Nr. 02/2005 vom 13.01.2005

Fingerübung oder Zustupf für die Rentenkasse?

Mit einem Coup hat die IRA den Friedensprozess gestoppt - wenn sie es war.

Von Pit Wuhrer

Auch in Friedenszeiten brauchen Armeen Geld, viel Geld sogar, das ist bei der IRA nicht anders. Die irische Untergrundorganisation hatte zwar vor rund acht Jahren einen Waffenstillstand erklärt und diesen auch strikt eingehalten, aber ihr dienen immer noch rund 500 Freiwillige, die bezahlt sein wollen - und das nicht zu knapp. In den siebziger und achtziger Jahren, als der Krieg zwischen den irisch-republikanischen Aufständischen und der britischen Besatzungsmacht besonders heftig tobte, hatten die IRA-Mitglieder ein Taschengeld erhalten. Sie kämpften für politische Ziele - die einen für die «Verteidigung der irisch-katholischen Bevölkerung», die anderen für «die irische Freiheit», manche sogar für eine soziale Revolution, und alle gegen «die Briten». Das änderte sich in den neunziger Jahren, als der Friedensprozess einsetzte und die politisch-parlamentarische Strategie der IRA/Sinn-Féin-Führung um Gerry Adams und Martin McGuinness die Oberhand gewann.

Bis dahin hatte die IRA ihre Kriegskasse durch Spenden aus Übersee und zahllose Bankräubereien aufgefüllt; die Waffen waren ja nicht umsonst zu haben. Die Ausserdienststellung der Armee führte dann paradoxerweise zu einem noch höheren Finanzbedarf. Um loyale Kader bei der Stange zu halten, hob die Führung den Sold auf einen durchschnittlichen Facharbeiterlohn an, der heute noch bezahlt wird: Rund 4000 Franken im Monat mal 500 Freiwillige mal 12 Monate ergibt ein beachtliches Jahresbudget. Die Regierungen in London und Dublin wussten und wissen, dass Adams und McGuinness bei ihrem politischen Kurs auf die Unterstützung der lokalen IRA-Grössen angewiesen waren und sind und haben bis kurz vor Weihnachten illegale Finanzbeschaffungsmassnahmen stillschweigend akzeptiert. Der Schmuggel von Diesel und Zigaretten und das komplexe Geflecht von legaler und illegaler Tätigkeit (Glücksspiel, Schutzgelder, Bar- und Kneipenbetrieb) hat bis auf ein paar eifrige Polizisten nur wenige aufgeregt - obwohl Sinn Féin und der IRA auf diese Weise jährlich rund 65 Millionen Franken zufliessen.

Dennoch reagierten fast alle entsetzt auf den Bankraub am 20. Dezember. Die bis heute unbekannten Täter hatten umgerechnet 58 Millionen Franken erbeutet. Die IRA-Führung weist jede Schuld von sich, obwohl alle von ihrer Urheberschaft ausgehen: Wer sonst in Nordirland wäre zu einer solchen Operation fähig? Die von Spitzeln durchsetzten loyalistisch-protestantischen Kommandos und ebenfalls scharf beobachteten irisch-republikanischen Splittergruppen wohl kaum. Aber wieso fahren IRA-Kommandos ihrer politischen Führung derart in die Parade? Diese stand immerhin kurz vor einem Deal mit Ian Paisleys protestantischer Mehrheitspartei DUP, der den seit Jahren stillstehenden Friedensprozess wieder in Gang gesetzt hätte - allerdings um den Preis einer Selbstauflösung der IRA.

Und wer sanktionierte den Raub? Eine so gross angelegte Operation mit Geiselnahme hätte ohne Zustimmung der IRA/Sinn-Féin-Führung nicht stattfinden können, argumentieren viele. Das mag sein, ist aber kein schlüssiges Argument. Es ist zwar denkbar, dass der IRA-Armeerat mit Adams und McGuinness dem Bankraub zustimmte in der Erwartung, dass dessen Beute nicht höher ausfallen würde als bei der Beraubung eines Cash-and-Carry-Unternehmens im Mai (2,2 Millionen Franken) oder bei einem Lagerdiebstahl vor drei Monaten (Zigaretten im Wert von 2,7 Millionen). Darüber wurde wenig Aufhebens gemacht, die politischen Folgen waren gleich null. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass die Dezemberräuber eine ungefähre Ahnung davon hatten, wie viel sie aus der Zentrale der Northern Bank von Belfast holen würden (auch wenn sie die enorme Summe dann doch überrascht haben muss - zwei Stunden lang schleppten sie Geldsäcke nach draussen).

Wer also gab den Befehl? Sollte sich nachweisen lassen, dass Adams und McGuinness davon wussten, kommen sie für London, Dublin und die nordirischen ProtestantInnen auf Jahre hinaus als Verhandlungspartner nicht mehr in Frage. Der Friedensprozess wäre damit ad acta gelegt. Da die beiden Politiker bisher recht klug agierten, ist diese Variante kaum denkbar - zumal die nordirische Polizei eine IRA-Urheberschaft nur vermutet, aber bisher nicht nachweisen konnte und womöglich auch nie wird nachweisen können. In diesem Fall ist der politische Schaden erheblich, aber nicht von Dauer. Ganz anders sieht es aus, wenn der Raub die Fingerübung einer IRA-Einheit war, die wie die gesamte Armee längst überflüssig ist (da sie keine politischen Ziele mehr verfolgt), aber zeigen wollte, dass mit ihr noch zu rechnen ist. Und die auf den Friedensprozess pfeift, weil dieser ohnehin seit Jahren stagniert. Dann hätten Adams und McGuinness ein ernsthaftes Problem.

Im eigenen Lager hat das «Verbrechen des Jahrhunderts» (so die protestantische DUP) Sinn Féin eher Auftrieb verschafft. Im irisch-republikanischen Westbelfast zum Beispiel sind viele stolz darauf, dass «unsere Jungs noch so was hinkriegen». Und manche hoffen vielleicht, dass ihnen die Bankraubnoten, die die Northern Bank aus dem Verkehr ziehen will, zur Hälfte des Nennwerts angeboten werden. Dann kämen endlich auch sie in den Genuss einer Friedensdividende.

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