Nr. 02/2005 vom 13.01.2005

Schnell neue Leute ins Boot holen

Nein, mit den Managern des Schweizer Verlages wollen sie nicht mehr zusammenarbeiten: Die Redaktion der rumänischen unabhängigen Tageszeitung «Evenimentul Zilei» vollzieht den Exodus.

Von René Worni, Bukarest

Der jungen Frau am Empfang von «Evenimentul Zilei» (Ereignis des Tages) stockt der Atem. Vor ihr steht ein Mann, dessen Gesicht in den vergangenen Wochen gelegentlich über den Bildschirm eines kleinen Fernsehers an der gegenüberliegenden Wand geflimmert war: Traian Basescu, eben noch Bürgermeister von Bukarest und neu gewählter Präsident von Rumänien. Er möchte sich persönlich, just eine halbe Stunde nach seiner Antrittsrede, bei den JournalistInnen für die Recherchen über die abgewählte sozialdemokratische Partei (PSD) des bisherigen Premiers Adrian Nastase bedanken. Wie Gelu Trandafir, der stellvertretende Chefredaktor, die Anekdote erzählt, leuchten seine Augen. Es war der 14. Dezember, als Basescu mit seiner präsidialen Dankesgeste die Redaktion in einen Siegestaumel versetzte. Jahre zum Teil heftigster Drohungen und Druckversuche seitens der PSD gegen die JournalistInnen waren diesem Moment vorausgegangen. Der Zürcher Verleger Michael Ringier, seit November 2003 Besitzer von «Evenimentul Zilei» und seit 1993 mit seinem Unternehmen in Rumänien präsent, soll den beiden Präsidentschaftskandidaten am Wahltag des 12. Dezember einen Besuch gemacht haben. «Doch er hielt es nicht für nötig, sich auf der Redaktion blicken zu lassen», sagt Trandafir.

Demo vor Schweizer Botschaft

Umso fassungsloser waren die JournalistInnen, als kurz darauf die Ringier-Verlagsleitung Rumänien ihren Chefredaktor Dan Turturica strafversetzte, weil er die Management-Vorgaben nicht umgesetzt habe. Bereits im Herbst 2004 war es zum Eklat zwischen Ringier und dem damaligen langjährigen Chefredaktor Cornel Nistorescu gekommen. Der populäre Nistorescu leitete das Blatt seit 1998 und transformierte es von der einstigen Boulevardpostille (mit vergewaltigten Hühnern und Kampagnen zur Wiedereinführung der Todesstrafe auf den Titelseiten, von Spöttern gern als «Exkrementul Zilei» betitelt) allmählich zur Referenzzeitung für regierungskritischen Politjournalismus Rumäniens. «Seither herrscht Krieg, und wir treten uns gegenseitig auf den Nerven herum», beschreibt Verlagsleiterin Cosmina Noaghea die Abgründe zwischen Management und Redaktion. Mit der Versetzung Turturicas, der in der Öffentlichkeit unbeabsichtigt zum Helden der Pressefreiheit avanciert ist, eskalierte die Situation. Beinahe die gesamte Redaktion demonstrierte am 27. Dezember vor der Schweizer Botschaft mit Transparenten gegen die «demolierenden Praktiken des Schweizer Konzerns» und tags darauf vor der Delegation der EU-Kommission, während ein neuer Interimsredaktionschef mit dreissig verbleibenden Getreuen die Zeitung herausbrachte und im Editorial die Unabhängigkeit des Blattes beschwor.

Kritische Berichterstattung

Im Jahr 2004 hatte «Evenimentul Zilei» mit entscheidenden Schlagzeilen wohl massgeblich zum Wahlsieg der konservativen Demokraten mit Traian Basescu beigetragen, dessen Präsenz im Vorfeld der Wahl in den sonst mehrheitlich von der PSD kontrollierten Medien vergleichsweise gering war. Kurz vor den Parlamentswahlen im November veröffentlichte das Blatt geheime Protokolle von PSD-Vorstandssitzungen, welche die Gespräche hoher Regierungspolitiker wiedergeben. Darin beraten diese über geplante Manipulationen von Medien und von Strafverfahren gegen ihre politischen Verbündeten. Verzweifelt hatte die PSD versucht, die Grossauflage von «Evenimentul Zilei» aufzukaufen. Andere Medien zogen jedoch mit der Berichterstattung nach, und die Generalstaatsanwaltschaft hiess kürzlich eine Strafanzeige von elf Bürgerrechtsorganisationen gut, welche wegen Korruption gegen die abgewählte PSD klagen. Einen weiteren Korruptionsskandal deckte das Blatt im Zusammenhang mit der Privatisierung zweier Erdölraffinerien, darunter Rafo Onesti, auf. Die Firmen waren 2001 zu einem Spottpreis in private Kreise der PSD übergegangen. PSD-Geschäftsführer Corneliu Iacobov, einer der Haupteigentümer, soll mit Parteifreunden die Konzerne systematisch heruntergewirtschaftet und Gelder über Phantomfirmen abgezweigt haben. Im November erliess die Regierung Nastase dann per Dekret den überschuldeten Raffinerien Steuerschulden in Höhe von 400 Millionen Euro. «Offenbar waren wir für Ringier zu angriffig und regierungskritisch», sagt Gelu Trandafir, der überzeugt ist, der Konzern habe «Evenimentul Zilei» inhaltlich in seichtere Gewässer führen wollen, um im Wahlkampf die Regierungspartei für Insertionsaufträge günstig zu stimmen. Sie habe deshalb auch, so ein Gerücht, den einstigen Chefredaktor aus der Boulevard-Ära des Blattes vor 1997 kontaktiert.

