise – Scheiss in den urbanen Zentren anrichten.

Woher kommt eigentlich Ihre Passion für Urbanität?
Ich wuchs auf dem Land auf, in einem Dorf achtzig Kilometer nördlich von Turin. Mit achtzehn Jahren zog ich in die Stadt, eine ziemlich kleine, aber doch eine Stadt. In Turin fing ich an, mich für Fragen rund um das Städtische zu begeistern. Und natürlich wurde ich auch beeinflusst von dem, was ich während des Studiums so mitbekam; über Urbanität wurde damals unglaublich viel geschrieben.

Ist es üblich, im wissenschaftlichen Betrieb mit dem Begriff der Radikalität zu arbeiten?
Meine Fachkolleg:innen und ich beziehen uns damit auf kämpferische Communitys, die mit dem Begriff «Radical Housing» arbeiteten, weil er politisch naheliegend war. Wenn es um Wohnraum geht, wird es schnell existenziell und radikales Handeln entsprechend notwendig. In der Wissenschaft geht es mir vor allem darum, dass auch Wissen radikal sein muss.

Wie ist das zu verstehen?
Es geht um die Frage, wie man Wissen produziert. Um die Entscheidungen, die du im wissenschaftlichen Kontext triffst. Es mag albern klingen, dass ich ein Jahr meines akademischen Lebens dafür aufgewendet habe, Forscher:innen einzustellen, die dem Kontext ihrer Forschung entstammen. Aber es ist eine konzeptionelle Radikalität, die in meinen Augen von zentraler Bedeutung ist. Sie könnte es ermöglichen, eine andere Art des Wissens zu schaffen.

Oder ein anderes Beispiel: Vor sechs Jahren haben wir das «Radical Housing Journal» gegründet, in dem wir Artikel nach allen wissenschaftlichen Standards publizieren, ohne uns aber von einem der grossen Verlage vereinnahmen zu lassen. Denn die funktionieren nach ganz seltsamen Mechanismen: Sie nehmen öffentlich finanzierte wissenschaftliche Arbeit, privatisieren sie und verkaufen sie wieder zurück an die Universitäten. Andere lassen Akademiker:innen sogar dafür bezahlen, um bei ihnen publizieren zu dürfen.

Sie bezeichnen sich heute als «aktivistischen Akademiker». Das fällt wohl leichter, sobald man eine ordentliche Professur innehat. Mussten Sie sich auf dem Weg dorthin konformistischer verhalten?
Wenn du im angelsächsischen System gut publizierst, kannst du eine rasche Karriere hinlegen. 2012 habe ich den Doktortitel erlangt, mein erstes Extraordinariat erhielt ich bereits vier Jahre später. Und der Grund dafür war, dass ich wusste, wie das neoliberale Spiel im wissenschaftlichen Betrieb zu spielen ist. Ich schäme mich nicht, das zu sagen. Ich und meine Partnerin, die Filmemacherin ist, waren zudem sehr mobil; wir haben innerhalb von nicht einmal acht Jahren in zehn Städten in drei Ländern auf zwei Kontinenten gewohnt.

Wo wurden Sie zum Aktivisten?
Ich war damals noch nicht Professor, ich forschte im Rahmen einer Postdoktorandenstelle in Bukarest. Ich kannte die Stadt bereits sehr gut und fing an, mich mit den dortigen Roma-Communitys zu beschäftigen – und dabei hat mich das Politische eingeholt. Ich lernte feministische, anarchistische, queeraktivistische Kollektive kennen – alles persönliche Herzensanliegen von mir. Und ich musste lernen, im Spannungsfeld von Forschung und Aktivismus zu navigieren.

Wie geht das?
Zunächst muss man vorsichtig sein. Es mag gerade hip sein, sich als aktivistische:n Forscher:in zu bezeichnen, aber das Verhältnis ist von einem gewissen Eigennutz geprägt. Darum sollte man diese zwei Welten sogar ziemlich stark trennen, denn traditionellerweise haben sich Akademiker:innen immer sehr extraktiv gegenüber Aktivist:innen verhalten und sie für ihre eigenen Zwecke missbraucht.

Im Journalismus gibt es dasselbe Problem. Was ist Ihre Lösung?
Du musst stets wachsam sein, was deine Rolle betrifft – sonst drohst du Aktivist:innen auszubeuten, um wissenschaftliche Erträge zu erzielen. Wenn ich aktivistische Räume betrete, dann tue ich das deshalb entweder als Individuum, als Aktivist; oder ich tue es als Akademiker und versuche im Gegenzug, Ressourcen aus dem wissenschaftlichen Betrieb in die aktivistischen Kämpfe fliessen zu lassen. Wenn ich mich als aktivistischen Forscher bezeichne, dann betrifft das vor allem auch eine kritische Haltung den eigenen Institutionen gegenüber. Heute, als Professor, habe ich die Möglichkeit dazu.

