Nr. 30/2007 vom 26.07.2007

Wir waren die Rütli-Nazis


Stars scheinen auf dem Rütli: Tom Kummer (ganz links) und Micheline Calmy-Rey

Der Plan war, dass sich einer von uns als Nazi verkleidet. Dann haben uns tatsächlich alle für Nazis gehalten. Nicht, dass wir wirklich gut getarnt gewesen wären. Greis, der Auserwählte, sah mit seinem schwarzen Hemd, der Migros-Schweizer-Kreuz-Gürtelschnalle und der John-Lennon-Sonnenbrille zwar aus wie eine Göring-Kopie, und die Nazis, mit denen wir zum Rütli runterliefen, tauschten mit uns denn auch fleissig ihre Gedanken aus. «Ja, ja, wir sind von der nationalen Erneuerungsbewegung», und «wir sind aus Bern, aber sicher nicht aus der Reitschule, ha ha», sagte die wasserstoffblonde Nazifrau des Dreiertrupps etwa. «Oh mein Gott», stöhnte unser Freund, der Reimperuaner leise, der sich am Bahnhof Luzern eine Mütze mit Schweizer Kreuz gekauft hatte und sich damit sehr schlecht fühlte. Er schämte sich richtiggehend. Greis sagte: «Das ist nur ein Schweizer Kreuz, damit bist du ein Patriot und kein Nazi.» Es half nicht. Auch wenn später die Bundespräsidentin die Worte von Greis wiederholte: «Wir sind alle Patrioten, aber keine Nationalisten, die Menschen hassen.»

Göldin trug unter dem offenen Hawaiihemd ebenfalls ein T-Shirt mit Schweizer Kreuz, wir sahen eher aus wie verirrte SP-Mitglieder auf LSD, die dem Ruf der Frauen aufs Rütli folgten, aber Schweizer Kreuze am 1. August schienen an diesem Tag zu genügen, um als Nazifaschist zu gelten. Doch dazu gleich mehr.

Was war eigentlich der Plan? Wir wollten mit den Nazis durch den Wald auf das Rütli stürmen, die totale Reportage, doch wir blieben in Altdorf hängen und schauten der Kindereisenbahn beim Rundendrehen zu, während sich die Neonazis sammelten, und dann sagte der Polizeifunk, dass «Sechzig Rex dem See entlang unterwegs Richtung Seelisberg» sind. Und dort wurden sie abgepasst. Und wir assen Crêpes.

Trotz Presse-Akkreditierung wäre jedoch auch uns die erste Polizeikontrolle fast zum Verhängnis geworden. Ein aufgeblasener Gummihai, der den ganzen Rücksitz ausfüllte und Greis mehr oder weniger unter sich begrub, fehlende Identitätskarten und eine völlig zerschossene Pistolenzielscheibe im Kofferraum, machten die Beamten der Kantonspolizei Uri einen Moment lang sehr nervös. Waren wir die vier PNOS-Mitglieder, die Tickets geschenkt bekommen hatten? Sie liessen uns durch.

Im Wald, kurz vor der Rütliwiese, folgte eine zweite Kontrolle. Die dritte folgte bei der Anlegestelle unten am See, nachdem uns zwei Polizisten breitwillig Auskunft über ihr Dispositiv gegeben hatten und dies im Nachhinein - nach zehn Minuten - etwas seltsam fanden. «Was wollen sie eigentlich mit den Informationen?», fragten sie. Seien die Informationen aus professionellen Gründen eingefordert worden? Oder wollten wir unseren «Kameraden» Tipps geben?

Dann kam ein Schiff an. Die Menge zeigte auf uns, machte Fotos: Das sind sie also, die Neonazis. Ein Journalist der «Berner Zeitung» stürmte auf uns zu, glaubte Greis als irgendwen zu erkennen und fragte, ob wir also wegen des Patriotismus und der Heimatliebe gekommen seien. Und wir so: «Äh, hm, nein, wir sind auch von der Presse.» Er fuhr sich durch das gewachste Haar und sagte: «Hey, das ist ja voll die Verarschung.»

Die Nazis - insgesamt acht aus dem Mittelland und fünf aus dem Wallis, die bereitwillig allen Journalisten Auskunft gaben («Unsere Bewegung ist noch in den Anfängen, wir haben Pläne!»), sammelten sich inzwischen gegenüber vom Rednerpult, die Polizei stellte sich direkt hinter ihnen auf. Wir vertrödelten im Biergarten Zeit. Immerhin war ein Starreporter da: Tom Kummer, der grosse Interviewfälscher aus Los Angeles! Ex-«Tempo»-Redaktor, aufgewachsen in Bern. Ein sehr sympathischer Mann! Und sehr gut aussehend. Er war gekommen, um eine Story zu schreiben für die FaZ - nicht die «Frankfurter Allgemeine Zeitung», sondern die Zeitung der Roten Fabrik.

Wir assen die bestellten Schnitzel, und Kummer verunsicherte mit einer liberalen Einschätzung der kommenden US-Präsidentschaftswahlen unsere national-gesinnten Tischnachbarn. Draussen auf dem See machten Nazis in einem Motorboot Wirbel. Mit Terrassenblick und bei kühlem Bier beobachten wir, wie sie von drei Polizeibooten eingekreist und dann abgeschleppt wurden. Quer über den See nach Brunnen. Weil wir die einzigen waren, die nicht aussahen wie Handarbeitslehrerinnen, andere Lehrer oder Extremsportler in Birkenstockschuhen, stürmte beim Gang zur Rütliwiese der Einsatzleiter der Polizei auf uns zu und sagte: «Wir beobachten euch. Macht einfach keine Lämpen. Stellt euch an euren Platz, verhaltet euch ruhig, und wir alle werden ein friedliches Fest feiern.» Wir sagten baff «Ja», und er kroch die kleine Rütliwiese zurück in den Wald hinab, wo er sich zusammen mit fünfzehn gepanzerten Polizisten versteckte, um für den Notfall bereit zu sein. Doch der Notfall kam nicht. Micheline Calmy-Rey hielt eine deutliche Rede gegen Nazis, Rassisten, die SVP, die «Weltwoche», Wolfgang Schäuble, Chantal Galladé und alle anderen, die mit Angst Politik und Geld machen und den Sozialstaat zerstören wollen, doch statt geworfenen Tomaten und Buhrufen erntete sie damit auf dem Rütli 2007 stehende Ovationen. Und die graumelierten Frauen mit roten Schals wären auf jeden Fall bereit gewesen, beim ersten Nazi-Buhruf sofort buhrufend einzugreifen. Die Nazis hatten eher die Rolle der Zooaffen: Hundert Journalisten für acht Glatzen. Und die Journalisten filmten, interviewten, fotografierten. Die Glatzen hatten keine Chance. Wir sassen dann wieder beim Bier und blickten auf den See, die Blasmusik spielte und ein Jugendchor sang «Alpenrose», und selbst ein Neonazi wippte mit, und auf dem T-Shirt seines knapp 20-jährigen Kollegen stand: «Ich bin stolz, Eidgenosse zu sein, denn Schweizer kann man werden.»

Wir wissen nicht, ob wir nächstes Jahr wieder kommen.

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