«Wir wollen, dass 'Evenimentul Zilei' ein regierungskritisches Blatt bleibt», erklärt dagegen Thomas Landolt, der Verlagsleiter der gegenwärtig sieben Ringier-Titel in Rumänien. Mit «Libertatea» sei man zudem bereits mit einem Boulevardblatt im Tabloidformat auf dem Markt. Doch Landolt räumt ein: Als man im vergangenen Mai mit der Redaktion erstmals die Strategien für «Evenimentul Zilei» abgesteckt habe, «da hat uns einiges nicht gepasst». Ringier wollte die Redaktionsleitung von der Anzeigenleitung trennen, die bis dahin beide von Chefredaktor Cornel Nistorescu versehen wurden. «Da haben wir wohl an einem Machtfaktor gerüttelt», sagt Landolt. Als dann das gemeinsam beschlossene Massnahmenpaket von der Redaktionsleitung auch im September noch nicht umgesetzt gewesen sei, habe man sich von Nistorescu getrennt. Die Redaktion verdächtigte Landolt hingegen, von der PSD gekauft zu sein, vor allem als er vorschlug, man könnte sich doch einmal mit der Regierungspartei unverbindlich zum Meinungsaustausch, zum «Kaminfeuergespräch» treffen.

Imageverlust

Seit dem vergangenen September haben die internen Probleme auch zu einem ernsthaften Imageverlust von «Evenimentul Zilei» geführt, da die Redaktion die Querelen im Blatt selber thematisiert hatte. Und so sind der Öffentlichkeit die Methoden des Schweizer Konzerns, der offensichtlich allein seine Umsätze im Visier hat, nur zu geläufig. Über 720 000 Leute lesen das Blatt täglich. Die Auflage ist im zweiten Halbjahr 2004 allerdings von 93 000 auf 82 000 Exemplare eingebrochen.

Am 7. Januar hat Gelu Trandafir, der stellvertretende Chefredaktor, zusammen mit 34 weiteren JournalistInnen, bei «Evenimentul Zilei» gekündigt und steht vorerst auf der Strasse. Damit erübrigt sich das Disziplinarverfahren, das die Verlagsleitung wegen der Demonstrationen gegen ihn angestrengt hatte. «Es gab keine Möglichkeit der Verständigung mehr, die wollten uns einfach nicht mehr haben», sagt Trandafir, der den Schritt des Managements nicht verstehen will. Als ehemaliger BBC-Journalist sieht er keine Probleme, wieder bei einem Medium unterzukommen, doch für viele seiner KollegInnen werde es schwierig. Noch ist nicht klar, wie viele der bisher 120 RedaktorInnen ihrer Zeitung noch den Rücken kehren werden. Wie Landolt dennoch aus «Evenimentul Zilei» das führende Meinungsblatt in Rumänien machen will, ist ungewiss: «Wir müssen schnell neue Leute ins Boot holen», sagt er.

Ringier Osteuropa

In Rumänien klingeln Ringiers Kassen. Jüngst veröffentlichte der Verlag in seinem Hausmagazin «Domo» unter dem Titel «Pionierphase abgeschlossen» einen Rumänienbericht. Zwei Jahre vor dem Beitritt des Landes zur EU, der auf 2007 geplant ist, schätzt das Management das Wachstumspotenzial als enorm ein. Ringier ist seit 1993 in Rumänien aktiv und schrieb 2002 erstmals schwarze Zahlen: Die Umsätze stiegen von 10,9 Millionen Franken (1998) auf 34,8 Millionen Franken (2003). Allein in der eineinhalbjährigen Ära von Verlagsleiter Thomas Landolt habe dessen Team den Umsatz praktisch verdoppelt, heisst es.
Ringier Rumänien verlegt im Land sieben Titel und versteht sich als einer der führenden ausländischen Verlage und als Leader im Boulevardbereich. Ringier-Produkte sind (Auflagen Stand Sommer 2004): die Jugendzeitschriften «Bravo» (67 000, 14-täglich) und «Bravo Girl» (49 050, 14-täglich), die Frauenzeitschriften «Lumea Femeilor» (47038, wöchentlich), «Unica» (50399, monatlich) und «Bolero» (100000, wöchentlich; neu seit November 2004) sowie die Programmzeitschriften «TVmania» (156400, wöchentlich) und «TV Satellit» (111 348, 14-täglich). Ferner gibt Ringier vier Zeitungen heraus, mit den Sonntagsausgaben sind es neun: die Wirtschaftszeitung «Capital» (50576, wöchentlich), die Tageszeitung «Evenimentul Zilei» (84 287; Sonntagsausgabe 50891; TV Guide 168115), die Boulevard-Tageszeitung «Libertatea» (259255; Sonntagsausgabe 170853; Weekendausgabe 425631), «Pro Sport» (63496, täglich: Sonntagsausgabe 43981). Das Land zählt 22,3 Millionen EinwohnerInnen.
Ringier besitzt auch Zeitungen und Unterhaltungsmagazine in Ungarn, Tschechien, Serbien und der Slowakei. Anfang November 2004 stellte der Konzern in Ungarn das Erscheinen der linksliberalen Tageszeitung «Magyar Hirlap» («Ungarische Presse») ein, weil sie laut Ringier das angestrebte Auflagenziel verfehlt hatte.

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