Das hat sich im letzten Jahr gezeigt, als Sie sich öffentlich dagegen wehrten, dass das Polytechnikum der Universität Turin, wo Sie angestellt sind, mit der europäischen Grenzschutzagentur Frontex zusammenarbeitet. Was ist da passiert?
Das Polytechnikum hat eine öffentliche Ausschreibung von Frontex gewonnen, und nun soll mein Departement, wo viele Kartograf:innen und Geograf:innen arbeiten, für die Agentur Kartenmaterial produzieren. Ich erfuhr bei einem Departementstreffen davon, und seither habe ich versucht, dagegen vorzugehen.

Mit Erfolg?
Nein, an der Zusammenarbeit mit Frontex liess sich nichts mehr ändern. Die Lösung des Departements bestand darin, dass im Vertrag eine Notiz angebracht werden sollte, wonach beide Parteien verpflichtet sind, die Menschenrechte zu respektieren. Was natürlich kompletter Müll ist, sorry. Wie kannst du Frontex darum bitten, die Menschenrechte zu respektieren? Das ist doch Wahnsinn. Aber immerhin kam innerhalb des Departements etwas Bewegung rein, einige Kolleg:innen haben sich auf meine Seite gestellt. Und indem ich mich in einem offenen Brief an die Öffentlichkeit wandte, wurde zumindest wahrgenommen, dass innerhalb der Wissenschaft nicht alle damit einverstanden sind. Für manche Aktivist:innen war das ermutigend, wie auch für Student:innen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen.

Und wie haben die Kolleg:innen reagiert?
Die Sache hat medial durchaus hohe Wellen geworfen, für viele bin ich deshalb ein Nestbeschmutzer. Das zeugt auch davon, dass die akademische Welt heute weitgehend entpolitisiert ist. Eine Welt, in der junge Leute studieren, um einen Abschluss abzuholen und anschliessend gute Jobaussichten zu haben – eine funktionale Sache für den Neoliberalismus.

Viele im wissenschaftlichen Betrieb haben aber kaum das Privileg, sich ohne Konsequenzen zu exponieren, weil viele unter prekären Anstellungsbedingungen arbeiten.
Ja, das ist wahr. Die Professur erlaubt es mir, mich zu wehren. Ich empfinde das als Verantwortung. Aber ich bin ja nicht der einzige Professor am Polytechnikum. Bloss einer der wenigen, die sich kritisch äussern. Und das ist leider nicht nur in Turin oder in Italien so, viele Professor:innen sind heute Technokrat:innen.

Es gibt doch immer wieder solche, die sich deutlich zu politischen Themen äussern …
Es ist das eine, öffentlich Position zu beziehen, etwa einen offenen Brief mitzuunterzeichnen, sich in Debatten einzuschalten. Und das ist auch gut! Aber es ist noch mal etwas anderes, sich gegen den wissenschaftlichen Betrieb zu wenden. Selbst wenn du eine ordentliche Professur hast, ist das nicht einfach, denn unter Umständen wirst du dadurch isoliert. Ich selbst bin derzeit auf der sicheren Seite, ich habe mein Forschungsprojekt und mein Team. Aber was ist 2025, wenn das ausläuft? Ich würde nicht leiden, aber es wäre schwierig, in einer Umgebung zu arbeiten, in der ich verschmäht werde.

Sollten also vor allem die Studierenden die Universitäten wieder politisieren?
Das wäre wohl am wirkungsvollsten. Schliesslich sind wir Akademiker:innen zumeist ziemlich egozentrisch, wir wollen gemocht werden. Wenn Studierende also Druck aufbauen und anfangen, ihre Professor:innen herauszufordern, dann treffen sie vielleicht einen Nerv. Aber ich weiss aus eigener Erfahrung, dass man dies von den Studierenden nicht ohne Weiteres erwarten kann: Ich komme aus einer Arbeiter:innenfamilie, mein Vater war Fabrikarbeiter bei Fiat, meine Mutter Reinigungskraft. Als ich an der Universität ankam, habe ich dort sämtliche Hierarchien zunächst einmal ehrfürchtig akzeptiert. Es ist wichtig, dass die Studierenden die Herrschaft über ihr eigenes Denken erlangen und das Politische darauf aufbauen.

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