Nr. 02/2005 vom 13.01.2005

Fabelwelten

Eine Zusammenarbeit zwischen Simbabwe und der Schweiz.

Von Laura Weidacher

Mit ungebrochenem Mut und Engagement widmen sich die Leute vom Zürcher Theater Hora unter ihrem künstlerischen Leiter Michael Elber seit nunmehr fast zwölf Jahren der Aufgabe, das kreative Potenzial von Menschen mit geistiger Behinderung nicht nur zu fördern, sondern daraus auch für alle vergnügliche und spannende Theaterabende zu gestalten. Als Nebeneffekt stellt sich für uns «Normopathen» als ZuschauerInnen ganz von selbst und ohne jeden erhobenen Zeigefinger neben reinem Vergnügen und einer raren Art von unschuldsvollem Lachen eine gewisse Nachdenklichkeit und die Erkenntnis ein, dass unser Fokus auf die Welt im Allgemeinen ein sehr begrenzter ist, dass Aufbruch und Umdenken immer wieder von neuem Not tun.

Von grossen und kleinen Tieren

Das Vergnügen überwiegt auch in der neuesten, der zwanzigsten Produktion des Theater Hora mit dem Titel «Amanzi! Grosse und kleine Tiere». Wer vernimmt, dass Amanzi auf Ndebele Wasser bedeutet, ahnt schon was. Und tatsächlich: Die Jubiläumsproduktion verbindet zum ersten Mal die europäischen Hora-Leute mit körperlich behinderten Musikern und einer Sängerin aus Simbabwe. Denn in Bulawayo, im Südwesten von Simbabwe, besteht ein Kulturzentrum, das sich seit vielen Jahren trotz widrigster Umstände - Simbabwe befindet sich laut einer Statistik vom Dezember bezüglich Lebensqualität weltweit auf dem letzten Rang - soziokulturelle Arbeit leistet. Die ersten Kontakte zum Amakhosi Theatre Simbabwe und der King George VI School, einer Schule für Menschen mit Behinderung, wurden vor zwei Jahren geknüpft. Daraus entstand das neue Projekt, eine Chance nicht nur für das schwarze, sondern ebenso für das weisse Team, dessen Spiel durch die mitreissende rhythmische und sängerische Untermalung gewinnt.

Auf der Suche nach dem Wasser

Mit Musik geht das Stück über eine Fabel à la Äsop los, eine witzig in eine Rahmenhandlung - mit Alphorn! - eingebundene Erzählung von der Suche nach dem Leben spendenden Wasser, von der Ohnmacht der grossen und dem Triumph der kleinen Tiere gegenüber List und Schlauheit, aber auch von Versöhnung und der Stärke des Zusammenschlusses: «Together we are strong.» Und wie das losgeht! Eine dunkle, grosse Frauenstimme wie aus dem Jenseits erfüllt den dämmrigen Raum, dann fallen zwei Männerstimmen mit Marimba und Bongos ein - Urwald, Wüste und Sehnsucht liegen in diesen Klängen. Die siebzehnjährige Sängerin im Rollstuhl mit der Weltklassestimme heisst Prudence Mabhena, ein Name, den man sich merken sollte. Ihre beiden Kollegen Pharis Mashava an den Bongos und Fibion Nkomo an der Marimba stehen ihr auch stimmlich in nichts nach. Unterstützt werden sie von der grossartigen Flötistin und musikalischen Leiterin des Ganzen, Wanda Wolfensberger. Im sparsam möblierten Bühnenraum kommen die zurückhaltenden, aber ausdrucksstarken und die tänzerischen Bewegungsabläufe unterstützenden Tiermasken von Michael Elber und Mouheieddin El Burki voll zur Geltung. Für die einfallsreiche Regie und das Buch zeichnet Fortune Ruzungunde verantwortlich. Er verbindet dabei fliessend die vier Sprachen der Mitwirkenden - Schweizerdeutsch, Shona, Ndebele und Englisch - und zeigt sich mit seinem Konzept den nicht immer berechenbaren Anforderungen souverän gewachsen. Ob balladesk oder als Triumph-Rap, ob statisch oder ausgelassen und wild: Das Bühnengeschehen fügt sich wie von selbst immer wieder zum harmonischen Ganzen.

Musik aus Simbabwe

In Simbabwe erschien vom Gästetrio als A-cappella-Gruppe Inkonjane bereits eine CD. Während der Theateraufführungszeit wird Inkonjane drei Spätabendkonzerte aufführen. Auch von der Zürcher Amanzi-Produktion soll auf die Premiere hin eine CD erscheinen. Darin ist viel von der motivierten, fröhlich-turbulenten Hora-Theateratmosphäre eingefangen. Wer aber das Ganze live geniessen will, muss sich sputen: Nach den Januarvorstellungen reisen die phantastischen MusikerInnen zurück in ihre Heimat, in der eine Behinderung nach wie vor als Schande und sogar als Götterstrafe für die Eltern angesehen wird.

«Amanzi! Grosse Tiere und kleine Tiere» in: ZÜRICH Casino-Saal Aussersihl, Rotwandstr. 4, Do, 13. Jan, 20 h, Premiere. Täglich bis 25. Jan, jeweils 20 h, sonntags 14 und 18 h, Mo, 24. Jan, nur 14 h. Konzerte Inkonjane 14., 20. und 21. Jan, jeweils 22 h. www.ticketino.ch, Tel. 0900 441 44

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