Nr. 37/2012 vom 13.09.2012

Vor dem Untergang

Ralf Leonhard über eine Ringier-Zeitung in Ungarn

«Nepszabadsag», der grössten Qualitätstageszeitung Ungarns, geht es an den Kragen. Der Mehrheitseigner, der schweizerische Ringier-Konzern, will das linksliberale Blatt verkaufen. Und die Optionen für die Übernahme verheissen nichts Gutes. Möglicherweise droht der Verkauf der Zeitung an einen Oligarchen und damit die Gleichschaltung im Sinne der rechtsnationalistischen Regierungspartei Fidesz. Oder die Verwandlung in ein inoffizielles Parteiorgan der ungarischen Sozialdemokraten.

Wenn heute Regierungsvertreter ihre Behauptung belegen wollen, in Ungarn herrsche volle Pressefreiheit, verweisen sie gern auf «Nepszabadsag». Zwar hat das Blatt in den letzten zehn Jahren die Hälfte seiner LeserInnen verloren, doch es vertritt eine regierungskritische Linie und ist mit einer Auflage von 63 000 immer noch die wichtigste Tageszeitung des Landes. Allerdings fährt sie Verluste ein, und das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass sie zu überhöhten Preisen in einer Ringier-eigenen Druckerei drucken muss. Rechte Konkurrenzblätter werden dort preiswerter produziert.

Der Schweizer Mehrheitseigentümer (Ringier gehören 70 Prozent) gönnt sich auf diese Weise Profite, die ihm von der Minderheitseignerin, der mit einer Sperrminorität (27,7 Prozent) ausgestatteten Stiftung Freie Presse, anderswo verweigert werden. Diese Stiftung gehört der sozialdemokratischen Partei MSZP. Gegen Einsparungen im Betrieb und gegen Entlassungen hat sie sich quergelegt.

Dass der Ringier-Konzern sein Renommierblatt in Ungarn nun abstossen will, hat auch damit zu tun, dass er seine Tochtergesellschaften in Osteuropa mit jenen der Axel Springer AG fusioniert. Überall wurde das von den Kartellwächtern genehmigt, ausser in Ungarn. Hier erhob die regierungsnahe Medienbehörde Einspruch – aufgrund eines eigens geschaffenen Gesetzes.

Die Stiftung Freie Presse hat in der Folge Ringier angeboten, ihre Anteile abzugeben, damit der Medienkonzern nach eigenem Gutdünken mit der Zeitung verfahren könne. Nach einjährigen Verhandlungen war die Übergabe geplant, als Ringier-Berater Gerhard Schröder, ehemaliger deutscher Bundeskanzler, plötzlich ein Treffen in Berlin einberief. Dort verkündete er, Ringier wolle nicht mehr kaufen, sondern verkaufen: So schildert es jedenfalls das ungarische Wochenmagazin «HVG». Die Stiftung Freie Presse habe daraufhin angeboten, selber zu kaufen. Für eine Anzahlung von umgerechnet 10 000 Euro will sie das ehemalige Organ der Sozialistischen Einheitspartei wieder übernehmen. Rund fünf Millionen Euro sollen später abgestottert werden.

In der Redaktion von «Nepszabadsag» hängt noch das Titelblatt jener Ausgabe aus dem Wendejahr 1990, mit dem die redaktionelle Unabhängigkeit erklärt wurde. Hier zweifelt man an der Lauterkeit der Sozialdemokraten. Man vermutet, dass die MSZP das Blatt auf die Parteilinie verpflichten will. In vorauseilendem Gehorsam würden sich manche JournalistInnen bereits anpassen, klagt ein Redaktor: «Wir sind keine Mannschaft mehr, die an einem Strang zieht.»

Die einzige Alternative scheint ein Angebot des ehemaligen MSZP-Funktionärs Laszlo Csintalan zu sein, der heute der regierenden Fidesz nahesteht. Die Onlinezeitung «Pester Lloyd» vermutet, dass hinter diesem Investor das Kapital des ungarischen Oligarchen Lajos Simicska stehe, der wiederum die Interessen von Premier Viktor Orban vertrete.

Ralf Leonhard ist WOZ-Mitarbeiter in Wien.

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