Auf allen Kanälen : Einfalt im Chefsessel

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Der «Nebelspalter» hat ein Video veröffentlicht, in dem Ringier-CEO Marc Walder Interna ausplaudert. Das lässt allerdings beide ziemlich schlecht aussehen.

Kurz vor dem Jahreswechsel machte der «Nebelspalter» allen, denen Medien links der «Weltwoche» ohnehin als «Systempresse» gelten, ein verspätetes Weihnachtsgeschenk: Die rechte Meinungsplattform veröffentlichte einen Ausschnitt aus einer Onlinediskussion von vergangenem Februar, in der Ringier-CEO Marc Walder Interna ausplauderte. In dem Clip, der einen «Inspirational Talk» der Schweizerischen Management Gesellschaft zeigt, erzählt Walder unverblümt, dass die Redaktionen des Konzerns im In- und Ausland auf seine Initiative hin dazu angehalten worden seien, die jeweilige Regierung «durch unsere mediale Berichterstattung» zur Pandemie zu unterstützen – mit dem Ziel, «dass wir alle gut durch die Krise kommen».

«Nebelspalter»-Autor Philipp Gut sieht darin den Beweis dafür, dass Ringier-Medien wie der «Blick» von ganz oben den «Befehl» zur «Regierungstreue» erhalten hätten. Und er stellt die Äusserungen Walders in Zusammenhang mit dem «Massnahmenpaket zugunsten der Medien», über das am 13. Februar abgestimmt wird: Da dieses eine Ausweitung der staatlichen Medienförderung vorsieht, würde seiner Deutung zufolge ein Ja noch den letzten Anreiz zu «staatsunabhängigem und kritischem Journalismus» zunichtemachen.

Strammer Regierungskurs?

Allerdings ist gerade Gut – einst die rechte Hand Roger Köppels bei der «Weltwoche», heute auch Ghostwriter für die SVP – ein schlechtes Beispiel für «kritischen Journalismus»: Er ist Geschäftsführer eines Abstimmungskomitees gegen das Medienpaket (was im Artikel nirgends erwähnt wird) und verbreitet selbst Halbwahrheiten. Ihm zufolge soll das Video belegen, dass Walder «seine Redaktionen weltweit» angewiesen habe, «auf jegliche Kritik an der offiziellen Corona-Politik zu verzichten und stattdessen strammen Regierungskurs zu halten». Aber bereits eine oberflächliche Google-Suche spuckt regierungskritische «Blick»-Artikel aus: Mal warf die Zeitung dem Bundesrat vor, «auf Kuschelkurs mit Corona-Skeptikern» zu sein, mal bemängelte man dessen «widersprüchliche Botschaften» in der Pandemiebekämpfung. Ausserdem war laut Abstimmungsmonitor des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft der Uni Zürich die «Blick»-Berichterstattung zur Abstimmung über das Covid-19-Gesetz im November deutlich weniger positiv als diejenige des «Tages-Anzeigers» oder der «NZZ am Sonntag».

Dass Walder allerdings Eingriffe in die Freiheit redaktioneller Berichterstattung einräumt, ist zumindest befremdlich. Interpretiert man seine Ausführungen im Clip mit minimalem Wohlwollen, geht es dem Ringier-CEO darum, sich vom rechten Krawallboulevard zu distanzieren. Explizit erwähnt er die «Bild»-Zeitung: Das deutsche Blatt verfolgte unter dem damaligen Chefredaktor Julian Reichelt eine Linie, von der sich hauptsächlich Querdenker:innen angesprochen gefühlt haben dürften. So einen Boulevard kann man sich allenfalls rechts aussen wünschen.

Tatsächliche Eingriffe

Trotzdem sind Walders Ausführungen noch auf anderer Ebene irritierend. Das gilt etwa für die Naivität, die der Ringier-Chef an den Tag legt: Einem Spitzenmanager eines Medienkonzerns hätte klar sein müssen, dass seine Plaudereien die rechte Stimmungsmache gegen «Mainstreammedien» befeuern würden. Zumal bei Walder auch sachlich viel durcheinandergeht: So dient ihm die Kritik deutscher Medien am früheren Bundesgesundheitsminister Jens Spahn als Beispiel für «überharten» Journalismus. Gerade aber Spahns Amtsführung war oft haarsträubend – und politisches Versagen klar zu benennen, ist etwas anderes als «Bild»-Kampagnen gegen Virolog:innen, die ohnehin im Fadenkreuz radikalisierter Corona-Leugner:innen stehen.

Wenig überraschend also, dass auch aus der «Blick»-Redaktion zu hören ist, dass man das Agieren des CEOs unglücklich findet. Überdies soll es in den letzten Monaten tatsächlich Versuche der Chefetage gegeben haben, die Berichterstattung zu beeinflussen, was bei den Journalist:innen Ärger provoziert hat. Zwar ging es dabei nicht immer darum, im Sinne der Regierung auf das Blatt einzuwirken – dennoch liegt bei der Ringier-Spitze offenbar nicht nur in der Kommunikation nach aussen einiges im Argen. Zumindest hat Walder sich inzwischen bei der Redaktion entschuldigt.